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Full text of "Weltwesen und Ichheit"

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



Weltwesen und Ichheit 



Sieben Vortrage, gehalten in Berlin 
vom 6. Juni bis 18. Juli 1916 



1998 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH / SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Robert Friedenthal 



1. Auflage, Berlin 1921 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1963 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1998 



Bibliographie-Nr. 169 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaSverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1998 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Satz: Rudolf Steiner Verlag / Bindung: Spinner GmbH, Ottersweier 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-1690-4 



ILu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert 
sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kxinst- 
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes). 

Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl dffentlich wie fur die 
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell- 
schaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte Rudolf 
Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich festgehalten 
wiirden, da sie von ihm als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte 
Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstan- 
dige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet 
wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser 
Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestim- 
mung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und 
die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf 
Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften 
selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffent- 
lichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur 
hingenommen werden mtissen, dafi in den von mir nicht nachgesehe- 
nen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent- 
lichen Schriften aujSert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am 
Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleicher- 
mafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an 
einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft ver- 
trauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren 
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe 
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Ge- 
samtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den 
Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Berlin, 6. Juni 1916 

Das Pfingstfest, ein Merkzeichen fur die Unverganglichkeit 
unseres Ich 

Das Weihnachtsfest, das Osterfest und das Pfingstfest in ihrer 
Beziehung zur Erde, zum Kosmos und zum alles durchdringen- 
den Geist und als besondere Merkzeichen fur den atherischen 
und den astralischen Leib und fur das unvergangliche Ich des 
Menschen. Notwendigkeit einer Neubelebung des Denkens im 
Entwicklungsgang der Menschheit. Zur Charakteristik der Si- 
tuation im Geisteslebens der Gegenwart. Hermann Bahrs 
Schwierigkeit, an die Geisteswissenschaft heranzukommen, 
Herman Grimm, Richard Wahle. 

Zweiter Vortrag, 13. Juni 1916 

Blut und Nerven 

Der Mensch in seiner Stofflichkeit als Offenbarung eines Geisti- 
gen. Die Nerven als Ergebnis einer langen kosmischen, auf der 
Erde erstorbenen Enrwicklung; das Blut als Produkt irdischer 
Vorgange, aber unter kosmischem Einflufi lebendig geworden. 
Ahriman im erstorbenen Nervensystem, Luzifer im verlebendig- 
ten Blutsystem. Der Ausgleich des Gegensatzes zwischen Ner- 
ven und Blut durch das Christus-Mystermm. Notwendigkeit 
eines wirklichkeitsgemafien und imaginativen Denkens fur das 
Verstehen solcher Zusammenhange. Beispiele fur das heutige 
geistlose Denken. 

Dritter Vortrag, 20. Juni 1916 

Die zwolf Sinne des Menschen 

Gedenkworte fur den soeben verstorbenen Generaloberst Hel- 
mut von Moltke. Die Zwolfheit der menschlichen Sinnesorgane 
als mikrokosmischer Ausdruck fur den Durchgang der Sonne 
durch die zwolf Sternbilder des Tierkreises im Makrokosmos. 



Notwendigkeit der Unterscheidung von Nacht-, Dammerungs- 
und Tagsinnen: Vom blofien inneren Erfuhlen des leiblichen Zu- 
standes bis zur unmittelbaren Wahrnehmung des Seelischen im 
and ern Menschen. Die beiden Saulen Jakim und Boas in ihrer 
Bedeutung fur das irdische und fur das kosmische Leben. Tol- 
stoi und Keely. Hermann Bahrs «Himmelfahrt»; seine Darstel- 
lung der wahren geistigen Bedeutung des ermordeten Prinzen. 



Vierter Vortrag, 27. Juni 1916 82 

Die Wechselwirkungen zwischen den Gliedern des 
menschlichen Organismus 

Die Viergliedrigkeit der menschlichen Gesamtwesenheit als Er- 
gebnis der Entwicklung des Menschen durch vier planetarische 
Zustande. Die aufbauende Entwicklung am physischen und am 
atherischen Leib auf der Erde. Die abbauende Wirkung von Ich 
und Astralleib am atherischen und am physischen Leib. Kurzfri- 
stiger Abbau und Aufbau im gegenseitigen Verhaltnis von phy- 
sischem Leib und Ich; allmahliches Aufzehren der Atherkrafte 
durch die Astralkrafte wahrend des ganzen Lebens. Notwendig- 
keit geisteswissenschaftlicher Erkenntnis fur das Verstehen der 
Lebenstatsachen. 



Funfter Vortrag, 4. Juli 1916 104 

Leb ensglei chge wi cht 

Die Bedeutung des Luziferischen und Ahrimanischen im Men- 
schenleben und das Finden des Ausgleichs zwischen den beiden 
Einseitigkeiten. Notwendigkeit symptomatischer Betrachtung 
zur Erkenntnis des wahren geistigen Ganges der Ereignisse und 
zum Finden des Gleichgewichtes zwischen dem Leben in der 
menschlichen Seele und den Vorgangen in der aufieren Welt. Das 
Mysterium von Golgatha als zentrales Ereignis in der Erdenent- 
wicklung fur eine symptomatische Geschichtsbetrachtung. 



Sechster Vortrag, 11. Juli 1916 122 

Wahrheitsgefiihl 

Die Geisteswissenschaft als Impulsgeberin auch fur die Gestal- 
tung des Lebens in der aufieren Wirklichkeit. Das Streben nach 



Wahrhaftigkeit als Grundforderung fiir alles kiinftige Arbeiten 
in Wissenschaft und Kunst. Beispiele von Unwahrhaftigkeit. 
Notwendigkeit und Moglichkeit eines neuen Christus-Verstand- 
nisses durch die Geisteswissenschaft. 

SlEBENTER VORTRAG, 18. Juli 1916 142 

Der Weg zur Imagination 

Der Traumbildcharakter des aufgrund von Sinneswahrnehmun- 
gen und alitaglichem Denken, Fiihlen und Wollen gewonnenen 
Weltwirklichkeksgebaudes. Moglichkeiten des Erwachens zum 
Erleben einer hdheren geistigen Weltwirklichkeit. Ubergehen- 
lassen des gewohnlichen Denkens auf dem physischen Plan in 
bildhaftes Denken, das unter dem Impuls der geistigen Welt 
entsteht. Der Zusammenhang zwischen weltoffenem Mitfxihlen 
und musikalischen Fahigkeiten durch die Inkarnationen. Das 
Verhaltnis der europaischen zu den asiatischen Volkern in bezug 
auf das Verstehen des Christus. Gruppenseelenhaftigkeit, Indivi- 
dualismus und Egoismus. Befruchtung aller einzelnen Kultur- 
zweige als Aufgabe der Geisteswissenschaft. Die anthroposophi- 
sche Gesellschaft als Tragerin der Geisteswissenschaft und die 
Bedingungen fiir ihr Wirken ihr der Offentlichkeit. 



Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 179 

Hinweise zum Text 179 

Personenregister 188 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 190 



Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . . 192 



Wahrend der Kriegsjahre wurden von Rudolf 
Steiner vor jedem von ihm innerhalb der 
Anthroposophischen Gesellschaft gehaltenen 
Vortrag in den vom Kriege betroffenen Lan- 
dern die folgenden Gedenkworte gesprochen. 

Wir gedenken, meine lieben Freunde, der schiitzenden Geister derer, 
die drau&en stehen auf den grofien Feldern der Ereignisse der Gegen- 
wart: 

Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter, 

Eure Schwingen mogen bringen 

Unserer Seelen bittende Liebe 

Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen, 

Dafi, mit Eurer Macht geeint, 

Unsre Bitte helfend strahle 

Den Seelen, die sie liebend sucht. 

Und zu den schutzenden Geistern derer uns wendend, die infolge 
dieser Leidensereignisse schon durch des Todes Pforte gegangen 
sind: 

Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter, 

Eure Schwingen mogen bringen 

Unserer Seelen bittende Liebe 

Eurer Hut vertrauten Spharenmenschen, 

Dafi, mit Eurer Macht geeint, 

Unsre Bitte helfend strahle 

Den Seelen, die sie liebend sucht. 

Und der Geist, dem wir uns zu nahen suchen durch unsere Geistes- 
wissenschaft seit Jahren, der Geist, der zu der Erde Heil und zu der 
Menschheit Freiheit und Fortschritt durch das Mysterium von Gol- 
gatha gegangen ist, er sei mit Euch und Euren schweren Pflichten! 



ERSTER VORTRAG 



Berlin, 6. Juni 1916 

Das Pfingstfest, ein Merkzeichen fiir die Unvergdnglichkeit 

unseres Ich 

Wie in friiheren Zeiten auch in dieser schicksaltragenden Zeit in 
gewohnlichem Sinne etwa eine Pfingstbetrachtung zu halten, 
scheint mir dieser Zeit nicht so ganz angemessen; denn wir leben 
eben in einer Zeit schwerer Menschheitspriifungen, und da ist es 
nicht moglich, immer zu suchen nach den blofi erhebenden Gefiih- 
len, die unsere Seele warm machen, da wir ja doch im Gmnde 
genommen, wenn wir richtiges, wahres Gefuhl haben, in keinem 
Augenblick des grofien Schmerzes und Leides der Zeit vergessen 
konnen, und es in gewissem Sinne sogar egoistisch ist, dieses 
Schmerzes und dieses Leides vergessen zu wollen und sich nur 
gewissermafien erhebenden, die Seele warmenden Betrachtungen 
hinzugeben. Daher wird es auch heute angemessener sein, iiber 
einiges zu sprechen, was der Zeit dienen kann, dienen kann inso- 
ferne, als wir ja gesehen haben aus so mancherlei Betrachtungen 
gerade, die wir hier in der letzten Zeit angestellt haben, wie schon 
in der geistigen Verfassung viele der Griinde zu suchen sind dafur, 
dafi wir nun in einer so schweren Leidenszeit leben, und wie sehr 
es notwendig ist, daran zu denken, dafi an der Entwickelung der 
menschlichen Seele in entsprechender Zeit gearbeitet werde, damit 
die Menschheit besseren Zeiten entgegengehen konne. Aber aus- 
gehen mochte ich doch wenigstens von einigen Gedanken, welche 
unsere Sinne hinlenken konnen zu dem, was mit einem solchen 
Feste, wie es das Pfingstfest ist, gemeint ist. 

Es gibt ja drei bedeutsame Feste im Jahreslaufe: das Weihnachts- 
fest, das Osterfest, das Pfingstfest. Und wenn man nicht so wie die 
meisten Zeitmenschen seine Gefiihle abgestumpft hat fiir dasjenige, 
was aus dem Sinn der Menschheits- und Weltenentwickelung mit 
solchen Festen gemeint ist, so muf? man eigentlich den gewaltigen 



Unterschied dieser drei Feste wohl empfinden. Sie driicken sich ja 
schliefilich in der aufteren Symbolik dieser Festlichkeiten aus, diese 
verschiedenen Empfindungen gegeniiber den drei Festen. Wir sehen 
das Weihnachtsfest gefeiert als ein Fest vor alien Dingen mit der 
Freude fur die Kinder, als ein Fest, in dem ja in unseren Zeiten, wenn 
auch nicht immer, der Weihnachtsbaum eine Rolle spielt, der herein- 
getragen ist aus der schnee- und eiserfiillten Natur in den Hausraum. 
Und wir erinnern uns dabei der Weihnachtsspiele, die wir ja gerade in 
unserem Kreise mehrfach gepflegt haben, die erhoben haben durch 
Jahrhunderte hindurch das einfachste Menschengemiit, indem sie 
dieses einfachste Menschengemiit hingelenkt haben zu dem Grofien, 
das dadurch geschehen ist, dalS einmal im Laufe der Erdenentwicke- 
lung zu Bethlehem Jesus von Nazareth, das heifk aus Nazareth, gebo- 
ren worden ist. Die Geburt des Jesus von Nazareth ist ein Fest, an das 
sich in einer gewissen Weise wie naturgemafi angeschlossen hat eine 
Empfindungswelt, die aus dem Lukas-Evangelium heraus geboren 
ist, aus jenen Teilen des Lukas-Evangeliums, die sozusagen am aller- 
volkstumlichsten, am allerleichtesten verstandlich sind, also gewis- 
sermafien ein Fest des am allgemeinsten Menschlichen, verstandlich, 
wenigstens bis zu einem gewissen Grade, fur das Kind, verstandlich 
fur den Menschen, der sich sein kindliches Gemiit bewahrt hat, und 
dennoch hereintragend in dieses kindliche Gemiit ein Grofies, ein 
Ungeheures, das wir dadurch ins Bewufitsein aufnehmen. 

Wir sehen dann das Osterfest gefeiert, das uns, trotzdem es 
gefeiert wird gegeniiber der erwachenden Natur, an die Pforte des 
Todes fuhrt, jenes Osterfest, das gegeniiber dem Weihnachtsfeste 
vor alien Dingen so charakterisiert werden kann, dafi man sagt: Hat 
das Weihnachtsfest viel Liebliches, viel in allgemeinster Weise zu 
dem menschlichen Herzen Sprechendes, so hat das Osterfest etwas 
unendlich Erhabenes. Etwas von einer ungeheuren Grofie mufi 
durch die Menschenseele ziehen, die das Osterfest in einer richti- 
gen Weise feiern kann. Wir werden herangefiihrt an die ungeheuer 
grofie Idee, dafi das gottliche Wesen herabgestiegen ist, sich ver- 
korpert hat in einem Menschenleibe, dafi es durch den Tod gegan- 
gen ist. Das ganze Ratsel des Todes und der Bewahrung des ewigen 



Lebens der Seele im Tode, all dieses Erhabene tritt uns durch das 
Osterfest an die Seele heran. Ganz tief wird man diese festlichen 
Zeiten nur empfinden konnen, wenn man sich an manches erinnert, 
was uns gerade durch die Geisteswissenschaft nahetreten kann. 
Man bedenke nur, wie eng dieses Weihnachtsfest in den Vorstel- 
lungen, die es entwickelt, zusammenhangt mit all den Festen, die 
im Zusammenhang mit Heilands-Geburten uberhaupt gefeiert 
worden sind. Mit dem Mithras-Fest hangt es zusammen, wo der 
Mithras geboren wird in einer Felsenhohle. All dieses bezeugt uns 
ein inniges Zusammenhangen mit der Natur. GewissermafSen ein 
Fest, das zwar an die Natur herantritt, wie es sich auch im Weih- 
nachtsbaum symbolisiert - und die Geburt fiihrt uns ja auch vor- 
stellungsgemafi an das unmittelbar Naturliche heran -, das aber, 
weil es ja eine Geburt des Jesus von Nazareth ist, an die sich so viel 
fur uns gerade aus der Geisteswissenschaft heraus anschlielk, wie- 
derum eben viel Geistiges in sich enthalt. Und erinnern wir uns, 
wie wir ofter gesagt haben, dafi der Geist der Erde eigentlich zur 
Winterzeit aufwacht, dafi er am regsten in derjenigen Zeit ist, in der 
die aufiere Natur wie schlafend und wie eisig erscheint, so konnen 
wir uns sagen, dafi wir gerade durch das Weihnachtsfest in die 
elementarische Natur hineingefuhrt werden, und dafi, indem die 
Weihnachtskerzen entziindet werden, sie uns erscheinen sollen wie 
ein Symbolum gerade dafur, wie der Geist aufwacht in der Finster- 
nis der Winternacht, der Geist in der Natur. Und wollen wir an 
den Menschen herantreten und das Weihnachtsfest zu dem Men- 
schen in eine Beziehung bringen, dann rmissen wir sagen: Wir 
konnen das vor alien Dingen dadurch, daft wir gedenken dessen, 
wodurch der Mensch mit der Natur auch dann noch zusammen- 
hangt, wenn er sich geistig, wie im Schlafe, von der Natur getrennt 
hat, wenn er geistig in seinem Ich und seinem astralischen Leib 
aufgestiegen ist in die geistige Welt. Sein Atherleib bleibt als Gei- 
stiges an den aufieren physischen Naturleib gebunden, und sein 
Atherleib stellt gerade dar dasjenige, was in ihm ist von der ele- 
mentarischen Natur, von dem Elementarischen, das auflebt im In- 
nern der Erde, wenn die Erde in Winters-Eisigkeit gehiillt ist. Man 



sagt mehr als einen blofien Vergleich, man sagt eine tiefe Wahrheit, 
wenn man sagt: Neben allem iibrigen ist das Weihnachtsfest zu- 
gleich wie ein Gedenkzeichen dafur, dafi der Mensch eine atheri- 
sche, elementarische Natur hat, einen atherischen Leib hat, durch 
den er mit dem Elementarischen der Natur zusammenhangt. 

Und nehmen Sie all das zusammen, was iiber die allmahliche Ab- 
lahmung und Abdampfung der Menschheitskrafte gesagt worden ist 
im Laufe vieler Jahre schon, so werden Sie auf den Gedanken kom- 
men konnen, wie nahe all die Krafte, die in unserem astralischen 
Leibe leben, im Grunde genommen stehen zu dem, was die abdamp- 
fenden, die todbringenden Ereignisse fur den Menschen sind. Da- 
durch, dafi wir unseren astralischen Leib ausbilden miissen wahrend 
unseres Lebens, dafi wir in ihm das Geistige aufnehmen miissen, 
dadurch tragen wir ja die Todeskeime in uns hinein. Es ist ganz un- 
richtig, zu glauben, dafi der Tod mit dem Leben nur in aufierlicher 
Weise zusammenhangt: Er hangt in innerlichster Weise, wie oftmals 
gesagt worden ist in unserem Kreise, mit ihm zusammen. Und unser 
Leben ist nur deshalb so, wie es ist, weil wir so sterben konnen, wie 
wir sterben. Aber dies hangt fur den Menschen mit der ganzen Ent- 
wickelung seines astralischen Leibes zusammen. Und es ist wieder- 
um mehr als ein Vergleich, wenn wir uns sagen: Es ist das Osterfest 
wie ein Symbolum fur alles dasjenige, was mit der astralischen Natur 
des Menschen zusammenhangt, mit derjenigen Natur, durch die er 
sich in jedem Schlafe entfernt von seinem physischen Leibe und in 
die geistige Welt eintritt, in diejenige Welt, aus der heruntergekom- 
men ist jenes geistig-gottliche Wesen, das durch den Jesus von Naza- 
reth selber den Tod erfahren hat. Und wiirde man in einer Zeit spre- 
chen, in der der Sinn fur das Geistige mehr lebendig ist als in unserer 
Zeit, so wiirde schon dasjenige, was ich eben gesagt habe, mehr ge- 
nommen werden als eine Wirklichkeit, wahrend es vielleicht in unse- 
rer Zeit mehr als eine blofie Symbolik genommen wird. Und man 
wiirde einsehen, dafi gerade mit der Einsetzung des Weihnachtsfe- 
stes, des Osterf estes auch gemeint ist, der Menschheit Erinnerungs- 
zeichen dafiir zu geben, wie sie mit der elementarischen, wie sie mit 
der geistigen und physisch todbringenden Natur zusammenhangt, 



oder gewissermaften Erinnerungszeichen dafiir zu geben, dafi der 
Mensch ein Geistiges in seinem Atherleibe und in seinem astrali- 
schen Leibe in sich tragt. Nur vergessen sind diese Dinge in unseren 
Tagen. Sie werden wiederum an die Oberflache kommen. wenn die 
Menschheit sich entschliefien wird, fiir solche geistigen Dinge sich 
Verstandnis zu erwerben. 

Wir tragen nun aufier dem atherischen Leibe und dem astrali- 
schen Leibe als Geistiges vor alien Dingen unser Ich in uns. Wir 
kennen die komplizierte Natur dieses Ich. Wir wissen aber auch, 
wie dieses Ich es ist, das von Inkarnation zu Inkarnation geht, wie 
die inneren Krafte dieses Ich selbst bauend und bildend an dem- 
jenigen sind, das wir mit jeder neuen Inkarnation gewissermafien 
anziehen. In diesem Ich erstehen wir aus jedem Tode von neuem 
zur Vorbereitung fiir eine neue Inkarnation. Dieses Ich ist auch 
dasjenige, was uns zu einer individuellen Wesenheit macht. Kon- 
nen wir sagen, dafi uns unser Atherleib in gewissem Sinne das 
Geburtsartige reprasentiert, das mit den elementarischen Kraften 
der Natur zusammenhangt, dafi uns unser astralischer Leib das 
Todbringende symbolisiert, welches mit dem hoheren Geistigen 
zusammenhangt, so konnen wir sagen, dafi uns das Ich reprasen- 
tiert unser standiges Wiederauferstehen im Geistigen, unser Wie- 
deraufleben im Geistigen, in der gesamten geistigen Welt, die we- 
der Natur ist, noch Sternenwelt ist, sondern dasjenige, was alles 
durchdringt. Und ebenso, wie man das Weihnachtsfest mit dem 
Atherleib, das Osterfest mit dem astralischen Leib zusammenbrin- 
gen kann, kann man das Pfingstfest mit dem Ich zusammenbringen, 
als dasjenige Fest, das uns die Unverganglichkeit unseres Ich dar- 
stellt, das ein Merkzeichen fiir diese unvergangliche Welt unseres 
Ich ist, das ein Merkzeichen zugleich dafiir ist, da£ wir als Men- 
schen nicht nur im allgemeinen Naturleben mitleben, nicht blofi 
durch Tode gehen, sondern da£ wir als Menschen ein unsterb- 
liches, immer wieder erstehendes individuelles Wesen sind. Und 
wie schon ist im Grunde genommen in der weiteren Ausgestaltung 
der Weihnachts-, Oster- und Pfingstidee dieses zum Ausdruck ge- 
kommen! Denken Sie sich: Das Weihnachtsfest steht im Zusam- 



menhange mit den Erdenereignissen ganz unmittelbar, so wie es als 
Weihnachtsfest unter uns ist; es schliefit sich unmittelbar an die 
Winters onnenwende an, das heifit an diejenige Zeit, in welcher die 
Erde in tiefste Finsternis gehullt ist. Gewissermafien der Gesetzma- 
fiigkeit des Erdendaseins folgt man mit dem Weihnachtsfest: Wenn 
die Nachte am langsten, die Tage am kiirzesten sind, wenn die Erde 
erstarrt ist, da zieht man sich in sich zuriick und sucht das Geistige 
auf, insoferne es in der Erde lebt. Also ein Fest, das sozusagen an 
den Geist der Erde gebunden ist. Mit dem Weihnachtsfest werden 
wir gewissermafien immer wieder und wiederum erinnert, wie wir 
als Erdenmenschen der Erde angehdren, wie der Geist aus den 
Hohen der Welt herunterziehen mufite und irdische Gestalt an- 
nehmen mufite, um mit Erdenkindern selber Erdenkind zu sein. 

Anders mit dem Osterfest! Das Osterfest, Sie wissen es, ist ange- 
kmipft an die Beziehung von Sonne und Mond. Es ist am ersten Sonn- 
tag nach dem Fruhlingsvollmonde, dem Vollmonde, der auf den 21. 
Marz folgt. Also aus der Verhaltnisstellung der Sonne zum Mond se- 
hen wir das Osterfest festgesetzt. Wir sehen also, in welch wunderba- 
rer Weise das Weihnachtsfest an das Irdische, das Osterfest an das 
Kosmische angekmipft ist. Wir werden gewissermaflen beim Weih- 
nachtsfest an das Heiligste der Erde, beim Osterfest an das Heiligste 
des Himmels erinnert. In einer wunderschonen Weise hat sich ver- 
bunden fur das christliche Pfingsten der Gedanke an etwas, das, man 
mochte sagen, noch iiber den Sternen ist. Das allgemein-geistige Wel- 
tenfeuer, das sich individualisiert und in den feurigen Zungen auf die 
Apostel herniederkommt, das Feuer, das weder blofi himmlisch, 
noch blofi irdisch ist, weder kosmisch, noch blofi tellurisch ist, das 
Feuer, das alles durchdringt, und das Feuer, das sich zugleich indivi- 
dualisiert und zu jedem einzelnen Menschen hingeht! An die ganze 
Welt angeschlossen ist das Pfingstfest. Wie das Weihnachtsfest an die 
Erde, wie das Osterfest an die Sternenwelt, so ist das Pfingstfest ange- 
schlossen unmittelbar an den Menschen, insofern er den Funken des 
geistigen Lebens empfangt aus alien Welten. Wir sehen gewisserma- 
fien dasjenige, was der Menschheit allgemein gegeben ist, indem der 
Gottmensch herunterzieht auf die Erde, fur jeden einzelnen Men- 



sehen zubereitet in der feurigen Zunge des Pf ingstfestes. Wir sehen da 
dasjenige reprasentiert in der feurigen Zunge, was im Menschen, in 
Welt und Sternen ist. Und so erhalt gerade fur denjenigen, der nach 
dem Geistigen sucht, dieses Pfingstf est einen besonders tiefen Inhalt, 
der immer wieder auffordert, neu nach dem Geistigen zu suchen. Ich 
mochte sagen, in unserer Zeit ist es vonnoten, diese Gedanken, auch 
diese festlichen Gedanken noch um ein Stiickchen tiefer zu nehmen, 
als man sie in anderen Zeiten nimmt. Denn es wird viel davon abhan- 
gen, wie tief man solche Gedanken nehmen kann, in welcher Weise 
wir wiederum herauskommen aus den schmerzlich niederschlagen- 
den Ereignissen dieser Zeit. Die Seelen werden sich herausarbeiten 
rmissen, das fiihlt man in einzelnen Kreisen heute schon. Und ich 
mochte sagen, gerade derjenige, der der Geisteswissenschaft nahe- 
getreten ist, sollte in erhohtem Mafie mitfiihlen diese Notwendigkeit 
der Zeit, die man ausdriicken kann als Notwendigkeit, das geistige 
Leben uberhaupt wiederum zu beleben, hinauszukommen iiber den 
Materialismus. Man wird iiber den Materialismus nur hinauskom- 
men, wenn der gute Wille dazu vorhanden ist, die geistige Welt in sich 
zu entfachen, gewissermafien das Pfingstfest wirklich innerlich zu 
feiern und es innerlich ernst zu nehmen. 

Wir haben ja gerade in den Betrachtungen, die wir hier in den 
letzten Stunden angestellt haben, gesehen, wie schwer es der 
Menschheit heute gerade durch die Zeitverhaltnisse wird, auf die- 
sem Gebiete das Richtige zu finden. Auf der einen Seite haben wir 
heute eine Entwickelung von Kraften, die nicht genug zu bewun- 
dern sind, fur die nicht genug Gefuhle aufgefunden werden kon- 
nen, um ihnen entgegenzukommen. Aber wenn einmal Gefuhle so 
notwendig werden fur das Geistige, dann wird man schon sehen, 
wie notwendig es ist, dafi dieses innere Pfingstfest von der Men- 
schenseele gefeiert werden konne, dafi die Menschenseele dieses 
innere Pfingstfest nicht vergesse. Nicht Sie, die jahrelang teilge- 
nommen haben an diesen Betrachtungen, aber andere konnten 
leicht meinen, es lage etwas Hypochondrisches, etwas von Kritika- 
sterei in manchem, was in den letztverflossenen Betrachtungen hier 
vorgebracht worden ist. Es scheint mir dies nicht der Fall zu sein, 



sondern es scheint mir im Gegenteil durch und durch notwendig 
zu sein, dafi auf solche Dinge hingesehen wird, wie sie eben gerade 
in den letzten Betrachtungen vorgebracht worden sind, damit man 
weifi, wo man gerade geistig anzugreifen hat im Entwickelungs- 
gange der Menschheit. Und ich mochte sagen: Es sehen schon auch 
einzelne andere, worauf es in unserer Gegenwart ankommt. 

Eine hiibsche Broschiire ist erschienen von dem Urenkel Schil- 
lers, Alexander von Gleichen-Rufiwurm: «Kultur-Aberglaube», im 
Forum- Verlag in Munchen. Ich mufite mich erinnern beim Lesen 
dieser Broschiire an manches, was ich genotigt war, zu Ihnen hier 
zu sprechen. Davon zu sprechen war ich ja genotigt, wie Geistes- 
wissenschaft nicht blofi unlebendig bleiben soli, nicht blofi eine 
Theorie bleiben, sondern einfliefien soil in die Seele, so dafi sie 
unser Denken belebt, so dajR dieses Denken wirklich umsichtig 
wird, beweglich wird, um in die Aufgaben der Gegenwart eindrin- 
gen zu konnen. Lassen Sie mich gerade im AnschlujR an diesen Satz 
von der Notwendigkeit der Belebung des Denkens einige Satze aus 
der Broschiire «Kultur-Aberglaube» von Alexander von Gleichen- 
Rufiwurm anfiihren. Er sagt: 

«Denn, wenn uns alle ein Teil der tragischen Schuld in dieser 
furchtbaren Tragddie belastet, so ist es, weil wir alle in ganz Euro- 
pa trotz Kultur, Schulen und Bildungsmoglichkeiten das selbstan- 
dige Denken immer mehr eingebiifit haben. 

Gedankenfreiheit, umsonst hatten dich die grofiten Dichter im 
Menschheitsnamen gefordert. Du erschlafftest, erstarbst, du sankst 
dahin und warst wie tot! Unfrei plapperten wir nach, gebunden 
war unsere Denkkraft, lahm und mud. 

Wir hatten zu allem Zeit, Lust und Ehrgeiz, aufier dem eigent- 
lichen Denken. Sogar hier» - wohlgemerkt, nicht ich sage es: der 
Schiller-Enkel Gleichen-Rufiwurm sagt es! - «im einstigen Land 
der Denker war der Gedanke der erhabene Fremdling, ein seltener, 
nur mit Unbehagen gesehener Gast. 

Lesen und Schreiben niitzt uns nicht, ja es schadet nur, wenn 
wir nicht zu denken verstehen. 

In letzter Zeit war alles dazu angetan, das Denken abzugewoh- 



nen. Unsere Erziehung, Kunst, Erholung, Arbeit, Geselligkeit, Rei- 
sen und Zuhausesein. 

Echte Kultur aber sollte vor allem denken lehren, denn blofie 
Gefiihle und Instinkte geniigen nicht, um ein ertragliches Zusam- 
menleben der Menschen untereinander, der Volker untereinander 
zu ermoglichen. 

Dazu notig ist ein gesunder, sorgfaltig geschulter politischer 
Verstand.» 

Und weit zuriick, im Grunde genommen, verfolgt Gleichen- 
Rufiwurm, der Urenkel Schillers, dieses, dafi wir verlernt haben zu 
denken. Er sagt: 

«Seit dem Wiener Kongrefi - 1815 - haben sich die Volker eine 
gewisse Miihe gegeben, sich miteinander auf diesem Stern hauslich 
einzurichten. Unzahlige Vertrage, Versuche aller Art zeugen da- 
von. Man glaubte durch Erringen von Verfassungen, Wahlrechten 
wirklichen Anteil an der Regierung zu erhalten und sein Schicksal 
selbst zu bestimmen», - und so weiter. 

Aber dann sagt er: Ohne das Denken geht es nicht. - Er sagt das, 
indem er ein merkwiirdiges Bild entwirft von der Gegenwart, von 
jener Gegenwart, an die wir immer denken mussen, die wir eigent- 
lich in keinem Augenblick vergessen konnen. 

«Nein! Wir hatten es noch nicht herrlich weit gebracht, wenn 
das alles Wirklichkeit werden konnte, was sonst nur hirnverbrann- 
te Dichter gefabelt, ein solch namenlos tolles Durcheinander, phan- 
tastischer als je zur Zeit der Volkerwanderung. Senegalneger mor- 
deten unsere Dichter, Kunstgelehrte putzten Pferde, Professoren 
hiiteten Schafe.» - Es ist wahrhaftig nicht zum Lachen! - «Theater- 
direktoren gaben telephonisch Todesbefehle weiter, fromme Inder 
versuchten auf unseren Schlachtfeldern nach ihrem uralten Ritus 
korrekt zu sterben. Kunstbauten sanken in Trummer und Unter- 
stande entstanden, wiirdig der Hohlenmenschen. Der Millionar 
hungerte und kampfte mit Ungeziefer, indes der Bettler sich im 
alten Schlofi an verlassene Prunktafeln setzte. Zweifelhafte Existen- 
zen wurden rehabilitiert und die harmlosesten Leute schmachteten 
als Zivilgefangene im Gefangnis und starben darin.» 



Es ist gewissermafien dasjenige, was anregte den Enkel Schillers, 
den Gedanken von der Notwendigkeit einer Belebung des Den- 
kens zu hegen. Ich kann allerdings in seiner Broschiire und auch in 
seinen sonstigen Schriften nicht finden, dafi er darauf ausgeht, die 
richtigen Quellen zur Belebung des Denkens zu suchen. 

Ja, das aber ist auch gar nicht so leicht in der Gegenwart, das 
Pfingstfest in der Seele zu feiern. Hier habe ich das Buch eines Man- 
nes, der sich eigentlich in der letzten Zeit ganz redliche Miihe gege- 
ben hat, sogar Goethe zu verstehen, soweit er das eben in seinen 
Moglichkeiten finden konnte, der sogar sich redliche Miihe gegeben 
hat, etwas an unsere Geisteswissenschaft heranzukommen. Und ge- 
rade dieser Mann, der sich, wie gesagt, in den letzten Jahren redliche 
Miihe gegeben hat, Goethe zu verstehen, der jetzt ungeheuer froh ist, 
dafi er anfangt, Goethe zu verstehen, gerade dieser Mann - es ist sehr, 
sehr charakteristisch fur die Schwierigkeiten, die der Mensch hat, 
hineinzukommen in ein geistiges Leben heute - hat, bevor er das 
getan hat, was ich Ihnen jetzt erzahlt habe, geschrieben 1, 2, 3, 4, 5 - 
9 Romane, 1, 2, 3 - 14 Theaterstiicke, 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 Essay - 
Biicher. Und jetzt sagt er in dem letzten Buch, welches also das zehn- 
te Essay-Buch ist, dafi er nun froh ist, dafi er endlich an Goethe her- 
angekommen ist und versuchen kann, Goethe zu verstehen. Und 
man sieht schliefilich auch aus diesem zehnten Essay-Buch, dafi er 
sich alle redliche Miihe gibt, Goethe zu verstehen. Aber bedenken 
Sie doch, was das alles heifit, dafi ein Mann, der heute so viele Roma- 
ne, so viele Theaterstiicke geschrieben hat, der ein ganz bekannter 
Mann ist, jetzt in seinem etwa fiinfzigsten oder einundfiinfzigsten 
Jahre gesteht, dafi er nun dazu kommt, Goethe einigermafien zu ver- 
stehen. Es ist das eine bedeutsame Tatsache. Nun, dieses neueste 
Buch, das hat den Titel «Expressionismus». Der Mann, der es ge- 
schrieben hat, heifit Hermann Bahr. Und Hermann Bahr ist auch der 
Mann, von dem ich Ihnen sage, dafi er sich alle redliche Miihe gibt, 
jetzt ein bifichen in die Lektiire Goethes hineinzukommen. Es sind 
da noch nicht einmal alle Theaterstiicke angefiihrt, denn er hat noch 
mehr geschrieben, nur die friiheren verleugnet er. Es ist mir auch 
gerade nicht schwer, iiber diesen Mann zu sprechen, aus dem einfa- 



chen Grunde, weil ich ihn kenne seit seiner Studentenzeit, und weil 
ich ihn ganz gut friiher gekannt habe. Sehen Sie, das ist ein Mann, der 
eigentlich iiber alles geschrieben und mancherlei sehr Gutes ge- 
schrieben hat und der von sich sagt: Er war eigentlich sein Leben 
lang, weil er einmal in der Zeit des Impressionismus geboren war, 
Impressionist. Machen wir uns nun mit ein paar Worten klar, was 
eigentlich Impressionismus ist. Wir wo lien jetzt nicht iiber Kunst- 
fragen streiten, aber machen wir uns klar, was gerade solche Leute, 
wie Hermann Bahr einer ist, denken iiber Impressionismus. Wenn 
man noch zuriickdenkt an die Kunst Goethes, so sehen ja Goethe - 
auch Schiller, Shakespeare, Corneille, Racine, Dante, wen Sie wollen 
- das Grofie ihrer Kunst darinnen, dafi sie die aufiere Welt wahrneh- 
men und sie dann geistig verarbeiten. Das aufiere Wahrgenommene 
vereinigt sich in der Kunst mit dem, was im Geistigen lebt. Kunst- 
werke, die weniger dasjenige anstreben, was Vereinigung des Geistes 
mit der Natur ist, liefi Goethe gar nicht als Kunstwerke gelten. Aber 
in der neueren Zeit ist etwas heraufgestiegen, was man Impressionis- 
mus genannt hat, und Hermann Bahr war aufgewachsen mit dem 
Impressionismus und war selber, wie er sich bewufit ist, Impressio- 
nist in allem. Wenn er Gemalde beurteilt hat - er hat ja viele Essays 
iiber die Malerei geschrieben -, war es vom Standpunkte des Impres- 
sionismus aus. Wenn er selber dariiber geschrieben hat, wollte er 
Impressionist sein, und er war es in seiner Art, er ist es in seiner Art. 
Nun, was versteht ein solcher Mensch unter Impressionismus in der 
Kunst? Ja, unter Impressionismus versteht er, dafi man eigentlich 
eine heillose Angst davor hat, aus der Seele selber etwas zu dem 
dazuzutun, was der aufiere Eindruck von der Natur hergibt. Ja nichts 
von der Seele selber hinzutun! Musik konnte ja dann eigentlich 
iiberhaupt nicht zustande kommen; aber die Musik schliefit er 
aus. Architektur kann auch nicht zustande kommen. Architektur 
und Musik konnen daher auch niemals rein impressionistisch sein. 
Aber in der Malerei, in der Dichtung, da geht es schon. Also 
moglichst ausschliefien dasjenige, was die Seele selbst gibt! Daher 
versuchte die impressionistische Malerei gewissermafien ein Bild 
von irgend etwas darzustellen in dem Augenblicke, wo man's 



noch gar nicht recht angeschaut hat, wo man noch gar nicht ir- 
gendwie den Eindruck innerlich verarbeitet hat. Wie gesagt: An- 
schauen - aber nun, moglichst bevor man irgend etwas von sich zu 
dem Bild hinzugebracht hat, das den Eindruck hervorruft, es gleich 
festhalten: Impressionismus! Diesen Impressionismus hat man 
natiirlich in der verschiedensten Weise aufgefafit; aber das ist das 
Wesentliche. 

Hermann Bahr ist ein Mensch, der, wie ich einmal auch schon in 
Berlin in einem offentlichen Vortrag gesagt habe, immer mit gro£- 
tem Enthusiasmus fur dasjenige eintritt, was er augenblicklich fur 
richtig halt. Hermann Bahr war, als er zuerst an die Hochschule in 
Wien gekommen war, sehr, sehr eingenommen fur den Sozialismus, 
schwarmte fur den Sozialismus, war einer der gliihendsten Sozialde- 
mokraten, die man sich denken kann. Eines der verleugneten Dra- 
raen, «Die neuen Menschen», ist vom sozialistischen Standpunkte 
aus geschrieben. Ich glaube nicht, dafi man es heute noch bekommt, 
es sind Reden darinnen, sozialdemokratische Reden, die Manner und 
Frauen halten, die liber viele, viele Seiten gehen; das kann man iiber- 
haupt nicht auffuhren. Dann entwickelte sich in Wien mehr die 
deutschnationale Bewegung. Hermann Bahr wurde ein gluhender 
Nationaler und schrieb seine «Grofie Siinde». Die steht natiirlich 
nicht drinnen, die ist heute auch verleugnet. Dann wurde Hermann 
Bahr, nachdem er Sozialist und Nationaler gewesen war, so alt, wie 
man in Osterreich wird, wenn man gemustert wird, wurde Soldat mit 
neunzehn Jahren. Er hatte den Sozialismus und den Nationalismus 
hinter sich, wurde nun Soldat und wurde ein « gluhender » Soldat, 
eignete sich eine ganz soldatische Weltanschauung an. Er war ein 
Jahr Soldat, Einjahrig-Freiwilliger. Dann ging er fur kurze Zeit nach 
Berlin. In Berlin wurde er — nicht gluhender Berliner! Das konnte 
er am allerwenigsten leiden! Also gluhender Berliner wurde er nie. 
Aber dann ging er nach Paris. Und da wurde er gluhender Anhanger 
von Maurice Barres und ahnlichen Leuten, wurde auch - Boulanger 
hat dazumal gerade eine grofie Rolle gespielt - gluhender Boulangist. 
Ich mochte nicht alte Dinge aufriihren und es Ihnen deshalb auch 
nicht erzahlen, welche gliihenden boulangistischen Briefe dazumal 



der enthusiasmierte Hermann Bahr aus Paris schrieb. Dann ging er 
nach Spanien, wurde entflammt fiir die spanische Kultur, so stark, 
dafi er Artikel schrieb gegen den Sultan von Marokko und die Ge- 
meinheit, die dieser beging gegeniiber der spanischen Politik. Dann 
ging er wiederum zuriick nach Berlin und redigierte hier kurz an der 
«Freien Buhne», wurde aber nicht gliihender Berliner. Dann ging er 
zuriick und entdeckte nacheinander in verschiedenen Stadien - 
Osterreich! Er ist namlich ein Linzer. Ach, pardon, er ging ja auch 
nach Petersburg und schrieb sein Buch uber Rufiland, wurde gliihen- 
der Russe. Das liegt noch dazwischen. Dann ging er zuriick und ent- 
deckte Osterreich in den verschiedensten Partien, in alien Kulturge- 
schichten und so weiter. Immer sehr geistreich, manchmal geistvoll. 
Bahr ist wirklich immer bestrebt gewesen, dasjenige, was er gesehen 
hat, so zu geben, dafi er es nicht geistig weiter verarbeitete, sondern 
nur den ersten Eindruck gab. Nun denken Sie sich, das geht ja auch 
sehr gut, wenn man nur den ersten Eindruck gibt. Sozialist: nichts 
weiter als den ersten Eindruck; Deutsch-Nationaler: nichts weiter als 
den ersten Eindruck; Boulangist: nichts weiter als den ersten Ein- 
druck; Russe, Spanier und so weiter. Und jetzt hat er die verschiede- 
nen Spharen des Osterreichertums gesucht. Eine aufierordentlich 
interessante Erscheinung in unserem Geistesleben, da ist gar kein 
Zweifel! - Nun denken Sie, da ist er fiinfzig Jahre alt geworden, und 
nun plotzlich taucht der Expressionismus auf, das Gegenteil des 
Impressionismus. 

Hermann Bahr spricht schon seit einer Reihe von Jahren - oder 
sprach schon seit einer Reihe von Jahren - immer in Danzig. Da fahrt 
er immer durch Berlin durch! Die Danziger hat er namlich sehr gern. 
Er behauptet, dafi, wenn er vor den Danzigern spreche, sie ihm im- 
mer besonders geistvolle Gedanken eingaben, was eigentlich sonst in 
gar keiner deutschen Stadt der Fall ware, wie just in Danzig. So wur- 
de er aufgefordert - nun auch von den Danzigern uber den Expres- 
sionismus zu reden. Aber er war sein ganzes Leben lang Impressio- 
nist! Nun, nicht wahr, man mufi sich nur denken, was das fiir Her- 
mann Bahr hiefi. Er ist sein ganzes Leben Impressionist. Jetzt taucht 
der Expressionismus erst auf. Wie er ganz jung war und anfing, Im- 



pressionist zu werden, da waren die Leute von den impressionisti- 
schen Bildern keineswegs entziickt, sondern das ganze Philisterium 
sah - selbstverstandlich andere auch - die impressionistischen Bilder 
fur eine Kleckserei an. Das mag ja auch in bezug auf manches richtig 
sein, dariiber wollen wir uns, wie gesagt, jetzt nicht streiten. Aber 
Hermann Bahr «gluhte», und wenn man nur irgend etwas sagte ge- 
gen ein impressionistisches Bild, war man selbstverstandlich ein phi- 
listroser, ein ganz furchtbarer Schafskopf, der nichts anderes behalt 
als dasjenige, was seit uralten Zeiten hergebracht ist, der sich nicht 
aufschwingen kann zu den Fortschritten der Menschheit. Ja, solche 
Reden konnte man von Hermann Bahr viele horen. Mancher war da 
ein Schafskopf! 

Es gab in Wien ein Kaffeehaus, das sogenannte Cafe Griensteidl, 
da wurden diese Fragen immer entschieden. Heute besteht es nicht 
mehr; es war vis-a-vis dem alten Kleinen Burgtheater, am Michaeler 
Platz. Karl Kraus, den man in Wien auch den «frechen Kraus» nennt, 
der kleine Hefte herausgibt, schrieb dann ein Biichelchen iiber das 
Cafe Griensteidl, das schon im Jahre 1848 Lenau und Anastasius 
Griin zu seinen Gasten hatte. Als es demoliert wurde, schrieb er ein 
Biichelchen: «Die demolierte Literatur». - Da konnte man schon viel 
horen von dem Aufkommen des Impressionismus. Nun redete Her- 
mann Bahr seit Jahren viel iiber Impressionismus, der sich so durch- 
zog wie ein roter Faden durch seine iibrigen Verwandlungen. Nun 
wurde er aber selber alter. Es kamen die Expressionisten, Kubisten, 
Futuristen, die wieder sagten, die Impressionisten von der Sorte des 
Hermann Bahr waren ganz ode Schafskopf e, die das Friihere nur 
aufwarmen. Und nun fand Hermann Bahr, dafi das im Grunde ge- 
nommen ja die andere Welt gar nicht so furchtbar beriihrt: Dieselbe 
Erscheinung! Aber ihn argerte es, denn er sagte sich: Ich hab's ja in 
der Jugend ebenso gemacht, ich habe die anderen alle Schafskopfe 
genannt, und jetzt soil ich auch ein Schafskopf sein. Und warum 
sollen diejenigen, die mich jetzt Schafskopf nennen, weniger recht 
haben, mich Schafskopf zu nennen, als ich, der ich die anderen dazu- 
mal Schafskopf genannt habe? - Nicht wahr, also eine schlimme 
Geschichte! Da gab es natiirlich kein anderes Mittel, sintemalen 



Hermann Bahr auch noch aufgefordert wurde von den Danzigern, 
die er so liebte, iiber den Expressionismus zu reden, als sich mit dem 
Expressionismus etwas naher zu beschaftigen. Und nun handelt es 
sich darum, fur den Expressionismus eine richtige Formel zu finden. 
Wirklich, ich mache mich nicht lustig iiber Hermann Bahr, ich habe 
ihn sehr gern und ich mochte ihn in jeder Weise verteidigen - ich 
meine: Ich habe ihn als geistige Erscheinung sehr gern. 

Aber nun handelte es sich fur ihn darum, mit dem Expressionis- 
mus zurechtzukommen. Nicht wahr, fiinfzig Jahre alt geworden zu 
sein, nur um fur die folgende Generation ein Schafskopf zu sein, das 
geniigt schliefilich einem geistig regsamen Menschen nicht, insbe- 
sondere wenn man vor den Danzigern, die einem so gute Gedanken 
eingeben, iiber den Expressionismus zu sprechen hat. Nun, vielleicht 
haben Sie schon expressionistische, kubistische, futuristische Bilder 
gesehen. Die meisten Leute sagen, wenn sie sie sehen: Ja, wir haben 
uns viel gefallen lassen, aber da konnen wir schon nicht mehr mitge- 
hen! - Nicht wahr: Leinwand, Striche, weifie, die von oben nach 
unten gehen, rote Striche hindurch, dann irgendwie noch etwas da 
drinnen, das nicht erinnert an ein Blatt oder an ein Haus oder an 
einen Baum oder an einen Vogel, sondern eher an alles zusammen 
und wiederum an keines von allem. - Aber selbstverstandlich konnte 
Hermann Bahr das nicht so sagen. Ja, was ist das ? Nun kam er darauf, 
was das eigentlich ist, denn er ist wirklich ein Griibler und ist immer 
mehr zum Griibler geworden durch seine verschiedenen Metamor- 
phosen. Jetzt sagte er sich - unter dem Einflufi der Inspiration der 
Danziger, selbstverstandlich - : Die Impressionisten haben die Natur 
genommen, sie rasch festgehalten, ja nichts innerlich verarbeitet; die 
Expressionisten machen das Gegenteil. - Das machen sie auch! Her- 
mann Bahr hat sie schon verstanden: Sie sehen sich die Natur iiber- 
haupt nicht an! Das meine ich jetzt ganz ernst: Sie sehen sich in der 
Natur iiberhaupt nichts an, sondern sie sehen nur innerlich. Das 
hei£t also, was da auch draufien ist in der Natur, ob Hauser, Flusse, 
Elefanten, Lowen, das interessiert den Expressionisten nicht, denn er 
sieht innerlich. Nun sagte sich Hermann Bahr: Wenn man innerlich 
sehen will, dann mu!5 ein innerliches Sehen moglich sein. - Und was 



tut er? Jetzt wendet er sich an Goethe, liest allerlei bei Goethe wie 
zum Beispiel das Folgende. Goethe erzahlt: 

«Ich hatte die Gabe, wenn ich die Augen schlofi und mit nieder- 
gesenktem Haupte mir in der Mitte des Sehorgans eine Blume 
dachte, so verharrte sie nicht einen Augenblick in ihrer ersten 
Gestalt, sondern sie legte sich auseinander und aus ihrem Innern 
entfalteten sich wieder neue Blumen aus farbigen, wohl auch grii- 
nen Blattern; es waren keine natiirlichen Blumen, sondern phanta- 
stische, jedoch regelmafiig wie die Rosetten der Bildhauer.» 

Das konnte Goethe tun: Er schlofi die Augen, dachte sich eine 
Blume - da stand sie auch schon als Geistgestalt; und dann verwan- 
delt sie sich von selber! 

«Es war unmoglich, die hervorquellende Schopfung zu fixieren, 
hingegen dauerte sie so lange, als mir beliebte, ermattete nicht und 
verstarkte sich nicht. Dasselbe konnte ich hervorbringen, wenn ich 
mir den Zierat einer buntgemalten Scheibe dachte, welcher denn 
ebenfalls aus der Mitte gegen die Peripherie sich immerfort veran- 
derte, vollig wie die in unseren Tagen erst erfundenen Kaleidos- 
kope ... 

Hier ist die Erscheinung des Nachbildes, Gedachtnis, produk- 
tive Einbildungskraft, Begriff und Idee alles auf einmal im Spiel 
und manifestiert sich in der eigenen Lebendigkeit des Organs mit 
vollkommener Freiheit ohne Vorsatz und Leitung.» 

Nun, nicht wahr, wenn man mit Goethe und mit der Weltan- 
schauung des neueren Idealismus und Spiritualismus nicht bekannt 
geworden ist, so ohne weiteres gleich etwas daran zu kniipfen, das 
geht ja naturlich nicht. Da machte sich Hermann Bahr weiter an die 
Literatur, kam an den Englander Galton, der allerlei Statistisches, 
wie's dort ublich ist, gesammelt hat iiber Leute, die innerlich sehen, 
so wie Goethe auch innerlich gesehen hat, wie es eben aus seiner 
Beschreibung hervorging. So hat er namentlich es abgesehen auf 
einen Reverend. Dieser Reverend konnte in der Imagination ein 
Bild hervorrufen, dann verwandelte sich das Bild selber, und er 
konnte dann durch seinen Willen es wiederum auf die erste Gestalt 
zuriickfahren. Das beschreibt dieser Reverend sehr schon. Her- 



mann Bahr geht diesen Dingen nach und kommt nach und nach 
darauf, dafi es so etwas wie ein innerliches Sehen gibt, Sie wissen, 
das, was Goethe da beschreibt - Goethe wu£te ja auch anderes -, 
das ist nur der allererste Anfang eines inneren Bewegtwerdens des 
Atherleibes. Mit solchen elementarsten Sachen fing Hermann Bahr 
an, sich zu beschaftigen, um den Expressionismus zu verstehen, 
weil er darauf kam, dafi der Expressionismus auf einem solchen 
innerlichen Sehen elementarster Art beruht. Und jetzt ging er 
weiter. Jetzt las er den alten Physiologen Johannes Miiller, der so 
wunderschon dieses elementare innere Sehen beschrieben hat in 
einer Zeit, wo die Naturforschung noch nicht \iber alle diese Dinge 
gelacht hat. Und so arbeitet Hermann Bahr sich allmahlich zu 
Goethe durch und findet es aufierordentlich anregend, Goethe zu 
lesen, anzufangen, Goethe zu verstehen und dadurch darauf zu 
kommen, dafi es ein innerliches Sehen gibt. So hat er nun den 
Expressionismus verstanden: Da braucht man die Natur nicht, son- 
dern da halt man das auf der Leinwand fest, was man so im ele- 
mentarischen Schauen hat. Es wird sich schon spater einmal - ich 
habe dariiber schon einmal hier gesprochen - zu etwas anderem 
ausbilden. Wenn man darin nicht gleich eine geniale Leistung sieht, 
sondern einen allerersten Anfang von dem, was kommen soil, so 
wird man ja vielleicht den Leuten gerechter werden, als sie sich 
selbst in ihrer Uberschatzung werden. Aber Hermann Bahr ver- 
steht es so und wird namentlich dazu gefuhrt, wirklich mit einem 
ungeheuren Enthusiasmus sich zu sagen: Ja, es gibt nicht nur ein 
aufieres Sehen, wie man mit dem Auge sieht, ein inneres Sehen gibt 
es! - Sehr schon ist dieses Kapitel iiber das innere Sehen, und er ist 
ganz ungeheuer entzuckt, als er bei Goethe das Wort «Geistes- 
auge» entdeckt. Denken Sie, wie viele Jahre wir dieses Wort ge- 
brauchen! Wie ich sagte, hat er auch versucht, sich heranzubandi- 
gen an das, was unsere Geisteswissenschaft ist. Aus dem Buch geht 
hervor, dafi er bis jetzt das Buch von Eugene Levy gelesen hat, 
worin dieser meine Weltanschauung schildert. An meine Bucher 
scheint er noch nicht gekommen zu sein; aber was nicht ist, kann 
werden. Jedenfalls sieht man, dafi sich ein Mensch durch die 



Schwierigkeiten der Gegenwart hindurcharbeitet, und dafi er dar- 
auf kommt, zu dem Elementarsten Stellung zu nehmen, zu dem 
Allerelementarsten. Ich mufi das anfiihren, weil man daraus sieht, 
wie wahr das ist, was ich ofter gesagt habe: Der Mensch der Gegen- 
wart hat es ja ungeheuer schwer, aus dieser Zeitenbildung heraus 
zu einem Geistigen zu kommen. Nun denken Sie sich, ein Mensch, 
der zehn Romane, vierzehn Theaterstiicke und so viele Essay- 
Bucher geschrieben hat, kommt endlich dazu, Goethe zu lesen und 
sich durch ihn durchzuarbeiten, und so gewissermafien spat - 
diesem Buch, das mit ungeheurer Frische geschrieben ist, sieht man 
an, welche Frohheit er erlebt - nun Goethe zu verstehen. Wahr- 
haftig, ich habe oftmals mit Hermann Bahr zusammengesessen, es 
war nicht moglich, mit ihm uber Goethe zu reden, denn dazumal 
war Goethe selbstverstandlich ein Schafskopf in seinen Augen, 
denn er war ja auch von der alten, noch nicht impressionistischen 
Sorte von Menschen. 

Das, glaube ich, muE man sich uberlegen, wie schwierig es denje- 
nigen Menschen ist, die aus der heutigen Zeitbildung heraus kom- 
men, sich nur durchzuarbeiten zu dem Elementarsten, was an die 
Geisteswissenschaft heranfuhrt. Das aber sind die Menschen, die ge- 
wissermafien das offentliche Urteil in der Hand haben. Denn Her- 
mann Bahr hat, als er dann nach Wien gekommen war, eine sehr ton- 
angebende Wochenschrift, «Die Zeit», redigiert. Wenn heute einer 
behaupten wiirde, dafi zahlreiche Menschen in der abendlandischen 
Menschheit, auf deren Urteil man viel gibt, nichts von Goethe ver- 
stehen und daher auch gar nicht die Wege haben, um von ihrer Bil- 
dung aus an die Geisteswissenschaft heranzukommen - man kann 
naturlich an Geisteswissenschaft auch ohne Bildung herankommen - 
, so wiirde man es nicht glauben. Aber bei Hermann Bahr haben wir 
den lebendigen Beweis, weil er selber als Funfzigjahriger gesteht, wie 
froh er ist, endlich Goethe zu verstehen. Es ist naturlich etwas unge- 
heuer Trauriges, zu sehen, wie der Mann, der sich durchgearbeitet 
hat bis zu Goethe, nun froh ist, dasjenige zu finden, was in seiner 
allernachsten Nahe gesucht worden ist, als er ein junger Mensch war; 
aber es hat zu gleicher Zeit etwas ungeheuer Belehrendes, etwas un- 



geheuer Bedeutsames fur unser Verstandnis der Zeit. Es lehrt uns, 
wie die tonangebende sogenannte geistige Welt heute in Vorstellun- 
gen lebt, die ganz und gar von allem Geistigen entfernt sind; wie 
solch ein Mensch wie Hermann Bahr erst den Expressionismus notig 
hat, um zu sehen, wie einer sich etwas vorstellen und das sogar malen 
kann, der an der Natur vorbeigeht. Dadurch kommt er darauf , dafi es 
ein inneres Sehen, ein inneres geistiges Auge gibt. Das ist ungeheuer 
bedeutsam. Aber das hangt innig zusammen mit der Art, wie gerade 
heute solche Literaten, solche Kunstler, solche Kunstbeurteiler her- 
anwachsen. Dafur ist charakteristisch der neueste Roman, den Her- 
mann Bahr geschrieben hat. 

Der Roman heifit «Himmelfahrt». Aus dem Schlufi des Romans 
sieht man, dafi er jetzt schon anfangt, etwas wie einen gliihenden 
Enthusiasmus nebenbei zu haben - das andere geht alles wie ein 
roter Faden durch - fur den Katholizismus. Das hat er ja fruher 
nicht gehabt. Nun aber, wer Hermann Bahr kennt, der wird nicht 
zweifeln, dafi in dem Franz, den er in diesem neuen Roman be- 
schreibt, etwas von ihm drinnen steckt. Es ist nicht etwa eine 
Selbstbiographie, ein biographischer Roman, aber es steckt vieles 
von Hermann Bahr in diesem Franz drin. Aber wie sich solch ein 
Literat heute entwickelt - nicht einer, der Zeitungsmensch wird, 
dariiber wollen wir nicht reden, wie sich der entwickelt, weil das 
Wort «entwickelt» seinen urspriinglichen Sinn behalten sollte -, 
aber so einer, der es wirklich ernst nimmt und ein ehrlicher Sucher 
ist, wie Hermann Bahr: so etwas farbt doch auf diesen Franz etwas 
ab. Und den schildert er, wie er sich nach und nach heranentwik- 
kelt hat, wie er gesucht hat. Wie schildert er nun diesen Franz, auf 
den er selber abgefarbt hat? Dieser Franz versucht eigentlich alles 
zu erfahren, was die Zeit einem geben kann, alles kennenzulernen, 
uberall nach der Wahrheit zu suchen. So hat er die Wissenschaften 
abgesucht, war erst Botaniker bei Wiesner - Wiesner war ein sehr 
beruhmter Botaniker in Wien -, wurde dann Chemiker bei Ost- 
wald, dann Nationalokonom und so weiter. Also so geht er durch 
alles das, was die Zeit bietet. Er konnte ja auch Gracist werden bei 
Wilamowitz, oder sich Philosophic ansehen bei Eucken oder Koh- 



ler. Dann lernt er Nationalokonomie kennen in Schmollers Semi- 
nar; es hatte auch bei Brentano oder in irgendeinem anderen Semi- 
nar sein konnen. Dann lernt er kennen, wie man versucht, hinter 
die Seelengeheimnisse zu kommen bei Richet; es hatte auch bei 
einem andern sein konnen. Er suchte auf eine andere Weise bei 
Freud Psychoanalyse kennenzulernen. Und als ihn dies alles nicht 
befriedigt, geht er zu den Theosophen nach London. Er sucht also 
immer nach Wahrheit. Und dann lafit er sich auch einmal von 
einem, der sich mehr zuriickgehalten hat, esoterische Ubungen ge- 
ben. Doch die treibt er nicht lange, die freuen ihn nicht sehr lange. 
Aber er denkt, doch noch weiter suchen zu miissen. 

Zuletzt ist er ja dann hereingef alien, der Franz, denn nachdem er 
alles mogliche gesucht hat, da kommt er an ein Medium. Dieses 
Medium macht jahrelang die ausgezeichnetsten Manifestationen, 
alles mogliche. Dann wird es entlarvt, nachdem sich der Franz, der 
Held dieses Romans, schon langst in dieses Medium verliebt hatte. 
Aber er reist ab, er mu!5 rasch abreisen, wie er immer rasch abreisen 
mufi. Nun, er reist auch da rasch ab, iiberlafit das Medium seinem 
Schicksal. Die Frau wird selbstverstandlich - etwas bringt jeder 
jetzt der Zeit als Tribut — als Spionin entlarvt. Natiirlich, der Ro- 
man ist ja auch erst in der allerneuesten Zeit geschrieben. 

Aber solcher Menschen gibt es zahlreiche, gerade unter denjeni- 
gen, die heute iiber das geistige Leben urteilen. Und im Grunde 
genommen: So mulS man sich diejenigen vorstellen, die dazu kom- 
men, heute ihr Urteil abzugeben, bevor sie auch nur in die aller- 
ersten Elemente hineingedrungen sind - nicht wie Hermann Bahr, 
der ja am Expressionismus etwas entdeckt davon, dafi es ein inneres 
Schauen gibt, und dazu bringen es ja die anderen, die urteilen, 
nicht. Hermann Bahr wird heute natiirlich einsehen, dafi er iiber 
manches anders urteilen wird, als er friiher geurteilt hat. Friiher 
wiirde er selbstverstandlich, wenn er, sagen wir, meine «Theoso- 
phie» in die Hand bekommen hatte, dariiber geurteilt haben - na, 
was weifi ich, es ist ja auch nicht no tig, das gerade mit Hermann 
Bahrs Worten zu treffen -. Heute wiirde er sagen: Ja, es gibt ein 
inneres Auge, es gibt ein inneres Schauen, das ist eben auch so eine 



Art Expressionismus. - Das ist, weil er gerade bis zu dem inneren 
Schauen kommt, das sich heute auf dem Wege des Expressionismus 
auslebt. Aber das macht ja nichts, das sind die Ideen; unter den 
Inspirationen der Danziger ist Hermann Bahr dazu gekommen und 
hat dieses Buch daraus gemacht. 

Ich wollte Ihnen dies nur als ein Beispiel anfiihren, wie schwie- 
rig es heute ist, sich hindurchzuarbeiten, und wie gerade dem, der 
eine klare Anschauung, einen klaren Begriff davon hat, was Gei- 
steswissenschaft will, eine Verantwortung obliegt, iiberall, wo es 
moglich und notig ist, alles zu tun dafur, daft die Vorurteile sich 
zerstreuen. Wenn wir wissen, aus welchen Untergriinden diese 
Vorurteile entstehen, und wie heute die Besten sozusagen, die un- 
zahlige Essays und Dramen geschrieben haben, wenn sie ehrliche 
Sucher sind, nach ihrem funf zigsten Jahre an die allerelementarsten 
Dinge herankommen, dann mufi man schon sagen: Man begreift, 
wie schwierig es ist, mit der Geisteswissenschaft heute durchzu- 
dringen; denn das einfachste Gemiit wiirde Geisteswissenschaft 
natiirlich aufnehmen, aber es wird zuriickgehalten durch diejenigen 
Leute, die urteilen aus solchen Untergriinden heraus, wie ich es 
Ihnen dargestellt habe. 

Aber schliefilich erleben wir ja in unserer Zeit allerlei, und ich 
habe ofter darauf aufmerksam gemacht, wie, ich mochte sagen, das 
materialistische Denken unserem Zeitalter schon in Fleisch und 
Blut iibergegangen ist, so dafi wirklich die Menschen gar nicht 
wissen, dafi sie eigentlich ein phantastisches Zeug ausdenken, in- 
dent sie erhabene Theorien bauen. Ich habe Sie ja ofter unterhalten 
mit dem, was heute als Kant- Lap lacesche Theorie gelehrt wird, was 
den Kindern in der Schule gezeigt wird. Es wird ihnen so hubsch 
beigebracht, wie die Erde allmahlich wie ein Sonnennebel war, wie 
sich der gedreht hat, wie sich dann die Planeten abgespalten haben. 
Und was ware denn auch einleuchtender, als diese Anschauung des 
Tropfens: Man braucht nur ein kleines Oltropfelchen zu nehmen, 
eine Karte, durchteilen - Aquatorebene eine Nadel hinein, dann 
das drehen, da spalten sich so hiibsch die Planetchen ab und dann 
sagt man: Nun seht ihr, so ist es auch im grofien draufien gewesen, 



wie es sich hier im kleinen vollzieht. - Wie konnte denn ein 
Mensch sich dieser Beweisfuhrung entziehen? Nur miifke natiirlich 
ein grofier Herr Lehrer da draufien im Weltenall sein, der das ge- 
dreht hat, nicht wahr? Das vergifit man meist dabei. Man darf aber 
nichts vergessen, alle Faktoren miissen in Betracht gezogen wer- 
den. Wenn aber nicht ein grofier Herr Lehrer oder ein grofier Herr 
Professor im Weltenall steht und dreht? Das vergifit man in der 
Regel, weil es zu einleuchtend ist. Man mochte sagen, es ist schon 
ein Grofies, wenn sich gemigend denkende Menschen aus dem, was 
vom Idealismus und Spiritualismus da noch geblieben ist, dazu fin- 
den, diese Sache in ihrer vollen Bedeutung zu charakterisieren. Und 
deshalb mufi ich immer wieder und wiederum auf den schonen 
Satz in dem Goethe-Buch von Herman Grimm hinweisen. Ich 
fiihrte ihn auch jetzt in dem Buch, das demnachst von mir erschei- 
nen wird, an. Herman Grimm sagt: 

«Langst hatte, in seinen [Goethes] Jugendzeiten schon die grofie 
Laplace-Kant'sche Phantasie» - sehen Sie, Grimm nennt es seine 
Phantasie! - «von der Entstehung und dem einstigen Untergange 
der Erdkugel Platz gegriffen. Aus dem in sich rotierenden Welt- 
nebel - die Kinder bringen es bereits aus der Schule mit - formt 
sich der zentrale Gastropfen, aus dem hernach die Erde wird, und 
macht als erstarrende Kugel in unfafibaren Zeitraumen alle Phasen, 
die Episode der Bewohnung durch das Menschengeschlecht mit 
inbegriffen, durch, um endlich als ausgebrannte Schlacke in die 
Sonne zuriickzusturzen; ein langer, aber dem heutigen Publikum 
vollig begreiflicher Prozefi, fur dessen Zustandekommen es nun 
weiter keines aufieren Eingreifens bedurfe, als die Bemuhung ir- 
gendeiner aufienstehenden Kraft, die Sonne in gleicher Heiztempe- 
ratur zu erhalten. - Es kann keine fruchtlosere Perspektive fur die 
Zukunft gedacht werden als die, welche uns in dieser Erwartung als 
wissenschaftlich notwendig heute aufgedrangt werden soli. Ein 
Aasknochen, um den ein hungriger Hund einen Umweg machte, 
ware ein erfrischendes, appetitliches Stuck im Vergleich zu diesem 
letzten Schopfungsexkrement, als welches unsere Erde schliefilich 
der Sonne wieder anheimfiele, und es ist die Wifibegier, mit der 



unsere Generation dergleichen aufnimmt und zu glauben vermeint, 
ein Zeichen kranker Phantasie, die als ein historisches Zeitphano- 
men zu erklaren die Gelehrten zukiinftiger Epochen einmal viel 
Scharfsinn aufwenden werden.» 

In der Tat wird man zukiinftig nachdenken: Wie ist denn einmal 
die Menschheit darauf gekommen, solch ein Zeug als Wahrheit zu 
denken, das heute selbstverstandlich in alien Schulen schon als 
Wahrheit gelehrt wird! 

«Niemals», sagt Herman Grimm weiter, «hat Goethe solchen 
Trostlosigkeiten EinlafS gewahrt ... Goethe wiirde sich wohl genii- 
tet haben, die Folgerungen der Schule Darwins aus dem abzuleiten, 
was in dieser Richtung er zuerst der Natur abgelauscht und ausge- 
sprochen hatte ...» 

Sie wissen ja, bei einer geistigeren Auffassung des Darwinismus 
wiirde etwas anderes.herauskommen. Gegen den Darwinismus als 
solchen richtet sich das ja nicht, was Herman Grimm meinte, noch 
dasjenige, was ich zu sagen habe, aber gegen die materialistische 
Ausdeutung, die nun wirklich zu dem gekommen ist, was Herman 
Grimm im mundlichen Vortrage eine die Menschenwiirde verlet- 
zende Vorstellung genannt hat: dafi der Mensch in geradliniger 
Entwickelung von niederen Tieren durch die Affen herauf zum 
Menschen sich entwickelt hat. - Wir wissen ja, wieviel Beifall Hux- 
ley einstmals gefunden hat, als ihm - es war allerdings von einem 
Bischof - alles mogliche erwidert worden ist gegen die Affenab- 
stammung des Menschen. Huxley hat viel Beifall gefunden, als er 
damals die Worte fand: Er stamme doch lieber vom Affen ab und 
habe sich allmahlich vom Affendasein zu seiner Weltanschauung 
heraufgearbeitet, als dafi er diese Abstammung behaupte, zu der 
der Bischof sich bekennte, und sich dann heruntergearbeitet habe 
bis zu dessen Weltanschauung. - Solche Dinge sind ja oftmals sehr 
geistreich, sie erinnern mich aber immer an die Anekdote von je- 
nem kleinen Knaben, der aus der Schule nach Hause kommt und 
seinem Vater erklart: «Vater, ich habe jetzt in der Schule gelernt, 
dafi wir alle vom Affen abstammen.» - «Was fallt dir denn ein, du 
dummer Junge!» - «Ja, ja, Vater», sagt der Junge, «wir stammen alle 



vom Affen ab.» - «Bei dir kann das der Fall sein» ) sagt der Vater, 
«bei mir aber nicht!» - Ich habe Sie ja ofter schon auf allerlei lo- 
gische Schnitzer gegen ein wirkliches Denken aufmerksam ge- 
macht, das zu solch materialistischer Ausdeutung der Darwini- 
schen Anschauung fuhrt. 

Aber in unserer Zeit wird wirklich alles noch iiberboten. Jegli- 
ches Ding ist noch nicht so, dafi sich alle Leute sagen, dafi man es 
damit schon herrlich weit gebracht hat, sondern sie gehen noch 
weiter, bringen es noch herrlich weiter! So konnte ich Ihnen von 
einem Manne erzahlen, der eine furchtbare Wut hat dariiber, dafi es 
eine Philosophic gibt, und dafi es in der Welt so viele Philosophen 
gegeben hat, die immer Philosophien gemacht haben. Er schimpft 
auf alle Philosophic ganz schrecklich. Und nun hat dieser Mann in 
den letzten Zeiten wiederum recht viel drucken lassen an Ge- 
schimpfe gegen die Philosophic und will einen besonders pragnan- 
ten Satz finden, durch den er seine ganze Wut auf die Philosophic 
auslassen kann. Da hat er folgenden Satz gefunden, den ich Ihnen 
vorlesen will, damit Sie ihn wortlich kennenlernen, denn es ist doch 
gut zu wissen, was in der Gegenwart gerade iiber die Philosophic 
gedacht wird, durch die die Menschen zur Wahrheit kommen 
wollen, und durch die doch mancherlei geleistet worden ist, wie Sie 
es auch aus dem Buch, das in nachster Zeit von mir erscheinen 
wird, ersehen konnen. Dieser Mann sagt: «Wir haben nicht mehr 
Philosophic als ein Tier.» Er behauptet also nicht nur, dafi wir von 
den Tieren abstammen, sondern er beweist sogar, dafi man mit dem 
Hochsten, was die Menschheit bis jetzt gesucht hat, mit der Philo- 
sophic, wirklich nicht iiber das Tier hinauskommt, weil man nichts 
anderes wissen kann, als das Tier wissen kann. Er meint das ganz 
im Ernste, man konne nicht mehr wissen als das Tier: «Wir haben 
nicht mehr Philosophic als das Tier, und nur die rasenden Versu- 
che, zu einer Philosophic zu kommen, und die endliche Ergebung 
in Nichtwissen, unterscheiden uns von dem Tier.» - Also blofi, dafi 
wir verstehen, dafi wir wie ein Vieh nichts wissen, das unterschei- 
det uns vom Tier, und die ganze Geschichte der Philosophic wird 
von diesem Manne abgetan, indem er nachzuweisen versucht, dafi 



das alles rasende Versuche sind, die die Philosophen angestellt ha- 
ben, ura iiber diese einfache Wahrheit, daft man nicht mehr weift 
von der Welt als ein Tier, hinauszukommen. Sie werden mich fra- 
gen: Wer kann denn nur eine solch vertrackte Anschauung iiber die 
Philosophic aufstellen? Ich meine, es konnte Sie vielleicht doch 
interessieren, wer eine solch unglaubliche Anschauung iiber die 
Philosophic haben kann. Sehen Sie, derjenige, der diese Ansicht 
uber die Philosophic hat, ist Professor der Philosophie an der 
Universitat in Czernowitz! Der betreffende Mann hat vor langeren 
Jahren schon ein Buch geschrieben: «Das Ende der Philosophies 
hat ein Buch geschrieben: aDas Ende des Denkens» und hat jetzt 
ein Buch geschrieben: «Die Tragikomodie der Weisheit», in dem 
Satze wie diese drinnen stehen! - Also der Mann versieht sein Amt 
als Professor der Philosophie an einer Universitat, indem er die 
lauschende Zuhorerschaft davon iiberzeugt, daft der Mensch nicht 
mehr weift als ein Tier! Es ist Professor Dr. Richard Wahle, Ordi- 
narius der Philosophie an der Universitat in Czernowitz. 

Es ist doch ganz gut, auf solche Dinge hinzusehen, denn sie 
bezeugen uns, wie wir es «so herrlich weit» gebracht haben. Und 
es ist schon notwendig, wie gesagt, daft man diese Notwendigkei- 
ten des Lebens ein wenig naher ins Auge faftt, die darinnen beste- 
hen, daft die Zeit wirklich herangeriickt ist, wo die Menschen sich 
schon entschlieften miissen, dieses innere Pfingstfest ernst zu neh- 
men, das Licht in der Seele zu entziinden, das Geistige in sich 
aufzunehmen. Viel wird davon abhangen, daft es wenigstens einige 
gibt in der Welt, die verstehen, wie in unserer Zeit das innere 
Pfingstfest der Seele gefeiert werden kann, aber auch gefeiert wer- 
den muft. 

Ich weifi nicht, wie lange es noch dauert, bis mein Buch fertig 
ist; so lange muft ich da bleiben. Wir werden uns also vielleicht 
noch heute iiber acht Tage weiter sprechen konnen. 



ZWEITER VORTRAG 



Berlin, 13. Juni 1916 
Blut und Nerven 



In der Geisteswissenschaft betrachten wir alles Materielle, alles 
Stoffliche als eine Offenbarung des Geistigen. Es handelt sich aber 
immer darum, in welcher Weise im einzelnen dieses oder jenes 
Stoffliche als eine Offenbarung des Geistigen anzusehen ist. Denn 
mit dem allgemeinen Satz, alles Stoffliche sei eine Offenbarung des 
Geistigen, ist ja nichts gesagt, hochstens etwas, was fur Bequem- 
linge eine leichte Philosophic ist. Fur den, der ernsthaft nach Er- 
kenntnis strebt, handelt es sich darum, immer beim einzelnen Stoff- 
lichen, das in der Welt auftritt, zu erkennen, wie es eine Offen- 
barung des Geistigen ist. Nun wissen wir ja, dafi ein uralter, aber 
gleichwohl immer neuer Satz den Menschen einen Mikrokosmos 
nennt. Der Mensch tritt uns ja zunachst als stoffliche Erscheinung 
hier in der physischen Welt entgegen, und wenn wir Ernst machen 
mit diesem Satz vom Menschen als einem Mikrokosmos, als einem 
stofflichen Wesen, das so, wie es uns entgegentritt, die Geheimnisse 
des ganzen Kosmos enthalt, so mufi es uns ganz besonders wertvoll 
sein, gerade dieses stoffliche Wesen, als welches uns der Mensch 
zunachst in der physischen Welt entgegentritt, daraufhin zu prii- 
fen, inwiefern es eine Offenbarung des Geistigen ist. Und wenn 
man das Stoffliche des Menschen ins Auge fafit, dann offenbart sich 
fur denjenigen, welcher denkend - und denken mufi man schon 
einmal, wenn man nach Erkenntnis strebt - sich an das Stoffliche 
des Menschen macht, dafi in der menschlichen stofflichen Wesen- 
heit zwei ganz verschiedene Stoffesarten vorhanden sind. Schon fur 
das gewohnliche denkende Betrachten zeigt sich, dafi da zwei ver- 
schiedene Stoffesarten vorhanden sind, denn grundverschieden tre- 
ten diese zwei, sagen wir, Arten des Stofflichen am Menschenstof- 
feswesen auf: die Blutsubstanz, der Blutstoff und der Nervenstoff. 
Gewifi, Sie konnen sagen, es gibt allerlei andere Stoffe fur eine 



aufierliche Betrachtungsweise: Muskelstoff, Knochenstoff und so 
weiter. Aber Sie wissen ja vielleicht, daft diese im Grunde genom- 
men alle aus dem Blute heraus gebildet sind. Und wenn man sie 
genauer kennenlernt, so lernt man sie ja auch in ihrer Entstehungs- 
weise aus dem Blute kennen, und es widerspricht dieses nicht der 
Tatsache, dafi man es bei der menschlichen stofflichen Natur zu 
tun hat mit der Blutsubstanz, mit dem Blutstoff und mit dem 
Nervenstoff. 

Sie konnen insofern schon aufierlich in der denkenden Betrach- 
tung einen Unterschied finden zwischen dem Blutstoff und dem 
Nervenstoff, als Sie sich ja blofi zu iiberlegen brauchen, wie alles 
dasjenige, was zum Blute gehort, gewissermafien von innen heraus 
sich an den stofflichen Vorgangen des menschlichen Organismus 
beteiligt. Das Blut wird allerdings durch den Einflufi von aufien, 
aber doch im Innern des Menschen erzeugt, und erzeugt wiederum 
weiter, was eben fur das stoffliche Dasein des Menschen notwendig 
ist. Dagegen zeigen sich Ihnen gerade die wichtigsten Nerven als 
Fortsetzungen der Sinne. Wenn Sie das Auge nehmen, so werden 
Sie nach riickwarts gehend als Fortsetzung des Auges den Augen- 
nerv, den Sehnerv finden, der sich dann einsenkt in die weitere 
Nervensubstanz des Gehirns. Und so sind im Grunde genommen 
alle Nerven gewissermafien Fortsetzungen der Sinnesorgane. Die 
Prozesse, die sich in ihnen abspielen, spielen sich mehr oder weni- 
ger durch aufieren EinflufS ab, durch dasjenige, was von aufien auf 
den Menschen wirkt. Man konnte sagen: Wie man in der aufieren 
Welt die beiden Magnetpole hat, wie man positive und negative 
Elektrizitat hat, so haben wir wirklich in der Blutsubstanz und in 
der Nervensubstanz zwei Pole der menschlichen physischen We- 
senheit. Und sie sind innerlich sehr, sehr verschieden, diese beiden 
Stoffarten, Blutstoff und Nervenstoff. Wenn man allerdings so 
nach den Methoden der heutigen Anatomie und Physiologie auf 
dem Seziertisch den Menschen untersucht, so legt man hiibsch 
nebeneinander dasjenige, was aus dem Blut direkt stammt und 
dasjenige, was seinen Aufbau von aufien erhalt, die Nervensub- 
stanz; und es erscheint Substanz neben Substanz. Aber sie sind 



doch grundverschieden voneinander. Und wenn man das Leben 
verfolgt, wie es sich entwickelt nach und nach, dann zeigt sich 
schon auch der grofie, bedeutsame Unterschied im Blutstoff und 
im Nervenstoff, und wir konnten vieles anfiihren aus der aller- 
modernsten Anatomie und Physiologie, wenn wir diesen Unter- 
schied, diesen polarischen Gegensatz naher begriinden wollten. 
Das aber soil jetzt unterlassen werden. Wir wollen mehr auf die 
geisteswissenschaftliche Seite der Frage eingehen. 

Da stellt sich uns das Blut - ich spreche vom Menschen - dar als 
dasjenige, was in die menschliche Organisation gekommen ist durch 
die Vorgange, die im besonderen Erdenvorgange sind. Das Blut ist 
durchaus Erdenwesen. Sie wissen ja, dafi der Mensch lange, lange 
bevor es eine Erde gab, durch Saturn-, Sonnen- und Mondendasein 
vorbereitet worden ist. Was da vorbereitet worden ist, das alles hat 
das Blut noch nicht in sich. Das Blut, so wie es als menschliches Blut 
heute durch unsere Adern flielk, ist hinzugekommen durch die Er- 
denorganisation. Dagegen ist in der Konstruktion, in der ganzen 
Formung und Bildung des Nervenwesens dasjenige enthalten, was 
lange, lange vorbereitet worden ist durch den Saturn-, Sonnen- und 
Mondenprozefi, durch die Vorprozesse unserer Erdenorganisation. 

Wenn nun derjenige, der geisteswissenschaftlich diese Sache un- 
tersucht, seinen Blick wirft einerseits auf die Blutsubstanz, anderseits 
auf die Nervensubstanz, so zeigt sich ihm gerade dann ein gewaltiger 
Unterschied zwischen den beiden Substanzen. Die Nervensubstanz 
ist durchaus dasjenige, was am Menschen nicht irdisch ist. Die Blut- 
substanz ist durchaus dasjenige, was am Menschen irdisch ist. Die 
Nervensubstanz hat ganz ihren Ursprung, ihren Prozefi-Ursprung, 
in Vorgangen, die vor der Bildung der Erde liegen. Die Blutsubstanz 
mit allem, was in ihr walk und webt, hat ganz den Ursprung in irdi- 
schen Vorgangen. Man konnte sagen, unsere Nervensubstanz ist so, 
dafi sie eigentlich ganz und gar nicht von dieser Erde ist, sie ist in uns 
eingewoben als ein Kosmisches, ein Aufierirdisches, sie ist verwandt 
mit dem Kosmos. Das Blut ist ganz und gar verwandt mit dem Irdi- 
schen. Nun ist aber unsere Nervensubstanz in das Irdische herein- 
versetzt, sie existiert hier im Irdischen, denn wir Menschen als stoff- 



liche Wesen gehen auf der physischen Erde herum. Wir tragen alle in 
unserer Nervensubstanz etwas in uns, das eigentlich aufierirdischen 
Ursprungs und auf die Erde versetzt ist. Das ist eine aufierordentlich 
wichtige Tatsache. Denn unsere Nervensubstanz ist eigentlich so, 
wie sie in uns lagert, tot. Daher brauchen Sie auch nur das nachst- 
beste der gewohnlichen gegenwartigen Biicher iiber Physiologie 
oder Anatomie aufzuschlagen und Sie werden sehen, dafi die Ner- 
vensubstanz als Substanz das Haltbarste im Menschen ist, das Un- 
veranderlichste, dasjenige, welches in derselben Weise wie die Blut- 
substanz am wenigsten unmittelbar mechanischen, aufteren Einfliis- 
sen unterliegt. Es unterliegt den Einf liissen der Sinnesempf indungen, 
aber nicht unmittelbar mechanischen Einfliissen. Das alles kommt 
davon her, daft unsere Nervensubstanz ihrem Ursprung nach eine 
lebende Substanz ist; aber dadurch, dafi wir sie als Erdenmenschen in 
uns tragen, ist sie tot. Man konnte sagen — wenn das nicht paradox 
ware, aber es ist, trotzdem es paradox ist, richtig im geistigen Sinne - 
: Wenn man Nervensubstanz nehmen konnte und sie hinauftragen 
bis dahin, wo die Erdenkrafte nicht mehr wirken, so wiirde Nerven- 
substanz ein wunderbar lebendiges, vibrierendes Wesen sein! Diese 
Nervensubstanz ist zum Leben angelegt gewissermafien im Himmel, 
in allem Aufierirdischen, und sie stirbt ab zu dem Grade des Tot- 
seins, in dem sie in unserem Organismus ist, dadurch, dafi sie in die 
Sphare des Irdischen hereingebracht wird. Das ist etwas hochst 
Merkwiirdiges. Wir tragen in uns diese Nervensubstanz, die eigent- 
lich kosmisch lebendig und nur irdisch tot ist. Wie gesagt, wiirde 
man ein Stiickchen Nervensubstanz nehmen und hinauftragen da, 
wo die Erde nicht mehr hinwirkt, so wiirde man eine wunderbare, 
lebende, leuchtende Substanz haben, die sogleich wiederum iibergin- 
ge in diesen ruhigen, leblosen Zustand, in dem sie in uns lagert, wenn 
sie in die Erdensphare hereingebracht wird. Wir haben es also in 
unserer Nervensubstanz mit einem Kosmisch-Lebendigen und 
Irdisch-Toten zu tun. 

Wir tragen stofflich in unserer Nervensubstanz tatsachlich ein 
Aufierirdisches in uns. Das driickt sich auch symbolisch sehr gut 
aus. Vielleicht werden sich einige von Ihnen noch erinnern konnen, 



dafi ich einmal hier uber die Anthroposophie im engeren Sinne 
vorgetragen habe. Da habe ich die Sinne des Menschen aufgezahlt. 
Gewohnlich unterscheidet man nur fiinf Sinne; wir haben dazumal 
zwolf aufgezahlt. Zwolf Sinne hat der Mensch, wenn man alles, was 
Sinn genannt werden kann, wirklich aufzahlt. Und die Sinne sind 
ja schliefilich nichts anderes, als dasjenige, wozu die Nerven hin- 
gehen, oder eigentlich von dem die Nerven ausgehen und sich nach 
innen erstrecken, so dafi wir im Grunde genommen zwolf Sinne 
haben, und von den zwolf Sinnen ausgehend, die Nerven wie klei- 
ne Baume nach dem Innern sich erstreckend. Das ist deshalb, weil 
sich in unserem Nervenapparat, insofern er zu den aufieren Sinnen 
gehort, ausdriickt ein Himmlisches: der Durchgang der Sonne 
durch die zwolf Sternbilder. Dieses Verhaltnis des Durchgehens 
der Sonne durch die zwolf Sternbilder ist symbolisch, aber real- 
symbolisch ausgedriickt in dem Verhaltnis unseres gesamten Ner- 
vensy stems zu den einzelnen zwolf Sinnen. Daraus konnen Sie 
ersehen, dafi wir dasjenige, was draufien kosmisch vorhanden ist in 
dem Durchgang der Sonne durch die zwolf Sternbilder, wirklich in 
uns tragen raumlich in dem Verhaltnis unseres gesamten Nerven- 
systems zu den zwolf Sinnen. Und wiederum, wenn Sie das mehr 
nach innen gelagerte Nervensystem nehmen, das zum Riickenmark 
gehort, so haben wir ja ubereinandergelagert im Riickgrat Ring 
nach Ring, und da hindurch geht der Nervenstrang. Diese Ringe 
entsprechen wirklich den Monaten, dem Gang des Mondes um die 
Erde herum, so dafi auch in diesem Hingehen immer eines Nervs 
zu einem Loch in dem Ring des Riickgrates gegeben ist etwas, was 
einem Tag im Monat entspricht. Wiederum ein himmlisches Ver- 
haltnis! Das Verhaltnis des Mondenganges um die Erde driickt sich 
real-symbolisch aus in dem, was wir in uns tragen als Verhaltnis 
unserer Innennerven zum Riickenmark. Wir sind ganz und gar, 
insofern wir aus Nervensubstanz aufgebaut sind, aus dem Himmel 
heraus gebaut, aus dem Kosmos draufien, und derjenige allein ver- 
steht richtig diese wunderbare Anordnung der Nervensubstanz in 
uns, der in ihr ein Abbild des ganzen Sternenhimmels wahrnehmen 
kann. Der Mensch tragt da wirklich ein Abbild des ganzen Sternen- 



himmels in sich in der baumartigen Anordnung seiner Nervensub- 
stanz, und diejenigen Krafte, die draufien fliefien von Stern zu 
Stern, die sich ausdriicken in dem Kreislauf des Himmels, die flie- 
fien wirklich, aber abgestorben und in uns lagernd, in unserem 
Nervensystem. Und wie wir bei so vielem sehen konnen, wie im 
Grunde genommen das ganze Universum sich in dem Menschen 
ausdriickt, so konnen wir es auch an diesem Zusammenhange zwi- 
schen dem Aufbau des ganzen Kosmos aufierhalb der Erde und 
unserem Nervenbau sehen. Wenn wir sagen konnen, dafi das Ner- 
vensystem fur den Himmel gebaut ist, so ist es lebendig fur den 
Himmel gebaut und ist abgestorben in uns dadurch, dafi es in der 
Sphare der Erde ist. 

Ganz anderes rmissen wir uber unsere Blutsubstanz sagen. Die 
ist durchaus irdisch, und die Vorgange, die im Blute vor sich gehen, 
miifiten nach der inneren Beschaffenheit des ganzen Blutsystems 
eigentlich nur irdische Vorgange sein. Das Eigentumliche der irdi- 
schen Vorgange ist aber, dafi sie eben nicht leben. Das Mineralreich 
ist, wie wir wissen, dasjenige, was auf der Erde dazugekommen ist, 
das leblose Reich. Und ganz entspricht diesem leblosen Reich in uns 
das Element des Blutes. Zwar lebt dieses Blut, solange es in uns ist, 
aber es ist nicht durch seine innere irdische Natur zum Leben be- 
stimmt, das ist das Eigentumliche, sondern dadurch, dafi es verbun- 
den ist mit dem im Menschen, was aufierirdisch ist, bekommt es sein 
Leben. Wahrend das Nervensystem eigentlich zum Leben im Kos- 
mos draufien, aufierirdisch, bestimmt ist und in uns tot ist, ist das Blut 
bestimmt, in uns tot zu sein und erlangt ein Leben von aufien. Das 
Nervensystem gibt gewissermafien sein Leben ab an das Blut, und so 
ist das Nervensystem verhaltnismafiig tot, das Blut verhaltnismafiig 
das Lebendige. So wahr das Nervensystem kosmisch Leben und ir- 
disch Tod hat, so wahr hat das Blut umgekehrt durch sich irdisch Tod 
und erborgtes, ihm aufgedrangtes kosmisches Leben. Das Leben ist 
iiberhaupt nicht von unserer Erde. Daher mufi das Nervensystem 
gewissermafien den Tod aufnehmen, damit es irdisch werden kann, 
und das Blut mufi lebend werden, damit der Mensch, insofern er irdi- 
sche Substanz ist, der aufierirdischen Welt sich zuwenden kann. 



Da aber wird, ich mochte sagen, dasjenige, was wir immer auf- 
zunehmen hatten durch die Geisteswissenschaft, recht ernst. Denn 
eigentlich mussen wir ja sagen: Wir tragen in uns die Nervensub- 
stanz, sie ist zum Leben bestimmt durch ihre eigene Wesenheit, 
aber sie ist tot. Wodurch ist sie tot? Dadurch, dafi sie auf die Erde 
versetzt ist. Der Tod - Sie brauchen es nur nachzulesen in einem 
Vortragszyklus, den ich einmal in Miinchen gehalten habe -, ist 
eigentlich das Reich des Ahriman. Damit tragen wir in unserem 
Nervensystem, indem es getdtet ist durch die irdische Sphare, das 
Ahrimanische in uns. Und in dem Blute, indem es lebendig ge- 
macht wird, wahrend es durch seine eigene Natur zum Tode be- 
stimmt ist, das heifk zu blofien chemischen und physischen Vor- 
gangen, tragen wir das Luziferische in uns. Weil das Nervensystem 
ein Totes ist, kann Ahriman in uns sein, weil das Blut ein Leben- 
diges ist, kann Luzifer in uns sein. Sie sehen jetzt, wie bedeutsam 
sich diese beiden Substanzen von einander abheben, wie sie sich 
wie Nord- und Siidpol polarisch zueinander verhalten. 

Nun blicken wir einmal hinaus im Gedanken in das Aufierirdische 
und machen dasjenige, was wir geisteswissenschaftlich erkennen, 
nicht zu einer abstrakten Theorie, sondern zu etwas Lebendigem, das 
unser Gefiihl, unser Empfinden ergreifen kann. Dann blicken wir 
hinauf in den Weltenraum, in das Aufterirdische, und sagen uns: Da 
draufien ist der Geist, der eigentlich in unserem Nervensystem leben 
konnte, wenn unser Nervensystem nicht auf die Erde heruntergegan- 
gen ware. Da drauften ist der Geist, wir ahnen ihn, erfullend das Uni- 
versum, der Geist, der zu unserem Nervensystem gehort. Und wie- 
derum, indem wir den Gedanken auf unser Blut lenken, sagen wir 
uns: Dieses Blut tragen wir in uns, es ist eigentlich durch seine eigene 
Wesenheit zu blofi physischen und chemischen Vorgangen be- 
stimmt, blofi um umgesetzt zu werden durch den Sauerstoff in der 
Weise, wie Sie das in der Anatomie, in der Physiologie beschrieben 
finden konnen. Aber dadurch, dafi es in uns lebt, hat es Teil an dem 
Leben des Universums. Aber es ist zunachst luziferisches Leben. 

Und jetzt, meine lieben Freunde, erinnern wir uns recht tief, ge- 
fuhls- und empfindungsmafiig recht grundlich an mancherlei, das 



wie ein roter Faden durch viele unserer Betrachtungen gegangen ist. 
Erinnern wir uns an alles dasjenige, das wir gesagt haben iiber das 
Herabsteigen des Christus aus den Weltenspharen in unsere Erden- 
sphare, so werden wir dasjenige, was so in unserer Erinnerung auf- 
tauchen kann,. verbinden konnen mit den Gedanken, die eben jetzt 
geaufiert worden sind. Wir sind ja aus diesem Weltenall, aus diesem 
Universum stammend. Einst, in der lemurischen Zeit, sind wir her- 
abgekommen, oder uberhaupt im Laufe der Erdenentwickelung sind 
wir herabgekommen, haben unsere Entwickelung mit der Erde ver- 
bunden. Aber indem wir unser Nervensystem zur Entwickelung der 
Erde anvertraut haben, haben wir es der Totwerdung anvertraut, und 
sein Leben haben wir oben gelassen. Dieses Leben, das wir oben 
gelassen haben, ist dasselbe, das spater nachgekommen ist in der 
Christus-Wesenheit. Das Leben unserer Nerven, das wir nicht in uns 
tragen, das wir nicht vom Anfange unseres Erdendaseins an in uns 
tragen konnten, es ist nachgekommen in der Christus-Wesenheit. 
Und was mufke es ergreifen im Erdendasein? Es mufite ergreifen das 
Blut! Daher das viele Hinblicken auf das Blutmysterium. Dasjenige, 
was in uns getrennt ist, indem das Nervensystem sein kosmisches 
Leben verloren und das Blut ein kosmisches Leben bekommen hat, 
dafi Leben Tod und der Tod Leben wurde, das erreichte eine neue 
Verbindung dadurch, dafi dasjenige, was nicht in unserem irdischen 
Nervensystem lebt, aus dem Kosmos zu uns niedergestiegen ist, 
Mensch geworden ist, in das Blut getreten ist, das Blut sich aber mit 
der Erde vereinigt hat, wie ich in fruheren Vortragen ausgefuhrt 
habe. Und wir als Menschen konnen durch die Teilnahme am Chri- 
stus-Mysterium den polarischen Gegensatz ausgleichen zwischen 
unserem Nervensystem und unserem Blutsystem. 

Sehen Sie, die Menschen tragen diesen Gegensatz einmal in sich, 
und dieser Gegensatz spricht sich in der verschiedensten Weise aus. 
Da gibt es zum Beispiel eine aufiere Wissenschaft, die jetzt in der 
Naturwissenschaft gewissermafien ihren Abschlufi, ihre Zielset- 
zung gefunden hat. Die Naturwissenschaft spricht von der Welt als 
aus Atomen aufgebaut. Diese Atome, von denen die Naturwissen- 
schaft spricht, sind reine Phantasie. Sie sind draufien nirgends. 



Warum spricht aber der Mensch doch von Atomen? Weil er in sich 
sein Nervensystem aus lauter Kiigelchen gebaut hat, und das pro- 
jiziert er hinaus. Die atomistische Welt draufien ist nichts anderes 
als das hinausprojizierte Nervensystem. Der Mensch selbst verlegt 
sich hinaus in die Welt, denkt sie sich aus Atomen zusammenge- 
setzt, sein Nervensystem selbst aus den einzelnen Ganglien-Kiigel- 
chen zusammengesetzt. Daher wird die Wissenschaft immer atomi- 
stisch sein wollen, denn sie kommt aus der Nervensubstanz. Der 
Wissenschaft steht gegeniiber alles dasjenige, was Mystik, was Re- 
ligion und so weiter ist, was aus dem Blut kommt. Das will nicht 
Atomistik, das will iiberall die Einheit sehen. Diese beiden Gegen- 
satze streiten sich in der Welt. Man ist erst aufgeklart iiber diesen 
Streit, wenn man weift, dafi das der innere Streit in der menschli- 
chen Natur zwischen Nervensubstanz und Blutsubstanz ist. Es 
gabe keinen Streit in der Welt zwischen Wissenschaft und Religion, 
wenn nicht in der Menschennatur der Streit ware zwischen Ner- 
vensubstanz und Blutsubstanz. 

Den Ausgleich findet man dadurch, dafi man in der richtigen Art 
sich vereinigen kann mit demjenigen, was als das Christus-Wesen die 
Erde durchpulst seit dem Mysterium von Golgatha. Jede Empfin- 
dung, jedes Erlebnis, das wir haben konnen in Ankniipfung an dieses 
Mysterium von Golgatha, tragt zum Ausgleich bei. Die Menschen 
sind heute noch nicht sehr weit in bezug auf diese Ausgleichung, aber 
das Streben mufi dahin gehen. Wir selbst in unserem Kreise finden 
sehr haufig, wie der charakterisierte Gegensatz nach der einen oder 
nach der anderen Richtung sich auspragt. Viele sind unter uns, die 
horen sich die Lehren der Anthroposophie an und nehmen sie wie 
eine aufiere Wissenschaft, so dafi sich in den Kopfen von vielen An- 
throposophie gewissermafien nicht unterscheidet von aufierer Wis- 
senschaft. Aber Anthroposophie ist erst dann in richtigem Sinn ver- 
standen, wenn sie nicht blofi mit dem Kopf aufgefafit wird, sondern 
wenn sie uns in jeder ihrer Aufierungen Enthusiasmus gibt, wenn sie 
in uns so lebt, dafi sie den Ubergang findet von Nervensystem zu 
Blutsystem. Wenn wir uns erwarmen konnen fur die Wahrheiten, die 
in der Anthroposophie enthalten sind, dann erst verstehen wir sie. 



Solange wir sie blofi abstrakt fassen, indem wir sie gewissermafien 
studieren wie ein Einmaleins, ein Rechenbuch, ein Dienstreglement 
oder ein Kochbuch, so lange verstehen wir sie nicht. Ebensowenig 
verstehen wir sie, wenn wir diese Anthroposophie studieren wie die 
Chemie oder wie die Botanik. Wir verstehen sie erst, wenn sie uns 
warm macht, wenn sie uns erfullt mit dem Leben, das in ihr waltet. 
Der Christus hat einmal gesagt: «Ich bin bei euch bis ans Ende der 
Erdentage.» Und er ist nicht blofi als ein Toter, er ist als ein Lebender 
unter uns und er offenbart sich immer. Und nur diejenigen, die so 
kurzsichtig sind, dafi sie sich vor diesen Offenbarungen fiirchten, 
sagen, man solle bei dem bleiben, was immer gegolten hat. Diejeni- 
gen aber, die nicht feige sind, wissen, dafi der Christus sich immer 
offenbart. Deshalb durfen wir dasjenige, was er als Anthroposophie 
offenbart, als eine wirkliche Christus -Of fenbarung aufnehmen. - 
Oft, meine lieben Freunde, werde ich gefragt von unseren Mitglie- 
dern: Wie setze ich mich in Verbindung mit dem Christus? - Es ist 
eine naive Frage! Denn alles, was wir anstreben konnen, jede Zeile, 
die wir lesen aus unserer anthroposophischen Wissenschaft, ist ein 
Sich~in-Beziehung-Setzen zu dem Christus. Wir tun gewissermaflen 
gar nichts anderes. Und derjenige, der nebenbei noch ein besonderes 
Sich-in-Beziehung-Setzen sucht, der driickt nur naiv aus, dafi er ei- 
gentlich vermeiden mochte den etwas unbequemen Weg, etwas zu 
studieren oder etwas zu lesen. 

Aber noch etwas anderes konnen Sie sehen aus dieser Betrach- 
tung. Diese Betrachtung hat begonnen, ich mochte sagen, wie ganz 
aufterlich-wissenschaftlich, wie anatomisch-physiologisch. Von der 
stofflichen Betrachtung des Menschen sind wir ausgegangen, und 
den Ubergang finden wir nun zu der hochsten Erkenntnis, die sich 
dem Menschen auf Erden bieten kann: zu der Christologie. Diesen 
Ubergang kann Ihnen keine andere Wissenschaft geben. Die Geistes- 
wissenschaft zeigt Ihnen, wie unsere Nervensubstanz etwas verloren 
hat dadurch, dafi sie irdische Substanz geworden ist. Wo aber ist das, 
was unsere Nervensubstanz verloren hat? Als Jesus von Nazareth 
dreifiig Jahre alt war, zog Christus in den Leib des Jesus von Naza- 
reth und ging durch das Mysterium von Golgatha! Versuchen Sie nur 



einmal, sich so recht zu durchwarmen mit diesem Gedanken. Dasje- 
nige, was, weil wir Erdenmenschen sind, unserem Nervensystem 
fehlt, was nur ausgefiillt ist durch Ahrimanisches, das tritt uns da 
entgegen im Mysterium von Golgatha, und unsere Menschenauf gabe 
ist es, es ins Bhit aufzunehmen, um das Luziferische zu durchchri- 
sten im Blute, unseren Enthusiasmus so zu gestalten, dafi es in uns 
lebt. Denn alles dasjenige, was wir in abstrakten Gedanken denken 
konnen, ist gebunden an Nervensubstanz, alles dasjenige, was in uns 
lebt als Gefuhl, als Gemiit, als Enthusiasmus, als Stimmung, ist ge- 
bunden ans Blut. So, wie im Organismus die Beziehung ist zwischen 
Nervensubstanz und Blutsubstanz, so ist in der Seele die Beziehung 
zwischen dem Denken, das in Abstraktionen, in kalten Gedanken, 
wie man sagt, verlauft, und dem Enthusiasmus, in den wir versetzt 
werden konnen, wenn die Dinge fur uns nicht kalte Gedanken blei- 
ben, wenn wir warm gemacht werden konnen durch den Geist, wozu 
wir uns ja allerdings im Leben erst erziehen mussen. 

Und jetzt sehen Sie, ich mochte sagen, geistig-physiologisch 
hinein in dasjenige, was sich vollzogen hat mit dem Mysterium von 
Golgatha. Nachgezogen ist dem Menschen dasjenige, was er zu- 
riickgelassen hat, und wiederum soil es ihn durchseelen, weil es ihn 
nicht durchkorpern sollte im Beginne des Erdenwirkens. Hatte es 
ihn durchdrungen im Beginne des Erdenwirkens, so hatte es ihn 
durchkorpert, und er ware ein Automat des Geistes geworden. So 
aber hat er erst seine Entwickelung eine Zeitlang im Erdenlauf 
vollendet, und dann erst sollte ihn durchseelen, was ihn nicht vom 
Anfange an durchkorpern sollte. Das ist der grofie, wunderbare 
Zusammenhang, der uns bis in den Stoff hinunter die Wirksamkeit 
des Geistigen zeigt, nicht nur jenes allgemeinen Geistigen, von dem 
der verschwommene Pantheismus so gern redet, sondern des kon- 
kret Geistigen, das wir durch das Mysterium von Golgatha gehen 
sehen. Das ist es, was ich gemeint habe, wenn ich sagte, dafi mit der 
allgemeinen Wahrheit: Alle Materie ist eine Offenbarung des Gei- 
stes - , nichts Besonderes gesagt ist. Erkenntnis gewinnen wir erst, 
wenn wir im besonderen wissen, wie in dem einzelnen materiellen 
Dasein das Geistige sich offenbaren kann. Sehen Sie, wenn man 



heute dasjenige, was die aufiere Wissenschaft bietet, nimmt, dann 
ist ja da eine ganze Fiille enthalten von Dingen, die als Material 
daliegen, die da warten, von geistiger Auffassung durchdrungen zu 
werden. So stark konnen sie von geistiger Auffassung durchdrun- 
gen werden, dafi sich allerallermateriellste Wissenschaft verbinden 
wird mit Christologie. Aber wir leben eben in einem Zeitalter, in 
dem es den Menschen schwer wird, den Weg zu finden, der gewis- 
sermaften Nervensystem und Blutsystem verbindet. 

Deshalb habe ich Ihnen durch eine Reihe von Betrachtungen ge- 
zeigt, wie weit unsere Zeit entfernt ist von einer solchen geistgema- 
fien Auffassung der Welt. Noch das letztemal zeigte ich Ihnen an 
einem besonderen Beispiel, wie es selbst einem, der gestrebt hat nach 
dem Geistigen, Hermann Bahr, jetzt nur gelungen ist, nachdem er 
iiber fiinfzig Jahre alt geworden ist, das allerelementarste Sich- 
Nahern an den Geist zu erreichen, wahrend groteske Erscheinungen 
gewissermafien unser geistiges Leben beherrschen, wie jener Philoso- 
phie-Professor in Czernowitz, von dem ich Ihnen einen Ausspruch 
vorgelesen habe. Damit er uns ja nicht entfalle, will ich Ihnen diesen 
Ausspruch doch noch einmal vorlesen: «Wir haben nicht mehr Philo- 
sophic als ein Tier, und nur die rasenden Versuche, zu einer Philoso- 
phic zu kommen, und die endliche Ergebung in Nichtwissen unter- 
scheiden uns von dem Tiere.» - Das ist die Quintessenz dieser Philo- 
sophic, aber Philosophic kann man es ja nicht nennen, denn «der 
Mensch hat nicht mehr Philosophic als ein Tier», nach dem Aus- 
spruch dieses Philosophie-Professors. Das heiftt, wir sind heute so 
weit, dafi es regelrecht angestellte Professoren der Philosophic gibt, 
die sich zur Aufgabe machen, Philosophic als lacherlichen Unsinn 
hinzustellen. Hier bemerkt man es, wenn einer gerade so weit geht. 
Die meisten anderen Philosophen tun es ja auch, aber sie lassen es sich 
nicht so anmerken. Und die Wahrheit gilt nicht nur fur Philosophen, 
sie gilt auch fur andere Menschen, die so viel von ihrer Aufgabe ver- 
stehen, wie dieser Philosoph von seiner Philosophic, dafi sie so viel 
ruinieren von dem, wofiir sie angestellt sind, wie dieser Philosoph 
von der Philosophic ruiniert. Aber sonst bemerkt man es nicht so, 
wenn man es nicht gerade so zynisch auf dem Prasentierteller den 



Menschen vorhalt wie dieser, zur Vernichtung der Philosophic als 
Professor der Philosophic angestellte Philosoph, Richard Wahle. 

Deshalb ist es notwendig - Sie brauchen sich nur, urn die Not- 
wendigkeit einzusehen, an einen Vortrag zu erinnern, den ich vor 
einigen Wochen hier gehalten habe -, dafi ein wenig angekmipft 
werde an die Zeit des europaischen Geisteslebens, da man versucht 
hat, wenn auch noch nicht mit den heutigen Mitteln der Geistes- 
wissenschaft, dem Geiste nahe zu kommen. Aus diesem Grunde 
habe ich gerade in dieser jetzigen schweren Zeit die Vortrage der 
verflossenen Winter gehalten und sie jetzt zusammengefafit in dem 
Buch, das nachstens fertig werden wird, «Vom Menschenratsel», 
wo das Denken, Schauen und Sinnen einer Anzahl von Geistern 
des 19. Jahrhunderts zusammengefafit ist, die eben noch nach dem 
Geistigen strebten, wenn auch noch nicht mit den Mitteln der heu- 
tigen Geisteswissenschaft. Aber ich versuchte, in diesem Buche zu 
zeigen, wie diese Geister hinstrebten zum Geiste, wenn sie ihn 
auch noch nicht erreichen konnten. Es wird sich ja zeigen, ob nicht 
vielleicht gerade dieses Buch «Vom Menschenratsel», das die Vor- 
trage der letzten Winter zusammenfalk, trotzdem es so leicht als 
moglich geschrieben ist, manchem zu schwer sein wird und er es 
beim Kaufen bewenden lassen wird, was das weniger Wichtige ist. 
Das Wichtigere ist das Lesen! Es wird sich ja zeigen, ob dieses 
Buch, das wirklich geschrieben ist, um der Zeit zu dienen, eine 
Wirkung tut, ob es in die Seelen einzieht. Es ist ein Buch, das von 
jedem verwendet werden kann, um gewissermafien denjenigen, die 
aufierhalb unseres Kreises stehen, den Beweis zu liefern, dafi Gei- 
steswissenschaft wie eine Forderung der besten Geister der unmit- 
telbaren Vergangenheit dasteht, dafi sie nicht etwas ist, das nur aus 
einer gewissen Willkiir heraus entspringt, sondern wirklich eine 
Forderung der besten Geister ist. 

Und so mochte ich die Anregung machen, dafi einzelnes von dem 
gelesen wird, was so wunderschon geistig im Laufe des 19. Jahrhun- 
derts von Geistern des Abendlandes zutage gefordert worden ist, 
GroEes, Bedeutsames. Aber mit all diesen Bestrebungen geht es ja 
ganz sonderbar. Zu dem Groiken - ich habe in anderem Zusammen- 



hang darauf hingewiesen, in diesem Buche war es nicht notwendig, 
noch einmal darauf zuriickzukommen - gehoren die philosophi- 
schen Schriften Schillers, zum Beispiel die Briefe «Uber die astheti- 
sche Erziehung des Menschen». Man kann sagen, wer das mit inne- 
rem Anteil gelesen hat, hat aufierordentlich viel fur das Leben seiner 
Seele getan. Es haben sich ja verschiedene Leute Miihe gegeben, die 
Menschen hinzuweisen auf die philosophischen Schriften Schillers. 
Deinhardt war solch einer, der in Wien lebende Heinrich Deinhardt. 
Er hat ein schones, aufierordentlich geistvolles Biichelchen geschrie- 
ben iiber Schillers Weltanschauung in den Sechzigerjahren des 19. 
Jahrhunderts. Ich glaube nicht, dafi Sie es irgendwo bekommen, es ist 
langst eingestampft, hochstens irgendwo ein verlorenes antiquari- 
sches Exemplar, denn gelesen hat das, was Deinhardt iiber Schiller 
geschrieben hat, das zu dem Besten gehort, was iiber Schiller ge- 
schrieben worden ist, niemand! Aber der Mann war ein vergessener 
Lehrer in Wien, der das Malheur gehabt hat, sich einmal ein Bein zu 
brechen, und, trotzdem es mit Sorgfalt eingerichtet worden ist, 
konnte er nicht gesund werden, weil er zu schlecht ernahrt war. Der 
Mann hat eines der besten Biicher iiber Schiller geschrieben, ein 
Buch, das sicherlich besser ist, als alle die zahlreichen Quatsch- 
Schriften, die spater iiber Schiller geschrieben worden sind; aber er 
mufite verhungern. So geht es eben. 

Mit diesem meinem Buch sollte noch einmal versucht werden, 
Geister wie Fichte, Schelling, Hegel, Troxler, Planck, Preufi, Im- 
manuel Hermann Fichte und einige andere lebendig zu machen in 
unserer Gegenwart. Das, was sie enthalten, ist eine ganz andere 
Seelennahrung als dasjenige, was die heutigen Menschen so vielfach 
suchen, die ganz ehrlich, aber mifileitet suchen. Wie tat einem doch 
das Herz weh, wenn man immer wieder und wiederum sah, wie 
ehrlich suchende Menschen griffen zu dem oder jenem, um fur ihre 
Seele Nahrung zu haben, um einen Weg zu haben in die geistige 
Welt hinein. Hatte man zu solchen Schriften wie Schellings «Clara» 
oder «Bruno» gegriffen, unendliche Seelennahrung - allerdings mit 
einiger Anstrengung, aber die tut gut! - hatte man gewinnen kon- 
nen. Immer lebendiger und lebendiger wurde ja ein gewisses naives 



Seelensuchen der letzten Zeit, aber das Hochste, zu dem man sich 
verstieg, war in weiteren Kreisen so etwas wie die Seelensauce von 
Ralph Waldo Trine oder dergleichen, oder jene geistige Seelensau- 
ce, die entsteht, indem man irgendeine Ausgestaltung des Buddhis- 
mus oder des Brahmanismus oder ahnliches mit einer Sauce ver- 
bramt. Da hat man die sonderbarsten Erfahrungen machen konnen. 
Ich kannte einen ganz lieben Menschen - er ist vor kurzem hier in 
Berlin gestorben der, als ich zuerst veroffentlicht hatte die 
Schriften, die ich der Interpretation Goethes gewidmet habe, fur 
diese Schriften dazumal enthusiasmiert war. Dann ist er alter ge- 
worden und hat nun - daraus sehen Sie, dafi der Enthusiasmus nur 
so ein Spriihfeuer war - gerade in der letzten Zeit eine ganze 
Menge von solchen Seelensauce-Werken, nicht gerade Ralph Wal- 
do Trine, aber andere aus dem Amerikanisch-Englischen ins Deut- 
sche iibersetzt. Man brauchte ja lange Zeit hindurch amerikanisch- 
englische Seelennahrung hier in Europa. 

Fiihlen wir doch nur, was zu tun ist, urn eben diesem Gefuhle zu 
entsprechen. In diesen Schriften und dann auch in der kleinen 
Schrift, die jetzt schon hier ist, «Die Aufgabe der Geisteswissen- 
schaft», versuchte ich zu zeigen, was gegeben werden kann auch den- 
jenigen, die aufierhalb unseres Kreises stehen. Naturlich kann gerade 
diese Schrift «Die Aufgabe der Geisteswissenschaft» Menschen ge- 
geben werden, die aufierhalb unseres Kreises stehen, und es wird sich 
ja zeigen, ob Verstandnis da ist fur dasjenige, was gerade demjenigen 
als Aufgabe obliegt, der etwas begreift von der Notwendigkeit des 
Einfliefiens geisteswissenschaftlicher Wahrheiten in unserer gegen- 
wartigen Zeit. Ich habe ja wahrhaftig im Laufe der Zeit nicht blofi 
diesen oder jenen abfalligen Satz gesagt, den ich gerade in dieser 
schweren Zeit zu Ihnen gesprochen habe, sondern ich habe die Din- 
ge begriindet, im einzelnen erzahlt, das oder jenes belegt. Ich habe 
Ihnen nicht blofi gesagt, dafi die Philosophen Homunkeln sind, son- 
dern ich habe Ihnen einen besonders charakteristischen Ausspruch 
erst das letzte Mai wieder angefuhrt und manches andere noch, um 
Ihnen eine Vorstellung zu geben, wie die Dinge liegen, und wie in 
diesem ersten Drittel unserer funften nachatlantischen Zeit alles nach 



dem Homunkulismus hin tendiert, nach der Geistesleerheit hin sich 
zu entwickeln sucht. Durchschauen miissen wird man immer mehr 
und mehr dasjenige, was Sie gerade in dem neuen Buch auseinander- 
gesetzt finden werden: den Unterschied zwischen einem blofi richti- 
gen, logisch richtigen Begriff und einem wirklichkeitsgemafien Be- 
griff. Ein logisch richtiger Begriff braucht noch nicht wirklichkeits- 
gemafi zu sein. Und das versuchte ich besonders herauszuarbeiten, 
was ein wirklichkeitsgemafies Denken ist. Darauf beruht so unend- 
lich viel Jammervolles in unserem Geistesleben, daE die Leute glau- 
ben, wenn sie irgend etwas logisch denken konnen, so sei das auch 
schon wirklichkeitsgemafi. Aber wirklichkeitsgemaftes Denken ist 
etwas anderes, als blofi richtiges Denken. Wenn Sie hier einen Baum- 
stamm liegen sehen: Er ist eine aufiere Wirklichkeit. Wenn Sie ihn 
denken, diesen Baumstamm, ist er keine Wirklichkeit, denn er kann 
nicht als solcher existieren. Er muE die Triebe in sich haben, die sich 
in Zweigen und Blattern und Bliiten entwickeln. Er ist eine wirkliche 
Luge, ein «wirkliches Unwirkliches» ist er, der Baumstamm, weil das 
Bild, das er Ihnen bietet, nicht da sein kann. Wirklichkeitsgemafi 
denkt nur derjenige, der fuhlt, indem er einen Baumstamm denkt, 
dafi er etwas Unwirkliches denkt. Und so bestehen die meisten der 
heutigen Wissenschaften aus Gedanken iiber Unwirklichkeiten. Die 
Geologie denkt heute die Erde rein mineralisch. Aber dieses Minera- 
lische der Erde gibt es gar nicht, es existiert nicht fur sich, geradeso- 
wenig, wie ein Baumstamm fur sich existiert; denn das Mineralreich 
der Erde enthalt schon die Pflanzen, Tiere und Menschen in sich, 
und nur, wenn man das letztere mit dem Mineral zusammengefiigt 
denkt, denkt man eine Wirklichkeit. Die Geologie ist eine ganz un- 
wirkliche Wissenschaft. 

Das ist die eine Eigentiimlichkeit dieses Buches, dafi ich den Be- 
griff der Wirklichkeit herauszuarbeiten versuchte. Die andere Eigen- 
tiimlichkeit ist, dafi ich wenigstens die Anfangsgesichtspunkte geben 
wollte von einem imaginativen Denken, zu dem sich die Menschen 
werden entwickeln miissen. Sie werden allerlei Vergleiche finden in 
dem Buche, das da erscheinen wird, indem nicht in abstrakt logi- 
schen Begriffsentwickelungen vorgegangen wird, sondern gesagt 



wird: Wenn einer zum Beispiel das atomistisch-naturwissenschaft- 
liche Weltbild denkt, so ist es so, wie wenn er verlangen wiirde, dafi 
das, was die Naturwissenschaft denkt, wirklich sei, wie wenn er glau- 
ben wiirde, wenn er einen Menschen malt, dafi dann der gemalte 
Mensch herumgehen konne. - In solchen bildlichen Darstellungen 
ist versucht worden vorzugehen gerade in diesem Buche. Und man 
wird sehen, ob dieser eigentiimliche Stil bemerkt wird. Es ist ein 
Anfang gemacht mit einer besonderen Art der Darstellung, die man 
sonst in der Gegenwart nicht so leicht findet. 

Aber man mufi sich ganz klar dariiber sein, wie weit entfernt im 
Grunde genommen die Gegenwart ist von einem unbefangenen Hin- 
nehmen dieser Dinge. Die Gegenwart - ich habe es oft gesagt - ist j a 
so autoritatsglaubig wie nur irgend etwas. Sie sieht sich dann nicht an, 
was, sagen wir, hinter den Autoritaten steht. Die Autoritaten werden 
heute bemessen nach den Titeln und Amtern, die sie haben, aber was 
dahinter steht, darauf kommt es ja an. Ich mochte Ihnen doch ein net- 
tes Beispiel, das vor kurzem erzahlt worden ist, geben, wie weit vor- 
geschritten in unserer Zeit der Homunkulismus schon ist, wie weit 
vorgeschritten das Denken in der reinen Aufierlichkeit ist. Da fiihrt 
ein Mann ganz nett und gutmeinend - er ist gegen den Homunkulis- 
mus, wenn er auch nicht weifi, was er an die Stelle des Homunkulis- 
mus setzen soil - einen interessanten Beleg an fur dasjenige, was die 
Homunkulusse unserer Zeit fur das eigentlich Grofie, Bedeutende 
halten. Es gibt ja heute schon viele, die als ihren Gott die Technik ver- 
ehren; ich habe Ihnen besondere Beispiele vor einigen Wochen hier 
angefuhrt. Als Beleg aber, wie machtig die Uberzeugung von der 
Gottheit der Technik schon war, moge folgende Ungeheuerlichkeit 
angefuhrt werden, der ungeheuerliche Ausspruch eines ernsten Man- 
nes gesetzten Alters, eines Arztes und Familienvaters, der - das wird 
uns alles gesagt - in nichts hervorragt oder vertieft ist, welcher also 
alle Bedingungen hat, um ein Urteil von der soliden Marke des gesun- 
den Menschenverstandes abzugeben. Als die Welt der Zeitungen vor 
dem Kriege durch den kiihnen Flug des f ranzosischen Aviatikers Pe- 
goud in tiefes Staunen versetzt wurde, sagte jener Mann, der also ein 
Urteil ganz im Stile der Zeit gab, denn er ist « Arzt, Familienvater und 



in nichts hervorragend», hat daher alle Bedingungen zu einem soliden 
und gesunden Menschenverstand, iiber den Kulturwert der Flugma- 
schine ganz ernst und mit festem Pathos: «Eine Schraube vom Flug- 
apparat von Pegoud ist wichtiger als alle Philosophic von Kant und 
Schiller, und wenn ihr wollt, als alle Philosophien aller Zeiten.» - 
Glauben Sie nicht, daft dies ein so seltener Ausspruch ist! Das ist 
schon dasjenige, was heute viele beherrscht als Gesinnung, und was 
sich immer mehr und mehr als Gesinnung herausarbeitet. 

Man machte ja schon langst so seine Beobachtungen auf diesem 
Gebiete. Es ist jetzt schon mehr als zwanzig Jahre her, ich hatte 
eine Reihe von offentlichen Vortragen gehalten, da lud mich auch 
eine Dame ein, ich solle in ihrem Salon Vortrage halten iiber Goe- 
the. Das habe ich auch dazumal getan, denn sie hat aus ihrem 
Kreise ein ganz grofies Publikum zusammengebracht. Da sprach 
ich iiber Goethes «Faust» und einige andere Goethesche Dramen. 
Bei den Frauen ging es noch, aber die Manner haben meistens ge- 
sagt: Das ist ja nicht Dramatik, das ist eine Wissenschaft, der 
«Faust»! - Sie meinten namlich, im Theater solle man Blumenthal 
sehen und nicht Goethes «Faust». - Ja, es ist schon so, daft man in 
der Gegenwart den Dingen zusteuert, die schlieftlich gipfeln in 
einem solchen Urteile, wie das Ihnen eben vorgelesene. Sehen Sie, 
jetzt geht ja manches schnell. So sind auch diese Memoiren - nicht 
Selbstgeschriebenes, sondern so Nachgeschriebenes von einem an- 
deren, man kann es nicht gut Memoiren nennen - von einem jiingst 
verstorbenen, weitberuhmten, naturforscherischen Gelehrten er- 
schienen. Es ist doch interessant, einen der Ausspruche dieses 
weitberuhmten Mannes - ich mag gar nicht seinen Namen nennen, 
Sie wiirden staunen, was fur ein weltberuhmter Mann das ist - sich 
vor die Seele zu fuhren. Der Mann war also, wie gesagt, einer der 
benihmtesten Menschen der Gegenwart, groft in seinem Fach, und 
diese Grofte soli ihm selbstverstandlich in keiner Weise bestritten 
werden. Aber einer seiner Ausspruche ist: «Philosophie geht mich 
nichts an. Es ist mir ganz gleich, ob sich die Sonne um die Erde, 
oder die Erde um die Sonne bewegt. Das wiirde mich nur interes- 
sieren, wenn ich mich mit Astronomie beschaftigte.» - Es ist ein 



Mann, der der Welt ein medizinisches Praparat iibergeben hat, von 
dem alle Welt redet, der sich mit nichts befafit hat, als mit diesem 
engsten Kreise, und der ruhig gesteht, es interessiere ihn nicht 
weiter, ob die Erde sich urn die Sonne, oder die Sonne sich urn die 
Erde bewege; damit wiirde er sich nur beschaftigen, wenn er Astro- 
nom ware. Es ist derselbe Mann - es ist mir wahrhaftig nicht darum 
zu tun, irgend jemanden anzuschwarzen oder uber irgend jeman- 
den zu schimpfen, denn es ist ein zweifellos mit Berechtigung be- 
ruhmter Mann auf seinem Gebiete -, der sich abends Klavier vor- 
spielen liefi, aber die Musik so auffafite, daft man durch sie «abge- 
zogen» wird und sich daher besser im Denken konzentrieren kann, 
so dafi man eigentlich nichts von ihr hort. So liefi er sich jeden 
Abend Musik von seiner Frau vorspielen auf dem Klavier. Er ver- 
stand gar nichts davon, es war ihm nur angenehm, daft er so abge- 
zogen wurde. Nur sonnabends lielS er sich nicht vorspielen, denn 
da wartete er auf Wichtigeres. Da kam namlich immer dasjenige, 
auf das er besonders brennend wartete: ein Detektivroman, ein 
ganz schauerlicher, in einem furchtbaren Einband. Und den las er 
mit ganz besonderem Behagen. Das war ihm noch lieber als das 
Klavierspiel, darum liefS er sich sonnabends nichts vorspielen. Ein 
Detektivroman, nicht wahr, wie sie so durch Kolporteure kommen 
- sie kommen gewohnlich auf der anderen Seite der Treppe, nicht 
durchs Vorderhaus! Wie gesagt, es ist das nicht vorgebracht, um 
uber jemanden zu schimpfen, sondern um zu zeigen, wie diese 
unsere Zeit beschaffen ist. Und wir miissen doch bedenken: Diese 
Autoritaten stehen hinter den Laboratoriumstischen, hinter den 
Seziertischen, von diesem Geiste beseelt ist schliefilich dasjenige, 
was ja selbstverstandlich aufierlich verdienstvoll sein kann, was 
aber dazu fuhren mufi, dafi allmahlich unsere ganze Kultur, nicht 
nur unsere geistige, sondern unsere ganze Kultur, in Technizismus, 
das heifit in Homunkulismus ubergeht. Diese Gefahr mull man 
erkennen, und man mufi aus dieser Erkenntnis heraus versuchen, 
die Wege zu finden, durch die der Geist an die Menschen heran- 
kommen kann. Wirklich nicht aus subjektiver Voreingenommen- 
heit fiir die Geisteswissenschaft, sondern aus der Erkenntnis ihrer 



notwendigen Bedeutung fur die Gegenwart sind die Dinge gesagt, 
die im Laufe dieses Winters gerade hier gesagt worden sind, von 
denen ich glaube, dafi es gut ist, wenn sie in einige Seelen ein- 
dringen. 

Der nachste Dienstag konnte uns wohl noch hier zusammen- 
fiihren, denn das Buch wird wohl noch acht Tage in Anspruch 
nehmen. 



DRITTER VORTRAG 



Berlin, 20. Juni 1916 

Die zwolf Sinne des Menschen 

Bevor ich heute zu dem Gegenstand unserer Betrachtungen zu 
kommen habe, drangt es mich, ein Wort zu sagen iiber jenen gro- 
fien, schmerzlichen Verlust, den wir fur den physischen Plan in 
diesen Tagen erfahren haben. Sie wissen es ja, Herrn von Moltkes 
Seele ist am vorgestrigen Tage durch die Todespforte gegangen. 
Dasjenige, was der Mann seinem Volke war, die iiberragende Rolle, 
die er gespielt hat innerhalb der grofien schicksaltragenden Ereig- 
nisse unserer Zeit, und die bedeutsamen, tiefen Impulse aus dem 
Menschengeschehen heraus, von denen sein Tun, sein Wirken 
getragen war, das alles zu wiirdigen, wird zunachst die Aufgabe 
anderer sein, wird sein die Aufgabe der kommenden Geschichte. In 
unseren Tagen ist es ja unmoglich, iiber alle Dinge, die gerade diese 
unsere Tage betreffen, ein vollstandig erschopfendes Bild zu geben. 
Aber wie gesagt, in bezug auf dasjenige, was andere und die Ge- 
schichte sagen werden, soil heute hier nicht gesprochen werden, 
obwohl es die innigste Uberzeugung desjenigen ist, der zu Ihnen 
hier spricht, dafi die kommende Geschichte sehr viel gerade iiber 
diesen Mann zu sagen haben wird. Aber einiges von dem, was vor 
meiner Seele in diesem Augenblicke steht, das darf und soli hier 
gesagt werden, wenn es auch notig ist, dafi ich das eine oder das 
andere Wort so sage, dafi es mehr sinnbildlich khngt als im eigent- 
lichen Sinne, der ja erst nach und nach verstandlich werden wird. 
Es steht vor meiner Seele dieser Mann und dieses Mannes Seele wie 
ein aus der Entwickelung unserer Zeit herausgeborenes Symbolum 
unserer Gegenwart und der nachsten Zukunft selber, wahrhaftig 
ein Symbolum fur dasjenige, was geschehen soil und geschehen 
mufi in einem sehr, sehr wirklichen, sehr wahren Sinne des Wortes. 

Wir betonen es immer wieder und wiederum, dafi es wahrhaftig 
nicht eine Willkiir dieser oder jener Menschen ist, das der Gegen- 



warts- und nachsten Zukunftskultur einzuverleiben, was wir die 
Geisteswissenschaft nennen, dafi diese Geisteswissenschaft eine 
Notwendigkeit der Zeit ist, dafi die Zukunft nicht wird bestehen 
konnen, wenn nicht die Substanz dieser Geisteswissenschaft in das 
Menschenwerden hineinfliefit. Und hier, meine lieben Freunde, 
haben Sie das Grofte, Bedeutsame, das tins jetzt vor Augen treten 
soil, indem wir gedenken der Seele Herrn von Moltkes. Wir hatten 
mit ihm einen Mann, eine Personlichkeit unter uns, welche im al- 
lerwirksamsten, im allerimfierlich-tatigsten Leben der Gegenwart 
stand, demjenigen Leben, das sich aus der Vergangenheit heraus 
entwickelt hat und in unserer Zeit zu einer der allergrolken Krisen 
gekommen ist, welche die Menschheit im Verlaufe ihrer bewufiten 
Geschichte zu durchleben hat, einen Mann, der mit die Heere fuhr- 
te, mitten in den Ereignissen stand, die den Ausgangspunkt bilden 
unserer schicksaltragenden Gegenwart und Zukunft. Und zugleich 
haben wir in ihm eine Seele, einen Mann, eine Personlichkeit, die 
das alles war, und Erkenntnis suchend, Wahrheit suchend hier 
unter uns gesessen hat mit dem heiligst-heifiesten Erkenntnisdrang, 
der nur irgendeine Seele der Gegenwart durchseelen kann. 

Das ist dasjenige, was vor unsere Seele treten soli. Denn damit 
ist diese Seele der eben durch die Todespforte geschrittenen Per- 
sonlichkeit neben allem anderen, was sie geschichtlich ist, ein iiber- 
ragendes geschichtliches Symbolum. Dafi er unter denjenigen war, 
die im aufteren Leben unter den Ersten stehen, dafi er diesem 
aufieren Leben diente und doch die Briicke fand zu dem Geistes- 
leben, das durch diese Geisteswissenschaft gesucht wird, das ist ein 
tiefgehend bedeutsames historisches Symbolum; das ist das, was die 
Empfindung eines Wunsches in unsere Seele legen kann, der aber 
nicht ein personlicher Wunsch ist, sondern der herausgeboren ist 
aus dem Drange der Zeit, der die Empfindung, die wunschende 
Empfindung in unsere Seele legen kann: Mogen viele und immer 
mehr, die in seiner Lage sind, es so machen wie er! Darinnen liegt 
das bedeutsam Vorbildliche, das Sie fuhlen sollen, das Sie empfin- 
den sollen. Wie wenig auch im aufieren Leben von dieser Tatsache 
gesprochen werden mag, darauf kommt es nicht an, am besten, 



wenn gar nichts davon gesprochen wird; aber eine Realitat ist sie, 
und auf die Wirkungen kommt es an, nicht auf dasjenige, was ge- 
sprochen wird. Eine Realitat des geistigen Lebens ist diese Tatsa- 
che. Denn diese Tatsache ftihrt uns dazu, einzusehen: Diese Seele 
hatte in sich die Empfindung der richtigen Deutung der Zeichen 
der Zeit. Mogen viele dieser Seele folgen, die vielleicht heute in der 
einen oder in der anderen Richtung noch sehr fern stehen demje- 
nigen, was wir hier Geisteswissenschaft nennen. 

Deshalb ist es wahr, dafl dasjenige, was fliefit und pulsiert durch 
diese unsere geisteswissenschaftliche Stromung, von dieser Seele 
ebensoviel empfangen hat, als wir ihr geben konnten. Und das 
sollten wir gut im Gedachtnis behalten, denn oftmals habe ich hier 
gesprochen davon. Es bedeutet, dafi jetzt in unserer Zeit in die 
geistige Welt Seelen gehen, die dasjenige in sich tragen, was sie hier 
in der Geisteswissenschaft aufgenommen haben. Wenn nun eine im 
tatigsten Leben stehende Seele durch die Todespforte zieht und 
nunmehr oben ist in der lichten Welt, die uns durch unsere Er- 
kenntnis ermittelt werden soli, wenn wir sie da oben wissen, wenn 
mit anderen Worten dasjenige, was wir suchen, durch eine solche 
Seele durch die Todespforte getragen wird, dann ist es durch die 
Vereinigung, die es eingegangen ist gerade mit einer solchen Seele, 
eine tief bedeutsame, wirkende Macht in der Geisteswelt. Und die- 
jenigen Seelen, die hier sind und mich verstehen in diesem Augen- 
blick, werden niemals wieder vergessen dasjenige, was ich hier in 
diesem Augenblicke gemeint habe uber die Bedeutung der Tatsa- 
che, dafi diese Seele dasjenige, was durch Jahre durch unsere Gei- 
steswissenschaft geflossen ist, nun mit hinaufnimmt in die geistige 
Welt, dafi das in ihr Kraft und Wirksamkeit wird. 

Das alles kann ja selbstverstandlich nicht dazu da sein, den 
Schmerz, den wir empfinden uber einen solchen Verlust auf dem 
physischen Plane, in trivialem Sinne hinwegzudampfen. Leid und 
Schmerz sind in solchem Falle berechtigt. Aber Leid und Schmerz 
werden erst grofi und gewichtig und selber wirksame Krafte, wenn 
sie durchzogen sind von vernimftigem Begreifen desjenigen, was 
dem Schmerz und dem Leide zugrunde liegt. Und so nehmen Sie 



dasjenige, was ich gesprochen habe, als den Ausdruck des Schmer- 
zes iiber den Verlust auf dem physischen Plane, den das deutsche 
Volk und die Menschheit erfahren hat. 

Noch einmal, meine lieben Freunde, erheben wir uns: 

Geist Deiner Seele, wirkender Wachter! 
Deine Schwingen mogen bringen 
Unserer Seelen bittende Liebe 
Deiner Hut vertrautem Spharensohn, 
Dafi, mit Deiner Macht geeint 
Unsre Bitte helfend strahle 
Der Seele, die sie liebend sucht. 

Meine lieben Freunde, in den letzten Zeiten habe ich ofter zu 
Ihnen gesprochen davon, wie dasjenige, was als okkulte Substanz 
gewissermafSen durch das Menschenwerden, durch die Menschen- 
entwickelung fliefk, einen aufieren Ausdruck gefunden hat - und 
ich habe ja diesen aufieren Ausdruck genauer charakterisiert in den 
letzten Betrachtungen -, einen Ausdruck, der heute schon vielfach 
recht aufterlich ist in allerlei mehr oder weniger okkulten oder 
symbolischen Verbriiderungen und Vereinigungen. Wir leben nun 
in der Zeit, in welcher dasjenige, was an okkulter Erkenntnis aus 
der geistigen Welt gewonnen werden kann, in einer anderen Weise, 
in der Weise, die wir zu betatigen versuchen seit Jahren, an die 
Menschheit herangebracht werden mufi, in welcher die anderen 
Wege gewissermafien veraltet sind. Gewifi, sie werden sich eine 
Zeitlang noch fortpflanzen, aber sie sind in einer gewissen Bezie- 
hung veraltet. Es komrat viel darauf an, dafi man gerade diese 
Tatsache in der richtigen Weise versteht. 

Nun erinnern Sie sich, da$ einer derjenigen Namen, die ich 
unserer Geisteswissenschaft gern gebe, dieser ist: Anthroposophie, 
und dafi ich ja vor Jahren hier schon gerade von diesem Orte aus 
Vortrage gehalten habe, die ich dazumal Vortrage iiber Anthropo- 
sophie nannte. Bei unserer letzten Betrachtung habe ich bei einer 
gewissen Gelegenheit wiederum angespielt auf diese Vortrage iiber 



Anthroposophie, namentlich darauf, dafi ich dazumal betont habe, 
der Mensch habe eigentlich zwolf Sinne. Und ich habe ja das letz- 
temal ausgefiihrt, daft dasjenige, was verbreitet ist iiber die Nerven- 
substanz des Menschen im Zusammenhange mit seinen Sinnen, 
nach der Zwolfzahl geordnet ist, weil der Mensch einmal in diesem 
tiefsten Sinne ein Mikrokosmos ist und den Makrokosmos abbil- 
det. Zwolf Sternbilder, durch die der Sonne Kreislauf im Jahre 
geht, draufien im Makrokosmos - zwolf Sinne, in denen das Ich des 
Menschen eigentlich lebt hier auf dem physischen Plan! Gewifi, die 
Dinge sind draufien, in der Zeit aufeinanderfolgend etwas anders: 
Die Sonne bewegt sich vom Widder durch den Stier und so weiter 
bis wieder zuriick durch die Fische zum Widder. Der jahrliche 
Sonnenkreislauf geht durch diese zwolf Sternbilder. Alles, auch 
was wir in uns tragen, was wir in uns seelisch erleben, steht im 
Verhaltnis zur Aufienwelt durch unsere zwolf Sinne. Diese zwolf 
Sinne habe ich dazumal aufgezahlt: der Tastsinn, der Lebenssinn, 
der Bewegungssinn, der Gleichgewichtssinn, der Geruchssinn, der 
Geschmackssinn, der Sehsinn, der Warmesinn, der Gehorsinn, der 
Sprachsinn, der Denksinn, der Ichsinn. Im Umkreise gleichsam 
dieser zwolf Sinne bewegt sich unser ganzes Seelenleben, gerade so, 
wie die Sonne sich im Umkreis der zwolf Sternbilder bewegt. Aber 
der aufiere Vergleich schon geht auch noch viel weiter. Bedenken 
Sie, dafi die Sonne wahrend des Jahres durch die Sternbilder vom 
Widder gehen mull bis hin gegen die Waage, dafi die Sonne gleich- 
sam im Lichte des Tages durch die oberen Sternbilder, wahrend der 
Nacht durch die unteren Sternbilder geht, und dafi dieses Gehen 
der Sonne durch die unteren Sternbilder zunachst dem aufieren 
Lichte verborgen ist. So ist es auch mit dem Leben der Menschen- 
seele in diesen zwolf Sinnen. Tagessinne sind eigentlich nur an- 
nahernd die eine Halfte davon, wie die eine Halfte der Sternbilder 
nur Tag-Sternbilder sind, die anderen Nacht-Sternbilder. 

Sehen Sie, der Tastsinn ist wirklich etwas, wovon wir sagen 
konnen, er drangt den Menschen schon hinein in das Nachtleben 
des Seelischen; denn mit dem Tastsinn tappen wir grobsinnlich 
an die aufiere Welt an. Und versuchen Sie nur einmal, sich zu 



erklaren, wie wenig der Tastsinn im Grunde genommen mit dem 
Tages-, das heifk mit dem wirklichen bewufiten Seelenleben 
zusammenhangt. Das konnen Sie daraus sehen, daf$ Sie die 
Eindriicke der anderen Sinne leicht werden im Gedachtnisse 
aufbewahren konnen, aber versuchen Sie selbst, wie wenig Sie 
die Erfahrungen des Tastsinnes im Gedachtnisse aufbewahren 
konnen. Versuchen Sie, wie wenig Sie sich erinnern, wie irgend- 
ein Stoff sich angefuhlt hat, den Sie vor Jahren anfuhlten, ja, wie 
wenig Sie sogar das Bedurfnis haben, sich daran zu erinnern. 
Das taucht schon hinunter, so wie das Licht aufhort und in die 
Dammerung versinkt, wenn die Sonne in dem Sternbild der 
Waage hinuntergeht in die Nacht, in die Region der Nacht- 
Sternbilder hinein. Und vollig verborgen, mochte ich sagen, fur 
das wache, offene Seelenleben sind dann die anderen Sinne. 

Der Lebenssinn: In den wenigsten Seelenbetrachtungen der au- 
£eren Wissenschaft finden Sie uberhaupt von diesem Lebenssinn 
gesprochen. Gewohnlich redet man ja nur von den funf Sinnen, 
den Sinnen des Tages, des wachen Bewufitseins. Aber das braucht 
uns ja nicht weiter anzugehen. Es ist dieser Lebenssinn der Sinn, 
durch den wir unser Leben in uns fiihlen, aber eigentlich nur, wenn 
es gestort wird, wenn es krank wird, wenn uns dies oder jenes 
schmerzt oder gerade weh tut; dann kommt der Lebenssinn und 
zeigt uns an: Dir tut es da oder dort weh. Wenn das Leben gesund 
ist, ist es getaucht in die Untergriinde, so wie das Licht nicht da ist, 
wenn die Sonne im Skorpion steht, uberhaupt in einem Nacht- 
Sternbild steht. 

Ebenso ist es beim Bewegungssinn. Dieser Bewegungssinn ist ja 
dasjenige, wodurch wir wahrnehmen, wie in uns die Tatsachen 
verlaufen dadurch, dafi wir irgend etwas in Bewegung bringen. 
Jetzt erst spricht die aufiere Wissenschaft etwas von diesem Bewe- 
gungssinn. Sie weifi jetzt erst, da$ von der Art und Weise, wie die 
Gelenke aufeinander driicken - dadurch, dafi ich zum Beispiel den 
Finger beuge, driickt diese Gelenkflache auf die andere die Be- 
wegung, die unser Korper ausfiihrt, wahrgenommen wird. Wir 
gehen, aber wir gehen unbewuftt. Dem liegt ein Sinn zugrunde: die 



Wahrnehmung der Bewegungsfahigkeit, wiederum in Nacht des 
Bewufitseins gegossen. 

Nehmen Sie weiter den Gleichgewichtssinn. Wir erringen ihn uns 
ja eigentlich im Leben erst allmahlich. Aber wir denken nicht daran, 
weil er in der Nacht des Bewufkseins liegt. Das Kind hat ihn noch 
nicht, es kriecht auf dem Boden. Der Gleichgewichtssinn wird erst 
erworben. Die Wissenschaft hat erst in den letzten Jahrzehnten das 
Sinnesorgan fur den Gleichgewichtssinn entdeckt. Ich habe davon 
gesprochen, dafi im Ohre die drei halbzirkelformigen Kanale sind, 
die in den drei Richtungen des Raumes aufeinander senkrecht 
stehen. Wenn diese beschadigt sind in uns, dann bekommen wir 
Schwindel, das heiik, wir haben das Gleichgewicht nicht mehr. So 
wie wir fur das Gehor das aufiere Ohr haben, fur das Sehen das Auge, 
so haben wir fur das Gleichgewicht die drei halbzirkelformigen Ka- 
nale, die nur durch einen besonderen Verwandtschaftsrest von Ton 
und Gleichgewicht an das Ohr gebunden sind. Aber sie sind da drin- 
nen in der Felsenbein-Hohle des Ohres. Es sind drei Halbkreise aus 
kleinen, winzigkleinen Knochelchen gebildet. Aber sie brauchen nur 
beschadigt zu sein, und die Moglichkeit, das Gleichgewicht zu hal- 
ten, ist dahin. Wir erwerben uns die Empfanglichkeit fur diesen 
Gleichgewichtssinn erst im Laufe unserer ersten Kindheit; aber er ist 
in Nacht des Bewufitseins getaucht. Wir merken ihn nicht. 

Dann kommt die Dammerung und dammert herauf ins Bewufit- 
sein. Denken Sie aber, wie wenig eigentlich diejenigen Sinne, die 
nun auch noch etwas verborgen sind - Geruchssinn und Ge- 
schmackssinn - mit unserem Seelenleben in hoherem Sinne zu tun 
haben. Wir miissen schon untertauchen in das Korperleben, um so 
recht uns hineinleben zu konnen in den Geruch. Geschmackssinn 
ist ja nun schon eine starke Dammerung fur die Menschen, da 
dammert es schon herauf ins Bewufitsein. Aber Sie konnen noch 
immer gleichsam das Seelenexperiment machen, das ich vorhin 
angefuhrt habe fur den Tastsinn: Sie werden sich sehr schwer erin- 
nern an die Wahrnehmungen des Geruchs- und des Geschmacks- 
sinnes. Und nur dann, wenn das Seelenleben mehr ins Unbewufite 
hinuntertaucht, kommt gewissermafien der Geruchssinn fur das 



bewufke Seelenleben ein wenig zur Geltung. So wissen Sie ja viel- 
leicht, dafi es Tonkiinstler gegeben hat, die besonders inspiriert 
wurden dadurch, dafi sie in die Nahe desselben Wohlgeruchs ka- 
men, den sie einmal bei einer anderen Tonschopfung erlebt haben. 
Es dammert gar nicht der Wohlgeruch im Gedachtnis herauf, aber 
dieselben Seelenvorgange dammern herauf ins voile Bewufitsein, 
die mit dem Geruchssinn zusammenhangen. Geschmackssinn, nun, 
das ist ja schon fur die meisten Menschen starke Dammerung. Aber 
es zeigen doch die meisten Menschen, dafi der Geschmackssinn 
doch noch mindestens in der Dammerung des Seelenlebens, noch 
nicht im vollen Tag des Seelenlebens liegt; denn die wenigsten 
Menschen geben sich zufrieden mit dem rein seelischen Eindruck 
des Geschmackssinnes, sonst miifiten wir, wenn uns etwas recht 
geschmeckt hat, ebenso froh sein, wenn wir uns daran erinnern, 
wie wenn wir es wieder zu schmecken kriegen. Und das ist ja, wie 
Sie wissen, fur die rneisten Menschen nicht so. Sie wollen es wieder 
haben, sind nicht zufrieden damit, sich nur zu erinnern an dasjeni- 
ge, was ihnen gut geschmeckt hat. 

Dann aber kommen wir mit dem Gesichtssinn da herauf, wo die 
Sonne des Bewufitseins aufgeht, wir kommen in das voile Wachbe- 
wufitsein mit dem Gesichtssinn. Die Sonne geht immer hoher und 
hoher. Zum Warmesinn kommt sie, zum Tonsinn, vom Tonsinn in 
den Sprachsinn. Die Sonne steht am Mittag. Zwischen Tonsinn und 
Sprachsinn ist die Mittagszeit des Seelenlebens. Nun kommen 
Denksinn, Ichsinn. Der Ichsinn ist nicht der Sinn fur das eigene 
Ich, sondern fur die Wahrnehmung des Ich im andern, naturlich - 
es ist ja Wahrnehmung, es ist ja Sinn! Das Bewufttsein vom Ich, 
vom eigenen Ich, ist etwas ganz anderes. Das habe ich dazumal in 
den Anthroposophie-Vortragen auseinandergelegt. Es kommt hier- 
bei nicht darauf an, da$ man von seinem eigenen Ich weifi, sondern 
daft man dem anderen Menschen gegeniibersteht und dafi er einem 
sein Ich offnet. Die Wahrnehmung fur das Ich des anderen, das ist 
der Ichsinn, nicht das eigene Ich-Wahrnehmen. 

Das sind die zwolf Sinne, vor denen sozusagen das Seelenleben 
des Menschen erscheint wie die Sonne vor je einem der zwolf 



Sternbilder. Das bezeugt Ihnen, wie der Mensch im wahrsten Sinne 
des Wortes wirklich ein Mikrokosmos ist. Gegeniiber solchen Din- 
gen ist unsere gegenwartige Wissenschaft vielfach noch ganz und 
gar unwissend. Unsere gegenwartige Wissenschaft wird noch den 
Tonsinn gelten lassen, aber nicht mehr den Sprachsinn, obwohl 
niemals das gesprochene Wort in seiner hoheren Bedeutung durch 
den blofien Tonsinn erfafit werden konnte. Dazu mufi der Sprach- 
sinn kommen, der Sinn fur die Bedeutung desjenigen, was im 
Worte sich ausdriickt. Und der Sprachsinn wiederum ist nicht ei- 
nerlei mit dem Denksinn, und der Denksinn nicht mit dem Ichsinn. 
Wie unsere Zeit sich irrt in bezug darauf, dafiir mochte ich Ihnen 
ein Beispiel anfuhren. Eduard von Hartmann, der wirklich sehr, 
sehr stark gesucht hat, beginnt sein Buch «Grundrifi der Psycholo- 
gie» gleich mit den folgenden Worten - wie mit Selbstverstandlich- 
keit setzt er diese Worte hin -: «Der Ausgangspunkt der Psycho- 
logic sind die psychischen Phanomene, und zwar fur jeden die ei- 
genen, da nur diese ihm unmittelbar gegeben sind, und niemand in 
das Bewulksein eines anderen hineinzuschauen vermag.» Die er- 
sten Satze einer Seelenkunde eines der bedeutendsten Philosophen 
der unmittelbaren Gegenwart gehen davon aus, dafi man ableugnet 
die Sinne: Sprachsinn, Denksinn, Ichsinn. Man weifi nichts davon. 
Und denken Sie doch, dafi hier ein Fall vorliegt, wo geradezu die 
Absurditat, der absoluteste Unsinn wissenschaftlich werden mull, 
damit man die Dinge ableugnen kann! Gerade wenn man nicht 
verworren gemacht ist durch diese Wissenschaft, kann man sehr 
leicht die Fehler einsehen, die diese Wissenschaft macht. Denn die- 
se Seelenkunde sagt: In die Seele des anderen siehst du nicht hinein, 
die deutest du dir nur aus ihren Aufierungen. Also denken Sie ein- 
mal, die Seele des anderen soil man sich deuten durch ihre Aufie- 
rungen! Wenn jemand einem ein liebes Wort sagt, das soil man erst 
deuten! Ist das wahr? Nein, es ist nicht wahr! Das liebe Wort wirkt 
unmittelbar, wie die Farbe, die auf Ihr Auge wirkt! Und dasjenige, 
was als Liebe in der Seele lebt, wird auf den Flugeln des Wortes in 
Ihre Seele getragen, so wie die Farbe in Ihr Auge getragen wird. 
Unmittelbare Wahrnehmung ist es, von einer Deutung ist da nicht 



die Rede. Die Wissenschaft mufi uns erst in unserer Egoitat ab- 
schliefien durch ihren Unsinn, urn nicht aufmerksam darauf zu 
machen, dafi wir, indem wir mit unseren Mitmenschen leben - und 
ich habe gesagt: beim Ichsinn, Denksinn, Sprachsinn kommt es 
darauf an -, wir immittelbar mit ihren Seelen leben. Wir leben mit 
den Seelen der anderen, wie wir mit den Farben und mit den Tonen 
leben, und wer das nicht einsieht, weifi uberhaupt nichts vom see- 
lischen Leben. Das ist das Wichtigste, dafi man gerade solche Dinge 
durchschaut. Es werden heute ausfuhrliche Theorien verbreitet 
dariiber, dafi eigentlich alle Eindriicke, die wir von anderen Men- 
schen bekommen, nur symbolisch seien und gedeutet wiirden aus 
den Aufierungen. Es ist aber gar nichts wahr daran. 

Aber nun formen Sie das Bild vor Ihrer Seele: Aufgang der 
Sonne, Erscheinen des Lichtes, wiederum Untergang der Sonne. Es 
ist das makrokosmische Bild fur das Mikrokosmische des Seelen- 
lebens des Menschen, das sich bewegt, allerdings jetzt nicht im 
Kreislauf, sondern so, wie es Bediirfnis ist fur das menschliche 
Seelenleben, innerhalb der zwolf Sternbilder des Seelenlebens, das 
heifit der zwolf Sinne. Jedesmal, wenn wir das Ich eines anderen 
wahrnehmen, sind wir auf der Tagesseite der Seelensonne. Wenn 
wir in uns selbst eintauchen, unser inneres Gleichgewicht, unsere 
Bewegung wahrnehmen wiirden - wir nehmen sie nicht wahr, weil 
es die Nachtseite ist sind wir eben auf der Nachtseite des Seelen- 
lebens. Und jetzt wird es Ihnen nicht mehr so unwahrscheinlich 
scheinen, wenn ich Ihnen sage: Indem der Mensch geht durch die 
Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, werden fur ihn 
besonders diejenigen Sinne von einer grofien Bedeutung - weil sie 
sich dann vergeistigen -, die hier in sein Inneres hineinziehen, die 
hier untergehen, und die Sinne gehen mehr unter, die hier aufge- 
hen. So wie die Sonne heraufkommt, so kommt die Menschenseele 
herauf, ich mochte sagen, zwischen dem Geschmackssinn und dem 
Sehsinn, und geht wiederum im Tode unter. Wenn wir, das konnen 
Sie aus verschiedenen Beschreibungen, die ich fruher gegeben habe, 
die Sie ja nachlesen konnen in den Zyklen, ersehen, in der Zeit 
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt eine Seele driiben 



finden, so finden wir sie - sogar in der «Geheimwissenschaft» fin- 
den Sie das schon angedeutet - wie innerlich mit uns vereint. Nicht 
indem wir ihr aufterlich gegenuberstehen und den Eindruck ihres 
Ich von aufien her empfangen, sondern durch Vereinigung nehmen 
wir sie wahr. Da wird der Tastsinn ganz geistig. Und was jetzt 
unterbewufk, nachthaft konnte ich sagen, bleibt: Gleichgewichts- 
sinn, Bewegungssinn, das alles spielt vergeistigt die grofke Rolle in 
dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. 

Es ist wirklich so, daft wir uns bewegen durch das Gesamtleben, 
wie die Sonne sich bewegt durch die zwolf Sternbilder. Wir treten in 
unser Leben ein, indem unser Bewufitsein fur die Sinne gewisserma- 
fien aufgeht bei der einen Weltensaule und untergeht bei der anderen 
Weltensaule. An diesen Saulen gehen wir voriiber, wenn wir am Ster- 
nenhimmel gewissermafien von der Nachtseite in die Tagseite hin- 
eingehen. Darauf suchten denn nun auch diese okkulten oder sym- 
bolischen Gesellschaften immer hinzuweisen, indem sie die Saule der 
Geburt, die der Mensch passiert, wenn er eintritt in das Leben der 
Tagseite, Jakim nannten. Sie miissen diese Saule letzten Endes am 
Himmel suchen Und dasjenige, was wahrend des Lebens zwischen 
dem Tod und einer neuen Geburt Aufienwelt ist, sind die Wahrneh- 
mungen des uber die ganze Welt verbreiteten Tastsinnes, wo wir 
nicht tasten, sondern getastet werden, wo wir fiihlen, wie uns die 
geistigen Wesen iiberall beriihren, wahrend wir hier das andere be- 
ruhren. Wahrend des Lebens zwischen Tod und neuer Geburt leben 
wir in der Bewegung darinnen, so dafi wir diese Bewegung so fiihlen, 
wie wenn hier in uns ein Blutkorperchen oder ein Muskel seine Ei- 
genbewegung fiihlen wiirde. Im Makrokosmos fiihlen wir uns uns 
bewegend zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, das Gleichge- 
wicht fiihlen wir, und im Leben des Ganzen fiihlen wir uns darinnen. 
Hier ist unser Leben in unserer Haut abgeschlossen, dort aber fiihlen 
wir uns im Gesamt-, im All-Leben drinnen und fiihlen uns in jeder 
Lage uns selbst unser Gleichgewicht gebend. Hier gibt uns die 
Schwerkraft der Erde und unsere besondere Korperkonstitution das 
Gleichgewicht, und wir wissen eigentlich in der Regel nichts davon. 
Jederzeit fiihlen wir das Gleichgewicht in dem Leben zwischen dem 



Tod und einer neuen Geburt. Das ist eine unmittelbare Empfindung, 
die andere Seite des Seelenlebens. Der Mensch tritt durch Jakim in 
das Erdenleben ein, versichernd durch Jakim: Dasjenige, was drau- 
fien im Makrokosmos ist, das lebt jetzt in dir, du bist jetzt ein Mikro- 
kosmos, denn das heilk das Wort «Jakim»: In dir das iiber die Welt 
ausgegossene Gottliche. 

Boas, die andere Saule: der Eintritt durch den Tod in die geistige 
Welt. Dasjenige, was mit dem Worte Boas zusammengefafit ist, be- 
deutet ungefahr: Das, was ich bisher in mir gesucht habe, die Starke, 
die werde ich ausgegossen finden iiber die ganze Welt, in ihr werde 
ich leben. - Aber man kann solche Dinge nur verstehen, wenn man 
durch geistige Erkenntnis in sie eindringt. In den symbohschen Brii- 
derschaften werden sie symbolisch angedeutet. Mehr werden sie an- 
gedeutet in unserem fiinften nachatlantischen Zeitraum aus dem 
Grunde, damit sie nicht der Menschheit ganz verloren gehen, damit 
spater wiederum Menschen kommen konnen, die dasjenige, was dem 
Wort nach aufbewahrt ist, auch verstehen werden. 

Aber sehen Sie, alles dasjenige, was sich aufierlich in unserer 
Welt darlebt, das ist auch wiederum ein Abbild desjenigen, was im 
Makrokosmos draufien vorhanden ist. Wie unser Seelenleben ein 
Mikrokosmos ist in dem Sinne, wie ich es Ihnen angedeutet habe, 
so ist auch das Seelenleben der Menschheit gewissermafien aus dem 
Makrokosmos hereingebildet. Und fur unsere Zeit ist es sehr be- 
deutsam, gewissermafien die zwei Abbilder der beiden Saulen, von 
denen ich gesprochen habe, in unserer Geschichte geliefert zu 
bekommen. Diese Saulen stellen das Leben einseitig dar, denn nur 
im Gleichgewichtszustand zwischen den beiden ist das Leben. We- 
der ist Jakim das Leben - denn es ist der Ubergang von dem Gei- 
stigen zum Leibe -, noch ist Boas das Leben, denn es ist der Uber- 
gang vom Leibe zu dem Geist. Das Gleichgewicht ist dasjenige, 
worauf es ankommt. Und das verstehen die Menschen so schwer. 
Die Menschen suchen immer die eine Seite, immer das Extrem, sie 
suchen nicht das Gleichgewicht. Deshalb stehen gewissermafien 
zwei Saulen wirklich auch fur unsere Zeit aufgerichtet, aber wir 
miissen, wenn wir unsere Zeit richtig verstehen, mitten durch- 



gehen, uns weder die eine Saule, noch die andere Saule gewisser- 
mafien zu der Grundkraft der Menschheit zurechtphantasieren, 
sondern mitten durchgehen! Wir miissen schon wirklich dasjenige, 
was in der Realitat vorhanden ist, auffassen, nicht in jenem gedan- 
kenlosen Leben hinbriiten, in dem der heutige Materialismus hin- 
briitet. Suchen Sie die Jakim-Saule heute, so haben Sie sie in unserer 
Gegenwart, die Jakim-Saule ist vorhanden in einem sehr bedeuten- 
den Mann, der jetzt nicht mehr lebt, der schon gestorben ist, aber 
sie ist vorhanden: Sie ist vorhanden im Tolstoiismus. 

Bedenken Sie, dafi in Tolstoi ein Mann aufgetreten ist, der im 
Grunde genommen alle Menschen ablenken wollte von dem aufieren 
Leben, ganz auf das Innere verweisen wollte - ich habe in den ersten 
Zeiten unserer anthroposophischen Bewegung iiber Tolstoi gespro- 
chen -, der ganz verweisen wollte auf dasjenige, was im Innern des 
Menschen nur vorgeht. Also den Geist in dem aufieren Wirken sah 
Tolstoi nicht, eine Einseitigkeit, die sich mir insbesondere charakte- 
ristisch ausgesprochen hat, als ich dazumal - es war einer der allerer- 
sten Vortrage der allerersten Jahre, die hier gehalten worden sind - 
iiber Tolstoi sprach. Dieser Vortrag konnte Tolstoi dazumal noch 
durch eine uns befreundete Seite gezeigt werden. Tolstoi verstand 
die ersten zwei Drittel, das letzte Drittel nicht mehr, weil da gespro- 
chen war iiber Reinkarnation und Karma; das verstand er nicht. - Er 
stellte die Einseitigkeit dar, das vollstandige Abdampfen des aufieren 
Lebens. Und wie unendlich schmerzlich empfindet man es, dafi er 
eine solche Einseitigkeit darstellt! Man denke sich den ungeheuren 
Kontrast, der da besteht zwischen den Tolstoischen Anschauungen, 
von denen ein grofier Teil der Intellektuellen Rufilands beherrscht 
ist, und demjenigen, was sich jetzt in diesen Tagen wiederum von 
dort heriiberwalzt. Oh, es ist einer der furchtbarsten Kontraste, die 
nur zu denken sind! Das ist Einseitigkeit. 

Die andere, die Boas-Saule, kommt auch geschichtlich zum Aus- 
druck in unserer Zeit. Sie stellt ebenso eine Einseitigkeit dar. Es ist 
das Suchen der Geistigkeit allein in der aufieren Welt. Vor einigen 
Jahrzehnten trat es auf in Amerika driiben, wo, ich mochte sagen, 
der Antipode Tolstois zum Vorschein kam in Keely, vor dessen 



Seele das Ideal stand, einen Motor zu konstruieren, der nicht durch 
Dampf, nicht durch Elektrizitat, sondern durch jene Wellen be- 
wegt wird, die der Mensch selbst erregt in seinem Ton, in seiner 
Sprache. Denken Sie sich einen Motor, der so eingerichtet ist, dafi 
er durch jene Wellen, die man erregt im Sprechen etwa, oder uber- 
haupt als Mensch erregen kann mit seinem seelischen Leben, in 
Bewegung gesetzt wird. Es war noch ein Ideal, Gott sei Dank, dafi 
es damals ein Ideal war, denn was ware dieser Krieg geworden, 
wenn wirklich dieses Keelysche Ideal sich dazumal verwirklicht 
hatte! Verwirklicht sich das einmal, dann wird man erst sehen, was 
das Zusammenstimmen der Schwingungen an aufierer motorischer 
Kraft bedeutet. Das ist die andere Einseitigkeit. Das ist die Boas- 
Saule. Zwischen beiden mufi durchgegangen werden. 

In den Symbolen, die aufbewahrt sind, ist viel, viel enthalten. 
Unsere Zeit ist dazu berufen, diese Dinge zu verstehen, in diese 
Dinge einzudringen. Der Kontrast, der einmal empfunden werden 
wird zwischen allem wahrhaft Geistigen und demjenigen, was sich 
heranwalzen wird, wenn der Keelysche Motor Realitat sein wird, 
vom Westen, das wird noch ein ganz anderer Kontrast sein als 
derjenige, der da besteht zwischen Tolstois Anschauungen und 
dem, was sich vom Osten heranwalzt. Oh, dariiber kann nicht 
weiter gesprochen werden! 

Aber es ist notwendig, dafi wir uns nach und nach ein wenig in die 
Geheimnisse des Werdeganges der Menschheit vertiefen, dafi wir 
einsehen, wie wirklich in der Menschenweisheit durch die Jahrtau- 
sende hindurch symbolisch oder sonst dasjenige ausgedruckt ist, was 
einmal in verschiedenen Stufen Realitat wird. Heute ist man bloft bei 
einem Tasten, und ich habe Sie in einer der letzten Betrachtungen 
aufmerksam gemacht darauf, wie ein Mensch wie Hermann Bahr, 
mit dem ich in der Jugend vielfach zusammenwar, jetzt, nachdem er 
dreiundfunfzig Jahre alt geworden ist und so viele Schriften geschrie- 
ben hat, auf der einen Seite in Goethe tappend, tastend sucht und 
gesteht, dafi er jetzt erst anfangt, an Goethe heranzukommen, und 
auf der anderen Seite anfangt etwas davon zu begreifen, dafi es noch 
so etwas wie eine Geisteswissenschaft neben den au£eren Wissen- 



schaften gibt. Ich habe Ihnen angefiihrt, wie die Personlichkeit des 
Franz in seinem Roman «Himmelfahrt», den er eben jetzt hat er- 
scheinen lassen, gewissermafien Bahrs eigenen Entwickelungsgang 
darstellt, darstellt, wie er durchgegangen ist durch die aufiere Wis- 
senschaft. Er war bei dem Botaniker Wiesner in Wien, war bei Ost- 
wald im chemischen Laboratorium in Leipzig, war bei Schmoller im 
nationalokonomischen Seminar in Berlin, war bei Richet in Frank- 
reich, um Psychologie und Psychiatric zu studieren, war bei Freud in 
Wien - selbstverstandlich, ein Mensch der Gegenwart ist auch bei 
Freud in Wien gewesen, wenn er durch die verschiedenen wissen- 
schaftlichen Sensationen durchgeht -, war bei den Theosophen in 
London und so weiter. Sie wissen, ich habe Ihnen die betreffende 
Stelle ja vorgelesen: «So hat er die Wissenschaften abgesucht, erst 
Botaniker bei Wiesner, dann Chemiker bei Ostwald, in Schmollers 
Seminar, auf Richets Klinik, bei Freud in Wien, gleich darauf bei den 
Theosophen in London; und so die Kunst, als Maler, Radierer ...» 
und so weiter. Ja, aber nun sehen Sie, zu welchem Glauben ringt sich 
dieser Franz durch, der wirklich einer der tastenden Menschen der 
Gegenwart ist? Es ist sehr interessant, er tappt und tastet, da dam- 
mert ihm so etwas auf, was dann mit den Worten ausgedriickt wird: 
«Er war nicht mehr im Stande der geistigen Unschuld. Aber gab 
es nicht vielleicht eine Art zweiter Unschuld, wiedergewonnener 
Unschuld? Gab es nicht eine Frommigkeit des seine Grenzen er- 
kennenden, des gedemiitigten Verstandes, einen Glauben der Wis- 
senden, eine Hoffnung aus Verzweiflung? Lebten nicht in alien 
Zeiten einsame verborgene weise Manner, der Welt abgewendet, 
einander durch geheime Zeichen verbunden, im Stillen wunderbar 
wirkend mit einer fast magischen Kraft, in einer hoheren Region 
uber den Volkern, iiber den Bekenntnissen, im Grenzenlosen, im 
Raum einer reineren, Gott naheren Menschlichkeit? Gab es nicht 
auch heute noch, iiberall in der Welt zerstreut und versteckt, eine 
Ritterschaft des heiligen Grals? Gab es nicht Junger einer vielleicht 
unsichtbaren, nicht zu betretenden, blofi empfundenen, aber iiber- 
all wirkenden, alles beherrschenden, schicksalbestimmenden wei- 
(5en Loge? Gab es nicht immer auf Erden eine sozusagen anonyme 



Gemeinschaft der Heiligen, die einander nicht kennen, nichts von- 
einander wissen und doch aufeinander, ja miteinander wirken, blofi 
durch die Strahlen ihrer Gebete? Schon in seiner theosophischen 
Zeit hatten ihn solche Gedanken viel beschaftigt, aber er hatte of- 
fenbar immer nur falsche Theosophen kennengelernt, vielleicht lie- 
fien sich die wahren nicht kennenlernen», und so weiter. 

Diese Gedanken kommen dem Franz, nachdem er die Welt 
durchsaust hat, er iiberall war, wovon ich Ihnen gesagt habe, und 
dann wiederum zuruckgekommen ist in seine Heimat - es ist wahr- 
scheinlich Salzburg, um das es sich handelt. Also in seiner salzbur- 
gischen Heimat, da kommen ihm diese Gedanken. Es ist vielleicht 
nicht unbescheiden und soil nicht unbescheiden sein: Bei uns war 
er nicht, der Franz; aber man kann so ein bifichen die Griinde 
finden, warum er nicht bei uns war. Indem er so suchte nach 
Menschen, welche streben nach dem Geistesgut, erinnerte er sich 
eines Englanders, den er einmal kennengelernt hat in Rom. Er 
schildert auch diesen Englander, den er in Rom kennengelernt hat: 

«Es war ein kluger Mann in reifen Jahren, von guter Familie, 
reich, unabhangig, Junggeselle und ein richtiger Englander, niich- 
tern, praktisch, unsentimental, ganz unmusikalisch, unkunstlerisch, 
ein derber, vergniigter Sinnenmensch, Angler, Ruderer, Segler, star- 
ker Esser, fester Zecher, ein Lebemann, den in seinem Behagen nur 
eine einzige Leidenschaft storte, die Neugierde, alles zu sehen, alles 
kennenzulernen, iiberall einmal gewesen zu sein, eigentlich in keiner 
anderen Absicht, als um schliefilich, von welchem Ort immer man 
sprach, befriedigt sagen zu konnen: O ja!, das Hotel zu wissen, in 
dem ihn dort Cook untergebracht, und die Sehenswurdigkeiten, die 
er auf gesucht, die Menschen von Rang oder Ruhm, mit denen er ver- 
kehrt hatte. Um bequemer zu reisen und iiberall Zutritt zu haben, 
war ihm geraten worden, Freimaurer zu werden. Er lobte die Niitz- 
lichkeit dieser Verbindung, bis er entdeckt zu haben glaubte, es miis- 
se noch eine ahnliche, doch besser geleitete, machtigere Verbindung 
hoherer Art geben, der er nun durchaus beitreten wollte, wie er ja, 
wenn irgendwo noch ein anderer, besserer Cook aufzufinden gewe- 
sen ware, sich natiirlich an diesen gewendet hatte. Er liejS sich nicht 



ausreden, die Welt werde von einer ganz kleinen Gruppe geheimer 
Fiihrer beherrscht, die sogenannte Geschichte von diesen verborge- 
nen Mannern gemacht, die selbst ihren nachsten Dienern unbekannt 
seien, wie diese wieder den ihren, und er behauptete, den Spuren 
dieser geheimen Weltregierung, dieser wahren Freimaurerei, von der 
die andere blofi eine hochst torichte Kopie mit unzulanglichen Mit- 
teln, folgend, ihren Sitz in Rom gefunden zu haben, eben bei den 
Monsignori, von denen aber freilich auch wieder die meisten ah- 
nungslose Statisten waren, deren Gedrange blofi die vier oder funf 
wirklichen Herren der Welt zu verbergen hatte. Und Franz mufite 
heute noch iiber die komische Verzweiflung seines Englanders la- 
chen, der nun das Pech hatte, niemals an den richtigen zu kommen, 
sondern immer wieder blofi an Statisten, aber sich dadurch nicht ir- 
remachen liefi, sondern immer nur noch mehr Respekt vor einer so 
wohlbehuteten, undurchdringlichen Verbindung bekam, in die er 
schliefilich doch noch eingelassen zu werden wettete, und wenn er 
bis ans Ende seines Lebens in Rom bleiben und wenn er die Kutte 
nehmen oder etwa gar sich beschneiden lassen mufite, denn da er 
iiberall den unsichtbaren Faden einer iiber die ganze Welt gesponne- 
nen Macht nachgespiirt hatte, war er nicht abgeneigt, auch die Juden 
sehr zu schatzen, und er sprach gelegentHch stockernst den Verdacht 
aus, ob nicht vielleicht im letzten, innersten Kreise dieses verborge- 
nen Weltgewebes Rabbiner und Monsignori hochst eintrachtig bei- 
sammen safien, was ihm iibrigens gleichgultig gewesen ware, wenn 
sie nur auch ihn mitzaubern liefien.» 

Da haben Sie eine Karikatur von dem, was ich Ihnen ja gesagt 
habe, wie es gleichsam ein Imperium in Imperio gibt, einen kleinen 
Kreis, der in die anderen seine Macht ausstrahlt. Nur stellt sich ihn 
der Englander vor, und der Franz mit ihm, als eine Gemeinschaft 
der Rabbiner und Monsignori; das sind nun gerade diejenigen, die 
nicht darinnen sind! Aber Sie sehen, er tappt sich nur so durch. 
Warum tappt er denn eigentlich? Ja, er erinnert sich einmal wieder 
der schwarmerischen Schrullen des Englanders: 

«Und viel spater erst war er auf den Gedanken gekommen, ob 
denn nicht vielleicht auch jemand, dem derlei Fahigkeiten nicht 



angeboren waren, ihrer teilhaftig werden, ob man sich zu solchen 
Kraften erziehen, ob man sie durch Training erlernen konnte. Aber 
die theosophischen Ubungen hatten ihn bald enttauscht ...» 

Die hat er aufgegeben! Sehen Sie, es gibt in unserer Gegenwart ein 
solches Tappen, Tasten. Menschen wie Bahr, sie kommen ins hohere 
Alter, da kommen sie darauf, und dann machen sie sich groteske Vor- 
stellungen. Eine solche groteske Vorstellung ist da noch enthalten. Ja, 
sehen Sie, da ist nun dieser Franz eingeladen in seiner Heimat bei ei- 
nem Domherrn. Dieser Domherr ist eine ganz geheimnisvolle Per- 
sonlichkeit, Salzburger Domherr, der in Salzburg eine grofie Wich- 
tigkeit hat - die Stadt Salzburg ist nicht genannt, man erkennt sie nur 
-, eine grofiere Wichtigkeit als der Kardinal; denn die ganze Stadt 
spricht nicht mehr von dem Kardinal, aber von dem Domherrn: Der 
Domherr, obwohl es dort ein Dutzend Domherren gibt, aber von 
dem Domherrn spricht man, so dafi der Franz manchmal so die Idee 
hat, ob der nicht selber so emer ist von der weilSen Loge. Sie wissen ja, 
man kann leicht zu solchen Anschauungen kommen. Nun, da ist er 
einmal in eine Gesellschaft beim Domherrn eingeladen, der Franz. 
Da sind manche Leute, und der Domherr ist wirklich ein sehr tole- 
ranter Mann, denn denken Sie, er ist katholischer Domherr und hat 
sich den judischen Bankier mit einem Jesuiten, dem Franz und eini- 
gen anderen und mit einem Franziskanermonch zusammen eingela- 
den. Es ist ein lustiges Mittagsmahl. Der jiidische Bankier ist notabe- 
ne ein Bankier, dem fast alle Leute zu irgendwelchem klingenden 
Dank verpflichtet sind, der das aber wirklich alles selbstlos tut, denn 
er f ordert in der Regel gar nicht, dafi man ihm das wieder zuriickgibt, 
was man sich scheinbar ausleiht von ihm, sondern er will nur alle Jah- 
re bei so einem Herrn, wie der Domherr ist, eingeladen sein; das 
macht ihm Freude. Und bald sind der Jesuit und dieser jiidische Ban- 
kier in einem Gesprach darinnen, daft es dem Franz zu stark wird. Er 
geht weg, weil sie nun wirklich schon schandliche Witze machen, 
geht an die Bibliothek, und der Domherr geht ihm nach. 

«Sie» - die Bibliothek - «war nicht grofi, aber gewahlt. Von Theo- 
logie nur gerade das Notigste, die Bollandisten, viel Franziskani- 
sches, Meister Eckhart, die geistlichen Ubungen, Katharina von Ge- 



nua, die Mystik von Gorres und Mohlers Symbolik. Philosophic 
schon mehr: der ganze Kant, samt den Schriften der Kantgesell- 
schaft, Deussens Upanischaden und seine Geschichte der Philoso- 
phic, Vaihingers Philosophic des Als Ob, und sehr viel Erkenntnis- 
kritisches. Dann die griechischen und romischen Klassiker, Shake- 
speare, Calderon, Cervantes, Dante, Macchiavell und Balzac im 
Original, aber von Deutschen nur Novalis und Goethe, dieser in ver- 
schiedenen Ausgaben, seine naturwissenschaftlichen Schriften in der 
Weimarer. Einen Band davon nahm Franz und fand viele Randbe- 
merkungen von der Hand des Domherrn, der in diesem Augenblick 
den jungen Monch und den Jesuiten verliefi und zu ihm trat. Er sagte: 
<Ja die naturwissenschaftlichen Schriften Goethes kennt niemand>.» 

Nun ist es charakteristisch, was der Domherr an den naturwis- 
senschaftlichen Schriften Goethes findet, charakteristisch sowohl 
nach der einen Seite, nach dem, was nun wirklich drinnen ist und 
dem Domherrn nun auch davon aufleuchtet, wie demjenigen, was 
dem Domherrn nun aufleuchtet, weil er wirklich ein katholischer 
Domherr ist. 

«Ja die naturwissenschaftlichen Schriften Goethes kennt nie- 
mand. Leider! Da sieht der alte Heide, der er doch durchaus gewe- 
sen sein soli, auf einmal ganz anders aus und dann versteht man 
doch auch den Schlufi des Faust erst.» 

Da hat er recht, der Domherr. Man kann den Schlufi des «Faust» 
nicht verstehen, wenn man nicht die naturwissenschaftlichen An- 
schauungen Goethes kennt! 

«Ich habe mir ja nie vorstellen konnen, Goethe tue da blofi auf 
einmal katholisch, nur zur malerischen Wirkung.» 

Also der Domherr schlagt ihm natiirlich immer ins Genick, aber 
das macht ja nichts. 

«Dazu ist doch mein Respekt vor dem Dichter zu grofi, vor 
jedem Dichter, um zu glauben, dafi einer, gerade wenn er sein letz- 
tes Wort sagt, ein Kostiim anlegen sollte.» 

Das glauben namlich wirklich die meisten Leute, dafi Goethe 
nun wirklich nur ein Kostiim anlegte, wie er die groftartige, gran- 
diose Schlufiszene seines «Faust» geschrieben hat! 



«Aber in den naturwissenschaftlichen Schriften steht ja auf jeder 
Seite, wie katholisch Goethe war ...» 

Nun, der Domherr nennt alles dasjenige, was er versteht und 
ihm Hegt - das braucht uns ja nicht weiter zu genieren - katholisch. 

«... wie katholisch Goethe war, unwissentlich vielleicht und je- 
denfalls ohne den rechten Mut dazu. Es liest sich, als hatte da jemand, 
mit den katholischen Wahrheiten unbekannt, sie sozusagen unverse- 
hens auf eigene Faust aus sich selber entdeckt, wobei es freilich ohne 
manche Gewaltsamkeiten und Wunderlichkeiten nicht abgeht, aber 
doch im gro£en Ganzen nichts Entscheidendes, Notwendiges und 
Wesentliches fehlt, selbst der Schufi von Aberglauben, Magie oder 
wie man das nennen will, was den richtigen geborenen Protestanten 
an unserer heiligen Lehre stets so verdachtig bleibt, selbst das nicht! 
Ich habe ja oft meinen eigenen Augen kaum getraut! 1st man aber bei 
Goethe dem kryptogamen Katholiken nur erst einmal auf der Spur, 
so sieht man ihn bald uberall. Sein Vertrauen zum Heiligen Geiste, 
den er freilich lieber <Genius> nennt, sein tiefes Gefuhl fur die Sakra- 
mente, deren ihm nur noch zu wenige sind, sein Sinn fur das <Ahnde- 
volle>, seine Begabung zur Ehrfurcht, gar aber, dafi er, ganz unprote- 
stantisch, sich niemals mit dem Glauben begniigt, sondern uberall 
auf die Anerkennung Gottes durch die lebendige Tat, durch das 
fromme Werk dringt, gar dieses so seltene, hochste, schwierigste Be- 
greif en, dafi der Mensch nicht von Gott geholt werden kann, wenn er 
nicht selbst sich Gott holt, das Begreifen dieser furchtbaren mensch- 
lichen Freiheit, selber wahlen zu miissen und die dargebotene Gnade 
nehmen, aber auch ausschlagen zu konnen, durch welche Freiheit 
allein die Gnade Gottes dem Menschen, der sich fur sie entscheidet, 
der sie sich nimmt, erst zum eigenen Verdienste wird, das alles ist 
auch in seinen Ubertreibungen, auch in seinen Verzerrungen noch so 
stockkatholisch ...» 

Uns wiirde insbesondere das, was der Domherr Ubertreibung 
nennt, interessieren; aber der Domherr nennt das katholisch. 

«... das alles ist auch in seinen Ubertreibungen, auch in seinen 
Verzerrungen noch so stockkatholisch, dafi ich, wie du siehst,» - 
der Domherr duzt namlich alle Leute, die er gern hat - «oft genug 



an den Rand die Stellen aus dem Tridentinum schreiben konnte, 
wo zuweilen fast mit denselben Worten dasselbe steht.» 

Denken Sie sich einen katholischen Domherrn, der Beschhisse 
aus dem Tridentinischen Konzil neben die Worte Goethes 
schreibt! Da haben Sie dasjenige, was durch die Menschheit geht, 
und was man nennen kann den Kern des geistigen Lebens, der alien 
Menschen gemeinschaftlich ist. Man darf das nur nicht als Phrase 
nehmen, sondern man mufi es nehmen, wie die Sache gemeint sein 
kann. Und dann sagt der Domherr weiter: 

«Und wenn Zacharias Werner erzahlt hat, er sei durch einen 
Satz in den Wahlverwandtschaften katholisch gemacht worden, so 
glaube ich ihm das aufs Wort. Womit ich natiirlich nicht leugnen 
will,* - jetzt schlagt der Domherr wieder durch! - «dafi es daneben 
auch einen heidnischen, einen protestantischen, ja sogar einen bei- 
nahe judischen Goethe gibt,» - uns geniert das gar nicht, uns ist das 
gerade recht - «und ihn durchaus nicht als das Muster eines Katho- 
liken reklamieren will ...» 

Aber was jetzt der Domherr noch dazu sagt, kann uns schon 
ganz angenehm sein, wenigstens - ich will es niemand anderem 
aufdrangen, aber mir ist es ganz sympathisch -: Wenn er selbst 
katholisch ware, «was er iibrigens immer noch eher war, als der 
plattvergniigte Wald- und Wiesenmonist, den die neudeutschen 
Oberlehrer unter seinem Namen paradieren lassen ...» 

Damit sind selbstverstandlich Richard M. Meyer, Albert Biel- 
schowsky, Engel, die neudeutschen Oberlehrer, die ihre neudeut- 
schen Werke iiber Goethe geschrieben haben, gemeint. 

Also Sie sehen, dafi wir im Grunde genommen schon etwas trei- 
ben, wohin das geheime dunkle Sehnen der Zeit geht, und wohin 
es im Grunde gehen mul? - eine ernste Sache. 

Und nun erinnern Sie sich an etwas anderes noch. Erinnern Sie 
sich an einige der ersten Vortrage, die ich wahrend dieser Schick- 
saltragenden Zeit in unseren Zweigen gehalten habe, wo ich von 
einem erschiitternden okkulten Erlebnis gesprochen habe, von je- 
nem Erlebnis, dafi die Seele des in Serajewo ermordeten Franz 
Ferdinand eine besondere Rolle spielt in der geistigen Welt. Die 



meisten von Ihnen werden sich erinnern, wie ich erzahlt habe, daft 
sie dort gleichsam eine kosmische Bedeutung erlangt hat. Und jetzt 
erscheint dieser Roman, in diesen Wochen kauft man ihn, und da 
steht dieser Erzherzog Franz Ferdinand charakterisiert von einem 
Mann, der sich unter der Maske eines Blodlings als Knecht verdingt 
hat bei einem salzburgischen Gutsbesitzer, bei dem Bruder des 
Franz, der storrisch dort war und gepriigelt werden muftte zur 
Arbeit. Als der Mord in Serajewo geschieht, da fuhrt er sich so auf, 
daft ihn die Leute wiederum verpriigeln, diesen Blasl, diesen Blod- 
ling. Denken Sie, er sagt, als er die Ermordung des Franz Ferdi- 
nand an der Kirchentiire angeschlagen findet: «Ja, so muftte er 
enden, anders kann's nicht sein!» Na, was konnten die Leute ande- 
res annehmen, als daft er mit in der Verschworung ist, trotzdem der 
Mord in Serajewo stattgefunden hat, und der Blasl in Salzburg ist; 
aber das stort ja solche Leute nicht weiter, die in der Sache nach- 
suchen: Selbstverstandlich ist er mit in der Serajewoer Verschwo- 
rung. Und da man spanisch geschriebene Bucher bei ihm findet, ist 
er selbstverstandlich ein spanischer Anarchist! Nun kriegt dieses 
spanische Heft der Landesgerichtsrat oder was er ist, der naturlich 
kein Spanisch kann und der so schnell wie moglich, nachdem der 
Blasl gefesselt und ihm zugebracht worden ist, die ganze Sache 
loshaben will. Er soil nach Wien, dort sollen sie ausmachen, was zu 
geschehen hat mit diesem spanischen Anarchisten - er kann sich 
doch nicht blamieren! Er ist auch ein eifriger Almganger und es ist 
vielleicht der letzte schone Tag: also nur geschwind los! Er versteht 
nichts davon. Sicher ist es ja doch, daft es ein spanischer Anarchist 
ist. - Da erinnert er sich, daft ja der Franz in Spanien war - ich habe 
Ihnen erzahlt, Bahr war ja auch in Spanien -, der kann das lesen, 
der soil ihm einen Auszug daraus machen. Nun nimmt der Franz 
dieses Manuskript, und was entdeckt er? Tiefste Mystik! Ganz und 
gar nichts Anarchistisches - tiefste Mystik. Es ist wirklich sehr viel 
Wunderschones in diesem Manuskript. Also dieser Blasl, der Blod- 
ling, hat das geschrieben, weil er namlich durch seine Mystik selber 
so gefuhrt worden ist, daft er der Welt absterben wollte. Ich will 
diesen Weg selbstverstandlich nicht verteidigen. Der Blasl ist 



eigentlich ein spanischer Infant. Da fliefit nun zusammen diese 
Charakteristik des spanischen Infanten mit derjenigen des Erzher- 
zogs Johann, der einmal vom osterreichischen Kaiserhause wegge- 
gangen und in die Welt gegangen ist. Er konnte nicht den Oster- 
reicher charakterisieren, aber man sieht da die Gestalt durch; da 
kommt er darauf zu sagen, es ist ein spanischer Infant. Sie konnen 
sich denken, was das in Salzburg ist, Sie konnen sich den Umstand 
denken im armen Salzburg! Sie hatten einen Anarchisten eingefan- 
gen, in Fesseln gelegt gehabt - und jetzt ist es ein spanischer Infant! 
Aber der Mann, der den Thronfolger kannte, was sagt er nun vom 
Thronfolger, als er jetzt schon als Infant auftrat und als Mystiker? 

«Der verwunschene, jetzt entzauberte Prinz, noch in seinen alten 
Kleidern und auch sonst ganz der alte, dennoch aber ein anderer, seit 
Franz wufite, dafi es eine Verkleidung war, sagte lachelnd: <Vergeben 
Sie mir den Betrug, der ja fur mein Gefuhl eigentlich keiner war. Der 
Infant Don Tadeo bin ich langst nicht mehr. Wenn mich Umstande 
notigen, ihn jetzt wieder eine Zeit vorzustellen, so fallt mir diese 
Rolle viel schwerer. Fur mich war ich der alte Blasl wirklich, und 
wenn ich iiberhaupt log, so hatte ich mich belogen, nicht Sie. Dafi ich 
Ihnen Ungelegenheiten bereiten wurde, konnte ich nicht wissen. Es 
tut mir leid genug. Naturlich war's das albernste Mifiverstandnis. Ich 
habe den Thronfolger, ohne freilich ihm je begegnet zu sein, genau 
gekannt, er ist mir sehr wert gewesen, wir waren in Verbindung, 
wenn auch nicht auf die hiesige Art.»> - «Hiesige» meint er in bezug 
auf die Verbindung auf dem physischen Plan. - «<Er hatte langst die 
Grenzen der irdischen Wirksamkeit uberschritten und stand mit ei- 
nem Fufi schon in dem anderen Raum des rein geistigen Tuns. Er 
mufite nun ganz hinuber, das wufke ich: um in Erfullung zu gehen, 
hat er nicht mehr bleiben konnen. Von dort aus erst wird seine Tat 
geschehen. Ich wunderte mich nur, dafi das Schicksal so lange mit 
ihm zogerte. Und als ich an jenem Sonntag aus der Kirche tretend, 
wo ich eben im Gebet wieder von neuem versichert worden war, die 
beklommene Menge fand, wufite ich gleich, dafi er endlich befreit 
war. Was durch ihn zu geschehen hat, kann er von driiben erst ver- 
richten. Hier hat er es nur versprechen konnen, sein Leben war nur 



eine Voranzeige. Jetzt erst kann es sich begeben. Ich habe mir ihn nie 
als einen konstitutionellen Monarchen denken konnen, mit Parla- 
mentarismus und dem ganzen Humbug. Dafiir war sein Format zu 
grofi. Aber so hat er nun mit einem Schlag die Tat an sich gerissen. 
Dieser Tote wird jetzt erst leben, und von Grund auf. Das empfand 
ich bei der Nachricht, das meinten meine Worte.> 

<So mufite er einmal enden!» hat er gesagt bei dem Anschlag. 

Ich mufi sagen, ich war aufterordentlich merkwiirdig beriihrt, als 
ich vor einigen Tagen diese Sache hier in Bahrs «Himmelfahrt» las. 
Vergleichen Sie das, was uns jetzt im Roman entgegentritt, mit 
dem, was hier aus der Realitat der geistigen Welt heraus gesagt 
worden ist! Versuchen Sie damit zu erkennen, wie tief in der Rea- 
litat man mit der Geisteswissenschaft drinnensteckt! Wie diejeni- 
gen, die nach Erkenntnis suchen, wenn auch erst tappend, tapsend, 
doch auf diesen Wegen gehen, wie sie, die auf diese Wege kommen 
wollen, bis auf Einzelheiten hin an dasjenige herankommen, was 
hier entwickelt wird. Denn es ist kaum anzunehmen, dafi nun auch 
das, was damals gesagt worden ist, durch irgendeines unserer Mit- 
glieder dem Hermann Bahr verraten worden sein konnte. Aber 
selbst wenn das geschehen ware, so ist es immerhin nicht zuriick- 
gewiesen, sondern angenommen worden. 

Wir wollen nichts in Wirklichkeit umsetzen, was nur irgendei- 
ner Liebhaberei entspricht. Wir wollen in Wirklichkeit umsetzen, 
was eine Notwendigkeit der Zeit ist und als eine Notwendigkeit 
sich aufs deutlichste auspragt. Und wenn sich in der jiingsten Zeit 
so manches geltend macht, was Verleumdung ist, so ist man ja in 
unserer Zeit sehr geneigt, gerade sein Mitleid dorthin zu wenden, 
wo verleumdet wird. Viel weniger wendet man heute nach den 
berechtigten Seiten sein Mitgefiihl hin, sondern gerade dort, wo 
Unrechtes getan wird, findet man, dafi eigentlich diejenigen, die das 
Rechte getan hatten, zunachst die Hand zu reichen haben und 
denjenigen, die das Unrecht getan haben, zu kajolieren ist. Wir 
erf ahren es immer wieder und wiedemm. Gerade innerhalb unserer 
Gemeinschaft erfahren wir das immer wieder. Meine lieben Freun- 
de, heute ist nicht die Stimmung, und es ist mir auch nicht zu tun 



darum, auf derlei Dinge einzugehen. Ich gehe ja immer nur auf 
diese Dinge ein, wenn eine gewisse Notwendigkeit vorliegt. Aber 
mit einem lassen Sie mich noch schliefien. 

Ich habe in dem Biichelchen, das erschienen ist, aufmerksam 
darauf gemacht, wie einheitlich dasjenige ist, was in unserer Gei- 
steswissenschaft gesucht wird vom Anfange unseres Wirkens an. 
Und ich habe darauf aufmerksam gemacht, welch starke Verleum- 
dung es ist, wenn von irgendeiner Schwenkung die Rede ist, von 
irgend etwas, was im Widerspruch stiinde mit dem, was im Anfan- 
ge unserer Bewegung von uns geschehen ist. Sie finden da auf Seite 
37 charakterisiert: 

«Auf diese Ausspriiche J. H. Fichtes» - die mir der Ausdruck 
einer neuzeitlichen Geistesstromung schienen, nicht bloft eines 
Einzelnen Meinung - « wies ich in einem Vortrage hin, den ich 1 902 
im Giordano Bruno-Bund hielt; damals, als der Anfang gemacht 
wurde mit dem, was gegenwartig als anthroposophische Vorstel- 
lungsart sich darstellt,» und so weiter. 

Da fuhre ich an, wie ich, bevor die Deutsche Sektion der Theo- 
sophical Society begriindet worden ist, in Berlin einen Vortrag ge- 
halten habe, in dem ich nicht aus Blavatsky und Besant, sondern 
aus dem neueren Geistesleben heraus, das unabhangig ist von Bla- 
vatsky und Besant, im Giordano Bruno-Bund in Ankniipfung an 
Goethe dieser Bewegung den Ausgangspunkt geben wollte. Und da 
wagen es heute Leute, zu sagen, dafi der Name «Anthroposophie» 
blofi erfunden worden ware, als wir uns, wie sie sagen, trennen 
wollten von der Theosophischen Gesellschaft! 

«Man sieht daraus, dafi eine Erweiterung des neuzeitlichen Welt- 
anschauungsstrebens zu einer wahrhaften Betrachtung der geistigen 
Wirklichkeit ins Auge gefafit war. Nicht ein Herausholen irgendwel- 
cher Anschauungen aus den Veroffentlichungen, die man damals 
<theosophische> nannte (auch gegenwartig noch so nennt) ward an- 
gestrebt, sondern eine Fortsetzung des Strebens, das bei den neueren 
Philosophen seinen Anfang genommen; aber bei diesen im Begriff- 
lichen stecken gebheben war, und dadurch den Zugang in die wirk- 
liche geistige Welt nicht erreicht hat» und so weiter. 



Es bringen die Dinge doch auch giinstige Verhaltnisse des Karmas. 
Und so brauche ich heute dasjenige, was ich vor einigen Wochen 
geschrieben habe, so dafi Sie es jetzt gedruckt lesen konnen, nicht 
mehr blofi auf das Gedachtnis der einzelnen Wenigen zu stiitzen, 
die dazumal im Jahre 1902 noch meinen Vortrag im Giordano 
Bruno-Bund gehort haben, bevor die Deutsche Sektion begriindet 
worden ist, sondern heute kann ich Ihnen das dokumentarisch 
nachweisen. Wie so die Dinge gehen, in diesen Tagen sind mir 
durch die Freundlichkeit eines lieben Mitgliedes, Fraulein Hubbe- 
Schleidens, die Briefe zugegangen, die ich dazumal vor und bei der 
Begriindung der Deutschen Sektion an Dr. Hiibbe-Schleiden ge- 
schickt habe. Jetzt nach seinem Tode sind mir diese Briefe zuge- 
gangen. 

Im Oktober 1902 ist die Deutsche Sektion erst begriindet wor- 
den. Dieser Brief ist vom 16. September 1902. In diesem Brief fin- 
den sich einige Worte, die ich Ihnen gern vorlesen wiirde. Verzei- 
hen Sie, aber ich mufi irgendwo meinen Ausgangspunkt nehmen. 
Es war ja damals vielfach die Rede davon, dafi man sich verbinden 
soli mit dem Theosophen Franz Hartmann, und der hat dazumal 
gerade so etwas wie einen Kongrefi abgehalten. Es soli wirklich 
nichts gegen Franz Hartmann heute gesagt werden, aber ich mufi 
schon das vorlesen, was ich dazumal geschrieben habe: 

«Friedenau-Berlin, 16. September 1902. 

... Mag Hartmann sein Blech seinen Leuten erzahlen; ich will 
einstweilen unsere Theosophie dorthin tragen, wo ich Leute zu 
finden glaube, die urteilsfahig sind. Haben wir erst die Verbindung 
mit der akademischen Jugend» - das ist ja natiirlich noch mafiig 
erreicht! - «dann haben wir viel. Ich mochte bauen, nicht Ruinen 
ausflicken.» - So erschien mir diese theosophische Bewegung dazu- 
mal. - «Im Winter hoffe ich dann in der Theosophischen Biblio- 
thek einen Kursus zu halten: <Elementare Theosophie>.» - Diesen 
habe ich auch gehalten, und einer der Vortrage war gerade wahrend 
der Begriindung der Deutschen Sektion, und dieser Kursus, der 
Titel dieses Kursus, ist hier angefuhrt. - «Aufierdem werde ich 
noch irgendwo einen fortlaufenden Kursus halten: <Anthroposo- 



phie oder die Verbindung von Moral, Religion und Wissenschaft>. 
Im Bruno-Bund hoffe ich ebenfalls einen Vortrag zu halten uber 
<Brunos Monismus und die Anthroposophie>, Das ist nur so vor- 
laufig Projektiertes. So miissen wir, nach meiner Ansicht, durch- 
dringen.» 

Das am 16. September 1902. Hier haben Sie das Dokument, 
meine lieben Freunde, das Ihnen beweisen kann, dafi die Dinge 
nicht blofi hinterher behauptet werden, sondern dafi sie wirklich so 
geschehen sind. Das ist auch immerhin ein giinstiges Karma, dafi in 
dieser Zeit, wo sich so viele Verleumdung gerade an unsere Sache 
kniipfte und immer mehr und mehr kmipfen wird, man wird zei- 
gen konnen, wo das Recht ist. 



VIERTER VORTRAG 



Berlin, 27. Juni 1916 

Die Wechselwirkungen 
zwischen den Gliedern des menschlichen Organismus 

Ich werde heute zunachst einiges zu sagen haben, das in verschie- 
dener Weise eine Erganzung sein kann zu manchem, das wir im 
Laufe der Zeit aus dem Gebiete unserer Gcisteswissenschaft be- 
sprochen haben. Wenn wir uns erinnern an das Elementarste, was 
wir wis sen - wir konnen uns daran immer wieder und wiederum 
erinnern -, so denken wir uns den Menschen zusammengesetzt aus 
den vier Hauptgliedern, die wir zunachst als die Glieder des gegen- 
wartigen Menschen, so wie er sich durch Saturn-, Sonnen-, Mond- 
und Erdenentwickelung ergeben hat, betrachten: Physischer Leib, 
atherischer Leib, astralischer Leib und Ich. Nun haben wir oftmals 
betont, dafi mit der Aufzahlung dieser vier Glieder der menschli- 
chen Natur, mit der Namengebung, zunachst recht wenig getan ist 
und recht wenig gesagt ist; denn darauf kommt es an, dafi wir 
immer bestimmtere und bestimmtere, konkretere und konkretere 
Begriffe und Ideen verbinden mit dem, was in unserer Seele auf- 
taucht, wenn wir von diesen vier Gliedern der menschlichen Natur 
sprechen. Wir sprechen zunachst vom physischen Leib. Da haben 
wir das Gefuhl, diesen physischen Leib, den mussen wir doch ken- 
nen, oder mindestens miisse diesen physischen Leib die aufiere 
Wissenschaft kennen, denn sie beschaftigt sich ja so viel mit ihm. 
Nun wissen wir, dafi dieser physische Menschenleib ein recht, 
recht kompliziertes Gebilde sein mufi aus dem Grunde, weil er ja 
schon seine erste Veranlagung gefunden hat in so fruher Zeit, als 
der alte Saturn seine Entwickelung entfaltet hat. Dann ist er veran- 
dert worden wahrend der Sonnenzeit, ist weiter verandert worden 
wahrend der Mondenzeit und ist ja jetzt auch schon eine lange, 
lange Zeit durch die Erdenentwickelung gegangen, die ihm wieder- 
um ihr Geprage aufgedriickt hat, so dafi wir doch voraussetzen 



miissen: Dieser physische Menschenleib hat in vier langen, langen 
Zeitperioden sein Geprage erhalten. Eine Viergliedrigkeit miissen 
wir vermuten in diesem physischen Menschenleib. Und wenn wir 
uns fragen: Was ist wahrend der Erdenentwickelung in diesen phy- 
sischen Menschenleib hineingekommen? — so werden wir in der 
Regel nach den Anschauungen, die man aus dem gewohnlichen 
Leben und aus der gewohnlichen Wissenschaft heraus entwickeln 
kann, eine falsche Vorstellung bekommen. Denn nur umgebildet, 
verwandelt, metamorphosiert worden ist unser physischer Leib 
wahrend der Erdenentwickelung. Vieles von ihm war bereits nicht 
nur in der Anlage, sondern auch in der Entwickelung, in der Aus- 
bildung wahrend der alten Mondenentwickelung vorhanden. Was 
wahrend der Erdenentwickelung hinzugekommen ist, davon sieht 
man eigentlich, wenn man «sehen» im wahren Sinne des Wortes 
nimmt, nicht viel. Eigentlich hat sich wahrend der Erdenentwicke- 
lung nur die Lage geandert: Wir sind aufrechte, senkrecht auf der 
Oberflache der Erde wandelnde Wesen geworden. Die Lage, die 
Richtung hat sich geandert und alles, was damit zusammenhangt. 
Diese senkrecht auf der Oberflache der Erde stehende Physiogno- 
mic ist wahrend der Erdenentwickelung dem Menschen aufge- 
driickt worden. Wenn Sie sich erinnern an ein sehr bekanntes 
mythologisches Bild, das Bild des Kentauren, so konnen wir gei- 
steswissenschaftlich sagen: Dieses Bild des Kentauren, Mensch und 
Pferd, oder iiberhaupt Mensch und irgendeine Tierform, das soil 
eigentlich imaginativ darstellen den menschlichen physischen Leib, 
wie er sich heraus stellen wiirde, wenn man hinzudenkt zu seiner 
jetzigen aufrechten Lage das, was der Mensch war wahrend der 
Mondenentwickelung, wo er nicht diese aufrechte Lage hatte. In 
solchen Bildern, in solchen Imaginationen, die die Mythologie 
erhalten hat, liegen eben unendlich tiefe Weisheiten verborgen. 

Ich wollte zunachst dies nur als ein Beispiel anfuhren fur das 
Vorhandensein von tiefen Weisheiten in solchen Bildern. Kurz, es 
sei nur noch einmal gesagt: Wollen wir den menschlichen physi- 
schen Leib schon richtig wiirdigen, dann miissen wir ihn viel, viel 
komplizierter betrachten, als irgendeine aufiere Wissenschaft das 



heute bequem findet. Wir miissen uns klar sein, dafi eigentlich 
nur die Lage der einzelnen Organe, die Lage des ganzen Menschen 
wahrend der ja so langen Erdenentwickelung dem Menschen auf- 
gepragt worden ist, und daft der Mensch im Grunde genommen 
eine weit, weit zuriickgehende Entwickelung schon vor dem Er- 
denbeginne in sich aufgenommen hat. 

Ein Ahnliches miissen wir uns natiirlich vorstellen fiir die hohe- 
ren Glieder der menschlichen Natur, fiir die geistigen: fiir den athe- 
rischen Leib, fiir den astralischen Leib und fiir das Ich. Aber nun 
miissen wir auch die gegenseitigen Beziehungen, die gegenseitigen 
Verhaltnisse, die Relationen der einzelnen Glieder der Menschen- 
natur ins Auge fassen. Der physische Leib erscheint uns zunachst 
aus den physischen Materien heraus aufgebaut, und wir sehen ihn 
ja fortwahrend, solange wir im Wachstum sind, selber grofier wer- 
den, Materie ansetzen, oder Materie zwischen seine Glieder, zwi- 
schen seine kleinsten Teile schieben. Spater, wenn wir Fett anset- 
zen, insofern wir das tun, sehen wir weiter, wie sich Materie im 
physischen Leibe ansetzt. Fiir den atherischen Leib, wenn wir ihn 
in derselben Weise betrachten wie den physischen Leib, sehen wir 
etwas Ahnliches. Nur setzt sich da nicht Materie an, sondern Be- 
wegungen. Die Bewegungen werden im Laufe des Lebens kompli- 
zierter. Beim neugeborenen Kinde haben wir im atherischen Leibe 
verhaltnismafiig einfache, primitive Bewegungen. Allmahlich wer- 
den sie komplizierter. Aber es ist eine Vermannigfaltigung, ein 
Aufbau vorhanden im physischen Leib und im atherischen Leib. 

Anders sind die Dinge fiir den astralischen Leib und fiir das Ich. 
Wir sind ja als Menschen, die wir so herumwandeln in der physi- 
schen Welt, nur in unserem Ich zunachst tatig, denn nur das hat sein 
voiles Bewufitsein. Wenn Sie das Auge auf irgendeine farbige Flache 
richten, ist das Ich tatig, wenn Sie denken, ist das Ich tatig, wenn Sie 
fuhlen, ist das Ich tatig. Bei alien diesen Tatigkeiten, die Sie verrich- 
ten, auch wenn Sie gehen, wenn Sie die Hande bewegen, ist das Ich 
tatig. Alles, was Sie tun konnen im wachenden Zustand auf dem 
physischen Plan, ist Ich-Tatigkeit. Das Ich ist da in Wirksamkeit. 
Wie aufiert sich nun im Verhaltnis zu den anderen Gliedern der 



menschlichen Natur diese Ich-Tatigkeit? Das, was wir so vom Auf- 
wachen bis zum Einschlafen, also bei wachendem Bewufitsein voll- 
bringen, wie aufiert sich das? Es aufiert sich dies nicht in einem Auf- 
bauen, sondern in einem Abbauen, in einem Verbrauch von Stoffen 
des physischen und von Bewegungen, Kraften des atherischen Lei- 
bes. Wenn Sie das Auge richten auf eine rote Flache, auf eine farbige 
Flache iiberhaupt: Dadurch, dafi die farbige Flache auf Sie einen Ein- 
druck macht, bauen Sie ab. Es entsteht, wenn auch in sehr feinem 
Sinne, aber dennoch, es entsteht in Ihrem physischen Leib eine Art 
Ertotung des lebendigen Stoffes, der lebendigen Materie. Denken Sie 
sich einmal - urn ein etwas grobes Beispiel zu gebrauchen Sie hat- 
ten einen Kristall, aber einen solchen, der noch veranderbar ware, der 
Veranderungen durchmachen konnte. Und irgendeine Wirkung, sa- 
gen wir eine Lichtwirkung, wiirde ausgeubt: die Materie des Kristalls 
triibte sich, veranderte sich. So wird in der Tat jedesmal, wenn Licht- 
wirkung auf Ihr Auge ausgeubt wird, etwas in Ihrem physischen 
Leib triibe, es wird Materie zerstort in Ihrer Konstitution. Wahrend 
wir wachen, vom Aufwachen bis zum Einschlafen, zerstoren wir 
immer, wenn auch nur in ganz feiner Weise, unsere physische Mate- 
rie durch unsere Ich-Tatigkeit. Deshalb miissen wir durch den Schlaf 
dies wieder ausgleichen. Da stellt die physische Materie sich wieder- 
um so her, wie wir sie brauchen. Es ist immer Aufbau und Abbau. 
Schlafende Tatigkeit bedeutet Aufbau der physischen Materie, 
namentlich ihrer Konstitution; wachende Tatigkeit, Ich-Tatigkeit 
bedeutet Abbau. Und so haben Sie einen Zyklus: Aufbau - Abbau, 
Aufbau - Abbau. Wir konnen sagen, dafi wir eigentlich fortwahrend 
von unserer Ich-Tatigkeit aufgezehrt, verzehrt werden, und uns im 
Schlafe wiederherstellen miissen. 

Darum ist es, dafi wir oftmals beim Aufwachen bemerken, dafi 
etwas aus unserem physischen Organismus so wie nach oben steigt. 
Das sind die restituierenden Krafte, die wiederherstellenden Krafte. 
Und wenn wir etwas Krankhaftes im Organismus haben, vielleicht 
sogar etwas feiner-Krankhaftes nur, steigt das mit auf. Wenn der 
Organismus gesund ist, so stellt er sich in gesunder Weise beim Auf- 
wachen her. Wenn er krank ist, arbeitet er das Kranke auch hinauf. 



Daher sind manche Menschen, wenn sie aufwachen, auch Kinder, 
schlecht aufgelegt, sie sind nicht heiter. Das ist, weil die Nachwir- 
kung noch da ist von dem, was aus dem Organismus heraufsteigt. 
Mit den Erscheinungen des Lebens stimmt namlich in wunderbarer 
Weise alles dasjenige iiberein, was wir aus der Geisteswissenschaft 
heraus iiber den Menschen und sein Leben zu sagen haben. Erst etwa 
einundeinhalb Stunden nach dem Aufwachen konnen wir sagen, daft 
wir vollstandig frei sind von dem, was da auch an etwas krankhaften 
Kraften aufsteigen kann. Das ist die Wechselwirkung zwischen dem 
Ich und dem physischen Leib. Diese Wechselwirkung zwischen dem 
Ich und dem physischen Leib, dieses Verhaltnis, diese Relation, die 
spielt sich ab in dem Rhythmus von Schlafen und Wachen: Aufbau - 
Abbau, Aufbau - Abbau. 

Nun haben wir aber auch ein anderes Verhaltnis, das sehr wichtig 
ist, das nur nicht so bemerkt wird von uns im Verlaufe unseres ge- 
wohnlichen Lebens. So wie das Ich und der physische Leib Aufbau 
und Abbau bringen in ihren Verhaltnissen, so ist eine ahnliche 
Wechselwirkung zwischen dem astralischen Leib und dem atheri- 
schen Leib. Nur daft der Aufbau, insofern er aus dem astralischen 
Leibe stammt, fruher abgeschlossen ist im Leben, und der Abbau 
friiher beginnt. Denn dasjenige, was unser astralischer Leib abbaut in 
unserem Atherleib, hangt im wesentlichen zusammen mit unserem 
Schwacherwerden im Verlauf des Lebens und, wenn wir ganz 
schwach geworden sind, mit unserem Sterben. Der astralische Leib 
in bezug auf den Atherleib hangt im wesentlichen mit dem Tode 
zusammen. Wir konnen sterben dadurch, dafi unser astralischer Leib 
nach und nach die Krafte des atherischen Leibes aufzehrt, und der 
atherische Leib wiederum den physischen Leib aufzehrt. So dafi wir 
gewissermaften auch zwischen dem atherischen Leib und dem astra- 
lischen Leib im Leben ein Aufbauen und wieder Abbauen, wenn 
auch nicht in so schneller Aufeinanderfolge, so doch in einem gewis- 
sen Rhythmus, zu beobachten haben. Nun beobachten wir: Wenn 
wir uns zu stark anstrengen in unserer Ich-Tatigkeit, so schadet uns 
das. Das ist leicht begreiflich aus dem Grunde, weil ja die Ich-Tatig- 
keit ein Abbauen ist. Bauen wir zu viel ab, so schwachen wir unseren 



Organismus in einer sehr sichtbaren Weise. Dieses Schwachen des 
Organismus in der sehr sichtbaren Weise durch die Ich-Tatigkeit ist 
es ja, was aufierlich sehr leicht auffallt. Aber es kann auch eine 
Schwachung eintreten des atherischen Leibes durch den astralischen 
Leib. Da ja der astralische Leib gewissermafien der Verzehrer des 
atherischen Leibes ist, wie wir gerade gesehen haben, so kann da eine 
Art Verzehrung iiber das Mafi hinaus eintreten. Die gewohnlichste 
Erscheinung dieser Art ist ja dann vorhanden, wenn wir so leben, 
dafi unser astralischer Leib, der Trager der Leidenschaften, der Tra- 
ger der Affekte, zu stark in Anspruch genommen wird. Sie wissen, 
das gibt dauernde Schwachungen des Menschen. Diese Schwachun- 
gen treten ein eben durch das Verzehren des atherischen Leibes 
durch den astralischen Leib. 

Aber hier kann noch etwas anderes stattfinden. Wie wir uns unse- 
ren astralischen Leib aufbauen, so nach und nach, von unserer Ge- 
burt, oder sagen wir von unserer Empfangnis angefangen im Verlau- 
fe des Lebens, so hangt das mit unserem Karma zusammen. Ob wir 
geneigt sind, im astralischen Leibe starke Affekte, starke Leiden- 
schaften zu entwickeln, hangt naturlich mit unserem Karma zusam- 
men. Diese Leidenschaften konnen aber auch in einer gewissen Be- 
ziehung menschlich bedeutsam sein. Nehmen wir eine Eigenschaft, 
welche ja durch das ganze Menschenleben spielt, und doch eine Lei- 
denschaft ist, wenn auch die edelste Leidenschaft, diejenige, die sich 
in ihrer edelsten Gestalt so ausbilden kann, daft sie frei ist von jeder 
Selbstsucht, die Leidenschaft der Liebe. Liebe ist eine Leidenschaft, 
nur kann sie frei werden von allem Egoismus. Es ist die einzige Lei- 
denschaft, die frei werden kann von Egoismus. Aber sie sitzt im 
astralischen Leibe, der astralische Leib ist ihr Trager. 

Nehmen wir nun einmal an, ein Kiinstler, der eine wirkliche 
Empfindung hat fur Realitaten - also kein Naturalist, denn der hat 
kein Empfinden fur Realitaten, der sieht nur die abstrakte naturali- 
stische Materie, sogenannte Wirklichkeiten -, sei vor die Aufgabe 
gestellt, eine menschliche Gestalt zu bilden, die ganz durchhaucht, 
durchflossen ist von der Leidenschaft der Liebe, von der edlen Lei- 
denschaft der Liebe. Jedesmal, wenn ein Kiinstler vor die Aufgabe 



gestellt war, eine Venus, eine Aphrodite zu bilden, dann hatte er eben 
das zu empfinden, daft die menschliche Gestalt ganz durchzogen sein 
mufi von dieser Leidenschaft der Liebe. Liebe mufi etwas Uberwie- 
gendes haben, sie mufi sich ausgieften. Was kann denn da nur der Fall 
sein? Man kann ja nicht sagen, daft man eine gewohnliche weibliche 
Gestalt als Aphrodite, als Venus bilden kann. Also kann nicht der 
astralische Leib der Aphrodite, der Venus, so sein, wie jeder weibli- 
che astralische Leib, denn sonst ware jede Frau, jedes Madchen eine 
Aphrodite, eine Venus. Das ist ja nicht der Fall, nicht wahr? Also es 
handelt sich darum, daft der astralische Leib in einer ganz besonde- 
ren Weise ausgebildet sein mul Der Kiinstler braucht nicht Geistes- 
wissenschaft zu kennen, braucht das nicht zu wissen, aber fuhlen 
muft er, wenn er eine Venus bildet: da mull der astralische Leib mehr 
ausgebildet sein, intensiver ausgebildet sein, als bei der eben Nicht- 
Aphrodite, Nicht-Venus. Aber der astralische Leib, haben wir ge- 
sagt, hat etwas Verzehrendes, etwas richtig Aufzehrendes. Das mufi 
ich ausdriicken. Wie wird denn der Kiinstler, der das nun wirklich 
empfindet, der wirklich eine Empfindung hat, daft da ein aufzehren- 
der astralischer Leib da ist, eine Venus bilden? Er wird sichtbar wer- 
den lassen, daft gewissermaften der physische Leib etwas an sich hat, 
wodurch er nach und nach aufgezehrt wird. Hier ist der Geisteswis- 
senschafter in einer anderen Situation, als, sagen wir zum Beispiel, 
der moderne Arzt. 

Nehmen wir an, ein Kiinstler bildet eine solche Venus, bei deren 
Bildung er richtig empfunden hat: Da ist ein starker aufzehrender 
astralischer Leib vorhanden als bei einer gewohnlichen Frau. Wir 
werden es dem schmalen Hals, der Bildung des Brustkorbes ansehen, 
wir werden es auch den anderen Gliedern ansehen, daft da etwas Ver- 
zehrendes im astralischen Leibe zugrunde liegt, werden es vielleicht 
der Gestalt ansehen, daft sie nicht besonders alt werden kann, wenn 
der Kiinstler die Sache physisch ausdriickt. Da wird der Geisteswis- 
senschafter sagen, wenn einmal ein Kiinstler so etwas tut: Dieser 
Kiinstler hat empfunden, was da eigentlich in der Realitat zugrunde 
liegt. Wir werden von diesem Gesichtspunkte uns sagen: Oftmals 
empfindet der Kiinstler, indem er bildet, eine reale geistige Wirklich- 



keit. - Was wird der Arzt sagen, der nicht Geisteswissenschafter ist, 
wenn er sieht, dafi ein Kiinstler solch eine Gestalt gebildet hat? «Das 
ist eine schwindsiichtige Gestalt», wird er sagen, denn in der Tat: Bei 
jemandem, der die Schwindsucht hat, ist auch der astralische Leib 
durch das Karma einer friiheren Inkarnation ein starker verbrennen- 
der astralischer Leib, als bei jemandem, der nicht die Schwindsucht 
hat. Botticelli hat eine sehr schone, bewunderte Venus gebildet, die 
meisten von Ihnen werden sie kennen. Auf diesem Bilde der Venus, 
die auf der Muschel stent, sehen wir einen richtigen physischen Leib, 
der so gebildet ist von Botticelli, dafi wir uns denken miissen: ein 
verzehrender astralischer Leib liegt zugrunde. Daher ist auch ein 
Streit entstanden unter den Kunstgelehrten. Die einen bewundern 
die von den sogenannten Normalgestalten abweichende Gestalt die- 
ser Venus mit dem schmalen Halse, mit der merkwiirdigen Ober- 
brust und so weiter; die anderen sagen, das kommt ja doch nur davon 
her, weil er ein schwindsiichtiges Modell gehabt hat. - Gewifi, man 
kann alles materialistisch erklaren. Wahrscheinlich hat sogar Botti- 
celli ein schwindsiichtiges Modell gehabt: Diese Simonetta, die mit 
dreiundzwanzig Jahren gestorben ist. Aber nicht darauf kommt es 
an, sondern darauf, dafi er das Gefuhl hatte, gerade dieses Modell zu 
verwenden fur eine Venus, das ihm die Moglichkeit bot, einen Men- 
schen mit einem den physischen Leib schneller als bei anderen auf- 
zehrenden astralischen Leibe zu machen. Und in der Tat, gerade bei 
diesem Bild - ich will es langsam herumgehen lassen, es ist eine 
schlechte Nachbildung, aber ich habe im Augenblick keine bessere - 
werden Sie sehen, wie da in der Tat bemerkbar ist, dafi wir es mit 
einem anders gearteten astralischen Leib zu tun haben, mit einem 
den physischen Leib durch den Atherleib hindurch verzehrenden 
astralischen Leib. Sie sehen, wie uns Geisteswissenschaft fiihren 
kann, wie uns Geisteswissenschaft den Weg weisen kann zum Ver- 
standnis solcher Dinge. 

Uberall werden Sie finden, dafi ein Blick, der nicht durch die 
Geisteswissenschaft gescharft ist, das Leben nirgends aufklaren 
kann. Uberall wird Licht in die Dinge hineingebracht, wenn wir 
die Dinge mit Hilfe der Geisteswissenschaft betrachten: in das 



au$ere Leben, wie es schon da ist, und in das Leben der Kunst. 
Allerdings ist schon notwendig, dafi wir uns dann Geduld aneig- 
nen, um den Menschen als etwas viel, viel Komphzierteres zu be- 
trachten, als dasjenige ist, wozu sich eben auftere Wissenschaft 
bequemt. Der Mensch ist schon einmal komplizierter, und das 
unverantwortlichste Wort, das oftmals auf dem Gebiete der Welt- 
anschauung gepragt wird, ist das, dafi die beste Erklarung diejenige 
ist, die am einfachsten ist. Nicht das ist die beste Erklarung, die am 
einfachsten ist, sondern das ist die beste Erklarung, die richtig die 
Sache trifft. Dessen mussen wir uns klar sein. 

Ich will Ihnen ein anderes Beispiel sagen, an dem Sie sehen kon- 
nen, wie die gewohnliche Wissenschaft nicht zurechtkommen kann 
ohne den geisteswissenschaftlichen Blick. Erinnern Sie sich an einen 
offentlichen Vortrag, den ich driiben im Architektenhause im Laufe 
dieses Winters gehalten habe, wo ich gesagt habe, wir mussen zu- 
nachst zwei Glieder des aufieren physischen Leibes unterscheiden, 
den Kopf des Menschen und den iibrigen Leib. Wenn Sie das Skelett 
anschauen, gliedert sich scharf ab das Haupt, und der iibrige Leib 
bildet den Rest. Ich habe dazumal bemerkt, dafi - nicht ganz, aber im 
wesentlichen - alles, was an dem Haupte daranhangt, Erdenbildung 
ist. So, wie der Mensch nach der Mondenentwickelung auf die Erde 
herubergekommen ist, ist er nur noch enthalten in der Hauptesbil- 
dung. Wir konnen sagen, das Haupt ist ein wesentlich alteres Organ 
als der iibrige Organismus. Der Kopf ist das Alteste, das Ehrwiirdig- 
ste am Menschen. Die Erde hat ihm das andere angehangt - im we- 
sentlichen, nicht ganz, aber man mufi ja immer die Dinge, ich mochte 
sagen, annahernd betrachten. Wiederum, wenn wir die Tatsache be- 
trachten, wie das Ich von Inkarnation zu Inkarnation geht, so mus- 
sen wir auch da die Krafte unterscheiden, die dem Haupte zugrunde 
liegen, und die Krafte, die dem iibrigen Organismus zugrunde liegen. 
Erinnern Sie sich an das, was ich in jenem offentlichen Vortrag gesagt 
habe: Unser Haupt ist im wesentlichen in seiner Form, in seiner 
Gestalt, das Ergebnis unserer f riiheren Inkarnation. Wie wir in unse- 
rer friiheren Inkarnation uns verhalten haben, wie wir uns betragen 
haben im Leben, das hat unserem Organismus das Geprage gegeben, 



das driickt sich in der nachsten Inkarnation in der Physiognomie, 
namentlich aber in der Schadelbildung unseres Hauptes aus. Erin- 
nern Sie sich, dafi ich einmal gesagt habe: Die Reinkarnation, die 
Wiederverkorperung, die wiederholten Erdenleben - am Schadel 
kann man sie mit Handen greifen; denn wie der Schadel geformt ist, 
das hangt davon ab, wie wir in unserer vorhergehenden Inkarnation 
waren. Wie wir unsere iibrige Physiognomie bilden, unsere Haltung, 
ob wir mehr oder weniger zappelig sind, ob wir mehr oder weniger 
Gesten machen, das wirkt wiederum auf die nachste Inkarnation; das 
driickt sich in der nachsten Inkarnation in der Gesichtsbildung, na- 
mentlich in der Schadelbildung aus. Sie konnen daraus ersehen, wie 
Streit entstehen kann iiber verhaltnismaftig wichtige Dinge. Sie wis- 
sen, es gibt Leute, die sind weise, wie sie namentlich selber meinen, 
auf dem Gebiete der Schadelkunde: Sie fuhlen den Schadel ab und 
geben dann eine Charakteristik des Menschen. Die kann mehr oder 
weniger stimmen, manchmal ganz gut stimmen, aber vollstandig 
stimmend, erschopfend kann sie nie sein, denn es ist wirklich wahr: 
Jeder von uns hat schon seinen eigenen Schadel, und kein Schadel 
gleicht dem anderen, denn unser Schadel ist das Ergebnis unserer 
vorhergehenden Inkarnation. Der iibrige Organismus hingegen be- 
reitet den Schadel der nachsten Inkarnation vor. Nun, die Kraneolo- 
gen, die Phrenologen streiten sich, weil sie eben generalisieren wol- 
len, wo individualisiert werden raul Jeder hat seinen eigenen Scha- 
del! Nur durch Intuition kann man aus der Schadelbeschaffenheit 
irgend etwas finden fur die tiefere Veranlagung des Menschen. Aber 
auch abgesehen von den Phrenologen, die Wissenschaft selber weifi 
nichts Rechtes anzufangen mit der menschlichen Schadelform. Und 
da mochte ich wieder auf einen Punkt aufmerksam machen, wo die 
gewohnliche Naturwissenschaft die Erganzung braucht durch die 
Geisteswissenschaft. 

Im Jahre 1887 hielt der beriihmte Anatom Karl Langer einen 
Vortrag liber drei wirklich bedeutende Menschenschadel: iiber den 
Schadel von Schubert, den Schadel von Haydn, den Schadel von 
Beethoven. Karl Langer war Anatom, vom anatomischen Stand- 
punkte aus wollte er die drei Schadel beleuchten. Er betonte in 



jenem Vortrag, dafi er bei keinem der drei Schadel irgendwelche 
Hinweise auf besondere musikalische Eigenschaften hatte finden 
konnen, am wenigsten am Schadel von Beethoven. Er betonte, daft 
der Schadel von Beethoven vom anatomisch-physiologischen 
Standpunkte aus sogar ein so hafilicher Schadel sei, dafi man alles 
hatte eher vermuten konnen, als dafi in diesem hafilichen Schadel 
die Seele Beethovens tatig gewesen sein konnte. Und wir haben da 
in Karl Langer einen aufierlichen Anatomen, der einmal genau zu- 
gesehen hat an dem besonderen Falle, der nicht von phantastischen 
Theorien, sondern von Realkaten ausgegangen ist und der sich 
gestehen muftte: Man kann an den Schadeln nichts finden, was auf 
musikalische Eigenschaften deutet. - Nun wissen wir, dafi ja 
Haydn, Schubert, Beethoven eben in jener Inkarnation, aus der der 
Schadel herstammt, Musiker waren. In der vorgehenden Inkarna- 
tion brauchen sie es nicht gewesen zu sein. Und wir konnen es sehr 
gut verstehen, dafi alles dasjenige, was dann sich abgeklart hat in 
der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, bei Beetho- 
ven gerade aus einer machtigen Kampfnatur hervorgegangen sein 
kann. Das von der vorhergehenden Inkarnation Heruberkommen- 
de driickt sich aus in der Schadelbildung. Insbesondere fiel es Lan- 
ger auf, dafi es ja drei Musiker waren, aber gar nichts Gemein- 
schaftliches in den Schadeln vorhanden war, gar nichts an irgend- 
welchen Eigenschaften, die diesen drei Menschen gemeinschaftlich 
gewesen waren, weil eben vermutlich alle drei ganz verschiedene 
Erlebnisse in einer vorhergehenden Inkarnation gehabt haben und 
Musiker erst geworden sind in der Inkarnation, in der sie den be- 
treffenden Schadel gehabt haben. Aber ihre Musikernatur driickte 
sich in dem Seelischen aus, wahrend sich in der Schadelbildung, in 
der Schadelformation dasjenige, was sie in der vorhergehenden 
Inkarnation erlebt haben, ausdriickte. 

Es ist dann ein Streit entstanden iiber diese drei Schadel. Ein 
anderer Anatom versuchte, den Langer zu widerlegen. Aber es kam 
nicht viel bei diesem Streit heraus, denn worauf ist eigentlich der 
physische Anatom angewiesen, wenn er so etwas untersucht? 
Nicht wahr, er will nichts wissen von einer vorhergehenden Inkar- 



nation, daher greift er zur Vererbung. Und Schaaffhausen, der den 
Karl Langer widerlegen wollte, bemerkte: Nun ja, unsere Schadel- 
form haben wir halt vererbt bekommen! - Niemals wird bei einer 
solchen Gelegenheit untersucht, wie es mit der wirklichen Verer- 
bung der Schadelform ist. Da wiirde man schon bemerken, wenn 
man nicht mit jener gewohnlichen Logik vorginge, mit der man so 
gern auf diesem Gebiet vorgeht, wie unbegriindet es ist, da von 
Vererbung zu sprechen. In Wahrheit bilden wir uns unsere Scha- 
delform aus nach dem Ergebnis unserer vorhergehenden Inkarna- 
tion. Gewifi konnen sich mit diesem, was gemafi der vorhergehen- 
den Inkarnation eingetreten ist, andere Dinge kreuzen. Wir wach- 
sen in einem gewissen Kreise auf. Namentlich wenn unser Gefiihl, 
unser Gemiit mit Personlichkeiten irgendeiner Umgebung verbun- 
den ist, so werden wir in die feinere Organisation noch manches 
hineindriicken. Aber im wesentlichen ist die Schadelformation auf- 
gebaut nach der vorhergehenden Inkarnation. 

Aber Sie wissen ja - ich habe das oft erwahnt — , wie geistreich 
man eigentlich mit der sogenannten Vererbungstheorie vorgeht. Es 
gibt jetzt ein sehr fleifiig gearbeitetes, gelehrtes Buch - gegen die 
Gelehrsamkeit in einem solchen Fall soil wirklich nichts eingewen- 
det werden, die Dinge sind in der Regel ungeheuer fleifiig gearbei- 
tet -, das verfolgt die Vorfahren Goethes, soweit sie sich eben ver- 
folgen lassen. Was will man denn mit einem solchen Nachweis? 
Man will zeigen, dafi dasjenige, was sich bei den verschiedenen 
Vorfahren eines Menschen ergeben hat, dann auftritt, wenn einmal 
ein Genie sich anschliefit an eine Vorfahrenreihe. Man denkt, das 
sei furchtbar logisch. Aber das beweist nicht mehr, wie ich schon 
ofter gesagt habe, als dafi, wenn ein Mensch ins Wasser fallt und 
man ihn herauszieht, er nafi ist; denn selbstverstandlich tragt der- 
jenige, der durchgegangen ist durch die Vererbungslinie, noch 
Merkmale der Vererbung. Er hat sie sich ja aufgesucht. Aber daft 
die Vererbungstheorie wirklich so gelten wiirde wie die Naturwis- 
senschaft annimmt, das mufke man ja dadurch beweisen, da£ man 
ausgeht von gewissen Eigenschaften und sie dann bei den Nach- 
kommen aufzeigt. Man miifite also von dem Genie ausgehen und 



dann auf die Nachkommen iibergehen. Das wird man wohl bleiben 
las sen. Man kann ja nicht beweisen, dafi Goethes Genialitat sich auf 
seinen Sohn oder auf seine Enkel vererbt hat, da man gerade diese 
ja kennt, nicht wahr! In der Nachkommenschaft anderer Genies ist 
dergleichen oftmals auch nicht nachweisbar. Wenn es nachweisbar 
ist, beruht es eben auf ganz etwas anderem, als auf einer physischen 
Vererbung, es beruht darauf, dafi eine Seele die Tendenz hat, in 
eine besondere Familie hinein sich zu inkarnieren, bestimmte 
Eigenschaften aufzusuchen. Nun, dariiber haben wir ja ofter ge- 
sprochen. Sehen Sie, das ist solch ein Beispiel, wie wiederum die 
gewohnliche Wissenschaft erganzt werden mufi durch Geistes- 
wissenschaft. Auf Schritt und Tritt mufi dasjenige, was uns die 
gewohnliche Wissenschaft bietet, und was uns das gewohnliche 
Leben bietet, von geisteswissenschaftlichen Einsichten aus erst be- 
leuchtet werden. Die Menschen ahnen heute noch gar nicht, wie 
wunderbar die Mysterien des Weltenwerdens auf die Seele wirken, 
wenn man sie in geisteswissenschaftlichem Sinne betrachtet. 

Erinnern Sie sich doch daran, daE ich ofter sprach von dem vierten 
nachatlantischen Zeitraum, dem griechisch-lateinischen, und unse- 
rem jetzigen fiinften, und ich habe manches angegeben, wodurch 
sich unterscheidet der Mensch des vierten nachatlantischen Zeit- 
raums, des griechisch- lateinischen, von dem Menschen des gegen- 
wartigen Zeitraums. Die gegenwartigen Menschen schauen sich die 
griechischen Kunstwerke an. Sie bewundern, wie diese griechischen 
Kunstwerke, die Plastiken namentlich, fein gesehen sind, wie da 
Dinge gesehen sind, die der Mensch heute nicht so ohne weiteres 
sieht. Derjenige, der heute im grob materialistischen Sinne denkt, 
sagt: Die Griechen haben halt besser gesehen, sie haben ja auch den 
menschlichen Korper gesehen bei ihren Spielen; und man hat nicht 
iibel Lust, diese Spiele wieder nachzumachen. - Nun, diejenigen, die 
heute griechische Spiele nachmachen, werden schon keine Griechen 
werden, darauf konnen Sie sich verlassen; aber die Aufierlichkeiten 
macht man ja vielfach nach. Ich habe es ja schon hervorgehoben, dafi 
der Grieche in einer anderen Weise nachbildete, als ein moderner 
europaischer Mensch. Das beruht darauf, dafi der Grieche noch et- 



was im Innern hatte. Wir wissen, dafi der Grieche ausgebildet hatte 
die Verstandes- oder Gemiitsseele; bei uns ist das Ich nach auften 
gerichtet, die Verstandes- oder Gemiitsseele aber ist nach innen ge- 
richtet, erfafk mehr das innere Gleichgewicht und die innere Bewe- 
gungsfahigkeit des Leibes. Der Mensch steckt noch mehr in sich als 
Grieche, denn als moderner Mensch. Der Grieche hat daher auch 
nicht in derselben Weise wie der moderne Kiinstler mit dem Modell 
gearbeitet, sondern wenn er den Arm zu bilden hatte, dann fiihlte er 
in sich die Form des Muskels, fiihlte in sich die Gestalt, er fiihlte, 
wenn er eine Bewegung bilden sollte, wenn er selbst die Bewegung 
machte, wie das ist. Ja, er konnte noch mehr, der Grieche, weil er 
noch drinnen steckte. Sie wissen, in der agyptisch-chaldaischen Zeit 
wurde ausgebildet die Empfindungsseele, in der griechisch-lateini- 
schen Zeit die Verstandes- oder Gemiitsseele. Sie steckt aber noch 
darinnen. Erst das Ich tritt heraus, sieht die Aufienwelt an. Wenn der 
Grieche sich einen Vogel anschaute, so konnte er in seiner eigenen 
Armbewegung, wenn er den Flug des Vogels nachahmte, fiihlen, wie 
er die Fliigel gestalten mufite, wahrend der moderne Mensch ein 
Modell braucht, sich einen Vogel irgendwo anheftet und dann den 
nachmalt oder nachbildet. Dieses innerliche Erleben ist der moder- 
nen Menschheit mit Recht verlorengegangen. Aber wissen mufi man 
das und wiirdigen mufi man das: Dieses innerliche plastische Ver- 
standnis, das der Grieche hatte, hat der moderne Mensch nicht. Wir 
miissen verstehen, dafi, wenn der Grieche einen Menschen in Bewe- 
gung in der Plastik nachbildete, er aus innerem Wissen, nicht von 
aufierlichem Anschauen nach dem Modell wufite, wie er das Bein, die 
Zehe, die Finger, wie er das alles zu stellen hatte. Der moderne 
Mensch kann eigentlich im Grunde genommen einen Vogel, der 
fliegt, nicht malen. Auf modernen Bildern schweben die Vogel, sie 
fliegen nicht. 

Dafi das so ist, das ist schon richtig, man mufi es nur verstehen. 
Man mufi an den heutigen Menschen nicht die Anforderungen stel- 
len, die man an den griechischen Menschen stellte. Es mufite abge- 
dampft werden dieses innerliche Erfiihlen, damit der Mensch das 
Ich nach aufien richten konnte. Man darf eben nicht die Mensch- 



heitsentwickelung so betrachten, wie sie die modernen materialisti- 
schen Darwinisten betrachten, dafi man nur ausgeht von dem un- 
vollkommenen und heraufgeht zum vollkommenen Menschen, 
sondern man mufi die geistige Entwickelung daneben haben, die 
hinuntersteigt von dem in der geistigen Welt vollkommenen zum 
immer mehr und mehr dem physischen Organismus sich anpassen- 
den Menschen. Zwei Entwickelungsstromungen haben wir verlau- 
fend, nicht blofi eine. Daher konnen wir sagen: Wir konnten in 
modernem Anschauen etwas aufnehmen, was beim fruheren An- 
schauen nicht der Fall war. Wir wissen, wie ja friiheres Anschauen 
nicht hineingetragen werden soli in spateres, wie es aber naturlich 
im Naturverlauf zuweilen hineingetragen wird. 

Da mochte ich Sie auf etwas aufmerksam machen. Blicken Sie in 
irgendeine illustrierte Zeitschrift, den «Tag» oder die « Woche» oder 
so etwas, und betrachten Sie eine Momentaufnahme, wo die Men- 
schen auf der Strafie gehen. Die Momentaufnahmen geben die un- 
mittelbare aufiere Wirklichkeit, sie geben den Menschen, wie er da ist 
- schon ist es meistens nicht! Wenn man eine Momentaufnahme ei- 
nes Vogels macht, sieht die auch ganz anders aus, als der Maler sie 
heute malen wiirde. Aber das Merkwiirdige ist: Wenn Sie japanische 
Vogel anschauen, sind die in ihrer Zeichnung ahnlich den Moment- 
aufnahmen. Das ist einmal so. Es gibt eine gewisse Ahnlichkeit zwi- 
schen den japanischen Zeichnungen im Fluge befindlicher Vogel und 
der Momentaufnahme des Vogels. Und sogar bei Zeichnungen von 
Menschen ist es ahnlich, denn der Japaner - aber man mufi sich be- 
schranken auf die Beobachtung des Ausschreitens - zeichnet viel 
eher das, was die Momentaufnahme gibt. Das riihrt eben davon her, 
daft das japanische Anschauen des vierten nachatlantischen Zeitrau- 
mes sich bewahrt hat in die Gegenwart hinein. Wir konnen nicht 
mehr so sehen, wie der Japaner sieht. Der Japaner sieht heute, nur 
nicht mit demselben Schonheitssinn wie der Grieche, vielfach im 
griechischen Sinne richtiger, als der zur fiinften nachatlantischen 
Kulturepoche fortgeschrittene Europaer. Diese Dinge werden einem 
nur erklarlich, wenn man sie wiederum mit dem Blick der Geistes- 
wissenschaft anschaut. Und wir werden, wenn Sie die asiatische Bild- 



nerei vergleichen mit der europaischen Bildnerei, den Unterschied 
finden zwischen dem vierten, dort erhaltenen, nachatlantischen Zeit- 
raum und unserem funften nachatlantischen Zeitraum. 

Sie sehen iiberall die Notwendigkeit, Geisteswissenschaft hinein- 
zutragen in die Dinge. Aber wir sind heute in bezug auf unsere aufie- 
re Kultur weit entfernt von diesem Verstandnisse, Geisteswissen- 
schaft in das aufiere Wissen hineinzutragen. Das riihrt zum grofiten 
Teile wirklich nicht davon her, dafi es ganz besonders schwierig 
ware, ein geisteswissenschaftliches Anschauen zu bekommen; man 
straubt sich nur dagegen. Dasjenige, was in dem Buche «Wie erlangt 
man Erkenntnisse der hoheren Welten?» beschrieben ist, kann ver- 
haltnismafiig leicht erhalten werden. Man kann schon dazu kommen, 
aber man straubt sich dagegen. Ich meine selbstverstandlich nicht 
Sie, aber die auftere Kultur straubt sich dagegen. Sie straubt sich na- 
mentlich aus dem Grunde dagegen, weil diese aufiere Kultur heute 
zunachst die Grundbedingungen gar nicht herstellen will, um denke- 
risches Gewissen zu entwickeln, denkerische Gewissenhaftigkeit, 
logisches Gewissen. Und da kommen wir auf eine wirklich vorhan- 
dene Kulturkrankheit unserer Zeit, die der Geisteswissenschafter ins 
Auge fassen mufi, weil sie iiberall an ihn herantritt: der Mangel des 
logischen, des Gedankengewissens. Da kann man die sonderbarsten 
Entdeckungen machen. Wir haben ja dafur schon Beispiele ange- 
fuhrt, nehmen wir heute wiederum ein Beispiel. 

Da gab es einen Mann - es gibt ihn noch -, der wollte den philo- 
sophischen Nachweis fiihren, dafi Ideale nichts Wirkliches sind, 
nichts Wesenhaftes. Er wollte einfach der modernen Zeitanschauung 
Rechnung tragen, die ja Ideale zur Not gelten lafit, aber sie nicht als 
wirklich Vorhandenes betrachtet, wie irgend etwas Aufieres, phy- 
sisch Wahrnehmbares. Aber auf der anderen Seite war der Betreffen- 
de Philosoph und hatte ja nun wirklich furchtbar wenig zu tun, wenn 
er die Ideale nicht gelten lafit; denn mit dem Physischen beschaftigen 
sich schliefilich die anderen Wissenschaften, und man mu8 ja als 
Philosoph noch etwas zu tun haben, nicht wahr? Aber nun: Wesen- 
haftes sind die Ideale nicht, gelten lassen will man sie doch, da sagt er: 
Sie sind eben Fiktionen, man mul5 sie als notwendige Fiktionen, als 



notwendige Annahmen gelten lassen. Der Betreffende hat dann diese 
Idee weiter ausgebildet als eine ganze Philosophic, die Philosophic 
des «Als Ob». Ich habe schon manchmal davon gesprochen. Nach 
dieser Philosophic sagt man: Es ist nicht notwendig anzunehmen, 
dafi es ein Atom gabe, aber wir betrachten die Welt so, als ob es ein 
Atom gibt; es ist nicht notwendig anzunehmen, dafi es eine Seele 
gibt, aber wir betrachten die Welt so, als ob es eine Seele gabe. Also 
eine ganze Philosophie des «Als Ob»! Dieser Mann hat nun einen 
Vergleich gebraucht, durch den er seinen Lesern begreiflich machen 
wollte, dafi man doch an Idealen festhalten kann, wenn man sie auch 
als nichts Wesenhaftes ansieht, und dieser Vergleich ist charakteri- 
stisch fur das logische Gewissen dieses Philosophen. Er hat gesagt: 
Sehen wir uns ein Kind an, das spielt mit der Puppe, trotzdem es 
weifi, dafi die Puppe kein wirkliches Leben in sich hat. Warum sollen 
wir denn also die Ideale abweisen, da die Kinder doch nicht die Pup- 
pe abweisen? Trotzdem die Puppe nicht lebt, behandeln sie sie wie 
lebend. Warum sollen wir denn die Ideale nicht ebenso behandeln, 
wenn wir auch wissen, dafi sie nichts Wesenhaftes sind? - 

Wir haben also schon die Anschauung, dafi Ideale nichts Wesen- 
haftes sind, aber der Mensch kann sie doch im Leben gebrauchen, 
indem er sie so ahnlich behandelt wie das kleine Madchen die Puppe, 
die auch nichts Lebendiges ist, aber wie etwas Lebendes behandelt 
wird. Wir haben es mit einem Philosophen zu tun, der die Ideale mit 
Puppen vergleicht! Nun, versuchen wir zurechtzukommen mit die- 
sem Vergleich, mit diesem Bilde. Erstens: Das kleine Madchen spielt 
mit der Puppe, aber es spielt unter der Voraussetzung, dafi die Puppe 
ein lebendes Wesen mindestens abbildet. Es wiirde kaum mit der 
Puppe spielen, wenn es nicht in der Puppe etwas hatte, was ein leben- 
des Wesen abbildet. Das ist die Voraussetzung. Also es lafk sich wohl 
kaum die Puppe mit dem Ideal vergleichen, wenn wir nicht voraus- 
setzen, dafi das Ideal doch etwas abbildet, nicht wahr? Das ist der 
erste Unsinn, den er sagt, da$ er iiberhaupt diesen Vergleich ge- 
braucht. Das Zweite ist: Wir wollen nach den Idealen, als ob sie be- 
stunden, das Leben einrichten. Ja, wird dabei etwas herauskommen? 
Natiirlich so viel, als herauskommt, wenn das Kind mit der Puppe 



spielt, denn diesen Vergleich legt er ja zugrunde. Also blofi eine 
Nachahmung des Lebens! Hier haben wir es nicht nur zu tun mit 
einem ganz torichten Vergleich, sondern wir haben es zu tun auch 
mit einem zweiten Irrtum, mit einer zweiten Torheit des Mannes. 
Der Vergleich mufi falsch sein, weil der Puppenvergleich gar nicht 
geht: Die Puppe bildet das Leben wenigstens nach - Ideale sollen 
nichts nachbilden. Aber wenn sie so waren, so wiirden sie nur eine 
Imitation des Lebens zustande bringen, nicht das Leben selbst. Wir 
haben es also mit einem Doppelunsinn zu tun. Wir haben einen Phi- 
losophen vor uns, der nicht nur einen einfachen, sondern einen Dop- 
pelunsinn tut. Solcher Doppelunsinne konnten wir viele, viele nach- 
weisen in der Wissenschaft und im Leben. Insbesondere sind diese 
Doppelunsinne haufig in der sogenannten Weltweisheit, in der Phi- 
losophic zu finden. Wenn solches Denken vorhanden ist„ wenn das 
Denken auf solch schief en Bahnen geht, dann kann sich dieses Den- 
ken nicht disziplinieren, so dafi es nur giiltige Vergleiche bildet, nur 
ein Gefiihl entwickelt fur giiltige Vergleiche, und dann ist kein Fun- 
dament gegeben fur geistige Anschauung. Denn geistige Anschau- 
ung kann sich nur entwickeln, wenn das Denken zunachst ein gesun- 
des ist. 

Deshalb bitte ich Sie recht sehr, gerade in dem neuen Buche, das in 
einiger Zeit erscheinen wird, «Vom Menschenratsel», zu beachten, 
was dort gesagt ist iiber den Begriff des Wirklichen. Wir miissen den 
Begriff des Wirklichen entwickeln, nicht blofi den Begriff des Lo- 
gischen. Wenn ich einen Kristall vor mir habe und ihn als Kristall 
betrachte, so ist er eine in sich abgeschlossene Wirklichkeit. Der 
Kristall sagt mir die Wahrheit iiber sich, wenn ich ihn als Kristall 
betrachte. Aber nehmen Sie einen Baumstamm, dessen Zweige abge- 
schnitten sind, dessen Wurzel abgeschnitten ist! Sagt der auch iiber 
sich die Wahrheit? Nein, der liigt mich an, so wie er in der Sinnlich- 
keit da ist, denn so kann er nicht sein! Dieser Baumstamm konnte 
nicht sein, wenn er sich nicht im Zusammenhang mit einer Wurzel 
und mit Zweigen und Blattern entwickelte; das gehort auch zu dem 
abgeschnittenen Baumstamm dazu, und ich habe nur eine Wahrheit, 
wenn ich den ganzen Baum vorstelle. Da habe ich etwas aus der Sinn- 



lichkeit herausgeschnitten. Aber dieses Herausgeschnittene ist keine 
Wirklichkeit. Wirklichkeitsgemaftes Denken mufi iiberall ein Gefiihl 
dafiir entwickeln, was man einschliefien mufi in die Vorstellung. Nur 
wenn man ein Gefiihl davon hat, daft ein Blatt nichts Wirkliches ist, 
weil es nur im Zusammenhang mit einer Pflanze gedacht werden 
kann - es ist etwas anderes, ob ich ein Blatt finde oder ob ich einen 
Kristall finde -, nur wenn ich diesen Wirklichkeitssinn entwickele, 
bin ich vorbereitet dazu, auch zu den geistigen Wirklichkeiten in der 
richtigen Weise aufzusteigen. Logisch kann manches sein; wirklich- 
keitsgemaft ist etwas anderes! Da handelt es sich darum, daft man den 
Sinn fur die Wirklichkeit entwickelt. Man kann sehr leicht Fehler 
machen in bezug auf diesen Sinn des Wirklichen. Wenn ich ein Bild 
anschaue, das dadurch entstanden ist, daft eine einzige Figur aus 
einem Ganzen herausgeschnitten ist, so ist das nichts Wirkliches, 
denn das ganze Bild muft ich ansehen. Wenn nun einer sagt: Ja, dann 
muftt du aber iiberhaupt, weil dieses Bild sich ergibt aus fruheren 
Bildern, die derselbe Maler und andere Maler gemalt haben, die gan- 
ze Kunstgeschichte iiberblicken. - Das ware wiederum Unsinn. Man 
muft eben diesen Wirklichkeitssinn entwickeln, daft es in sich abge- 
schlossene Realitaten gibt. Sonst wurde «wirklich» iiberhaupt nur 
dasjenige sein, was das ganze Weltenall ist. Das also bitte ich Sie ganz 
besonders zu beachten in der Schrift, die demnachst erscheinen wird: 
«Vom Menschenratsel». 

Nachdem ich gewissermaften den Gegenstand der heutigen Be- 
trachtung erschopft habe, also nichts abziehe von der eigentlichen 
Betrachtung, so darf ich noch etwas iiber diese hinausgehend sagen, 
nicht um irgend etwas Abtragliches, Schlimmes zu sagen, aber um 
etwas zu sagen, was ein wenig geeignet ist, Licht zu werfen auf die 
Art, wie unsere ganze Bewegung genommen werden muft. Man kann 
ja wirklich diese Geisteswissenschaft in die gegenwartige Kultur nur 
hineinbringen, wenn eine Anzahl von Menschen da sind, welche den 
guten Willen haben, mit dem rechten Fiihlen und Empfinden zu die- 
ser Geisteswissenschaft zu stehen. Ich mache solche Betrachtungen 
immer ungern, aber sie miissen schon einmal gemacht werden. Sehen 
Sie, ich bemiihe mich auf jede mogliche Art, zu zeigen, wie in der Tat 



in unserer Gegenwart die Tendenz, der Impuls ist nach dem Geistes- 
wissenschaftlichen hin. Zu diesem Ende habe ich Ihnen angefiihrt die 
zwei Biicher von Hermann Bahr «Expressionismus» und «Himmel- 
fahrt», weil wir es da zu tun haben mit einem Menschen, der iiber 
fiinfzig Jahre alt geworden ist und jetzt beginnt, trotzdem er so und 
soviele Dramen und Romane geschrieben hat, gleichsam eine Sehn- 
sucht zu entwickeln nach dem Geisteswissenschaftlichen und auch 
nach Goethe hin, der so innig zusammenhangt mit den Impulsen der 
Geisteswissenschaft. Und ich versuchte zu zeigen, wie dieser Her- 
mann Bahr aus einem guten Willen heraus endlich mit fiinfzig Jahren 
angefangen hat - wie er das selbst gesteht -, nun endlich Goethe zu 
lesen, und wie er angefangen hat, ein bifichen sich hineinzufinden, 
«tappend», sagte ich, in das Geisteswissenschaftliche, so dafi er in 
dem allerersten Anfang ist. Solche Biicher wie «Expressionismus» 
von Hermann Bahr, und das andere: «Himmelfahrt», sie sind wirk- 
lich au^erordentlich bezeichnend, weil sie uns zeigen, wie Geistes- 
wissenschaft - verzeihen Sie den trivialen Ausdruck - eine Frage der 
Zeit ist. Aber wir kommen nur weiter auf diesem Gebiete, wenn wir 
die Dinge wirklich ernstlich und griindlich nehmen, wenn wir sie 
auch nehmen mit der richtigen Ehrfurcht vor dem Geisteswissen- 
schaftlichen, wenn wir gewissermafien wissen: Es ist ein Grund- 
Impuls, der aufgesucht wird dabei in unserer gegenwartigen Kultur- 
entwickelung. Schaden mufi es unserer Sache immer, wenn die Dinge 
oberflachlich genommen werden, wenn die Dinge so genommen 
werden, dafi dasjenige, was hier - es darf ja, ohne die Bescheidenheit 
zu verletzen, gewifi gesagt werden - mit Griindlichkeit versucht 
wird, verwechselt wird mit allem moglichen Charlatanhaften, To- 
richten, Phantastischen in unserer Zeit. Nichts schadet unserer Sache 
so sehr, als wenn sie verwechselt wird mit allem moglichen phanta- 
stischen, dilettantischen Zeug. Nun arbeiten wir ja lange zusammen, 
und es mufi schon sich allmahlich entwickeln dieser Ernst gegeniiber 
der Sache und dieses Unterscheidungsvermogen gegeniiber anderen 
Dingen, die ja manche Ahnlichkeiten haben, aber schliefilich hat ein 
Koter auch mit einem Lowen einige Ahnlichkeit: Sie haben beide 
vier Beine! Schliefilich hat alles mit allem Ahnlichkeit! Dasjenige, 



was aber vor alien Dingen beriicksichtigt werden mufi, ist der Ernst 
des Strebens, der Ernst des Arbeitens. Nun wirklich, betrachten Sie 
es so, da$ ich selbstverstandlich in dem Fall, den ich hier bespreche, 
den aufierordentlich guten Willen anerkenne, der dabei zugrunde 
liegt - dankbar bin ich fur den guten Willen -, aber dafi ich doch 
das Symptomatische schon einmal gezwungen bin zu besprechen. 

Nachdem ich also in den zwei Betrachtungen auseinandergesetzt 
habe, wie Hermann Bahr gleichsam ein Konterfei von sich selber in 
seinem «Franz» schildert, wie der durch die verschiedensten Dinge 
durch das Leben geht, wie er dann zu einer Art von Mystik kommt 
- also eine ernsthaftige Sache, die ein Abbild ist eines ganzen 
Menschenlebens -, da bekam ich vor einigen Tagen aus dem Kreise 
derjenigen, die das hier sich angehort haben, ein Buch zugeschickt, 
«Apostel Dodenscheidt» von Margarethe Bohme, mit der Bemer- 
kung: So wie der Franz bei Hermann Bahr, so hatte doch auch der 
Apostel Dodenscheidt alle moglichen Entwickelungen durchge- 
macht und hatte sich zuletzt durchgerungen zu der Anschauung 
von Reinkarnation und Karma. - Nun, das Buch, das mir da ge- 
schickt worden ist, ist ein Schlusselroman der schlimmsten Sorte. 
Man braucht sich ja nur an gewisse Dinge hier in Berlin und der 
weiteren Umgebung zu erinnern: Es gab einmal einen Josua Klein 
und ahnliche Leute; in diesem Roman gibt's einen Gottfried GroE 
und so weiter. Und nichts Schlimmeres konnte einem passieren, als 
daft die beiden Dinge, die hier gemeint sind, und die Dinge, die 
diesem Schlusselroman zugrunde liegen, der aufierdem ein litera- 
risch minderwertiges Buch ist, ein schlechtes Buch in literarischer, 
kiinstlerischer Beziehung, in einem Atem genannt werden! Es ist 
aber die Tendenz vorhanden, die Dinge in einem Atem zu nennen, 
wenn so etwas geschehen kann, dafi die Dinge zusammengeworfen 
werden. Es ist gewifi keine Siinde, daft das gerade in diesem Fall 
geschehen ist - es ist ja mir geschickt worden. Aber es zeigt doch, 
welche Ideenassoziationen sich bilden, mit welchen Dingen man 
dasjenige, was hier aus den Quellen des Lebens gesucht werden 
soil, verwechselt. Ich will keinen Tadel aussprechen, sondern nur 
eine symptomatische Erscheinung besprechen. Die Dinge, die hier 



besprochen werden, sind wahrhaftig nicht so gemeint, wie es der- 
jenige auffalk, der das ganze tolle Zeug, das in diesem Buche «Apo- 
stel Dodenscheidt» abgehandelt ist, irgendwie ernsthaftig nimmt. 
Gerade das Zusammenbringen unserer Sache mit diesen oder jenen 
Bestrebungen, das ist es, was unserer Sache am allermeisten scha- 
det! Das ist das Wichtige, dafi uns das endlich einmal so recht zur 
Seele geht, denn derjenige versteht nicht richtig, was hier gesagt 
sein will, der hier etwas Ahnliches findet wie in dem Buch «Apo- 
stel Dodenscheidt». Ich will keine Philippika halten, ich mochte 
noch einmal sagen, dafi ich selbstverstandlich den guten Willen 
anerkennen will. Aber das Symptomatische muE ich doch bespre- 
chen, denn was da zum Vorschein gekommen ist, das kommt drau- 
fien immer wieder und wiederum zum Vorschein: dafi man die 
Dinge, die hier besprochen werden und die hier vertreten werden, 
wirklich nicht mit dem notigen Ernst und mit der notigen Einsicht 
nimmt. 



FUNFTER VORTRAG 



Berlin, 4. Juli 1916 

Lebensgleichgewicht 

Die heutigen Betrachtungen werden in einem gewissen Zusammen- 
hang stehen mit den mehr in die Breite gehenden Auseinanderset- 
zungen, die wir in der letzten Zeit vielfach gepflogen haben. Es ist 
ja, wie wir gesehen haben, heute durchaus nicht unnotig, auf das- 
jenige zu sehen, was aus dem Wirken, Meinen und Glauben unse- 
rer Zeit entgegenstrebt und sich entgegenstellt dem, was wir als 
Geisteswissenschaft erkennen wollen, und von dem wir die Ansicht 
haben rmissen, dafi es ein notwendiger Bestandteil werden mufi der 
geistigen Kulturentwickelung der Menschheit der Gegenwart und 
der nachsten Zukunft. So ist dasjenige, was vorgebracht worden ist, 
durchaus nicht ohne Zusammenhang nicht nur mit den Anschau- 
ungen unserer Geisteswissenschaft, sondern mit dem ganzen Im- 
puls, mit der Kraft, die in unserer geisteswissenschaftlichen Bewe- 
gung liegen soil. Und eben nach dieser Richtung mochte ich heute 
zunachst einige erganzende Betrachtungen vorbringen. 

Immer wieder und wiederum mufi man ja mahnen, dafS gewisse 
Vorstellungen, Begriffe und Ideen, die innerhalb unserer Geistes- 
wissenschaft Bedeutung haben miissen, nicht zu blofien Wortvor- 
stellungen werden, dafi man namentlich an diesen Vorstellungen 
der Geisteswissenschaft, die ja in vieler Beziehung ein neues Gei- 
stesgut der Menschheit bedeuten, nicht herangehe mit alten Vor- 
stellungen und inneren Seelengewohnheiten. So ist es insbesondere 
notwendig, dalS man an solche Vorstellungen wie das «Ahrimani- 
sche», das «Luziferische» nicht herangehe mit all den gewohnten 
Empfindungen und Vorstellungen, die man einfach hegt, wenn 
man die betreffenden Worte bildet. Wir brauchen uns ja nur vor- 
zustellen, wie in siidlicheren Gegenden eine Damonen-Vorstellung 
herrscht, die wir mit unseren Empfindungen treffen, wenn wir den 
Namen Luzifer aussprechen. Wir sollen aber nicht, wenn wir die 



geisteswissenschaftliche Vorstellung von Luzifer bekommen, die- 
selben, ich mochte sagen, durchaus abweisenden Vorstellungen und 
Empfindungen haben, wie man sie bei den alten Damonenvorstel- 
lungen hatte. Ebensowenig diirfen wir die Vorstellungen, die in der 
Menschenseele auftauchten, wenn die mittelalterlichen Teufelsvor- 
stellungen erweckt wurden, ohne weiteres auf unser Ahrimanisches 
anwenden. Wir mussen uns klar sein, daft die Welt, so wie sie vor 
uns stent, gewissermafien ein Gleichgewichtszustand ist. Der Waa- 
gebalken ruht horizontal nicht dadurch, dafi wir ihn einfach als 
Waagebalken haben, sondern dajft links und rechts Gewichte daran- 
hangen, die sich das Gleichgewicht halten. So ist es mit allem, was 
in unserer Welt ist. Sie ist nicht durch die Ruhe, sie ist nicht durch 
das Nichts, sie ist durch das Gleichgewicht, welches bewirkt wird 
dadurch, dafi auf der einen Seite die Moglichkeit vorhanden ist, dafi 
nach der luziferischen Seite ein radikales Ablenken von dem Rech- 
ten und Guten stattfindet, und dadurch, dafi nach der anderen, der 
ahrimanischen Seite ein Ablenken stattfindet. Wer nun einfach 
sagt: Ich mufi mich huten vor allem Ahrimanischen oder Luziferi- 
schen -, der ist in dem gleichen Falle, wie einer, der sagt: Eine 
Waage will ich schon haben, aber keine Gewichte auf die beiden 
Waagschalen legen! Wir wissen ja, dafi wir zum Beispiel zu gar 
keiner Kunst kommen konnten, wenn nicht das Luziferische in der 
Welt eine Rolle spielte. Wir wissen auf der anderen Seite, dafi man 
zu keiner Anschauung der aufieren Natur kommen konnte, wenn 
nicht das Ahrimanische eine Rolle spielte. Es handelt sich nur dar- 
um, dafi im Menschengemute der Gleichgewichtszustand herbeige- 
fuhrt wird. Und weil das so ist, kann man dem Ahrimanischen und 
dem Luziferischen verfallen, gerade wenn man glaubt, alles Ahri- 
manisch-Luziferische abzuweisen. Gegen die Wirklichkeit lafit sich 
zwar siindigen, aber die Wirklichkeit lalk sich nicht unterdnicken! 
So wird jemand, der sich vor dem Ahrimanischen huten will, sehr 
leicht dem Luziferischen, jemand, der sich vor dem Luziferischen 
hiiten will, sehr leicht dem Ahrimanischen verfallen. Die Sache ist 
die, dafi wir das Gleichgewicht finden, dafi wir vor keinem zuriick- 
schrecken, dafi wir als Menschen Mut genug haben, sowohl, sagen 



wir, der ahrimanischen Furcht, wie der luziferischen Hoffnung 
oder Lust entgegenzutreten. Aber unsere Zeitkultur liebt dieses 
nicht. Unsere Zeitkultur liebt, ohne dafi sie es weifi und selbstver- 
standlich ohne dafi sie es will, in gewisser Beziehung das Ahrima- 
nische und das Luziferische. Sie glaubt sich davor zu hiiten, verfallt 
ihm aber erst recht! 

So im Allgemeinen, in Abstraktem herumreden fiihrt eigentlich in 
der Regel zu gar nichts. Wir kommen nur zu etwas, wenn wir solch 
bedeutsame Lebensfragen ganz konkret anfassen. Und deshalb wah- 
le ich so viele besondere Beispiele, an denen man sehen kann, wie der 
Mensch das Gleichgewicht im Leben finden kann, die Ausgleichung 
zwischen Ruhe und Bewegung, zwischen Einheit und Mannigfaltig- 
keit. Es gibt Philosophen oder Weltanschanungsleute, die sagen, sie 
streben nach der Einheit. Das ist schon, aber es ist rein luziferisch! 
Andere streben nach der Mannigfaltigkeit, wollen nichts wissen von 
einer Einheit. Auch das kann heute Fruchte bringen, ist aber ahrima- 
nisch. Nur derjenige, der die Einheit in der Mannigfaltigkeit, und 
wiederum die Mannigfaltigkeit so sucht, daft sich durch die Mannig- 
faltigkeit die Einheit offenbart, strebt nach dem Gleichgewichte. Es 
handelt sich nur darum, daft man die Moglichkeit findet, dies in der 
Wirklichkeit zu tun. Ich kann immer nur einzelne Versiindigungen 
gegen das Gleichgewicht anfuhren. 

Eine solche Versiindigung geschieht in unserer Zeit hauptsachlich 
dadurch, daft man Geschichte in einer ganz bestimmten Weise be- 
trachtet. Wie betrachtet man heute Geschichte? Man studiert, wie die 
Ereignisse aufeinander folgen, wie die Ereignisse in der Zeit, wie man 
glaubt, nach Ursache und Wirkung zusammenhangen. Das Nachst- 
folgende nimmt man, versucht es aus dem unmittelbar Vorhergehen- 
den zu erklaren, wobei allerdings zu bemerken ist, daft ja heute das 
Gedachtnis der Menschen in der Regel sehr kurz ist. Wir konnen es ja 
bemerken, daft seit fast zwei Jahren die Menschen so sprechen iiber 
die Ereignisse der Geschichte, iiber die Ereignisse, die zu diesen ge- 
genwartigen, furchtbar tragischen Konflikten gefuhrt haben, als ob 
die Welt iiberhaupt erst ihren Anfang genommen hatte im Juli 1914. 
Die Menschen vergessen so leicht, was vorher geschehen ist. In zahl- 



reichen Betrachtungen finden wir heute, wie dasjenige, was vorher- 
gegangen ist, einfach vergessen wird. Aber davon noch ganz abgese- 
hen, wenn man Geschichte schon einmal betrachtet, so wird das Fol- 
gende an das Vorhergehende angereiht, das Vorhergehende wieder- 
um an das Nachstvorhergehende. Man macht das so, dafi man immer, 
ich mochte sagen, die einzelnen Tatsachen aneinanderreiht, wie die 
einzelnen Perlen einer Perlenkette. Das nennt man dann Geschichte. 
Dadurch aber kann man niemals die Wahrheit finden, mindestens 
kann man nicht eine solche Wahrheit finden, dafi sie uns als ge- 
schichtliche Wahrheit fur das Leben helfen kann. Denn die Ereignisse 
folgen zwar aufeinander, eines auf das andere, aber das eine Ereignis 
ist viel wichtiger als das andere. Und zuweilen zeigt sich an einem be- 
stimmten Ereignisse, das in einer bestimmten Zeit stattfindet, viel 
mehr fiir das Verstandnis des nachstfolgenden, als durch andere Er- 
eignisse. Es handelt sich darum, dafi man die richtigen Ereignisse, die 
richtigen Tatsachen findet. Solch eine Geschichtsbetrachtung nannte 
ich oftmals vor Ihnen eine symptomatische Geschichtsbetrachtung, 
im Gegensatz zu der blofi pragmatischen, die man heute vielfach 
sucht, eine Erkenntnis des inneren, des geistigen Werdeganges aus 
Symptomen, wobei man an gewissen Stellen Ereignisse findet, die die 
Ereignisse ihrer Umgebung an Bedeutung iiberragen. 

Diese Betrachtungsweise ist vorzugsweise eine Goethesche; denn 
Goethe hat das in seine ganze Betrachtungsweise eingefuhrt, nicht 
einfach jedes Ereignis so neben das andere hinzustellen, sondern die 
Ereignisse nach dem, wie sich das Geistige in ihnen mehr oder min- 
der offenbart, als bedeutsam fiir den Gang der Menschheitsereignisse 
hinzunehmen. Es wird einmal eine Geschichtsschreibung kommen 
liber die gegenwartigen tragischen Konflikte, da wird man ganz be- 
stimmte einzelne Tatsachen der letzten Jahrzehnte erzahlen, und 
man wird aus diesen Tatsachen erkennen, wie sich alles ergeben hat, 
so dafi das Heutige gekommen ist. Heute ist nicht die Zeit, solche 
Tatsachen zu erzahlen, es wiirde nur mifiverstanden werden. Aber 
man wird Tatsachen erzahlen, die heute, wenn sie jemand liest, ein- 
fach ubergangen werden, aus denen aber, wenn ich so sagen darf, die 
Wahrheit ausstrahlt. Ich habe das im Laufe der Jahre immer so ge- 



macht: Ich habe Ihnen mannigfaltige Tatsachen erzahlt, niemals 
ohne die Absicht, durch diese Tatsachen iiber den wahren geistigen 
Gang der Ereignisse zu sprechen. Nun, iiber diese Sache mulke ich 
mehr abstrakt sprechen, denn wollte ich auf einzelne Tatsachen ein- 
gehen, welche.klarend wirken konnen gerade fiir die Gegenwart, so 
wiirde ich wahrscheinlich doch Dinge besprechen miissen, die heute 
nicht besprochen werden konnen, weil man sie nicht horen will. 
Derjenige, der nicht so Geschichte betrachtet, sie nicht symptoma- 
tisch betrachtet, der findet nicht das Gleichgewicht zwischen Ahri- 
manischem und Luziferischem, er verfallt einer ahrimanischen Ge- 
schichtsbetrachtung. Daher ist die heutige Geschichtsbetrachtung 
zum grofien Teil ahrimanisch. Es werden die Tatsachen nicht bewer- 
tet. Die Leute glauben zwar, die Tatsachen zu bewerten, sie tun es 
aber nicht. Sie kennen sogar die wichtigsten zumeist nicht, weil sie 
die wichtigen Tatsachen fiir das Unbedeutendste halten. Aber das 
Umgekehrte findet auch statt, und dariiber konnen wir schon genau- 
er sprechen. Das Umgekehrte ist, wenn der Mensch nun gar nicht auf 
die Tatsachen Riicksicht nimmt, sondern sich aus seinem Herzen, 
aus seiner Seele heraus allgemeine Wahrheiten formt, die gelten 
sollen, die er sozusagen mit sich durch das Leben tragt, und die er 
iiberall anbringen will. Da kann er dann in dieser Lebenslage und in 
der entgegengesetzten Lebenslage sein: Uberall wird er dieselbe 
Wahrheit anbringen. Das ist mehr eine luziferische Ausschreitung. 
Aber die Menschen lieben sie heute. Sie mochten sozusagen eine Art 
Essenz der Wahrheit haben, und fiir diese soil sich ihnen nirgends 
mehr etwas anderesergeben, die soil sie durch alle, alle Einzelheiten 
tragen, das ist ihnen angenehm. Aber so geht es nicht, man mufi 
das Gleichgewicht finden. 

Nun will ich Ihnen begreiflich machen, was ich damit meine auf 
diesem Gebiete. Sehen Sie, der Mensch kann durch die Welt gehen, 
kann oben auf einem Gebirge stehen, kann die breite Natur auf sich 
wirken lassen; nun ja, er schaut sich das an, aber er verbindet das 
nicht mit dem Geistigen. Wiederum geht er in die Heimstatten der 
Menschen, wo das Elend sitzt. Er schaut sich das an, er wird auch 
betroffen davon, er fuhlt mit. Aber dasjenige, was er schliefilich iiber 



die hochsten Dinge denkt, bleibt uberall dasselbe, er tragt das durch 
alle Situationen hindurch. In der Volksweisheit, die allerdings jetzt 
immer mehr und mehr zuriickgeht, findet sich eine deutliche Emp- 
findung, ja auch eine deutliche Arbeit, das Gleichgewicht bei den 
Seelen zu suchen. So konnte es vorkommen - wie gesagt, jetzt hort 
diese Volksweisheit allmahlich immer mehr und mehr auf -, dafi je- 
mand durch ein Dorf ging zu der Zeit, als es noch Sonnenuhren gab. 
Jetzt kann es j a Sonnenuhren nicht mehr leicht geben, denn die liefien 
sich ja gar nicht, je nachdem man will, um eine Stunde zuriickstellen 
oder vorstellen! Das geht doch nicht! Also in der Zeit, in der die 
Sonnenuhren noch eine Bedeutung hatten, konnte jemand durch ein 
Dorf gehen, sah eine Sonnenuhr, unter der Sonnenuhr fand er Worte 
geschrieben. Die Worte waren schon so, dafi sie Eindruck machten 
auf ihn. So zum Beispiel ein Spruch unter einer Sonnenuhr: 

Ich bin ein Schatten. 
Das bist auch du! 
Ich rechne mit der Zeit. 
Und du? 

Denken Sie sich, welche tief en Worte unter der Sonnenuhr stehen: 
«Ich bin ein Schatten. Das bist auch du!» Ein Schatten, der von der 
Sonne geworfen wird! - «Ich rechne mit der Zeit. Und du?» Wie 
spricht unter der unmittelbaren Anschauung einer konkreten Wirk- 
lichkeit die tiefe Wahrheit, dafi das Menschenleben ein Schatten ist 
desjenigen, was in der Geistigkeit wirkt und webt! Wie anschaulich 
tritt das dem Menschen, und machtig sich einpragend ins Herz, da 
entgegen, wo er, vom Wandern miide, unter eine Uhr tritt und den 
Schatten sieht, und nun darauf aufmerksam gemacht wird: «Ein 
Schatten bist auch du. Ich rechne mit der Zeit. Und du?» Denken Sie 
sich, welch machtige Frage an den Menschen, an das menschliche 
Gewissen: Rechnest du mit der Zeit, findest du dich hinein in die 
Zeit? - Das meine ich damit, wenn ich sage: Gleichgewicht mufi ge- 
sucht werden. Dafi die Menschen nicht einfach gehen und die Tat- 
sachen nebeneinander wirken lassen, eine so gut wie die andere, son- 



dern hingewiesen werden darauf, dafi da eine bedeutsame Tatsache 
ist, die Grofies sprechen kann zu dem Menschen, von ewigen Wahr- 
heiten sprechen kann, das ist bedeutsam. Da findet jene Verschwiste- 
rung statt zwischen dem, was in der menschlichen Seele lebt und 
dem, was draufien im Raume ausgebreitet ist. Und nur dadurch fin- 
den wir uns wirklich mit der Wahrheit der Welt zusammen, dafi wir, 
indcm wir mit der Welt verkehren, immer auf die Wahrheit stolen, 
dafi wir nicht die Wahrheit einfach von vornherein in uns tragen 
wollen, an einer Sonnenuhr so vorbeigehend wie an einem Pflug und 
dergleichen, sondern daft wir, indem wir die Dinge anschauen, zu- 
gleich belehrt werden iiber das Hochste, das Grofite, das in der 
menschlichen Seele aufleuchten kann. Dieses Zusammenleben mit 
der aufieren Wirklichkeit, mit dem, was im Raume ausgebreitet ist, 
dieses Im-rechten-Augenblicke-sich-dem-Ewigen-Gegenuberfiih- 
len, das ist noch etwas ganz anderes, als aus einem Buche zu lernen, 
dieses oder jenes gehore zu den ewigen Wahrheiten. Wir konnen 
noch so oft uns im abstrakten Sinne einpragen, das Menschenleben 
sei ein Schatten desjenigen, was in den Ewigkeiten mit dem Men- 
schen geschieht, wir konnen uns noch so viele schone, ethische 
Wahrheiten einpragen iiber den Gebrauch der Zeit: So tief werden 
sie nicht sitzen, wie wenn wir das rechte Verhaltnis finden zwischen 
uns und der aufteren Wirklichkeit. Dann wird uns an der einzelnen 
konkreten Tatsache ein Bedeutsames entgegentreten. Das heifit das 
Gleichgewicht finden im Leben, das uns nicht werden kann, wenn 
wir uns an die Aufienwelt verlieren, und uns nicht werden kann, 
wenn wir uns nur in unser Inneres vertiefen. Mystik ist einseitig, ist 
luziferisch; Naturwissenschaft ist einseitig, ist ahrimanisch. Aber 
Mystik, entwickelt am Aufieren, an der aufteren Naturbetrachtung, 
Naturbeobachtung vertieft zur Mystik: Das ist das Gleichgewicht! 

Oder ein anderes Beispiel. Denken Sie sich einmal einen Men- 
schen, der in einer schonen Alpengegend wandert und, sagen wir, 
an einem Morgcn den Gesang der Vogel, die Schonheit der Walder, 
vielleicht auch die wunderbare jungfrauliche Reinheit des Wassers, 
das in Bachen hinunterrieselt, beobachtet. Und er wandert weiter, 
wandert vielleicht schon eine Stunde, einundeinhalb Stunden, und 



kommt dann an ein einfaches Holzkreuz mit dem Crucifixus, mit 
dem Christus daran. Er ist vielleicht innerlich froh, alle frohen 
Krafte seiner Seele sind aufgeriittelt, er hat Schones, Grofies, Herr- 
liches, Erhabenes gesehen. Er ist auch abgemudet. Nun tritt er an 
einer bestimmten Stelle, wo urn ihn die wunderbar erhabene und 
anmutige Natur ist, vor ein einfaches Holzkreuz mit dem Christus 
darauf, und auf diesem stehen die Worte: 

Hake still, du Wandersmann, 

Und sieh dir meine Wunden an. 

Die Wunden stehn. 

Die Stunden gehn. 

Nimm dich in acht und hike dich, 

Was ich am Jiingsten Tage iiber dich 

Fur ein Urteil sprich! 

Das Erlebnis, das man diesen Worten gegeniiber haben kann, 
kann grofier, in unser Herz einschneidender sein als das Erlebnis, 
das man gegeniiber dem bekannten Michelangeloschen Bilde des 
Christus in der Sixtinischen Kapelle haben kann. Kein Mensch 
weifi, wer die Worte gedichtet hat, die ich eben gesprochen habe. 
Jeder aber, der etwas versteht von Dichtung, weifi, dafi derjenige, 
der die Worte gepragt hat: «Die Wunden stehn. Die Stunden gehn» 
zu den grofken Dichtern gehort, die es iiberhaupt geben kann. 
Aber diese Empfindung mufi man erst haben. Man mufi erst wis- 
sen, dafi wahre Dichtung diejenige ist, die an der rechten Stelle aus 
der menschlichen Seele herausquillt. Nicht jedes Wortgereimsel, 
nicht alles dasjenige, was als Dichtung existiert, ist wirkliche Dich- 
tung. Aber es ist wirkliche Dichtung, wenn aus den ewigen Wahr- 
heiten des Christentums herausquillt: 

Halte still, du Wandersmann, 
Und sieh dir meine Wunden an. 
Die Wunden stehn. 
Die Stunden gehn. 



Nimm dich in acht und hiite dich, 
Was ich am Jiingsten Tage iiber dich 
Fiir ein Urteil sprich! 

Einfache Worte, Worte hochster, grofiter Dichtung! Und so 
aufmerksam gemacht werden auf ein Grolkes in der Erdenentwik- 
kelung in der erhabenen Natur, in dem anmutig Schonen, das heifk 
mit der Seele zusammen die Wirklichkeit im Raume erleben. Es ist 
nur ein Beispiel, noch einschneidender als dasjenige mit der Son- 
nenuhr. Darauf kommt es an, wo und wann dies oder jenes uns 
entgegentritt, und dafi wir dieses im Leben entwickeln konnen: 
nicht an der Wirklichkeit vorbeizugehen, sondern auch an dem, 
was nicht der Mensch gemacht hat, was gewissermafien von den 
ewigen Machten selber gesetzt ist, dieses Zusammenwachsen der 
Menschenseele mit der Wirklichkeit zu erleben und das Gleichge- 
wicht zu erhalten. Nicht eher konnen wir zu der Anschauung der 
geistigen Welt kommen, als bis wir so streben: nicht einseitig nach 
Mystik, nicht einseitig nach Naturbeobachtung, sondern nach der 
Verbindung zwischen der Mystik und Naturbeobachtung. 

Solches mufi schon heute gesagt werden, denn es gehort zu dem- 
jenigen, fiir das die gegenwartige Menschheit am wenigsten eine 
wirkliche Empfindung hat, und das in der gegenwartigen Mensch- 
heit am wenigsten Erlebnis werden kann. Deshalb ist der gegenwar- 
tigen Menschheit Geisteswissenschaft so schwer verstandlich, weil 
dasjenige, was in der Geisteswissenschaft geboten wird, ausgeloscht 
wird sowohl durch das einseitige Streben nach einer Einsicht, die 
man durch alle Dinge tragt, wie auch durch das Hinnehmen der 
Auftenwelt, ohne dafi man nach symptomatischer Auspragung und 
Offenbarung des Geistigen in dem einen oder anderen Ereignisse 
mehr oder weniger sieht. Dafiir hat die heutige Menschheit das aller- 
wenigste Verstandnis. Hatte sie es, so wiirde ja in unserer Zeit wirk- 
lich viel weniger gereimt werden und, wenn ich gleich das sagen darf, 
viel weniger definiert werden. Denn die Menschen kommen durch 
Definitionen nur zur Uberschatzung der Worte, und durch Reime- 
reien kommen sie nur dazu, die Worte zu mifibrauchen. Ein Gedicht 



wie dasjenige, das an diesem einfachen Kreuze steht - man weifi 
nicht, wer der Dichter ist, aber es ist sicher entstanden in einer Zeit, 
in der im Volksgemiite tiefe dichterische Empfanglichkeit bei dem 
einen oder bei dem anderen war und wirkliches Gleichgewicht in der 
Seele. Ach, unsere Zeit ist ja so abgestumpft gegen dasjenige, was 
wirkliche Dichtung ist, dadurch, dafi wir eben viel zu viel Dichtung 
haben; und Dichtung bringt immer Dichtung hervor, wie das unge- 
sunde Leben den Krebs hervorbringt, das Karzinom. Denn es ist ja 
eine ganz gleiche Erscheinung auf geistigem Gebiete, wenn jeder 
heute angeregt wird zu dichten aus dem, was eben in der Dichtung 
existiert, wie wenn der Lebensprozefi zur Karzinombildung ange- 
regt wird. Wir haben ja in dieser Beziehung gerade am Ende des 19. 
Jahrhunderts die kostbarsten Friichte der Reimkunst erlebt. Sie wis- 
sen ja vielleicht, dafi einer der bissigsten Berliner Kritiker sich sogar 
Alfred Kerr hat heifien miissen, weil er in Wirklichkeit Alfred 
Kempner heifit, aber Kempner konnte man sich nicht nennen am 
Ende des 19. Jahrhunderts, denn das erinnerte an die Friederike 
Kempner. Ja, die hat auch Verse gemacht! Wir brauchen uns ja nur zu 
erinnern an den schonen Vers - ich mochte Ihnen nicht viele solche 
Verse vorsagen, nur den einen: 

Amerika, du Land der Traume! 
Du Wunderwelt, so lang und breit! 
Wie schon sind deine Cocosbaume 
Und deine rege Einsamkeit! 

Hier ist es nur sehr auff allig, aber viele Dichtungen, bei denen man 
es weniger stark merkt in der Gegenwart, sind genauso, und viele 
Begriffe, die gebildet werden, sind ganz genauso, wie die «rege Ein- 
samkeit» der Friederike Kempner; denn man hat oft kein Gefiihl 
dafiir, wie sehr das Eigenschaftswort dem Hauptwort widerspricht, 
wenn man heute redet oder schreibt. Es miissen diese Dinge schon 
ins Auge gefafk werden, es geht nicht anders heute. Denn heute redet 
mancher so, dafi er das Wort nicht nur wie eine Gebarde auffafit, 
denn das ist ja das Wort nur. Sie wissen, ich habe hingewiesen darauf, 
wie tolpatschig solch eine Theorie ist wie die von Fritz Mauthner, 



der allerdings alle Philosophie und alle Weltanschauung zuriickfuh- 
ren will auf blofie Wortbedeutungen, und dann sowohl drei dicke 
Bande geschrieben hat wie auch ein ganzes Lexikon, zwei dicke Le- 
xikonbande, in denen alphabetisch aufgereiht sind alle philosophi- 
schen Worte, aber kein einziger philosophischer Begriff. Da ist voll- 
standig aufier acht gelassen, dafi das Wort sich zum Begriff wirklich 
so verhalt wie eine Gebarde. Bei der Weltanschauung vergifit man 
das f ortwahrend. In der gemeinen Wirklichkeit, da kann man es nicht 
vergessen, denn man wird nicht leicht einen Tisch mit dem Worte 
Tisch verwechseln, und man wird nicht leicht denken, man miisse 
aus dem Worte Tisch heraus den Tisch kennenlernen. Aber bei der 
Philosophie, bei der Weltanschauung, tut man das fortwahrend. Ich 
habe Ihnen gesagt, Fritz Mauthner sollte nur einmal kennenlernen, 
was man in Osterreich einen «bohmischen Hofrat» nennt; dann 
wiirde er in sein Worterbuch «bohmisch» einsetzen und alles mogli- 
che folgern, und dann «Hofrat» und wiirde wieder alles mogliche 
folgern. Nun ist aber ein «bohmischer Hofrat» weder ein Bohme, 
noch ein Hofrat, sondern er kann ein steirischer Kanzleidiener sein. 
Es ist alles ein «bohmischer Hofrat» in Osterreich, was so mit gewis- 
sen Schuhen, die nicht starker auftreten wie die Pantoffeln, und mit 
Handen, die so den Nebenbuhler, aber ohne dafi er es merkt, beiseite 
schieben, sich vorwarts bringt. Das nennt man einen «bohmischen 
Hofrat». Er braucht, wie gesagt, durchaus kein Bohme und kein 
Hofrat zu sein. Man kann aus dem Wort durchaus nichts gewinnen, 
es ist nur eine Gebarde. Die Gebarde tritt hier nur radikaler hervor, 
aber es ist so mit alien unseren Worten. Wir miissen uns klar sein, die 
Worte sind Gebarden: Der Kehlkopf macht die Gebarde, und die 
Gebarde wird horbar durch die Luft, geradeso, wie die Hand eine 
Gebarde macht, oder mein Arm eine Gebarde macht, die nur nicht 
horbar wird, weil sie zu langsam ist. Der Kehlkopf macht die Gebar- 
de so rasch, dafi sie horbar wird. Der ganze Unterschied liegt nur in 
der Schnelligkeit des Kehlkopfes. Und ebensowenig, wie man recht 
tut, wenn einer auf den Tisch zeigt, seine Armbewegung zu beschrei- 
ben statt des Tisches, den er meint, ebensowenig tut man recht, wenn 
man das Wort benutzt, um irgend etwas fur den Begriff, fur die Sa- 



che, auch auf geistigem Gebiete zu erhalten. Diese Fehler werden 
aber heute immer gemacht. Die Leute legen sich ganz in die Worte. 
Sehen Sie, ich habe mir, als ich ein junger Mann war - nein, noch 
nicht ein junger Mann, ein Knabe, als ich in Wiener-Neustadt in 
Nieder-Osterreich auf der Schule war einen Spruch gut gemerkt, 
der mich davor bewahrt hat, auf Definitionen, auf Worterklarungen 
iiberhaupt in der Welt besonders viel zu geben. Dieser Spruch stand 
auf einem Hause so als Hausspruch angeschrieben, und lautete: 

Ich, Hans Prasser, 
Trink lieber Wein als Wasser. 
Trank ich lieber Wasser als Wein, 
Wiird' ich kein Prasser sein! 

So ungefahr sind die heutigen Worterklarungen vielfach. Das 
heilk, man macht zuerst eine Worterklarung, und dann richtet man 
die Erklarung so ein, da$ sie stimmen mufi; denn wenn sie nicht 
stimmte, dann war* es eben nicht so, wie es ist. Wenn Sie sich das 
merken: «Ich, Hans Prasser, trink lieber Wein als Wasser. Trank 
ich lieber Wasser als Wein, wurd' ich doch kein Prasser sein!», 
werden Sie behiitet sein vor sehr vielem, was heute auftaucht im 
sogenannten geistigen Leben, in breitester Wirklichkeit. Viel, viel 
taucht auf in unserer Zeit. Aber alle diese Dinge sind geeignet, 
immer mehr und mehr die Welt abzubringen von dem Hinblick auf 
das Geistige, von dem Bewufitsein, dafi Geist walk und webt in 
dem Wirklichen, in demjenigen, was uns umgibt. Immer mehr und 
mehr kommen wir, kommt die Welt ganz ab von einem Zusam- 
menhang mit dem Geistigen. Denn dadurch, dafi man von einem 
Geistigen spricht, ist ja das Geistige noch nicht gegeben. Wenn ein 
Mensch eine Gebarde macht, die auf eine Wirklichkeit deutet, und 
ein anderer dann in einem ganz anderen Raum ihm diese Gebarde 
nachmacht, so bedeutet ja diese nicht dasselbe fur die Wirklichkeit. 
Aber wohin kommt die Welt, wenn sie alles Zusammensein mit 
dem Geistigen verliert, wenn sie dies alles abstreift? Es ist merk- 
wiirdig, wie wenig man bemerkt, wie man allmahlich den Zusam- 
menhang mit der geistigen Welt verliert. Weltanschauungen sind 



ein Bediirfnis der Menschheit, und ohne Weltanschauung will ein 
Mensch ja doch nicht sein. Die neuere Zeit jedoch 1st vielfach ohne 
Geistigkeit, ohne einen Glauben, ohne eine Hinneigung zur Gei- 
stigkeit. Aber nicht alle, die ohne Hinneigung zur Geistigkeit sind, 
konnen Weltanschauungen entbehren. Ach, dann kommen merk- 
wiirdige Rechtfertigungen der Weltanschauung heraus! 

So mulke ich in den letzten Wochen eines Mannes gedenken, mit 
dem ich um die Wende des 19. und 20. Jahrhunderts, 1898, 1899, 
1900, 1901 ofter zusammen war, der dazumal gestrebt hat nach einer 
Weltanschauung, aber nicht zu einer Weltanschauung kommen 
konnte. Er versuchte, sie im Haeckelismus zu finden, scheint aber 
dann doch nicht befriedigt worden zu sein. Ich habe ihn ganz aus 
dem Auge verloren. Und jetzt sehe ich, da£ derselbe Mann, der 
griindlich naturwissenschaftlich gebildet ist, zwar nach Weltan- 
schauung strebt, aber sich die merkwiirdigsten Vorstellungen macht 
iiber die Griinde, warum der Mensch eigentlich zu einer Weltan- 
schauung kommt, und unter Weltanschauung versteht er auch die 
Religion. Wenn jemand ganz eingelebt ist in das nur aufterliche, 
materielle Auffassen der Tatsachen, in die ahrimanische Wirklich- 
keit, so kann er ja vor sich selber nicht rechtfertigen, daft er die Tat- 
sachen zu einer Weltanschauung zusammenfalk. Wenn er aber nun 
doch eine Weltanschauung sucht, man mochte sagen, was soil er nun 
mit sich selber machen, um dieses Suchen nach einer Weltanschau- 
ung zu rechtfertigen? Nun sieht man gerade an diesem Beispiel, auf 
welche Abwege die Menschen in der Gegenwart kommen. Es sind ja 
alles redlich strebsame Menschen. Dieser Mann sagt sich nun: Nach 
dem, was die Naturwissenschaft gibt, was iiberhaupt eine Wissen- 
schaft gibt, was so einfach die «Wahrheit» ist, auf dem Wege kann 
man ja nicht zu einer Weltanschauung kommen. Wie kommt man 
also zu einer Weltanschauung? Die Sinne geben die Weltanschauung 
nicht; der Verstand, der an die Sinne gebunden sein mull, gibt die 
Weltanschauung nicht; was gibt die Weltanschauung? - Und da kam 
denn der betreffende Mann darauf, so recht im Sinne unserer Zeit 
den Ursprung der Weltanschauung zu suchen, namlich in der 
Psycho-Sexualitat! Wodurch kommt der Mensch zu einer Welt- 



anschauung? Dadurch, dafi er ein sexuelles Wesen ist! Ware der 
Mensch kein sexuelles Wesen, so wiirde er nicht die Ereignisse zu- 
sammenfassen, sondern er wiirde nur die Tatsachen auffassen. Einen 
charakteristischen Ausspruch dieses Marines mochte ich Ihnen doch 
vorlesen. Er sagt: 

«In der Psycho-Sexualitat liegen also, wie man bei dem Verfolg 
des Schopenhauerschen Gedankens sagen kann» - er glaubt das aus 
der Schopenhauerschen Weltanschauung zu gewinnen - , «uberindi- 
viduelle Richtungen und Strebungen, mit denen im letzten Grand 
das metaphysische Bediirfnis des Menschen in Zusammenhang ge- 
bracht werden mufi, wie es sich in der Schopfung religioser Gefiihle 
und Vorstellungen, in der Bildung und Auspragung zusammenfas- 
sender Weltanschauungen ausspricht.» - Also zusammenfassende 
Weltanschauungen, religiose Vorstellungen sind ein Ergebnis der 
Psycho-Sexualitat! - «Doch dem Gegensatz der Polaritat entspre- 
chend, finden wir in der Psycho-Sexualitat auch eine Kraft, welche in 
die Tiefen und in die Niederungen den Menschen herabzieht. Aus 
der Psycho-Sexualitat entquellen auch die verbrecherischen Triebe.» 

Also zwei Pole in der Menschennatur, die aus der Psycho- 
Sexualitat kommen. Der eine Pol: Religiose Gefiihle, Weltanschau- 
ungsgedanken; der andere Pol: Verbrecherische Triebe. Ist es nicht 
- ich sage nicht: traurig, ich sage -: Ist es nicht tragisch, wozu 
unsere Zeit fiihrt? 

Diese Anschauungen sind nicht leicht zu nehmen. Wer so etwas 
beobachtete, der sah, mit welcher ungeheuren Geschwindigkeit die- 
se Anschauungen sich ausbreiteten. In meiner Jugend gab es noch 
keine Psychoanalyse, keine Freudsche Theorie, und wer sie dazumal 
begriindet haben wiirde, hatte als ein Irrsinniger gegolten. Heute gibt 
es nicht nur eine Freudsche Theorie mit Zeitschriften, mit Vertre- 
tung in alien Landern, heute hat es psychoanalytische Anstalten 
iiberall, in denen der psychoanalytische Unfug getrieben wird. Heu- 
te werden die wichtigsten, und wie Sie sehen, jetzt auch schon die 
heiligsten Erlebnisse der Menschenseele auf Psycho-Sexualitat zu- 
riickgefuhrt! Weit, weit ab kommt die Menschheit von jenen Bah- 
nen, in denen sie schon war, in die sie wieder geleitet werden mufi 



durch Geisteswissenschaft. Denn dasjenige, urn was es sich handelt, 
ist ja nicht so, dafi man sagen kann, man kann solche Dinge furchtbar 
leicht widerlegen. Unendlich leicht widerlegen lassen sich die Sachen 
nicht, weil es auf die ganze Richtung der Seele ankommt, auf die 
ganze Form und Auffassung der Seele kommt es an, wenn man iiber 
diese Dinge sprechen will. Als innerhalb unserer eigenen Gesell- 
schaft ein Biichelchen auftrat, das aufierdem noch recht dilettantisch 
geschrieben war, iiber Psycho-Sexualitat, da hatten wir einen grofien 
Kampf auszukampfen, der noch nicht einmal zu Ende ist. Man konn- 
te gar nicht verstanden werden, warum man ein solches Biichelchen 
fur etwas Unzukommliches halt. Ich sagte dem Verfasser: Gerade 
deshalb ist der Okkultist zuriickhaltend in diesen Dingen, weil in 
diesen Dingen das Mifiverstandnis von der Wahrheit durch eine 
Spinnewebewand, nur durch eine Spinnewebe getrennt ist, und weil 
es auf die ganze Verfassung der Seele ankommt, weil es gefahrlich ist, 
iiber diese Dinge zu reden. - Uber solche Dinge mufi gesprochen 
werden, denn sie werden von der aufieren Wissenschaft untersucht 
und werden in der aufieren Wissenschaft eine gewisse Rolle spielen. 
Aber man mufi erst wiederum zuruckkommen auf jene Richtung, die 
die Seele nehmen mufi, damit der Mensch den Weg ins Geistige 
hinein findet. 

Im Zusammenhang mit dieser grotesken Tatsache, dafi der Ur- 
sprung der Weltanschauung in der Psycho-Sexualitat gesucht wird, 
werde ich Ihnen eine andere nennen, eine Tatsache, die uns alien 
heilig ist. Das ist die Tatsache, daft das hebraische Wort, das an der 
Stelle der Bibel steht, wo die Paradieses-Erzahlung vorgebracht 
wird, doch gut iibersetzt ist in unsere Sprache, wenn es heifit: «Und 
Adam erkannte sein Weib.» Da haben Sie die Erkenntnis, den 
Erkenntnisbegriff auch in die Nahe der Sexualitat gebracht. Aber 
wie? Genau in der entgegengesetzten Art! Dahinter verbirgt sich 
ein tiefes Mysterium. Wenn die Menschen auf umgekehrtem Weg 
zu den Dingen kommen werden, die wahr sind, aber die nur ange- 
schaut werden diirfen vom Gesichtspunkte des Geistigen, wenn sie 
nicht auf Abwege fuhren sollen, dann wird erst wiederum ein Licht 
dariiber aufgehen. Huten mufi sich der Mensch in der Gegenwart 



vor jener Respektlosigkeit, die besteht gegeniiber dem geistigen 
Forschen. Und diese Respektlosigkeit besteht einmal. Uberhaupt 
besteht im tiefsten Sinne des Wortes die Respektlosigkeit vor der 
geistigen Welt. Jeder glaubt, aus den allernachsten Erfahrungen des 
unmittelbar vor ihm Auftretenden, oder auch aus den Erfahrungen 
von gestern reformierend in die Welt eingreifen zu konnen. 

Ein trostloses Beispiel trat mir in diesen Tagen vor Augen! Ein 
Mensch liefi die gegenwartigen tragischen Ereignisse dieses furcht- 
baren Krieges auf sich wirken und kam zu der Anschauung, dafi, 
wenn jemals wiederum Friede eintreten wiirde in der Welt, so ware 
das eine Katastrophe, er kam zu der Anschauung: Krieg raufi blei- 
ben, denn das sei der naturliche Zustand der Menschen. Diese 
Worte finden Sie bei dem Betreffenden: 

«Krieg lernt man nicht an einem Tage. Ein wahres Gliick, dafi den 
Prozefi der Adaptation die Drohungen unserer Gegner beschleuni- 
gen, vor allem die letzten mit <voller Vernichtung unseres Exportes>.» 

Sie sehen, es ist in den allerletzten Tagen offenbar geschrieben, 
denn es wird schon gerechnet mit der Pariser Wirtschaftskonferenz. 

«Nun wird niemand mehr der logischen Folgerung ausweichen 
konnen, da£ der Friede eine Katastrophe ware, dafi die einzige 
Moglichkeit der Krieg bleibt. Der Krieg, - bisher Reaktion auf 
Reiz einer Sache, Mittel zum Zweck -: von jetzt ab wird er Selbst- 
zweck, und von jetzt ab werden auch alle jene noch unerlosten 
deutschen Seelen, moglicherweise sogar die letzten Pazifisten, ihren 
Sundenfall erkennen, werden erkennen, dafi ihre Ideale keine Reli- 
quien sind, sondern Relikte. Die ganze Nation wird wie ein Mann 
den ewigen Krieg fordern.» 

Und weiter heifit es bei demselben Herrn: 

«Erziehung zum Hafi, Erziehung zur Hochachtung des Hasses, 
Erziehung zur Liebe zum Hasse, Organisation des Hasses! Fort 
mit der unreifen Scheu, mit der falschen Scham vor Brutalitat und 
Fanatismus! Auch politisch gelte das Wort Marinellis: Mehr Back- 
pfeifen, weniger Ktisse! Wir diirfen nicht zogern, blasphemisch zu 
verkiinden: Uns ist gegeben Glaube, Hoffnung und Hafi.» In der 
Zukunft darf es nach diesem Herrn eben nicht mehr heifien: Glau- 



be, Hoffnung und Liebe, sondern: Glaube, Hoffnung und Haft! 
«Aber der Hafi ist der grofke unter ihnen!» 

Ja, meine lieben Freunde, das gibt es! Es kann sich nie darum 
handeln, wie der Vogel Straufi den Kopf in den Sand zu stecken, 
sondern zu wissen, wohin der Materialismus fiihrt, besonders in 
seiner neuesten Phase, wo man ihn aber verleugnet hat. Besser war 
er noch im Laufe des 19. Jahrhunderts in der Biichner- und David- 
Friedrich-Straufi-Zeit und in der Zeit des dicken Vogt, der den 
Kreislauf des Stoffes beschrieben hat, und all der anderen, die sich 
wenigstens dazu bekannt haben. Heute geht er aber in der Heuch- 
lermiene daher, der Materialismus, indem die Leute sagen, er sei 
langst iiberwunden. Aber dasjenige, was sie an die Stelle setzen, 
dem gegeniiber sie heuchlerisch ableugnen, dafi es Materialismus 
sei, das ist Materialismus, und immer schlimmerer Materialismus! 

Wir brauchen Goetheanismus, meine lieben Freunde, wir brau- 
chen solche Weltanschauung, welche zusammenwachsen lafit die 
Seele mit der Wirklichkeit in den besonderen charakteristischen 
Erscheinungen der Wirklichkeit. Denn dieser Goetheanismus ist 
nur die Erneuerung des wahren christlichen Empfindungs- und 
Gefuhlslebens. Warum verstehen die Orientalen nicht das Myste- 
rium von Golgatha? Deshalb verstehen sie es nicht, weil sie nicht 
verstehen konnen, dafi ein Ereignis wesentlicher ist als das andere. 
Nur dann versteht man das Mysterium von Golgatha, wenn man 
den Unterschied der Ereignisse versteht, denn nur dann kann man 
sich aufschwingen zu der Erkenntnis, dafi ein Ereignis der Erde 
iiberhaupt erst Sinn geben kann. Wenn man Gradationen hat zwi- 
schen den Ereignissen, dann kann man eins als das wichtige haben. 
Im Morgenland kommt man hochstens zu einem fortwahrenden 
Zyklusspiel, da wiederholt sich immer alles. Dieses, daft unsere 
Erde ganz aufgebaut ist darauf, daft wir eine Vorbereitungszeit 
haben bis zum Mysterium von Golgatha, dann das Mysterium von 
Golgatba als die Hohe der Erdenentwickelung, und dann das Ein- 
leben des Mysteriums von Golgatha, das wird die Menschheit nach 
und nach verstehen miissen, aber aus der symptomatischen Ge- 
schichtsbetrachtung heraus. 



Es gipfelt eben wirklich alles, was uns die Geisteswissenschaft 
geben kann, in der christlichen Weltbetrachtung, die da kommen 
mufi. Geisteswissenschaft will wirklich, wie ich oft sagte, keine 
neue Religion sein, aber sie will die Werkzeuge in die Hand geben, 
damit eine Menschheit, die sonst vollig in Materialismus verfallen 
mufi, das Geistige, das im Christentum liegt, wiederum voll verste- 
hen kann. Es ist schon durchaus notwendig, dafi man mit offenen 
Augen in unsere Zeit hineinsieht, denn das ist viel wichtiger, als 
jedes sentimentale Hineinsehen. 



SECHSTER VORTRAG 



Berlin, 11. Juli 1916 
Wabrheitsgefiibl 

Bevor ich zu den Vortragsbetrachtungen komme, mochten wir 
gerne in dem ersten Teil des heutigen Abends einige Dichtungen 
zum Vortrage bringen. Ich habe versucht - zunachst war es be- 
stimmt zum Gebrauche bei eurythmischen Darstellungen -, eini- 
ges, das zusammenhangt mit der Denkweise und der Gesinnungs- 
art geisteswissenschaftlicher Anschauung, zum Ausdruck zu brin- 
gen in einer Art gebundener Rede. Es war, wie gesagt, zunachst 
bestimmt fur eine eurythmische Darstellung in Dornach, und ist 
damals auch eurythmisch dargestellt worden. Es wird demnachst in 
einer kleinen Veroffentlichung, die zu unseren Zyklus-Veroffentli- 
chungen gehoren wird, mit meinen Erklarungen dazu gedruckt 
werden und hier zu haben sein. Ich muE aber, bevor diese Dinge 
zum Vortrage kommen, einiges voraussenden. 

Ich habe ja das letzte Mai ein paar Worte iiber die dichterische 
Kunst gesprochen in anderem Zusammenhang. Nun mufi wirklich 
recht ernst genommen werden das, was oftmals gerade im Verlaufe 
dieses Winters wiederum ausgesprochen worden ist: dafi der ganze 
Impuls, wenn ich das Paradoxon gebrauchen darf, der ganze Geist 
unserer Geisteswissenschaft in die geistige Zeitkultur hineingehen 
mufi, der geistigen Zeitkultur etwas Besonderes bringen mufi. Dich- 
tung beruht nicht blolS darauf, dafi irgend etwas Erfundenes oder 
Gedachtes ausgesprochen wird, sondern daft es in einer gewissen 
Form ausgesprochen wird. Nun sucht Geisteswissenschaft die Ver- 
bindung des Menschen herzustellen mit den grofien Gesetzen des 
Universums, mit den grofien Gesetzen des Kosmos. In wirklichem, 
wahrem Sinne verstehen wird man die tiefsten Impulse der Geistes- 
wissenschaft erst, wenn man erfassen wird, wie weitgehend dieses 
Suchen nach der Beziehung zwischen dem Menschen und den gro- 
fien ubersinnlichen Gesetzen des Universums eigentlich ist. Dasjeni- 



ge, was man Dichtung nennt, wird allmahlich ein neues Gesicht be- 
kommen. Das ist ja heute gewift noch recht schwer zu verstehen, 
aber es ist doch so. In der Dichtung soil ja wiedergegeben werden - 
es wird das heute nur mehr wenig gefuhlt -, was der Mensch erlebt 
zusammen mit dem Weltenall, was herausgeholt ist aus den Geheim- 
nissen des Weltenalls. Das aber mufi auch fliefien in die dichterische 
Form. Wenn wir gewisse Gedankenbilder uns machen, die Wieder- 
gabe sind von Dingen der imaginativen Erkenntnis, so konnen wir 
damit auch die Gesetze finden, die sich beziehen auf die Stellung der 
zwolf Sternbilder des Tierkreises und die Beziehungen der Bewe- 
gung der sieben Planeten mit der Bewegung der zwolf Tierkreisbil- 
der. Wir konnen auch herausheben gewisse Bewegungen und Geset- 
ze, die sich auf weniger als auf die sieben Planeten beziehen, die sich 
zum Beispiel nur beziehen auf Sonne, Mond und den Durchgang der 
Sonne und des Mondes durch die Tierkreisbilder und dergleichen. 
Nicht darauf kommt es an, dafi wir ansingen dasjenige, was da im 
Universum vorgeht, sondern daft dasselbe, was in den groften Geset- 
zen des Universums spricht, auch in der Form der Dichtung spricht. 
Und so werden Sie heute Versuche - es sind selbstverstandlich erste 
Versuche - kennenlernen, in denen in der Aufeinanderfolge der Zei- 
len, in dem gegenseitigen Bezug der Zeilen aufeinander und in dem, 
was jede Zeile ausdriickt, solche Gesetze walten, wie sie im Univer- 
sum waken. Sie werden zum Beispiel eine Dichtung finden, welche 
aus zwolf Strophen besteht, jede Strophe aus sieben Zeilen, und der 
ganze Bau der Dichtung ist so, dafi sich das, was in den sieben Zeilen 
zum Ausdruck kommt, wirklich so gibt, wie die Gesetze der Bewe- 
gungen der sieben Planeten. Und dafi es gerade zwolf Strophen sind 
und die Stimmung der sieben Zeilen in zwolf Strophen wiederkehrt, 
das entspricht den Gesetzen des Durchganges der einzelnen Planeten 
bei ihren Bewegungen durch die Tierkreisbilder. Was also da drau- 
ften im Kosmos sich abspielt, gewissermafien in der Spharenharmo- 
nie, das spielt sich ab in dem Sinn, der in zwolf siebenzeiligen Stro- 
phen zum Ausdrucke kommt. Also die Gesetze des Kosmos sollen 
da auch herrschen in diesen zwolf siebenzeiligen Strophen. Sie fin- 
den, sagen wir in der Strophe des Steinbocks, dafi die vierte Zeile eine 



gewisse Stellung des Mars zum Steinbock ausdriickt. Da muft aber in 
dieser Zeile ein solcher Sinn darinnen sein, daft, wenn jemand aus 
dem Schlaf aufgeweckt wird und es wird ihm nichts anderes vorgele- 
sen als die eine Zeile aus der Steinbock-Strophe, die Mars-Zeile, er 
sagen konnen mufi, wenn er sich einmal eine Empfindung dafiir an- 
geeignet hat: Das ist die Mars-Zeile der Steinbock-Strophe! - So hat 
jede einzelne Zeile einen Sinn. Also nicht ist es eine Aufterlichkeit, 
sondern es ist innerlich so gebaut. Darauf kommt es an. 

Ebenso ist in der kleinen Dichtung, die vierzeilige Strophen hat, 
die Anordnung so, daft gewisse Bewegungen kosmische Vorgange 
ausdrticken. Von den zwolfstrophigen Versuchen ist der eine ernst 
gemeint, von dem anderen werden Sie gleich sehen, wenn er Ihnen 
nachher vorgetragen wird, daft er eine richtige Satire ist. Nun 
konnte man sehr leicht meinen, daft es etwas Ungehoriges ist, so, 
wie man sagt, «heilige Dinge» satirisch zu behandeln. Aber wirk- 
lich, meine lieben Freunde, will man weiterkommen gerade auf 
dem Gebiete geistiger Weltanschauung, dann ist eine Grundforde- 
rung diese, daft man nicht das Lachen verlernt tiber dasjenige, 
woriiber in der Welt gelacht werden muft, wenn man es richtig 
beurteilt. Eine Dame erzahlte einmal von einem Herrn, der immer 
in der Stimmung war, «hinaufzusehen zu den groften Offenbarun- 
gen des Weltenalls». Von anderen Menschen, als von «Meistern», 
sprach er iiberhaupt nicht, und, verzeihen Sie, aber sie sagte noch: 
Er hat eigentlich immer «ein Gesicht bis ans Bauch» gemacht - sie 
war keine Deutsche, die betreffende Dame - also ein tragisch ver- 
langertes Gesicht trug er stets zur Schau. Ich muftte, als ich diesen 
Ausspruch der Dame horte, daft jener Herr immer so ein tragisch 
verlangertes Gesicht hat, mich erinnern an ein mir wirklich aufter- 
ordentlich interessantes Erlebnis, das ich vor langer Zeit in Wien 
hatte. Da lebte in Wien ein Mann, der sich auf alle Weise in das 
Geistgebiet einzuleben versuchte. Er war der Professor der Physik 
und Mathematik an der Wiener Hochschule fur Bodenkultur, 
Oskar Simony, der dann ja viel spater, erst vor ganz kurzer Zeit, 
tragisch geendet hat. Er begegnete mir einmal - ich weift das so, 
wie wenn es gestern gewesen ware - in der Salesianergasse, auf der 



Landstrafte, in Wien. Ich kannte ihn vom Sehen, gesprochen hatte 
ich nie mit ihm. Er kannte mich gar nicht, wir begegneten uns eben 
wie zwei, die auf dem Trottoir aneinander vorbeigehen. Ich war 
dazumal ein ganz junger Lebensanfanger, ein junger Dachs von 26, 
27 Jahren. Nun, Oskar Simony guckte mich an, blieb stehen - ich 
erzahle nur eine Tatsache - und fing mit mir ein Gesprach an iiber 
allerlei Dinge der geistigen Wissenschaft, nahm mich dann auch zu 
sich nach Hause und schenkte mir seine jiingste Publikation iiber 
eine Erweiterung der vier Rechnungsarten, die er in der alten Aka- 
demie der Wissenschaften damals veroffentlicht hatte. Es war dazu- 
mal gerade die Zeit, in der der osterreichische Kronprinz Rudolf 
zusammen mit dem Erzherzog Johann, der dann als Johann Orth, 
wie Sie vielleicht wissen, verschwunden ist, sich beschaftigten mit 
der Entlarvung eines Mediums und iiberhaupt mit solchen Dingen. 
Daher war dazumal sehr viel von solchen Dingen in Wien die 
Rede, und Oskar Simony beschaftigte sich aufierdem ja sehr wis- 
senschaftlich mit diesen Dingen, er hat ein Buch geschrieben iiber 
das Schlingen eines Knotens in ein ringformig geschlossenes Band, 
das sehr interessant ist. - Nun, wahrend wir so sprachen, machte er 
eine Pause im Gesprache und sagte: «Ach, wenn man sich mit die- 
sen Dingen beschaftigt, da braucht man eigentlich viel Humor 
dazu!» - Und wahrhaftig, es ist notig, gerade wenn man in die 
Tiefen der geistigen Wissenschaft hineingeht, dafi man den Humor 
nicht verlernt, dafi man mit anderen Worten sich nicht standig 
verpflichtet fiihlt, das tragisch verlangerte Gesicht nur zu tragen. 
Und ich habe sogar die Uberzeugung, dafi Oskar Simony in der 
letzten Zeit seines Lebens eben den Humor verloren hatte, bevor er 
so tragisch geendet hat. 

Nun ist ja auch reichlich Gelegenheit, Humor zu entf alten, ge- 
rade innerhalb unserer geistigen Bewegung. Denn an nichts so sehr 
wie an solche geistige Bewegungen hangen sich die Karikaturen des 
Strebens nach dem Geistigen. Nicht Menschen meine ich, sondern 
Strebungen meine ich mit diesen Karikaturen. Was soil nicht alles 
gehen unter der Flagge des geistigen Strebens, oder sagen wir, des 
Dazugehorens zu einer Bewegung, welche das geistige Streben zu 



dem ihrigen macht! Das ist ja dasjenige, was so schwierig macht, 
vor der Welt solch eine geistige Bewegung zu vertreten. An sich 
war gar nichts dagegen einzuwenden, daft eine Zeitlang - es ist 
auch heute noch nichts einzuwenden - einige Damen solche Klei- 
dung getragen haben, wie ich sie einmal ausfindig machen muftte 
fur die erste Szene der Auffiihrung des ersten Mysteriendramas; 
denn da konnte man keine modernen Kleider auf der Biihne haben. 
Dann haben Damen solche Kleider gemacht. Das war aller Aner- 
kennung wert, selbstverstandlich, aber auch das ist ausgeartet, und 
das brauche ich nicht weiter zu erzahlen, das ist ja hinlanglich 
bekannt, wie diese Dinge ausgeartet sind, wie man dann geglaubt 
hat, daft zu einer solchen Kleidung unbedingt kurze Haare geho- 
ren. Ja, man konnte sogar horen, daft - was ja nur in einzelnen 
Fallen vorgekommen ist - bei uns Damen mit ganz kurzen Haaren 
und Herren mit recht langen Haaren herumgingen. Aber das waren 
ja nur Ausnahmen. Jedenfalls hat das dazu gefuhrt, daft ich oftmals 
bei offentlichen Vortragen gefragt worden bin, ob denn zur Theo- 
sophie gehore, daft man sich die Haare schneiden laftt. Nun, das ist 
eine Aufterlichkeit; aber auch mit Innerlichkeiten wurde schon in 
unseren Kreisen mancherlei Unfug getrieben, gegen den man sich 
scharf wenden mufi. Was wird nicht alles gesagt, was ich gesagt 
haben soli, was wird nicht alles gesagt, was sein soil, und derglei- 
chen! Manchmal nehmen sich die Dinge, die gesagt werden, durch- 
aus nicht so aus, daft man nicht zu dem Urteil kommen konnte, 
daft der Betreffende, der es sagt, sich ein biftchen wichtig machen 
will, gelinde gesagt. Also es gibt Auswuchse, wegen welcher es 
schwierig ist, unsere Bewegung vor denjenigen zu vertreten, deren 
Lachmuskeln insbesondere dann wie von selbst in Bewegung kom- 
men, wenn sie von etwas horen, das sie doch nicht verstehen. Die 
lachen dann iiber das Ernste, iiber das Bedeutungsvolle auch. Aber 
man braucht nicht noch Veranlassung zu geben durch die mit dem 
Streben nach dem Geistigen einhergehende Karikatur, daft sie ein 
gewisses Recht haben, zu lachen. 

Solche Dinge haben dazu gefuhrt, daft auch eine solche Dich- 
tung als Satire einmal von mir gemacht worden und dann euryth- 



misch dargestellt worden ist, und die soil auch heute zum Vortrage 
kommen. Diese Satire mit den zwolf Tierkreisstimmungen, in de- 
nen auch die Planeten verwendet sind, aber verwendet sind, um, ich 
mochte sagen, die Schattenseiten des geisteswissenschaftlichen Be- 
triebes - nicht der Geisteswissenschaft, die hat schon keine Schat- 
tenseiten, aber, sagen wir, des geisteswissenschaftlichen Anhanges - 
ein bifichen zu zeigen. Diese Versuche - es sollen wie gesagt be- 
scheidene Versuche sei - sind eben gemacht, um zu zeigen, wie aus 
den erfuhlten Gesetzen des Kosmos sich wirkliche Formgesetze 
einer Dichtung fur die Zukunft ergeben werden. Diese Dichtungen 
sollen vorgetragen werden im Zusammenhange mit einigen von 
Robert Hamerling, die dazwischen genommen werden, und damit 
wollen wir heute beginnen, bevor wir zu unserer Vortragsbetrach- 
tung schreiten. Also Sie miissen bei den Dichtungen in Erwagung 
ziehen, dafi sie zur eurythmischen Auffuhrung bestimmt waren; sie 
werden heute vorgetragen ohne Eurythmie, aber das macht nichts. 

[Programm der anschliefienden Rezitation durch Frau Dr. Steiner: 
Gedichte von Robert Hamerling: «0, lafit mich einsam singen ...», «Sohn 
und Erbe der Ewigkeit ...», «Zwischen Himmel und Erde», «Nachtliche 
Regung», «Geister der Nacht», «Scheltet nicht die weichen Klange ...», 
«Venedig», «Lebenslied», - Harmoniumspiel - «Der Adler». - «Planeten- 
tanz», «Pfingstspruch» («Wo Sinneswissen endet ...»), «Zw6lf Stimmungen» 
von Rudolf Steiner, - Harmonium: Die Himmel riihmen - «Verlorene 
Klange» und «Diamanten» von Robert Hamerling, «Das Lied von der 
Initiation*, Satire von Rudolf Steiner.] 

Ich mochte ausgehen von dem, was ja jetzt schon ofter unseren 
Betrachtungen zugrunde gelegt worden ist. Wirklich nicht so soli 
das, was uns geisteswissenschaftlich durchdringt, in unserer Seele 
leben, dafi wir, sowie man Geographie, Botanik, Staatswissenschaft 
oder dergleichen gelernt hat, auch Geisteswissenschaft kennen und 
dann das iibrige Leben so hubsch davon trennen; sondern Geistes- 
wissenschaft soli Impulse, Lebenskrafte geben, die sich wirklich 
hineinergiefien in das Auffassen der Wirklichkeit, die uns umgibt. 
Nicht nur, dafi das um der Geisteswissenschaft selber willen so sein 
mufi, sondern es hat die Geisteswissenschaft wirklich die Aufgabe, 



einzugreifen in das gegenwartige Geistesleben, so dafi manches, in 
bezug auf welches das gegenwartige Geistesleben wie in eine Sack- 
gasse gent, wiederum angeregt werde, dafi manches, was im gegen- 
wartigen Geistesleben krank ist, gesund werde. Und wir haben ja 
gehort: Eines mufi ja unser ganzes Seelenweben durchdringen, 
wenn wir so richtig in der Geisteswissenschaft drinnenstehen wol- 
len: das ist Wahrhaftigkeit! Man wird von Wahrhaftigkeit so 
durchdrungen werden mussen, dafi man, wenn man Geisteswissen- 
schaft treiben will, nicht von dieser Wahrhaftigkeit weicht, in be- 
zug auf die ganze Auffassung des Lebens. Aber gerade da steht 
man heute einer Lebensauffassung gegeniiber, die in der Beurtei- 
lungsart, in der Gesinnung, wirklich nicht von der Wahrhaftigkeit 
durchzogen ist. 

Lassen Sie uns einmal von einem Ereignis, das wir in den letzten 
Tagen erfahren mufiten, ausgehen. Auch das ist schon Nicht- 
Wahrhaftigkeit, dafi man iiber solche Ereignisse viel zu wenig 
nachdenkt, sie viel zu wenig im Zusammenhange mit dem ganzen 
Leben betrachtet. Sie werden es vielleicht gelesen haben, was, ab- 
gesehen von jenen furchtbaren, grbfien, gigantischen Erschiitterun- 
gen, die heute vorgehen, im kleinen Kreise in diesen Tagen Er- 
schutterndes an einem einzelnen menschlichen Schicksal sich abge- 
spielt hat; heute ist ja alles ein kleiner Kreis, was sich aufierhalb des 
grofien abspielt. Ein Maler, der offenbar eigentlich ein guter Maler 
ist, das ging aus der Prozefifiihrung hervor, malte Bilder und 
schrieb darauf: Bocklin, Uhde, Menzel, Spitzweg und ahnliche 
bemhmte Namen, malte viele solche Bilder, die verkauft wurden an 
diejenigen Menschen, die einen Bocklin, einen Lenbach, einen 
Menzel kaufen wollten. Es hatte sie aber Herr Lehmann gemalt. 
Aber Herr Lehmann konnte gut malen, so dafi alle sie fur richtige 
Menzels, Uhdes, Bocklins und so weiter gekauft haben. Nun wur- 
de ihm der ProzeE gemacht. Es ist ja selbstverstandlich ein ganz 
klarer Betrug. Die Sachverstandigen haben gefunden, dafi der Be- 
trug um so grofier ist, weil er eben ein guter Maler ist und wirklich 
auch die Sache so gut machen konnte, dafi man sie nicht unter- 
scheiden konnte von den Bildern, welche die betreffenden Be- 



riihmtheiten gemalt haben, und er wurde nun wegen Betrugs zu 
vier Jahren Gefangnis verurteilt. 

Ich werde Ihnen nun das Gegenbild dazu erzahlen, ein Gegenbild, 
das man neben dieses Ereignis stellen kann. Goethe hatte ja die Me- 
thode, Bild und Gegenbild immer gegeneinander zu stellen. Das ist 
freilich nicht so bequem wie das gewohnliche Denken, aber es klart 
die wahre Wirklichkeit mehr auf . Wenn man nach Briissel kommt, so 
trifft man dort das Wiertz-Museum. Da sind Bilder des Malers 
Wiertz, und ich glaube nicht, dafi es irgendeinen Menschen geben 
kann, der nicht im allerhochsten Mafie uberrascht ware von der 
Eigenart der Bilder des Wiertz. Es sind ja allerdings Bilder, die nicht 
so gemalt sind, wie andere sie malen, aber sie haben eine aufieror- 
dentlich eigene Note, sind zuweilen so, dafi selbstverstandlich der 
steife Philister sie verriickt finden wird. Nun, das ist ja vielleicht 
nicht immer ein Mafistab, aber jedenfalls sind auch solche drunter, 
von denen man im hochsten Mafie ergriffen werden kann. Wiertz 
wurde geboren im Anfange des 19. Jahrhunderts aus armer Familie, 
war ein armer Kerl, wuchs auch als armer Kerl auf; aber wie durch 
eine Erleuchtung kam eines Tages uber ihn der Gedanke - und nun 
kam bei ihm zusammen, ich mochte sagen, wirkliche Berufung mit 
aufierordentlicher Eitelkeit, die Dinge konnen ja zusammenkom- 
men - , er miisse ein Maler werden, grofier als Rubens, Fortsetzer 
von Rubens, er miisse Rubens uberrubensen; ein Uber-Rubens miis- 
se er werden. Nicht wahr, man kann ja heute, in der Zeit nach Nietz- 
sche, auch sagen: «Uber-Rubens». - Also ein Uber-Rubens wollte er 
werden; aber natiirlich konnte er etwas. Er bekam dann auch ein Sti- 
pendium und konnte nach Rom gehen, konnte die italienische Male- 
rei sehen. Und nun make er ein Bild, das war allerdings furchtbar 
grofi, ganz riesig grofi: eine Szene aus dem Trojanischen Krieg. Es 
war aber wirklich weit besser als so die Durchschnittsbilder, die in 
Ausstellungen waren. Nun, er hat es in Paris der Louvre-Kommis- 
sion eingereicht. Man hat es zwar angenommen, aber man hat es so 
gehangt, dafi es gewirkt hat, wie wenn man es nicht angenommen 
hatte. Sie wissen ja, das ist so eine haufige Praxis der Kommissionen, 
die Bilder annehmen fur Ausstellungen, da$ sie etwas dann so han- 



gen, wie wenn es nicht da ware. Derm es kommt ja naturlich sehr 
darauf an, daft man ein Bild auch sieht. Wenn man es nicht sehen 
kann, wenn es so beleuchtet ist an einer Stelle, daft man es nicht sehen 
kann, so kann es ausgestellt sein, und es ist doch in Wirklichkeit nicht 
da. Und da Wiertz nicht gerade wenig Eitelkeit hatte neben einem 
grofien Talent, so wurmte ihn das furchtbar. Er wurde ganz wild 
liber Paris, ging nach Briissel zuriick und schrieb niemals mehr den 
Namen «Paris» auf, ohne dafi er einen Blitz dariiber make, der in 
dieses Wort «Paris» hineinfuhr! Nun, er hat auch einige andere Aus- 
zeichnungen erhalten, die ihn nicht besonders erfreut haben. So be- 
kam er fur irgendeine Leistung einmal von dem Konig eine bronzene 
Medaille. Da sagte er: Gold habe ich nicht, Silber habe ich nicht, aber 
Bronze, die brauche ich auch nicht! - Und er blieb wild. Er wollte 
noch einmal die Probe machen mit der Louvre-Kommission. 1840 
schickte er zwei Bilder zu einer Ausstellung. Das eine hatte er selber 
gemalt, da stand «Wiertz» darauf. Das andere ergab sich ihm aber auf 
eine andere Art. Es hatte namlich ein Bekannter einen anerkannt 
echten, bedeutenden Rubens. Wiertz, flugs, kratzt den Namen Ru- 
bens aus und schreibt Wiertz darunter, schickt zwei «Wiertz» nach 
Paris. Die Leute schauen sich das an: zwei «Wiertz»? Nichts! Wird 
nicht ausgestellt, sind zwei Schunderzeugnisse! - Dabei war einer ein 
echter Rubens, es war gerade ein ganz vorzuglicher Rubens! Na, so 
hat er sich geracht, hat das naturlich uberall bekannt machen lassen, 
und es hat dazumal ein grofies Aufsehen gegeben. 

Das ist das Gegenstiick zu dem Ereignis, das ich Ihnen vorhin 
erzahlt habe. Nun denken Sie sich doch, welche Summe von Un- 
wahrheit herrscht bei der Beurteilung von Kunstwerken heute! 
Wer kauft denn eigentlich Kunstwerke? Namen kauft man! Denn 
es ist ganz klar, dafi, wenn heute jemand etwas make, was so gut 
ist, wie Leonardo gemalt hat - es konnte ganz gut sein - , man 
wurde selbstverstandlich Leonardo kaufen und nicht den anderen. 
Es hat ja auch schon andere Maler gegeben, sogar eine Zeitung 
erzahlt heute davon, die sich darauf verlegt haben, alte Maler zu 
malen, da sie von sich selber nichts verkaufen konnten; aber wenn 
sie Leonardo oder Michelangelo oder so etwas darauf schrieben, da 



konnten sie verkaufen. Aber sie waren schon gestorben, als man 
darauf kam, da konnte man sie nicht mehr vier Jahre einsperren! 
Solche Ereignisse sind vor alien Dingen in dem Lichte der Un- 
wahrhaftigkeit unserer Verhaltnisse zu beurteilen. Lehmann wiirde 
kein einziges seiner Bilder verkauft haben, wenn er «Lehmann» 
darauf geschrieben hatte; aber sie waren gerade so gut gewesen, als 
sie so sind. Diese Dinge sind schon erschiitternd. Es ist schon 
notwendig, dafi man mit seinem Denken in diese Dinge hinein- 
greift, denn das sind nur Beispiele fur Dinge, die im alltaglichen 
Leben heute auf anderen Gebieten und mit anderen Dingen immer 
wieder und wieder vorkommen, und die eben zeigen, wie notwen- 
dig es unsere Zeit hat, Wahrhaftigkeit, aber auch Bekenntnis zur 
Wahrhaftigkeit, Streben nach Wahrhaftigkeit in sich aufzunehmen. 
Nun ist Streben nach Wahrhaftigkeit gar nicht erreichbar ohne den 
guten Willen, mit den Dingen sich zu beschaftigen, auf die Dinge 
einzugehen, nicht einfach dariiber hinwegzuhuschen und sich nicht 
um sie zu kummern. Darum handelt es sich, sich wirklich um das, 
was um uns herum geschieht, zu bekummern und zu versuchen, 
die Dinge in ihren Tiefen ein bifichen zu verstehen. Wenn. man, ich 
mochte sagen, dies nicht als Ubung versucht, die Wirklichkeit als 
Wirklichkeit in ihren Tiefen zu beobachten, so kann man nicht sehr 
weit kommen in bezug auf das Erfassen der Impulse, die in der 
Geisteswissenschaft liegen; denn die Geisteswissenschaft ist einmal 
aus der wahren Wirklichkeit heraus entstanden, und wir miissen 
uns verwandt machen dem Impuls der wahren Wirklichkeit, wenn 
wir Geisteswissenschaft verstehen wollen. 

Fur den, der die Tatsachen kennt, ist es auf der einen Seite ganz 
verstandlich, daft diejenigen, die es heute mit der Wahrheit halten, 
wie es eben sehr haufig mit der Wahrheit gehalten wird, nicht zum 
Verstandnis der Geisteswissenschaft kommen konnen, wie es auf der 
anderen Seite selbstverstandlich ist, dafi geisteswissenschaftliche 
Impulse in unser geistiges Leben der Gegenwart und der nachsten 
Zukunft hineinkommen miissen. Es ist ja wirklich so, dafi man heute 
eigentlich bei allem, was einem vor Augen tritt, ich mochte sagen, 
obenhin liest; nicht blofi das, was man liest, sondern auch das Leben 



liest man obenhin, oberflachlich betrachtet man die Ereignisse, man 
huscht so dariiber hin. Ich mochte Sie da auf eines aufmerksam ma- 
chen, was man im Grande genommen erst verstehen kann, wenn 
man sich ein wenig auf geisteswissenschaftliche Tatsachen einlafit. 
Derjenige, der heute die Entwickelung der Zeit verfolgt, der wird 
eine erstaunliche Entdeckung machen konnen, wenn er achtgibt auf 
das, was die Seele des Menschen unmittelbar aufnimmt, und auf das, 
was sie so aufnimmt, daft sie es behalt und wirksam macht. In unserer 
Zeit lesen ja die meisten Menschen, die uberhaupt lesen, Zeitungen. 
Zeitungen sind so Tagesgeschopfe, und die meisten denken, das geht 
ebenso wieder aus der Seele heraus, wie es hereingegangen ist, und sie 
denken, daft das einen trosten kann iiber die Oberflachlichkeit und 
Unwahrhaftigkeit unserer Journalistik, die ja wirklich alles iiber- 
steigt, wie wir es noch beschreiben werden. Nun liegt die Sache aber 
anders, als man gewohnlich glaubt. Fur die meisten Menschen der 
Gegenwart, die auch Bucher lesen, schreibt sich der Inhalt eines 
Buches viel weniger in die Seele ein, selbst wenn er gedachtnismafiig 
darin bleibt, als der Inhalt der Zeitungslekture, trotzdem die Zeitung 
nur ein Tagesgeschopf ist. Gerade dieses Voriibergehende des Zei- 
tungsstoffes, der aufgenommen und wiederum abgeworfen wird, 
und den man nicht dem Gedachtnis einpragt, sondern den man wo- 
moglich schnell vergiftt - man muft ja schnell vergessen - , er pragt 
sich ins Unterbewufite unendlich tief ein. Ich habe schon einmal er- 
wahnt, wie schnell man bei manchen Zeitungen vergessen mufi. Wir 
waren einmal da unten in Istrien, in der Nahe von Pirano; da er- 
scheint der «Piccolo della Sera». Nun, das war ein Blatt, das erschien 
jeden Abend, brachte einmal einen furchtbar sensationellen Artikel, 
ich weift schon nicht mehr iiber was, aber drei Spalten lang, die ganze 
erste Seite. Aber auf derselben Seite war noch ein biftchen Platz; da 
war derselbe Artikel noch dementiert, da war gesagt, daft er auf 
einem Irrtum beruht! Das ist doch etwas, was man nicht immer er- 
lebt, daft auf derselben Seite der Artikel gerade wieder dementiert ist, 
nicht wahr! Aber so asymptotisch, so allmahlich bewegt sich ja uber- 
haupt dasjenige, was namentlich die groftstadtische Zeitung ist, zu 
diesem Punkte hin. 



Wichtig ist es, zu wissen, daft das, was man so rasch aufnimmt und 
rasch wieder vergifit, in der Tat tief eingepragt ist gerade in den un- 
terbewufiten Teil unserer Seele, und gerade wirksam ist als Kraft 
zum Weiterwirken in der Zeitenfolge. Es wirkt also weiter in dem, 
was so allgemeiner Zeitgeist ist, ahrimanischer Zeitgeist; da wirkt es. 
So dafi gute Bucher, die gegenwartig geschrieben werden, viel, viel 
weniger wirken als Zeitungsartikel. Gerade dasjenige, was sorgfaltig 
aufgenommen wird und auf das Ich wirkt, vom Ich aus ins Gedacht- 
nis gepragt wird, gerade das wirkt sogar weniger, als was fluchtig als 
Zeitungssache aufgenommen wird. Aber ich bitte Sie, ziehen Sie jetzt 
daraus nicht diese Konsequenz, dafi Sie keine Zeitung lesen sollen, 
sondern nehmen Sie das als Ihr Karma hin. Denn selbstverstandlich 
darf das nicht so aufgefafit werden, als ob wir uns nun huten sollen, 
irgendeine Zeile der Zeitung zu lesen. Wir miissen das als ein Zeiten- 
karma auffassen, miissen uns klar sein dariiber, dafi wir gerade die 
Seite unseres Wesens entwickeln miissen, welche in der Lage ist, zu 
empfinden, ob irgendein Inhalt, ob geistiges Ringen darinnen ist, 
oder blofi Phraseologie. Das ist es, was man wunschen mochte, daft 
wiederum Empfindung fur die Art und Weise, wie geistige Leistung 
zustande kommt, entstehen konnte. Denn darinnen stehen wir heute 
so schlecht. Wir haben kein rechtes Empfinden fur etwas, was gut 
geschrieben ist, und etwas, was spottschlecht geschrieben ist. Wir 
nehmen denselben Inhalt, wenn er uns in gut Geschriebenem entge- 
gentritt, ebenso gleichgiiltig entgegen, wie wir ihn entgegennehmen, 
wenn er schlecht geschrieben ist. Diese Unterscheidung, die haben 
wir verloren. Wieviele Menschen gibt es heute, die etwa eine Seite 
bei Herman Grimm unterscheiden konnen von einer Seite etwa bei 
Eucken, Kohler oder Simmel? Ich konnte viele anfiihren! 

Wer kann unterscheiden, dafi alle Kultur Mittel- und Westeuro- 
pas auf einer Seite Herman Grimms in der Art lebt, wie er die Satze 
bildet, wie er einen Satz formt, und dafi, wenn wir uns diesem Satz- 
bau hingeben, wir eine Verbindung bekommen mit dem wirklich 
geistig in der Welt Waltenden, wahrend wir bei dem gewohnlichen 
Gelehrten-Geplapper mit gar nichts eine Verbindung kriegen, als 
mit den Verschrobenheiten der betreffenden Herren oder - heute 



kann man ja das auch schon sagen - Damen. Ich habe Gelehrte ken- 
nengelernt, mit denen ich iiber Herman Grimm gesprochen habe, die 
waren wirklich imstande, Herman Grimm zu vergleichen mit Ri- 
chard M. Meyer oder so einem, weil sie sagten, bei Richard M. Meyer 
- man sagte immer «M.», er hat das «M.» nie ausgeschrieben, ich 
weifi nicht, warum er sich geniert hat, und man sagte auch so - finde 
man klare, entschiedene, streng methodische Forschung; Herman 
Grimm nannten die Gelehrten nicht einen Arbeiter auf dem Gebiete 
der Wissenschaft, sondern einen Spazierganger. Das war uberhaupt 
Sitte, von ihm zu sagen, er sei ein Spazierganger auf dem Gebiete der 
Wissenschaft, weil er zu wenig Anmerkungen hatte. Wer hat heute 
eine Empfindung dafiir, dafi wirklich bei Herman Grimm im Stil, 
ganz abgesehen von dem, was drinnen stent, in der Art und Weise, 
wie dargestellt wird, die ganze europaische Kultur bis zum Ende des 
19. Jahrhunderts liegt? Das ist dasjenige, wozu wir es aber bringen 
miissen: Stilempfindung, wahre Kunstempfindung auch auf diesem 
Gebiete, denn das ist eine grofie Schule der Wahrhaftigkeit, wahrend 
das fuselige Lesen, das nur auf den Inhalt geht, sich nur informieren 
will, eine Schule der Unwahrhaftigkeit, der Luge ist. Und in dieser 
Beziehung, fuhlen Sie nur die Gegenwart an, da werden Sie sehen, 
wie unendlich viel gewirkt werden mufi, damit die Menschen wie- 
derum lernen, Stilgefiihl, Stilempfindungen zu bekommen. Gewifi, 
man mufi heute die Zeitungen lesen; aber man sollte auch die Emp- 
findung bekommen, dafi es einen zwickt und zwackt und man auf die 
Wande kriechen mochte iiber den Stil, der sich da allmahlich einge- 
biirgert hat, der gar nicht anders sein kann. Dazu mufi man kommen, 
das mufi man mitmachen. Aber inwieweit dies verlorengegangen ist, 
dafiir gibt es unzahlige Beispiele, und wie wenig man geneigt ist, ich 
mochte sagen, da bis auf den Grund mit seinem Denken zu gehen, 
darauf kommen die Menschen heute gar nicht. 

Wirklich nicht, um einzugehen auf irgend etwas, was, ich moch- 
te sagen, auf nationalen Vorurteilen oder Sympathie oder Antipa- 
thie beruht - man mul? jeden Standpunkt verstehen und sich in 
jeden Standpunkt hineinfinden konnen -, aber davon ganz abgese- 
hen mochte ich erwahnen: Da ist vor einigen Monaten ein Buch 



erschienen, das in Deutschland nicht verbreitet ist, begreiflicher- 
weise. Dieses Buch heifit: «J'accuse, von einem Deutschen», ist in 
alle Sprachen, auch ins Deutsche iibersetzt und in vielen hundert- 
tausenden Exemplaren auf der ganzen Welt verbreitet. Nun wirk- 
lich, ich will nicht dariiber reden, dafi dieses Buch «J'accuse» an- 
klagt, alles schwarz in schwarz malt, was das Verhaltnis Deutsch- 
lands zum Kriege, das Verhaltnis Osterreichs zu diesem Kriege 
betrifft, ich will davon nicht sprechen, jeder mag seinen Stand- 
punkt haben. Darauf kommt es nicht an in diesem Falle, dafi alles 
in der schlimmsten Weise geschildert wird, alle Schuld nur auf die 
mitteleuropaischen Machte geschoben wird und alle anderen ganz 
reingewaschen werden, ja, nicht nur reingewaschen, sondern sogar 
so hingestellt werden, als ob sie reiner als rein waren. Davon will 
ich wirklich nicht reden. Die Ansicht kann man haben, mag jeder 
seine Ansicht haben, darauf kommt es nicht an. Aber dieses Buch 
hat grofte Verbreitung gefunden, nicht nur bei Leuten, die sonst 
durch Zeitungslektiire verdorben sind und nichts anderes lesen, 
sondern merkwiirdigerweise bei als erleuchtet geltenden Geistern. 
Man konnte das konstatieren. 

Nun ist dieses Buch die schlimmste Hintertreppen-Literatur, die 
man sich denken kann, ganz abgesehen von dem Standpunkte. Wer 
das Buch einfach liest, wie es ist, findet in bezug auf das Formale, in 
bezug auf die Durchfuhrung des Satzbaues, Hintertreppen-Litera- 
tur, also kiinstlerisch iiber alle Mafien schandbare Literatur. Also das 
Kiinstlerische will ich in Betracht Ziehen dabei, ganz von Standpunk- 
ten absehen, denn ich kann sehr wohl einen entgegengesetzten 
Standpunkt oder jeden Standpunkt verstehen. Aber das unendlich 
Traurige ist, dafi man nicht das Gefuhl dafur gehabt hat, dafi jemand, 
der so schandlich schlecht schreibt in der Art des Satzbaus und des 
Denkens, in der Bildung der Gedankenfolge, nicht in Betracht 
kommt als hochstens fur diejenigen Leser, die eben nicht durchs 
Vorderhaus, sondern durch die Hintertreppen ihre Literatur bekom- 
men. Ich wiirde das heute nicht sagen, aber es wurde vorgestern die 
Sache wiederum aufgefrischt durch einen Artikel, der in der « Vossi- 
schen Zeitung» hier erschien, in der alten «Tante Vofi». Nun, sie hat 



jetzt ganz ihr altes Tantengeprage aufgegeben, die «Tante Vofi», sie 
ist jetzt eine heutige Zeitung geworden. Ein Artikel vori einem Pri- 
vatdozenten, Dr. Fr. Oppenheimer, handelt iiber dieses Buch und 
eine recht gelungene Gegenschrift, die dariiber erschienen ist, « Anti- 
J'accuse»; aber er beginnt in einer merkwiirdigen Weise, dieser Arti- 
kel in der «Vossischen Zeitung» von Dr. Fr. Oppenheimer. Er 
schreibt, er ware aufmerksam gemacht worden auf dieses Buch von 
einem Menschen, der den neutralen Landen angehort, den er bisher 
fiir einen der allerausgezeichnetsten und vielverkanntesten Schrift- 
steller der Gegenwart gehalten hat. Dann gibt er seine Eindriicke 
iiber dieses Buch selber. Er kommt ja zum Teil darauf, wie schlecht 
dieses Buch geschrieben ist - und das ist vor allem dasjenige, was hier 
betont werden soli -, aber ich war doch eigentlich etwas gespannt, ob 
aus dem einen Gedanken ein anderer nun herausspringen konnte, 
denn mir schien, dafi aus den Gedanken und Empfindungen, die Op- 
penheimer iiber das Buch gehabt hat, einigermafien der andere hatte 
folgen sollen: Also war ich doch ein wenig nicht ganz bei mir, wenn 
ich den fiir einen grofien Mann gehalten habe, der mir nachher ein 
solches Schandbuch als etwas Besonderes anempfiehlt. Aber diese 
Konsequenz steht nicht da. 

Nun sage ich das nicht, um den einzelnen Fall zu beurteilen, son- 
dern ich mochte sagen: Typisch ist dieses, wirklich typisch. Die Men- 
schen huschen hinweg iiber die Tatsachen. Ist denn das nicht geeig- 
net, um sich zu sagen: Was hat mein Urteil bedeutet, wenn ich einen 
Menschen fiir einen bedeutenden gehalten habe, der mir nachher ein 
solches Buch als ein bedeutendes aufmutzen will? Ist das nicht etwas, 
was notwendigerweise auf den Weg einiger Selbsterkenntnis fiihren 
mufi? Aber Konsequenzen Ziehen aus den Dingen, die uns gerade 
jetzt so furchtbar vor Augen treten, das scheint in der Tat nicht das 
Seelenamt vieler Menschen zu sein in der Gegenwart! Man mufi den 
Grundcharakter, die Grundstruktur des Geisteslebens unserer Ge- 
genwart an solchen typischen Beispielen aufsuchen. Man mufi wirk- 
lich fiihlen konnen, wie die Grundmangel unserer Zeit sich in solchen 
Dingen aussprechen, und man darf nicht iiber diese Dinge einfach 
hinweggehen, als wenn es ein Nichts ware. Diese Dinge sind unge- 



heuer bedeutend, denn sie zeigen im Kleinen dasjenige, was ich Ihnen 
im Grofien zeigte an dem Beispiel, dafi heute viele glauben, ganz gute 
Christen zu sein, die noch nicht einmal Tiirken sind. Erinnern Sie sich 
mir daran, wie ich Ihnen das durch eine kleine Vorlesung aus dem 
Koran selber gezeigt habe, wie in der Tat viel mehr iiber den Jesus, als 
die modernen Pastoren oftmals glauben und vertreten, von jedem 
Tiirken geglaubt wird, der seinen Koran kennt. Da stent es eben nur 
auf einem anderen Felde, auf dem Felde, wo uns das Grofie des Da- 
seins vor die Seele tritt. Aber dieselben Fehler, dieselbe, ich mochte 
sagen, Fehler struktur tritt uns eben im alltaglichen Leben in dieser 
furchtbaren Oberflachlichkeit, die identisch ist mit Unwahrhaftig- 
keit des alltaglichen Lebens, heute entgegen. Uber diese miissen wir 
hinauskommen, wenn nicht alles Reden iiber geisteswissenschaftli- 
che Dinge blofi ein Schlag ins Wasser sein soil fur die gegenwartige 
Zeit. Darauf kommt es an, daft es nicht ein Schlag ins Wasser ist! 

Wir miissen uns schon damit bekannt machen, dafi wir gerade im 
19. Jahrhundert und im bisher abgelaufenen 20. Jahrhundert gewis- 
sermafien hineingeklemmt waren in eine geisteswissenschaftliche 
Entwickelung, die von zwei Seiten her das moderne Denken und 
Fiihlen beeinflufite, so daft man zwei Stromungen hatte, ich mochte 
sagen, links und rechts, zwischen die man eingeklemmt war. Und da 
mufi man heraus. Ich habe mancherlei Betrachtungen gerade in die- 
sem Winter dazu verwendet, um aufmerksam zu machen, wo die tie- 
feren Grundlagen stecken, die zu dem gefiihrt haben, was heute ge- 
dacht, gefiihlt wird. Wirklich, man kann ja an den verschiedensten 
Symptomen zeigen, was heute herrscht, was heute sich entwickelt. 
Ich habe es Ihnen gezeigt, indem ich Sie hingewiesen habe auf man- 
cherlei okkulte Bewegungen, die sich in Gesellschaften ausleben. Ich 
habe Sie hingewiesen darauf, wie ein grofier Teil des neuzeitlichen 
Denkens, der Richtung des Denkens, der Gesinnung des Denkens 
zunickgeht auf den Beginn eben der funften nachatlantischen Peri- 
ode, wie da ein Geist tonangebend war, lebte in dem, was Bacon lei- 
stete, was Shakespeare leistete, was sogar Jakob Bohme leistete. Das 
mufite so kommen. Aber wir stehen heute auch auf dem Punkte, dafi 
das iiberwunden werden mufi, was im Beginne der funften nach- 



atlantischen Periode mit Recht eingeleitet, inauguriert worden ist. 
Und das gerade wollte ich darstellen in diesem Buche «Vom Men- 
schenratsel», das jetzt gekommen ist. Ich wollte auf der einen Seite 
zeigen, in welche geistigen Strdmungen hineingefiihrt hat, nament- 
lich in Mitteleuropa, das, was fiinfte nachatlantische Kulturperiode 
ist, und wie der Weg hinaus, gerade der geisteswissenschaftliche Weg 
hinaus gesucht werden mufi. Es wird sich ja zeigen, ob das, was in 
diesem Buche geschrieben ist, was wirklich mit Herzblut geschrie- 
ben ist, dafi manchmal zu einem Satze, der eine Viertelseite ein- 
nimmt, zwei Tage verwendet worden sind, um jedes Wort und jede 
Wendung vertreten zu konnen, gelesen werden kann, oder wieder- 
um so schlecht gelesen wird, wie vorhergehende Bucher gelesen 
worden smd. 

Sehen Sie, meine lieben Freunde, alle diese Betrachtungen, die 
wir angestellt haben, sie tendieren ja doch dahin, dafi gefunden 
werden mussen in unseren Seelen die Elemente, die Kraftelemente, 
das Mysterium von Golgatha auf eine neue Weise aufzunehmen. 
Aber dieses Mysterium von Golgatha, nur derjenige kann es verste- 
hen, der nicht mit den Kraften des physischen Leibes Verstandnis 
sucht, sondern der mit dem verstehen kann, was unabhangig vom 
physischen Leibe ist. Nun werden Sie sagen: Dann konnte ja das 
Mysterium von Golgatha, den wirklichen Lebensquell des Chri- 
stentums, erst derjenige verstehen, der durch eine esoterische Ent- 
wickelung zu diesem Verstandnis kommt. Nein, so ist die Sache 
nicht. Bisher war es durchaus moglich, daft der Mensch ohne Gei- 
steswissenschaft diese Freiheit seines Seelischen von dem Leib- 
lichen erlebte, die notwendig war, um das Mysterium von Golgatha 
zu verstehen. Immer weniger wurden allerdings diejenigen, die es 
verstanden haben, und immer zahlreicher wurden diejenigen, die 
sich gegen das wirkliche Verstandnis aufgelehnt haben. Bedenken 
Sie nur das eine Symptom dafiir: In friiheren Jahrhunderten haben 
die Menschen auch die vier Evangelien gelesen. Sie haben daraus 
die Kraft gesucht, die in den Evangelien liegt, und haben sich dem 
empfindungsgemafien, dem seelischen Verstehen des Mysteriums 
von Golgatha genahert. Dann kamen die Menschen namentlich des 



19. Jahrhunderts, die waren naturlich gescheiter als alle friiheren 
und fanden: Diese vier Evangelien widersprechen sich ja! - Wie 
sollte der Verstand nicht auch sehen, dafi sie sich widersprechen? 
Ungeheurer Fleifi ist angewendet worden, urn all die Widerspriiche 
zu finden, und ungeheurer Fleifi ist darauf verwendet worden, um 
so einen Kern herauszusuchen, worin alle ubereinstimmen. Es ist 
nicht viel dabei herausgekommen, aber es sind dariiber sehr viele 
grofie Manner geworden im Laufe des 19., des 20. Jahrhunderts. Ja, 
sollten wirklich die Menschen der friiheren Jahrhunderte das nicht 
auch gesehen haben, dafi sich die Evangelien widersprechen? Soil- 
ten die wirklich alle so toricht gewesen sein, das gar nicht zu sehen, 
daft im Matthaus-Evangelium etwas anderes steht als im Johannes- 
Evangelium? Oder sollten vielleicht die Menschen des 19. Jahrhun- 
derts nur nicht darauf gekommen sein, dafi die Menschen der frii- 
heren Zeit eben ein anderes Verstandnis hatten, mit einem ganz 
anderen Seelenorgan zu verstehen suchten? Entscheiden Sie selbst 
die Frage nach dem, was Sie aus der Geisteswissenschaft mitbe- 
kommen haben! 

Aber die Zeit ist voruber, in der die Menschen noch Verstandnis 
werden haben konnen fur das Mysterium von Golgatha und fur 
das Christentum, ohne den Weg durch die Geisteswissenschaft zu 
gehen. Immer geringer und geringer wird die Zahl der Menschen 
werden, die, ohne durch die Geisteswissenschaft zu gehen, auch 
das Christentum werden verstehen konnen. Es wird ein immer 
mehr und mehr notwendiger Weg werden, um das Mysterium von 
Golgatha zu verstehen, denn das Mysterium von Golgatha muS 
man mit dem Atherleibe verstehen. Alles andere kann man mit dem 
physischen Leibe verstehen. Aber zu dem Verstandnis dessen, was 
mit dem Atherleib verstanden werden soli, bereitet uns nur die 
Geisteswissenschaft vor. Daher wird entweder Geisteswissenschaft 
GKick haben und durchkommen, oder es wird auch das Christen- 
tum nicht weiter bekannt werden konnen, weil das Mysterium von 
Golgatha nicht wird verstanden werden konnen. In dieser Bezie- 
hung wird man wirklich noch recht wenig verstanden von denjeni- 
gen, die heute glauben, ja ganz auf dem rechten Wege zu sein. 



Ich mufi immer wieder und wieder eines erzahlen: Ich habe in 
einer siiddeutschen Stadt einmal vor vielen Jahren iiber die Weis- 
heitsschatze des Christentums vorgetragen. Da waren zwei Geist- 
liche anwesend, die kamen nach dem Vortrage zu mir und sagten: 
Wir waren eigentlich erstaunt dariiber, dafi Sie das Christentum so 
positiv nehmen, da$ Sie das alles ganz wie es nach dem Christen- 
tum sein soil, zum Ausdrucke bringen; aber so, wie Sie das darstel- 
len, ist es doch nur verstandlich fur Leute, die eine gewisse Bildung 
haben. Wie wir das Christentum aber vertreten, ist es fur alle 
Menschen; deshalb ist das, was wir vertreten, das Richtige. - Ich 
sagte: Wissen Sie, man darf nicht urteilen danach, was einem gefallt, 
sondern man ist verpflichtet, nur das in sein Urteil aufzunehmen, 
was der Wirklichkeit entspricht. Einbilden kann sich jeder, dafi das 
richtig ist, was er denkt. Je weniger einer in der Wirklichkeit steht, 
desto mehr bildet er sich meist ein, daft das Richtig ist, was er 
meint. Der am allerwenigsten vom Christentum weifi, der bildet 
sich meistens ein, er weifi das meiste davon. Also es kommt nicht 
darauf an, daft wir uns einbilden, was das Richtige ist, sondern wir 
haben wirklichkeitsgemaft zu urteilen. Und da frage ich Sie: Gehen 
alle Menschen heute noch zu Ihnen in die Kirche hinein? - denn 
das allein entscheidet. Nicht, was Sie denken iiber das Christentum, 
sondern ob Sie fur alle Menschen reden, dariiber entscheidet das, 
ob alle zu Ihnen in die Kirche gehen. - Nein, nein, sagten sie, 
gewifi, leider bleiben so viele draufien! - Nun ja, sagte ich, und ein 
Teil von denen, die draufien bleiben bei Ihnen, die waren heute bei 
mir herinnen, fur die rede ich; so ist ja alles in Ordnung. Aber 
diejenigen, die eben nicht zu Ihnen hineingehen, die suchen auch 
einen Weg zum Mysterium von Golgatha. 

Und dieser Weg mufi gefunden werden. Wir sind gezwungen, 
unser Urteil uns diktieren zu lassen von der Wirklichkeit, von dem, 
was in der Wirklichkeit webt und lebt, und nicht von dem, was wir 
uns einbilden. Denn selbstverstandlich halt jeder seine Methode fur 
die richtige. Aber das Richtige ist nicht das, wovon wir denken, es 
sei richtig, was wir ausgedacht haben und von dem wir empfunden 
haben, es sei richtig, sondern dasjenige, was wir der Wirklichkeit 



ablesen. Dazu miissen wir uns aber gewohnen, in die Wirklichkeit 
unterzutauchen, und die Ehrfurcht vor der Wirklichkeit, die Hin- 
gabe an die Wirklichkeit zu haben, die eben notwendig ist, urn von 
der Wirklichkeit heraus sich seine Urteilskraft, seine Empfindung, 
sein Fiihlen diktieren zu lassen. Das haben aber die Menschen 
heute verlernt. Das miissen sie wieder lernen zum Verstehen des 
Kleinsten und des Grolken, des alltaglichen Lebens und desjenigen, 
was der ganzen Erdenentwickelung Sinn gibt, zum Verstehen des 
Mysteriums von Golgatha. 



SIEBENTER VORTRAG 



Berlin, 18. Juli 1916 

Der Weg zur Imagination 

Wenn wir die um uns liegende Wirklichkeit zunachst so betrachten, 
wie sie dem menschlichen Sinne und dem menschlichen Verstande 
erscheint, so haben wir um uns etwas, was wir etwa nennen konnen, 
vergleichsweise, bildweise - so wollen wir uns heute zunachst aus- 
driicken -, ein grofies Weltgebaude. Wir machen uns Begriffe, Ideen, 
Vorstellungen von dem, wie es ist, wie seine Vorgange sind, und 
kommen mit dem, was in diesem Weltengebaude geschieht, auch mit 
seinen Einzelheiten, so in Beruhrung, daE wir gewisse Sympathien 
und Antipathien gegen dieses oder jenes entwickeln, was sich dann in 
unserem Gefiihlsleben auslebt. Wir tun selbst aus unseren Willens- 
impulsen heraus dies oder jenes und greifen so ein in das Getriebe, 
das da herrscht in diesem Weltengebaude. 

Wenn man so vom Weltengebaude spricht, hat man zunachst die 
Vorstellung, es sei dieses Weltengebaude aus einzelnen Teilen aufge- 
baut, und man betrachtet ja dann die einzelnen Teile und wiederum 
die Teile der Teile, bis der Naturbetrachter zu dem, was er die klein- 
sten Teile nennt, zu dem Molekiil, zu den Atomen kommt, von de~ 
nen ich Ihnen ja sagte, dafi sie niemand wirklich wahrgenommen hat, 
daifi sie eine Hypothese sind, aber eine in gewissem Sinne berechtigte 
Hypothese, wenn man nur weifi, dafi es sich um eine Hypothese 
handelt. Kurz, man betrachtet das, was man vergleichsweise Weltge- 
baude nennen kann, ja mit einem gewissen Rechte als zusammenge- 
setzt aus Teilen, aus Gliedern, und bildet sich dann keine weitere 
Vorstellung iiber diese Glieder, und das ist zunachst gut so. Denn 
diejenigen Menschen, die iiber das Atom noch besonders phantasie- 
ren, etwa gar sprechen von einem Leben des Atoms oder von noch 
argeren Phantastereien iiber das Atom, diese Menschen sprechen von 
dem Nichts des Nichts; denn schon das Atom selber ist eine Hypo- 
these. Also eine Hypothese noch auf Hypothesen aufbauen, das 



heifit natiirlich Kartengebaude machen, ja nicht einmal Kartenge- 
baude, denn bei denen hat man wenigstens noch die Karten, wahrend 
man bei den Spekulationen iiber das Atom gar nichts mehr hat. Aus 
einer aus der Geisteswissenschaft heraus zu gewinnenden Einsicht 
sollte man vielmehr zugeben, dafi, sobald man iiber diese Betrach- 
tung hinauskommen will, die das uns zunachst umgebende Welten- 
gebaude so ansieht, wie ich es eben angedeutet habe, man zu einer 
anderen Anschauungsweise kommen mufi, die sich gegeniiber unse- 
rer alltaglichen Anschauungsweise, die ja auch die der gewohnlichen 
Wissenschaft ist, so verhalt, wie diese gewohnliche, alltagliche An- 
schauungsweise sich zum Traumleben verhalt. Der Mensch traumt 
in Bildern, und er kann eine ganze Welt in seinen Bildern haben. 
Dann wacht er auf. Er weifi: nicht durch eine Theorie - denn man 
kann durch keine Theorie den Traum von der sogenannten «alltag- 
lichen Wirklichkeit» unterscheiden -, sondern durch das Leben. 
Jetzt steht er nicht mehr den Bildern des Traumes gegeniiber, son- 
dern solchen Wirklichkeiten, die ihn stofien und drangen und driik- 
ken. Das weifi er durch das unmittelbare Leben. Und wiederum ist es 
so, da$ wir aufwachen konnen aus diesen ja nur vergleichsweise, aber 
doch «Lebenstraum» zu nennenden Erlebnissen des Alltags, und 
dann erst eine hohere Wirklichkeit, die Wirklichkeit des Geistes vor 
uns haben. Und wiederum nur durch das Leben kann man diese 
hohere Geistwirklichkeit unterscheiden von der Wirklichkeit des 
Alltags, wie man die Wirklichkeit des Alltags nur durch das Leben 
unterscheiden kann von dem Traum und seinen Bildern. Aber wenn 
man eintritt in die Welt, die uns die Geisteswissenschaft ja be- 
schreibt, die uns die Geisteswissenschaft zum Begreifen bringt, dann 
- man kann sich ja verschiedene Vorstellungen bilden, welche ver- 
gleichsweise andeuten, wie die Geistwirklichkeit zu der gewohnli- 
chen Wirklichkeit ist, aber ich will heute ein besonderes Bild gebrau- 
chen -, dann erscheint alles folgendermafien: Stellen wir uns vor, dafi 
wir ein Haus betrachten, das aus einzelnen Ziegelsteinen zusammen- 
gestellt ist. Gewifi, wenn wir das Haus betrachten, so haben wir es 
zunachst aus einzelnen Ziegelsteinen zusammengesetzt. Beim Haus 
konnen wir nicht weiter gehen als bis zu den einzelnen Ziegelsteinen 



zunachst. Aber nehmen wir an, das Haus ware nicht aus gewohnli- 
chen Ziegelsteinen zusammengesetzt, sondern jeder Ziegelstein ware 
selber ein aufierordentlich kunstvoller Bau, und man wiirde, wenn 
man den gewohnlichen Blick auf das Haus richtet, eben nur die Zie- 
gelsteine sehen, parallelepipedartig, wie man sie eben sieht, aber man 
wiirde nichts ahnen davon, dafi ein jeder Ziegelstein sozusagen wie- 
derum ein kleines Kunstwerk ist. So ist es in bezug auf das Welten- 
gebaude. Wir brauchen nur eine Einzelheit aus dem Weltengebaude 
herauszunehmen, diejenige Einzelheit, die zunachst die komplizier- 
teste ist, sagen wir den Menschen. Denken Sie, der Mensch tritt uns 
selber wiederum, weil er ein Teil des Weltengebaudes ist, aus Teilen 
zusammengesetzt entgegen: Kopf, Gliedmafien, Sinnesorgane und 
so weiter. Denken Sie, wie wir im Laufe der Zeit uns bemuht haben, 
jeden einzelnen Teil wiederum aus der geistigen Welt heraus zu ver- 
stehen. Erinnern Sie sich nur, wie wir erst kurzlich gesagt haben: 
Dasjenige, was der Mensch als Kopf hat, weist uns zuriick auf seine 
friihere Erdeninkarnation; dasjenige, was er jetzt als Leib hat, gehort 
dieser Erdeninkarnation an und tragt in sich die Anlage zum Kopfe 
fur die nachste Erdeninkarnation. Wie unser Kopf geformt ist, das 
weist uns zuriick auf friihere Inkarnationen. 

Erinnern Sie sich an etwas anderes. Erinnern Sie sich daran, da$ 
wir erst kurzlich von zwolf Sinnen gesprochen haben, und diese 
zwolf Sinne, die der Mensch in sich tragt, in Zusammenhang ge- 
bracht haben mit den zwolf Kraften, die den zwolf Sternbildern des 
Tierkreises entsprechen. Wir tragen, sagten wir, in uns mikrokos- 
misch den Makrokosmos mit seinen zunachst aus den zwolf Stern- 
bildern wirkenden Kraften. Jede dieser Krafte ist anders, anders die 
Krafte des Widders, anders die Krafte des Stiers, anders die Krafte 
der Zwillinge und so weiter, wie anders ist die Wahrnehmungsfahig- 
keit des Auges, anders die Wahrnehmungsfahigkeit des Ohres und 
so weiter. Zwolf Sinne entsprechen den zwolf Sternbildern des Tier- 
kreises. Aber sie entsprechen ihnen nicht blofi. Wir wissen ja, dafi 
die Anlage zu den menschlichen Sinnesorganen schon auf dem alten 
Saturn gelegt worden ist, sich weiter gebildet hat wahrend der Son- 
nen-, wahrend der Mondenzeit bis in unsere Erdenzeit herein. Erst 



wahrend unserer Erdenzeit ist der Mensch mit seinen Sinnen ein so 
abgeschlossenes Wesen geworden, wie er uns entgegentritt. Er war 
viel off ener dem grofien Kosmos gegeniiber in friiheren Zeiten, wah- 
rend der Mond-, der Sonnen- und der Saturnzeit. Wahrend dieser 
drei der Erdenzeit vorangehenden Zeiten wirkten wirklich herein in 
unsere menschliche Wesenheit die Krafte der zwolf Zeichen des 
Tierkreises. Wahrend sich die Anlage unserer Sinne bildete, wirkten 
auf sie die Krafte des Tierkreises. Es ist nicht blofi ein Entsprechen, 
sondern es ist ein Aufsuchen derjenigen Krafte, die unsere Sinne in 
uns eingebaut haben, wenn wir von dieser Entsprechung der Sinne 
mit den Tierkreisbildern sprechen. Wir sprechen nicht in einer ober- 
flachlichen Weise von irgendeinem Entsprechen des Ich-Sinnes mit 
dem Widder und der anderen Sinne mit diesem oder jenem Tierkreis- 
zeichen, sondern sprechen deshalb so, weil die Sinne des Menschen 
wahrend der friiheren Vorgange unseres Erdenplaneten noch nicht 
so ausgebildet waren, dafi sie in seinem Organismus safien und die 
Aufienwelt aufnahmen. Sie wurden erst eingebaut von den zwolf 
Kraften her in seinen Organismus. Wir sind aus dem Makrokosmos 
heraus aufgebaut, studieren also, indem wir die menschlichen Sin- 
nesorgane studieren, weltumspannende Krafte, die in uns gewirkt 
haben durch Jahrmillionen und aber Jahrmillionen, und deren Er- 
gebnisse solch wunderbare Teile des menschlichen Organismus sind 
wie die Augen oder die Ohren. Es ist wirklich so, dafi wir die Teile 
auf ihren geistigen Inhalt hin studieren, wie wenn wir jeden Ziegel 
studieren miifken bei einem Hause, das wir betrachten auf seinen 
kunstvollen Aufbau hin. 

Ich konnte noch ein anderes Bild bringen: Nehmen wir einmal 
an, wir hatten vor uns irgendeinen Aufbau, kunstvoll geschichtet 
aus Papierrollen. Nun konnen wir zunachst beschreiben, was wir 
da kunstvoll aus Papierrollen geschichtet haben: Einige Rollen ste- 
hen, die anderen sind schief zusammengerollt und das, kunstvoll 
zusammengestellt, gibt irgendeinen Aufbau. Aber denken Sie sich, 
wir hatten nicht blofi Papierrollen auf geschichtet, sondern in jede 
Papierrolle ware hineingemalt ein wunderbares Gemalde. Das wur- 
den wir gar nicht sehen, wenn wir die Rollen, die zusammengerollt 



sind und auf der Innenseite die Gemalde haben, ins Auge fassen. 
Und dennoch sind sie drinnen! Und bevor der Aufbau hat gesche- 
hen konnen, mulken die Malereien hineingemalt sein. Nehmen Sie 
aber an, es ware die Sache so, dafi wir nicht den kunstvollen Auf- 
bau aus den Papierrollen schichteten, sondern dafi der sich selbst 
schichten miifke. Sie konnen sich natiirlich nicht vorstellen, daE er 
sich selbst schichtet, da haben Sie ganz recht, kein Mensch kann 
sich das vorstellen; aber nehmen wir an, dadurch, dafi die Gemalde 
auf alle Rollen gemalt sind, lage in ihnen die Kraft, dafi sich die 
Rollen selber schichteten: Dann haben Sie hier ein Bild von unse- 
rem wirklichen Weltengebaude! Die Gemalde, die auf den Rollen 
sind, kann ich vergleichen mit all dem, was wahrend der Saturn-, 
der Sonnen- und Mondenzeit geschehen ist, was da hineingeheim- 
nist ist in jeden einzelnen Teil unseres Weltengebaudes. Aber es 
sind keine toten Gemalde, es sind lebendige Krafte, die dasjenige, 
was auf der Erde sein soil, was auf unserem physischen Plan sein 
soil, aufbauen, und wir holen heraus dasjenige, was kunstvoll ver- 
borgen ist in dem, was gewissermafien aus einzelnen Rollen des 
Weltengebaudes vor uns aufgeschichtet ist, und was beschrieben 
wird von der aufieren Wissenschaft, was uns gegemibersteht im 
aufieren Leben. Wenn Sie aber dieses Bild zu Ende denken - ich 
habe lange nachgesonnen, ein Bild, das moglichst entspricht dem 
Sachverhalt, zu finden; es ist das Bild von diesen Rollen, die leben- 
dige, tatige Bilder haben -, dann werden Sie finden, dafi kein 
menschliches Auge, das der Aufschichtung entgegenschaut, zu- 
nachst eine Ahnung haben kann von den Bildern, die da drinnen 
sind. Wenn der Aufbau recht kunstgemafi ist, werden wir etwas 
recht Kunstgema$es als Beschreibung des Aufbaues bekommen, 
aber nichts wird in der Beschreibung stehen von den Gemalden, die 
drinnen sind. 

Sehen Sie, so ist es mit der aufieren Wissenschaft. Sie beschreibt 
diesen kunstvollen Aufbau, sie lafit aber ganz aufter acht dasjenige, 
was als Gemalde auf jeder einzelnen Rolle stent. Aber wenn Sie den 
Vergleich zu Ende denken, mussen Sie noch etwas ganz anderes ins 
Auge fassen: Gibt es denn in all jener Tatigkeit, welche diesen 



kunstvollen Aufbau der Rollen beschreibt, eine Moglichkeit, auch 
nur zu ahnen, geschweige denn wirklich etwas zu beschreiben von 
dem, was auf den einzelnen Rollen steht, wenn eben die Rollen zu- 
sammengerollt sind und das Gebaude aufbauen? Das gibt es gar 
nicht! In diesem Sinne miissen Sie sich auch klar sein, dafi die ge- 
wohnliche Wissenschaft zunachst gar nicht darauf kommen kann, 
dafi unserem Weltengebaude dieses Geistige zugrunde liegt. Daher 
kann in einer geraden Fortsetzung desjenigen, was man sich aneignet 
in der gewohnlichen Wissenschaft, nicht das Verstandnis fur die 
Geisteswissenschaft liegen, sondern es mufi etwas hinzukommen, 
etwas, was im Grunde genommen gar nichts zu tun hat mit der ge- 
wohnlichen Wissenschaft. Denn denken Sie einmal, Sie haben diese 
aufgeschichteten Rollen vor sich. Jemand kann sie sehr gut beschrei- 
ben, er wird noch wunderbare Schdnheiten finden, etwa dafi manche 
Rollen mehr schief, manche weniger schief gelegt sind, manche zu 
einer Rundung gebaut sind und so weiter, er wird all das hubsch 
beschreiben. Aber um darauf zu kommen, dafi auf jeder Rolle inwen- 
dig ein Gemalde ist, dazu ist notwendig, dafi er eine Rolle heraus- 
nimmt und sie aufrollt. Es hat gar nichts zu tun mit der Beschreibung 
des geschichteten Gebaudes. Es mu£ also etwas Besonderes hinzu- 
kommen zu der menschlichen Seele, wenn die Seele aus der gewohn- 
lichen wissenschaftlichen Weltanschauungsweise, wie wir sie heute 
haben, hineinkommen will in eine geisteswissenschaftliche Betrach- 
tung, es mulS die Seele von etwas Besonderem ergriffen werden. Das 
ist dasjenige, was heute so schwer verstandlich ist fur die aufiere, im 
Materialismus lebende Kultur, was aber wieder begriffen werden 
mufi, wie es begriffen worden ist in den verschiedensten Kultur- 
perioden, in denen man noch eine geistige Weltanschauung als die 
physische Weltanschauung durchdringend hatte. Altere Zeiten wa- 
ren sich immer klar dariiber, dafi dasjenige, was man von dem gei- 
stigen Inhalte der Welt wissen soli, beruht auf einem besonderen Er- 
fangenwerden der Seele von der Geistigkeit. Daher haben sie nicht 
blofi von Wissenschaftlichkeit, sondern von Initiationen und der- 
gleichen gesprochen, und mit Recht davon gesprochen. Seien wir uns 
nur klar dariiber, da$ diese Anschauung die richtige ist. 



Ich will Ihnen noch einen Vergleich bringen, der Ihnen, wenn Sie 
ihn zu Ende denken, die Sache ganz klar machen kann. Es ist ein 
Vergleich, der sogar aus alten Traditionen der Geisteswissenschaft 
genommen ist. Sehen Sie, man spricht in der Geisteswissenschaft mit 
Recht von einem «okkulten Lesen der Welt». Das, was die gewohn- 
liche Wissenschaft tut, ist nicht «Lesen der Welt». Wenn Sie dasjeni- 
ge, was auf einer Seite eines Buches oder eines Schriftstiickes ge- 
schrieben steht, nehmen, und Sie konnen nicht lesen und haben auch 
nie etwas davon gehort, dafi es so etwas gibt wie Lesen, - nun, neh- 
men Sie an, es stiinde auf der Seite meinetwillen eine Szene aus Goe- 
thes «Faust» so bleibt Ihnen das natiirlich ganz unbekannt, was da 
enthalten ist auf dieser Seite; aber Sie konnen die Schriftziige be- 
schreiben, Sie konnen beschreiben: Da oben ist etwas, das hat einen 
Haken, dann ist ein gerader Strich nach unten, dann ist ein Quer- 
strich. Sie konnen die einzelnen Buchstaben beschreiben, konnen 
auch beschreiben, wie die einzelnen Buchstaben zusammengestellt 
sind. Das wird eine Beschreibung geben. Solch eine Beschreibung 
der aufieren physischen Wirklichkeit ist zura Beispiel die Naturwis- 
senschaft heute, ist auch die Geschichte, wie wir sie heute haben, aber 
alles solches Beschreiben gibt kein Lesen. 

Nun konnen Sie sich fragen: Lernt heute irgend jemand in der 
Welt lesen dadurch, dafi er sich iiber eine Seite setzt, keine Ahnung 
hat, wie man liest, und nun darauf kommen will durch die Formen 
der Buchstaben, was da drauf steht? Nicht wahr, so lernt doch heute 
niemand lesen! Das Lesen wird uns ubermittelt in unserer Kindheit. 
Wir lernen es nicht, indem wir die Buchstabenform beschreiben ler- 
nen, sondern wir lernen es dadurch, dafi uns etwas Geistiges uber- 
mittelt wird, dafi wir geistig angeregt werden zum Lesen. So war es 
auch immer bei alledem, was man die niederen und hoheren Grade 
der Initiation nennt. Nicht darauf beruhte sie, dafi die Seelen ange- 
lernt wurden zu beschreiben, was aufier ihnen ist, sondern zu lesen in 
dem, was aufier ihnen ist, den Sinn der Welt zu entratseln. Daher hat 
man wirklich mit Recht dasjenige, was als Geistiges in der Welt ent- 
halten ist, «Wort» genannt, weil die Welt gelesen sein will, wenn 
man sie geistig verstehen will. Und das Lesen lernt man nicht da- 



durch, daft man die Formen der Buchstaben lernt, sondern dadurch, 
daft man eine geistige Anregung empfangt. 

Das ist so hauptsachlich, was ich immer erreichen will durch die 
Darstellung, die innerhalb unserer Kreise gepflogen wird. Wenn Sie 
sich an mancherlei erinnern, was so durch unsere Vortrage hindurch- 
geht, so werden Sie immer sehen, dafi ich versuche, moglichst Bilder 
zu gebrauchen. Ich gebrauche auch heute wiederum Bilder, und man 
kann ins Geistige nur hineinfiihren durch Bilder. Und sobald man die 
Bilder gar zu sehr in Begriffe prefit, die eigentlich nur taugen fur den 
physischen Plan, so enthalten sie nicht mehr dasjenige, was sie eigent- 
lich enthalten sollen. Der heutige Mensch aber kommt dadurch in 
eine Art von Verwirrung hinein, weil er dasjenige, was in Bildern ge- 
geben ist, nicht so auffassen kann, dafi es ihm eine reale Wirklichkeit 
gibt. Er denkt das Bild selber gleich ganz materialistisch. Sobald wir 
in etwas primitivere Kulturen gehen, sehen wir, dafi die Menschen 
unsere heutigen Begriffe gar nicht gehabt haben, sondern uberhaupt 
in Bildern gedacht haben, und ihre Wirklichkeiten durch Bilder aus- 
gedriickt haben. Wenn Sie die orientalischen Kulturen Asiens neh- 
men, die etwas Atavistisches, von friiher her Gebliebenes sind, so 
werden Sie heute noch uberall finden: Wenn die Leute etwas beson- 
ders Tiefes bedeutsam ausdnicken wollen, dann sprechen sie in Bil- 
dern, wobei diese Bilder aber durchaus Wirklichkeitswert haben. 
Nehmen wir ein Beispiel, in dem das Bild eigentlich unmittelbaren 
Wirklichkeitswert hat, man mochte sagen, groben Wirklichkeitswert 
hat. Und dennoch wird der Europaer den Asiaten, der altere, atavisti- 
sche Vorstellungen bewahrt iiber die Wirklichkeit, doch aufier- 
ordentlich schwer verstehen; er wird ihn zu grob verstehen. 

In einer wunderschonen asiatischen Novelle wird folgendes er- 
zahlt: Es hatte einmal ein Ehepaar eine Tochter. Die Tochter wuchs 
heran, wurde nach der Hauptstadt in die Schule gegeben, weil sie be- 
sondere Fahigkeiten zeigte, kam aus der Schule zuriick und heiratete 
einen Bekannten ihres Vaters, einen Kaufmann. Sie bekam einen 
Knaben und starb, da der Knabe vier Jahre alt war. Am Tage nach der 
Beerdigung der Mutter sagte das Kind plotzlich: «Die Mutter ist iiber 
die Treppe hinauf gegangen nach dem oberen Stock, da oben wird sie 



sein.» Nun, die ganze Familie ging die Treppe hinauf. Man mul$ sich 
naturlich hineindenken in die Seele des Orientalen, urn das Folgende 
zu verstehen. Denn trotzdem ich etwas erzahle, was unmittelbar, hart 
an die Wirklichkeit anstofit, so wiirde ein Europaer das ganz anders 
erleben. Nehmen wir an, ein europaisches vierjahriges Kind wiirde 
sagen, die Mutter, die gestern begraben worden ist, sei die Treppe 
hinaufgegangen; wenn nun die anderen Leute mit einer Kerze die 
Treppe hinaufsteigen und in einem unbewohnten Stock nachschauen 
wiirden, so wiirden sie naturlich dort nichts finden. Man wiirde die 
Sache naturlich in Abrede stellen. Also man mufi sich da in die asiati- 
sche Seele hineinfuhlen konnen. Die Leute gingen also hinauf mit 
dem Lichte und fanden die Mutter wirklich dort stehen, einen Schat- 
ten, der vor einer Kommode stand, und starr in die Kommode hinein- 
blickte. Die Schubladen der Kommode waren geschlossen, und die 
Leute sagten sich - aus ihren Vorstellungen heraus mit Recht - : Da 
mufi in der Kommode etwas sein, was die Seele beirrt. Sie raumten die 
Kommode aus und trugen die Gegenstande, die darin waren, nach 
dem Tempel, damit sie dort aufbewahrt wiirden. Dadurch sind sie ja, 
nicht wahr, der Welt entriickt. So, glaubten sie, wiirde die Seele jetzt 
nicht mehr kommen, denn sie wulken: Das soil ja nicht sein; es kann 
eine solche Seele nur kommen, wenn sie noch durch irgend etwas ge- 
bunden ist. - Aber sie kam doch! Jeden Abend, wenn man wieder 
nachschaute, war sie da. Da ging man zu einem weisen Tempelhiiter, 
der kam dann, sagte, er miilke ungestort sein, und sprach seine Sutras. 
Und als die «Stunde der Ratte» kam - so heifit im Orient die Zeit von 
12 bis 2 -, da war wiederum die Frau da, schaute starr nach einem 
Punkte der Kommode. Da fragte er, ob etwas da sei. Sie gab ihm in der 
Gebarde zu verstehen, da£ wohl etwas da sei. Er machte die erste 
Lade auf - es war nichts drinnen, die zweke Lade - nichts drinnen, die 
dritte Lade, die vierte Lade - nichts drinnen! Da kam er darauf, auch 
das Papier zu heben, mit dem die Laden ausgelegt waren. Da fand er 
zwischen dem letzten Papier und dem Boden der Lade einen Brief. Er 
versprach, dafi von diesem Briefe niemand etwas erfahren solle, daft 
er ihn im Tempel verbrennen werde. Das hat er getan; dann kam sie 
nicht wieder. 



Nun, diese orientalische Erzahlung stimmt mit allem Wirklichen 
iiberein, driickt das Wirkliche aus. Wurde man innerhalb europai- 
scher Begriffe versuchen, die Sache darzustellen, so wurde das sehr 
schwer gehen. Und anderseits hat der Europaer heute noch zu 
stark eine Grobheit in seinen Vorstellungen. Er denkt, wenn etwas 
eine Wirklichkeit ist, so mu£ sie jeder sehen. Der Europaer hat 
iiberhaupt nur die zwei Unterscheidungen: Entweder sieht jeder 
eine Sache, dann ist es eine Wirklichkeit, oder es sieht sie nicht 
jeder, dann ist es subjektiv, dann ist es nichts Objektives. Nun hat 
aber dieser Unterschied zwischen «subjektiv» und «objektiv» gar 
keine Bedeutung, sobald man in die geistige Welt hineinkommt, er 
hat nur eine Bedeutung fur die physische Welt. Es ist gar nicht so, 
daft man sagen konnte, das, was die anderen nicht sehen, miisse 
nicht objektiv sein. 

Nun konnen Sie sagen, solche Dinge gibt es in Europa auch. Ja, 
das gibt es hier auch, aber der Europaer ist froh, wenn er sagen kann: 
Es ist eben eine Dichtung, und daran braucht man nicht zu glauben. 
Deshalb ist es ja so viel leichter, in Dichtungen die geistige Welt zum 
Ausdruck zu bringen, weil man dann nicht den Anspruch macht, daft 
die Leute es glauben. Und dann sind sie schon befriedigt, wenn man 
das, was man da sagt, nur nicht zu glauben braucht. Der Einwand 
aber, daft es sich um eine Novelle handelt, der gilt nicht, denn da muft 
man wirklich in Betracht ziehen, daft der Europaer den Asiaten sehr 
wenig verstehen kann, wenn er solche Dinge ausspricht. Das, was der 
Europaer seine Novellen, seine Kunst nennt, das ist fur den Asiaten 
ein hochst uberfliissiges Spiel, es ist fur ihn nichts. Dariiber macht er 
sich eigentlich nur lustig, daft man Dinge erzahlen soli, die es gar 
nicht gibt. Das versteht der wirkliche Asiate nicht. Er erzahlt in sei- 
nen sogenannten Kunstwerken nur das, was es wirklich gibt, aller- 
dings in der geistigen Welt etwa gibt. Das ist ein tiefer Unterschied 
zwischen der europaischen und der asiatischen Weltauff assung. Daft 
wir in Europa Novellen schreiben, in denen wir Dinge erzahlen, die 
es gar nicht gibt, das ist eine hochst iiberflussige Beschaftigung nach 
Ansicht des Orientalen. Unsere ganze Kunst ist eigentlich nach 
wirklich orientalischer Vorstellung eine ziemlich iiberflussige Be- 



schaftigung. Und dasjenige, was wir von asiatischer Kunst haben, das 
miissen wir durchaus so auffassen, daft es noch als Imaginationen 
geistiger Wirklichkeit gedacht ist, sonst verstehen wir gar nicht, was 
von jener Seite heruberkommt. Wir Europaer rachen uns ja auch 
dadurch, daft wir die asiatischen Erzahlungen nicht nach asiatischem, 
sondern nach europaischem Ma6e messen und sagen: Es ist eben eine 
schwungvolle Dichtung, eine schwungvolle Phantasie; das schweift 
aus, das ist eine fruchtbare orientalische Phantasie! 

So mufi man iiberhaupt vielfach in Bildern reden, und auf diese 
Art der Darstellung kommt es an. Und so wird man nach und nach 
wiederum verstehen miissen, daft man vielfach in Bildern reden mufi. 
Gewift, wenn wir heute bloft in Bildern sprechen wiirden, so wiirde 
das gegen die europaische Kultur sein, das konnen wir nicht machen. 
Aber wir konnen gewissermaften iibergehen lassen das gewohnliche 
Denken, das eigentlich doch nur fur den physischen Plan bestimmt 
ist, in das Denken iiber die geistige Welt, und dann ins Bildhafte, in 
jenes Denken, das unter dem Impuls der geistigen Welt entsteht. So 
ist es auch aufzufassen, wenn ich zum Beispiel versuche zu sagen: 
Der Naturforscher zeichnet ein Weltenbild, und wenn er glaubt, daft 
dieses Weltenbild auch anschaulich ist, so macht er den Fehler, den 
jemand machen wurde, der behauptet, er konnte ein Bild malen, aus 
dem ihm der Gemalte entgegenkame und im Zimmer auf und ab 
geht. Ich falle in der Darstellung - in diesem letzten Buch «Vom 
Menschenratsel» konnen Sie das sehen - aus der gewohnlichen Dar- 
stellung, aus der logischen Darstellung in die bildliche Darstellung 
hinein. Das muft iiberhaupt, soil Geisteswissenschaft sich wirklich 
einleben im Abendlande, darstellender Stil werden. Und darauf be- 
ruht ungeheuer viel, daft dies gerade verstanden wird. Eine philoso- 
phische Abhandlung, die dasselbe besagen wollte heute, die wiirde 
unzahliges Logische auffiihren, die kiinstlichsten Begriffe drechseln, 
aber sie wiirde sich in dem bewegen, was heute dem Sterben entge- 
gengeht, was nicht mehr lebendig ist, und was nur darauf berechnet 
ist, die aufiere Schichtung aus den Rollen zu verstehen, nicht dasjeni- 
ge, was auf der Innenseite einer jeden Rolle als Gemalde lebt. Be- 
deutsam werden alle diese Dinge erst, wenn wir es eben im Leben 



anwenden, denn dadurch lernen wir das Leben verstehen. Das, was 
man im gewohnlichen Sinne logische Beweise nennt, das mufi sich 
selber erst verlebendigen, wenn man das Geisteswissenschaftliche 
lebendig verstehen will. 

Nehmen wir einen Fall: Es gibt heute musikalische Menschen, es 
gibt unmusikalische Menschen. Nun weifi jeder, es ist ein gewalti- 
ger Unterschied zwischen einem musikalischen und einem unmu- 
sikalischen Menschen. Fur eine gewisse Betrachtungsweise kann 
man sogar sagen, ein musikalischer Mensch ist ein ganz anderes 
Wesen als ein unmusikalischer Mensch, wenn man die Seele be- 
trachtet. Das soil nicht eine Kritik der unmusikalischen Menschen 
sein, sondern nur eine Konstatierung einer gewissen Tatsache. Das 
ist also eine Lebenserfahrung, die wir machen, wenn wir durch das 
Leben gehen. Wir treffen im Leben musikalische und unmusikali- 
sche Menschen an. Das ist das eine. Derjenige, der nun das Leben 
etwas naher betrachtet, wird vielleicht nicht gleich zu dem in 
Shakespeare stehenden Ausspruch kommen: «Der Mann, der nicht 
Musik in sich hat, taugt zu Verrat und Mord und Tiicke; traut 
keinem solchen.» - Es mag nicht gleich, wie gesagt, dieses Ergebnis 
da sein, aber ein gewisser Unterschied auch in bezug auf die iibrige 
Konfiguration der Seele ist zwischen musikalischen und unmusika- 
lischen Menschen. 

Nun mochte man doch verstehen, wie es kommt, dafi musikali- 
sche und unmusikalische Menschen unter uns herumgehen. Wenn 
Sie sich in der die Naturwissenschaft nachahmenden Seelenwissen- 
schaft umsehen, glaube ich nicht, dafi Sie viel finden werden, was 
aufhellen konnte, warum eine gewisse Sorte von Menschen musika- 
lisch, eine andere unmusikalisch ist. Und so ist es auch recht, denn 
wurde diese der Naturwissenschaft nachgeahmte Seelenwissen- 
schaft Erklarungen abgeben iiber den Grund, warum der eine 
Mensch musikalisch ist, der andere unmusikalisch, wiirde sie ge- 
rade auf solche Feinheiten eingehen, so wiirde sie etwas Rechtes 
zustande bringen! 

Nun aber finden wir einen anderen Unterschied zwischen Men- 
schen. Wir finden Menschen, welche gewissermafien durch das 



Leben gehen und nicht recht beriihrt werden von dem, was um sie 
herum vorgeht, wahrend andere Menschen durch das Leben gehen 
und eine so offene Seele haben, dafi sie stark beriihrt werden von 
dem, was um sie herum vorgeht, stark iiber das eine Freude, iiber 
das andere Leid, iiber das eine Frohlichkeit, iiber das andere Trau- 
rigkeit empfinden. Diese Unterschiede gibt es auch. Stumpflinge 
und gewissermaften mit aller Welt mitfiihlende Menschen gibt es. 
Es gibt Menschen, welche nur in ein Zimmer hineinzugehen brau- 
chen, in dem nicht allzu viele Menschen sind, und die nach ganz 
kurzer Zeit einen gewissen Kontakt mit ihren Mitmenschen haben 
dadurch, dafi sie fiihlen, was die anderen fiihlen, rasch, durch un- 
sagbare, wie man sagt, Imponderabilien. Es gibt andere, die mit 
vielen Menschen in Beriihrung kommen, aber eigentlich keinen 
einzigen kennenlernen, weil sie diese Gabe nicht haben, von der ich 
eben gesprochen habe. Sie beurteilen eben jeden anderen Menschen 
danach, wie sie selber sind, und wenn er nicht so ist, wie sie selber 
sind, dann ist er eben doch eigentlich mehr oder weniger ein 
schlechter Mensch. Aber es gibt andere Menschen, die gehen auf 
jeden einzelnen Menschen ein, leben mit, was der andere lebt. Sie 
sind in der Regel auch solche Menschen, die mit jedem Tier mitle- 
ben konnen, mit jedem Kafer, mit jedem Spatzen, und die frohlich 
werden konnen mit dem einen, was da vorgeht, und traurig werden 
konnen mit dem anderen. Geben Sie acht, wie oft das vorkommt 
im Leben, besonders in einem gewissen Lebensalter, da$ sich ein 
junger Mensch iiber alles mogliche freut, bald himmelhoch jauchzt, 
bald zu Tode betriibt ist, der andere aber sagt: Du bist ein dummer 
Kerl, das ist doch im Grunde alles gleich! - Diese zwei Sorten von 
Menschen gibt es auch. Natiirlich sind die beiden Eigenschaften 
mehr oder weniger ausgebildet, brauchen gar nicht einmal stark 
zutage zu treten, aber sie konnen sehr gut angedeutet sein. 

Nun kommt der Geistesforscher und versucht, iiber die Welt in 
seinem Sinne nachzudenken, und kommt darauf: Musikalische 
Menschen sind diejenigen, die in einem vorigen Leben leicht den 
Ubergang fanden von Frohlichkeit zu Traurigkeit, von Traurigkeit 
zu Frohlichkeit, die mit allem mitgehen konnten. Das verlegte sich 



in das Innere, und dadurch entstand im Innern jene rhythmische 
Ubergangsfahigkeit, die die musikalische Seele gibt. Dagegen wer- 
den Menschen, die in friiheren Leben an den aufieren Ereignissen 
stumpflich vorbeigegangen sind, nicht musikalisch. Dabei kann 
man ja selbstverstandlich sonst ausgezeichnete Eigenschaften ha- 
ben, kann meinetwillen Weltreformator sein, grofie Wirkungen in 
der Weltgeschichte hervorrufen. Es gibt eine Ihnen vielleicht nicht 
ganz unbekannte Personlichkeit, welche in Rom war in der Zeit, als 
dort die groiken Maler gemalt haben, in der Zeit, aus der die 
Malerei Michelangelos, Raffaels hervorgegangen ist, eine Person- 
lichkeit, die damals in Rom nichts anderes gesehen hat, als dafi alles 
unmoralisch ist. Es war auch unmoralisch, Rom. Er ist daran vor- 
beigegangen, neben dem anderen, das nicht unmoralisch war, zum 
Beispiel der Kunst Michelangelos, Raffaels. Es war eine sehr bedeu- 
tende Personlichkeit, die Grofies getan hat, ein Reformator, Sie 
kennen sie alle. Man kann also durchaus nicht sagen, dafi das hier 
in dem Sinne einer bosartigen Kritik gemeint ware. Aber das Un- 
musikalischsein beruht doch darauf, daft man nicht lebendige Ein- 
driicke bekommen hat in einer vorhergehenden Inkarnation von 
dem, was eben manchen Seelen lebendige Eindriicke geben kann. 
Denken Sie, wie nun das Leben durchsichtig wird, wenn man mit 
solchen Erkenntnissen an das Leben herantreten kann, wie ver- 
standlich einem die Menschen werden konnen! Und wenn man das 
festhalt, dafi aus der Geisteswissenschaft in unsere Seelen mehr die 
Sehnsucht einfliefk, nach Bildern zu charakterisieren, dann be- 
kommt das keinen iiblen Beigeschmack. 

Selbstverstandlich, wenn alles in Begriffen sich auslebte, und es 
etwa dazu fuhren wiirde, dafi Geisteswissenschaft nun an jeden 
Menschen zergliedernd heranginge und studierte: Was ist mit dem 
in seiner vorhergehenden Inkarnation wohl gewesen, was war der? 
- dann miifite man sich hiiten vor der Geisteswissenschaft. Dann 
wiirde man sich ja sozusagen nicht mehr getrauen, unter die Leute 
zu gehen, wenn man wiifite, dafi man da so analysiert wird. Das 
wiirde aber nur dann der Fall sein, wenn man mit solchen groben 
Begriffen arbeitete. Wenn man aber im Bilde bleibt, ergreift das 



Bild das.Gefiihl, und man kommt zu einem gefiihlsmafogen Verste- 
hen der anderen Menschen, zu einem Verstehen, das man sich nicht 
in Begriffe zu verwandeln braucht. In Begriffe wandelt man es sich 
nur um, wenn man es als allgemeine Wahrheit ausdriickt. Es ist gut, 
so wie ich jetzt gesprochen habe, von dem Beweglichen der Seele 
in einer vorhergehenden Inkarnation und dem Musikalischen in 
einer nachfolgenden Inkarnation zu sprechen, aber es wiirde ab- 
geschmackt sein, wenn ich einem Menschen, der musikalisch ist, 
gegeniibertreten wiirde, und ihn nun beschreiben wiirde, wie er in 
der vorhergehenden Inkarnation war, weil er jetzt musikalisch ist. 
Aus dem einzelnen heraus kommen diese Wahrheiten, aber es han- 
delt sich nicht darum, sie auf das einzelne hin anzuwenden. Das ist 
etwas, was aber im tiefsten Sinne wirklich verstanden werden mufi. 

Bei solchen Wahrheiten wird es noch verstanden, aber wenn es 
etwas weiter geht, dann kann sehr leicht dasjenige, was zur Aufkla- 
rung der Menschheit bestimmt ist, zu Unfug fuhren. Denken Sie 
doch nur einmal, wie leicht es vorkommt, immer wieder und wieder- 
um vorkommt: Man spricht im allgemeinen iiber die Reinkarnation. 
Nun habe ich einmal iiber die Beziehung zwischen Reinkarnation 
und Selbsterkenntnis in einem unserer Zweige gesprochen. Es ist gut, 
auf dieses Thema auch zu achten, und ich habe zum Beispiel in die- 
sem Zweig dazumal gesagt, als ich von Reinkarnation und Selbster- 
kenntnis gesprochen habe: Es ist gut, wenn man gewisse Begriffe, die 
man aus der Geisteswissenschaft gewinnen kann, in seiner Selbster- 
kenntnis zu verwirklichen versucht. Ich habe zum Beispiel den einen 
Begriff angegeben, dafi wir, wenn wir geboren werden, im Beginne 
unseres Lebens durch unser Karma oftmals mit Menschen zusam- 
mengefuhrt werden, mit denen wir zusammen waren in einer fruhe- 
ren Inkarnation so in der Mitte des Lebens, in den dreifiiger Jahren, 
dafi wir also nicht mit denselben Menschen gleich zusammen sind, 
mit denen wir damals in der fruheren Inkarnation zusammen waren. 
Nun, so habe ich einzelne Regeln angefiihrt, Sie konnen das in Vor- 
tragen auch finden, wie man Reinkarnation auf Selbsterkenntnis an- 
wenden kann. Ja, wozu hat das dazumal gefiihrt? Es hat dazu ge- 
fiihrt, dafi etwas Bestimmtes geschehen ist. Es zeigte sich in der nach- 



sten Zeit, da$ eine ganze Anzahl von Menschen einen formlichen 
«Klub der Reinkarnierten» gegriindet haben. Es war wirklich so, dafi 
eine Clique von jedem einzelnen angegeben hat, was er im vorherge- 
henden Leben oder in alien vorhergehenden Leben war. Selbst- 
verstandlich waren alle ungeheuer hervorragende Gestalten der 
Menschheitsentwickelung, das ist ja schon fast selbstverstandlich, 
und sie hatten auch Beziehungen zueinander. 

Das frafi lange. Natiirlich ist das ein furchtbares, ein schreckliches 
Zeug, denn das verstofit ja in der Regel gegen etwas, was ich auch 
betont habe: Soil jemand wirklich etwas wissen iiber seine vorherge- 
hende Inkarnation, so ist es in der Gegenwart nicht so, da£ man es 
von innen heraus fassen kann, sondern man wird von aufien herein 
aufmerksam gemacht durch irgendein aufieres Ereignis oder von je- 
mand anderem. Heute ist es in der Regel falsch, wenn einer von innen 
heraus schopft und sich diktiert: Ich bin dieses oder jenes. Wenn je- 
mand etwas wissen soli, wird es ihm von auften gesagt. Da hatten 
diejenigen, die damals jenen Klub der Reinkarnierten begriindet hat- 
ten, lange warten konnen, bis es ihnen gesagt worden ware. Dennoch 
waren sie alle bedeutende Persdnlichkeken, die bedeutendsten der 
Menschheitsentwickelung! Und als die Sache ruchbar wurde, wie 
man sagt, und man die Leute fragte: Woher riihrt denn das? da wurde 
gesagt: Ja, das mufiten wir doch tun! Sie haben dazumal den Vortrag 
gehalten, dafi man die Selbsterkenntnis im Sinne der Reinkarnation 
pflegen soli, und von da ab haben wir uns alle damit beschaftigt, 
nachzudenken, was wir im vorhergehenden Leben waren, und wel- 
che Beziehungen wir zueinander gehabt haben! 

Wir fragen nun: Gegen was siindigen wir in einem solchen Falle 
eigentlich? - Wir siindigen wirklich gegen jene Ehrfurcht, die wir 
haben sollen vor den grofien geistigen Wahrheiten, jene Ehrfurcht, 
die darin besteht, dafi wir in richtigem Mafie «im Bilde» bleiben kon- 
nen; denn aus dem Bild herauszugehen, das kommt nur dann vor, 
wenn es notwendig ist. Das ist schon bei der Geisteswissenschaft 
notwendig, dafi wir gewissermafien Ehrfurcht entwickeln, und daft 
wir wissen, dafi dieses Spintisieren, dieses In-den-Begriff-Herein- 
bringen immer vom Ubel ist. So nachdenken iiber die geisteswissen- 



schaftlichen Angelegenheiten, wie man nachdenkt iiber die Angele- 
genheiten des physischen Planes, das ist immer vom Ubel. Es ist, 
sobald man diese Ehrfurcht sich aneignet, auch wirklich so, dafi man 
gewisse moralische Eigenschaften entwickelt, welche sich nicht ent- 
wickeln konnen, wenn man nicht die Dinge in der rechten Weise in 
der Seele tragt. Geisteswissenschaft mufi in diesem Sinne auch zur 
moralischen Erhohung der neueren Kultur fiihren. 

Wir Europaer sagen mit Recht: Dadurch, da£ wir imstande sind, 
in unserem Geistesleben das Christus-Mysterium zu sehen, dadurch 
haben wir etwas voraus vor alien, zum Beispiel auch asiatischen, ori- 
entalischen Kulturen. Die haben in dem, was sie iiber den Geist wis- 
sen, das Christus-Wesen nicht drinnen. Ein Japaner, ein Chinese, ein 
Hindu, ein Perser, hat nicht das Christus-Wesen in seinem Denken 
iiber die geistigen Weltenzusammenhange, und deshalb nennen wir 
mit Recht diese asiatische Weltanschauung eine atavistische, von 
friiher hergekommene. Sie konnen, wie zum Beispiel die Vedanta- 
Philosophie, ungeheuer hoch sein im Welterfassen; dafi sie das Chri- 
stus-Mysterium nicht begreifen konnen, macht sie aber doch zu ata- 
vistischen Vorstellungen, denn tief einzudringen in gewisse Zusam- 
menhange ist noch kein Zeichen von einer besonderen geistigen 
Hohe. Ich habe zum Beispiel jemanden gekannt, der lange Zeit in 
unseren Reihen war, iibrigens auch zu dem Klub der Reinkarnierten 
gehort hat, wie mir eben einfallt, und der ausgezeichnete Theorien 
herausgebracht hat iiber gewisse Zusammenhange des atlantischen 
Lebens. Die allgemeinen groften Gesichtspunkte fortsetzend, die 
zum Beispiel in meiner Schrift iiber die Atlantis stehen, kam die be- 
treffende Personlichkeit zu sehr interessanten Ergebnissen, die wahr 
waren; und dennoch stand diese Personlichkeit so wenig in unserer 
Sache drinnen, dafi sie sich von unserer Bewegung einfach trennte, 
als es ihr aus aufieren Griinden pafite. Es gehort unter Umstanden 
nur eine ganz bestimmte Formung des atherischen Leibes dazu, um 
in gewisse ubersinnliche Gebiete hineinzuschauen. Soli aber Geistes- 
wissenschaft lebendig in unsere Kultur hineinfliefien, dann mufi sie 
den ganzen Menschen so ergreifen, dafi er mit den tiefsten Impulsen 
dieser Geisteswissenschaft zusammenwachst. Und dann wird diese 



Geisteswissenschaft gerade das hervorbringen, was unserer in den 
Materialismus hinein sich entwickelnden Kultur fehlt. 

Also wir sagen mit Recht: Wir haben das Christus-Mysterium vor 
den asiatischen Kulturen voraus. Aber was sagen denn die Asiaten? 
Ich erzahle Ihnen nun nicht irgend etwas Ausgedachtes, sondern das, 
was die einsichtsvolleren Asiaten wirklich sagen. Die sagen: Schon, 
ihr habt das Christus-Mysterium vor uns voraus; das ist etwas, was 
wir nicht haben, dadurch steht ihr nach eurer Ansicht auf einer ho- 
heren Stufe der Kultur. Aber nun sagt ihr zum Beispiel auch: «An 
den Friichten soil man sie erkennen.» Nun schreibt eure Religion 
vor, dafi alle Menschen einander lieben sollen, aber wenn wir euer 
Leben anschauen, so ist das nicht danach. Ihr schickt uns Missionare 
nach Asien, die erzahlen uns alles Grofiartige; aber wenn wir nach 
Europa kommen, da leben die Menschen gar nicht so, wie das sein 
rmifke, wenn das alles ganz wahr ware, was da erzahlt wird! - So 
sagen die Asiaten. Denken Sie nach, ob sie so ganz unrecht haben! 
Bei einem Religionskongrefi, wo Vertreter aller Religionen sprechen 
sollten, wurde gerade dieser Fall besprochen, und da antworteten die 
asiatischen Vertreter dasselbe, was ich jetzt gesagt habe. Sie sagten: 
Ihr schickt uns Missionare, das ist gewifi alles sehr schon. Aber ihr 
habt das Christentum ja nun seit zweitausend Jahren; wir konnen 
nicht bemerken, dafi die moralische Entwickelung dadurch so unge- 
mein iiber die unsrige hinausgegangen ist! 

Aber das hat seine gute Begriindung, meine lieben Freunde. 
Sehen Sie, der Asiate lebt viel mehr in der Gruppenseele, er lebt viel 
weniger als Individuality. Ihm ist das, was Moral ist, gewisserma- 
fien auch eingeboren, gruppenseelenhaft eingeboren, und der Euro- 
paer mu£ gerade dadurch, dafi er das Ich entwickelt, heraustreten 
aus der Gruppenseele, mufi sich selbst iiberlassen sein. Dadurch 
mufi der Egoismus in einer gewissen Weise hochkommen. Der 
Egoismus ist schon einmal die notwendige Begleiterscheinung des 
Individualismus, und nur nach und nach konnen sich die Menschen 
wiederum zusammenfinden, indem sie das Christentum in hohe- 
rem Sinne verstehen. Aber vieles hat selbst bei den Besten, die 
dariiber nachdachten, gerade mit Bezug auf das Christentum, ent- 



gegengewirkt einem wirklichen Verstandnis der Folgen des Myste- 
riums von Golgatha. Es ist gewift ungeheuer «tief», meine lieben 
Freunde, wenn jemand sagt, wir miiftten den Christus in unserem 
eigenen Inneren erleben. Sehen Sie, es gibt, ich mochte sagen, eine 
symbolische Theosophie. Sie wissen, wie ich immer gegen diese 
symbolische Theosophie rede, die immer alles symbolisch zu erkla- 
ren versucht. Sogar die Auferstehung des Christus wird als ein 
blofter innerer Vorgang erklart, wahrend sie in Wahrheit ein histo- 
rischer Vorgang ist. Es ist wirklich der Christus auferstanden in der 
Welt, aber manche Theosophen finden sich leichter mit der Sache 
ab, wenn sie das bloft fur einen inneren Prozeft erklaren. Sie wissen 
ja, das war die besondere Kunst des verstorbenen Franz Hartmann, 
der in jedem Vortrag mehrmals alles, was die Theosophie ist, den 
Leuten dadurch beigebracht hat, daft er gesagt hat: Man muE sich 
selbst in seinem Innern erfassen, den Gott in sich selber erfassen - 
und so weiter. Nun werden Sie, wenn Sie die Evangelien richtig 
verstehen, keinen Anhalt dafur finden, daft in den Evangelien so 
etwas vertreten ware, daft man nur von innen heraus den Christus 
erleben soil. Gewift, es gibt sehr viele theosophische Symboliker, 
die deuten verschiedene Stellen um, aber in Wahrheit ist alles in 
den Evangelien so, daft das grofte Evangelienwort wahr ist: «Wo 
zwei in meinem Namen vereint sind, bin ich mitten unter ihnen.» 
Der Christus ist eine soziale Erscheinung. Der Christus ist als eine 
Wirklichkeit durch das Mysterium von Golgatha gegangen, und er 
ist als eine Wirklichkeit da, und er gehort nicht dem einzelnen 
Menschen, sondern dem menschlichen Zusammenleben. Es kommt 
auf dasjenige an, was er tut. Solche Dinge kann man auch manch- 
mal im Bilde besser verstehen als mit abstrakten Begriffen. 

Wir waren neulich einmal zusammen mit einem Freunde, der 
kurz da war aus dem Felde, jetzt schon wieder nicht da ist - ich 
erzahle ein ganz jiingst vorgekommenes Ereignis, das aber wirklich 
festgehalten zu werden verdient. - Dieser Freund hatte die Lie- 
benswurdigkeit, eine Autodroschke zu holen, und als er damit 
kam, sagte er: «Ich habe mich jetzt im Herfahren mit dem Kutscher 
unterhalten.» Es war iiberhaupt ein merkwiirdiger Kutscher, denn 



als wir dann mit ihm gefahren waren und ausstiegen, machte er den 
Schlag auf und nahm zwei Traktatchen heraus: «Friedensbote», die 
iiberreichte er uns, nachdem wir ihn abgelohnt hatten. Er machte 
zugleich fur die geistige Weltanschauung Propaganda! Nun erzahl- 
te dieser Freund, er hatte mit diesem Kutscher, der, seit es Auto- 
droschken gibt, Autodroschke fahrt, gesprochen, und der hatte ihm 
gesagt: «Es kommt alles darauf an, dafi die Menschen den Christus 
finden. Auf den Christus kommt es an!» - Also da hat er sich vom 
nachsten Droschkenstand die Autodroschke geholt und kam gleich 
mit dem Kutscher in ein Gesprach, der ihm sagte: «Wenn Sie den 
Christus finden, den Sie jetzt nicht haben, dann geht die Welt vor- 
warts.» Nun, der Droschkerikutscher hat dann noch verschiedenes 
andere erzahlt. Er sagte: «Sehen Sie, mit dem Christus ist das nam- 
lich so: Denken Sie sich einmal, ich bin ein sehr, sehr ordentlicher 
Mann, ein Mustermann, und ich habe Kinder, die sind alle Nichts- 
nutze. Bin ich dadurch weniger der ordentliche Mustermensch, dafi 
ich Kinder habe, die zu nichts nutze sind? Die kennen mich alle, 
glauben mich alle zu kennen, sind aber alle Nichtsnutze. So stelle 
ich mir den Christus vor. Er gehort alien, er ist als solcher fur sich 
die einzige Gestalt, aber die anderen brauchen ihn deshalb noch 
nicht alle wirklich zu verstehen.» 

Denken Sie, welch wunderbares Bild sich dieser Droschkenkut- 
scher gemacht hat von diesem besonderen Leben dieses Christus, 
diesem abgesonderten Leben! Er ist also wirklich darauf gekommen, 
dafi der Christus etwas ist, was unter uns lebt, mit uns lebt, was alien 
zusammen gehort, keinem einzelnen gehort; denn als die einzelnen 
sah er seine Buben an, die alle Nichtsnutze sind, die alle nichts tau- 
gen, die alle erst sich zum Verstandnis hindurchringen rmissen. Hatte 
dieser Droschkenkutscher, der diese wirklich aufierordentlich be- 
deutsame Bildidee gefunden hat, das philosophisch zum Ausdruck 
bringen sollen, es wiirde nichts geworden sein; aber das Bild ent- 
spricht wunderbar dem, was eigentlich verstanden werden soil. Nun 
geniigt natiirlich solch ein abstraktes Bild nicht, das kann ein einzel- 
ner haben, aber mit dem kann man nicht unsere Kultur beeinflussen. 
Aber ich wollte nur hinweisen darauf, wie wirklich das einfachste 



Gemiit auf ein richtiges Bild kommen kann, und wie die Dinge wirk- 
lich ins Bild hineinmunden sollten. Das habe ich gerade ganz beson- 
ders zu erreichen versucht in dem Stil, in der Art der Darstellung bei 
diesem neuesten Buche, das einen aufiertheosophischen Stoff be- 
handelt, so dafi dieses Buch durch die Art der Darstellung «theo- 
sophisch» ist, wenn man den Ausdruck gebrauchen will. 

Das ist es, daft wir gewissermafien unsere Lehre immer mehr und 
mehr zwischen den Zeilen verstehen miissen, wenn wir das richtig 
auffassen wollen, dafi unsere Lehre Leben werden mu£, Leben jedes 
einzelnen. Und das ist dasjenige, was einem ja so furchtbar schwer 
auf der Seele liegt: daft es so schwierig zu erreichen ist, die Dinge ins 
Leben einzufuhren. 

Sehen Sie, derjenige, der mit diesen Dingen verbunden ist, der 
mufi sich denken, namentlich wenn er das wirklich kennt, was in der 
aufteren rationalistischen Kultur heute lebt, dafi das, was durch die 
Geisteswissenschaft pulsiert, Leben in alien einzelnen Kulturzwei- 
gen werden mufi. Es soli das Denken beeinflussen, es soli die Gefuhle 
beeinflussen, den Willen durchdringen; dann erfullt es erst seine 
Aufgabe. Dazu gehort aber einige wirkliche innere Kraft, mit der 
Sache sich verbunden fiihlen zu konnen. Und schwer ist es, dafi das 
so unendlich langsam geht, dafi die Menschen sich so recht verbun- 
den fiihlen mit den Impulsen, die in der Geisteswissenschaft liegen. 
Da macht man wirklich Erfahrungen, die zeigen, wie die Menschen 
gerade vorbeigehen an dem, was sie ins Auge fassen sollten. Ich will 
einen besonderen Fall nehmen: Jemand war einmal bei uns Mitglied, 
ein ungeheuer gelehrter Herr, aber seine Gelehrsamkeit befriedigte 
ihn nicht, er war tief unglucklich trotz seiner Gelehrsamkeit, die die 
orientalischen Sprachen umfafite und das, was man durch diese ori- 
entalischen Sprachen und Kulturen in sich aufnehmen kann, die vor- 
derasiatische Kultur. Nun, so jemand kommt dann und will einen 
Rat haben. Mein Rat mufi in einem solchen Falle dahin gehen, zu 
zeigen, wie durch die Erfassung der Geisteswissenschaft Geist in 
eine solche Wissenschaft, in die orientalische Philosophic hinein- 
kommt. Ich versuche also, ihm anzugeben, wie er dasjenige, was ja an 
gelehrtem Material vorhanden ist, durchdringen soli mit dem, was 



die Geisteswissenschaft gibt. Die Sachen blieben aber zwei neben- 
einander bestehende Dinge. Auf der einen Seite betrieb er seine Ori- 
entalia, wie sie eben auf den Universitaten betrieben werden, auf der 
anderen Seite die Geisteswissenschaft. Sie kamen nicht zusammen, er 
konnte nicht das eine mit dem anderen durchdringen. Denken Sie 
nun, wie fruchtbar es ware, wenn jemand, der so viel weifi - und er 
wufite wirklich ungeheuer viel auftreten wiirde - er brauchte ja gar 
nicht einmal merken zu lassen, dafi er theosophisch denkt, wenn 
schon einmal die Menschen ihn deshalb schief ansehen wiirden - und 
er nun diese Wissenschaft nehmen und durchdringen wiirde mit dem 
Theosophischen. Dann konnte er das sogar an der Universitat vor- 
tragen! Der Mann hatte ganz gut die Kultur, die am Euphrat und 
Tigris lebt und noch etwas weiter nach Westen heriiber - da und in 
der Agyptologie war er besonders zu Hause - durchdringen konnen 
mit der Geisteswissenschaft und etwas Aufierordentliches leisten, je- 
denfalls etwas, was befruchtender wirken wiirde als dasjenige, was 
jetzt als Popularisiertes so die landlaufigen Schreiber zustande brin- 
gen. Neulich trat gerade wiederum solch ein Schreiber auf in einem 
jetzt viel gelesenen Tagesblatt, schrieb, ankniipfend an eine sphinxar- 
tige Gestalt, die beim Bau der Bagdadbahn gefunden worden ist, 
liber diese Gegend dort, - na, wenn der auch Arthur Bonus heifit, 
wahrhaftig, der ist kein «Guter»! Das ist was Schreckliches! 

Dies schwebt schon als Ideal vor, meine lieben Freunde, so das 
Denken tragen zu lassen von dem, was die Geisteswissenschaft gibt. 
Aber so soil es auch im Leben sein, im gewohnlichen Leben von 
Mensch zu Mensch, im gewohnlichen Leben mit dem oder jenem. 
Uberall kann man die Dinge hineintragen. Ware das nicht gedacht, 
bestiinde dieses Ideal nicht, dann konnte ja Geisteswissenschaft nicht 
in Wirklichkeit fruchtbar werden. Aber uberall liegen die Auff orde- 
rungen dazu. Denken Sie einmal, es gibt ausgezeichnete Historiker, 
welche beschreiben, sagen wir, die Geschichte Englands zur Zeit Ja- 
kobs I., und es gibt ausgezeichnete Historiker, welche das Leben des 
Jesuiten Suarez beschreiben. Sie wissen, wenn ich iiber den Jesuitis- 
mus spreche, mull ich mich vorsichtig ausdriicken, da darf ich nicht 
viel Gutes - also ich meine, was so mifiverstanden werden kann - zum 



Ausdruck bringen. Es ist schon so: Von diesem Suarez wissen die 
meisten Menschen nichts anderes, als daft er in einem besonderen 
Kapitel den Konigsmord sehr ausdriicklich gelehrt haben soli. Aber 
das ist nicht wahr. Man weifi ja iiberhaupt sehr haufig dasjenige, was 
nicht wahr ist, und dasjenige, was wahr ist, das weifi man sehr haufig 
weniger gut. Nun gibt es jetzt ausgezeichnete Biicher uber diesen 
Suarez, und man kann schon auch diese zumeist von Jesuiten ge- 
schriebenen Biicher iiber Suarez, den Nachfolger des Ignaz von 
Loyola, lesen und verstehen, und braucht deshalb weder jemals Jesuit 
zu werden noch gewesen zu sem, noch sich sagen lassen zu miissen, 
daft man Jesuit gewesen sei. Die Dinge liegen da, und verbindet man 
sie, dann kann man eine der grolken Fragen der neueren Geschichte 
dadurch losen. Diese beiden Gestalten, Jakob I. auf der einen Seite 
und Suarez, der Jesuitenphilosoph, auf der anderen Seite, sind zwei 
gewaltige Gegensatze! Ich mochte sagen, wahrend bei Jakob I. eine 
neuere Entwickelung sich eingeleitet hat, die sehr ahrimanisch war, 
bei Suarez eine andere, die sehr luziferisch war, hat ihr Zusammen- 
wirken, und namentlich ihr gegenseitiger Kampf, vieles von dem aus- 
gemacht, was in der neueren Zeit lebt und webt. Da kommt man aber 
auf geheimnisvolle Zusammenhange. Und ich meine diese Dinge nun 
nicht so, daft ich etwa Vorwurfe machen mochte. Man kommt zum 
Beispiel darauf, daft direkt von Suarez abstammt ungeheuer vieles 
von dem, was man heute historischen Materialismus nennt, Marxis- 
mus, sozialdemokratische Weltauffassung. Bitte sagen Sie jetzt nicht: 
Der hat gesagt, die Sozialdemokraten seien Jesuiten! - Aber die Sache 
ist doch in einer gewissen Weise sehr gut begrundet, wahrenddem 
manche der Gegenpartei Angehorige, also dem Sozialdemokrati- 
schen widerstrebende Leute, eben auch wiederum zuruckgehen auf 
dasjenige, was inauguriert worden ist durch Jakob I. 

Ich habe Sie da hingewiesen auf etwas, was vielfach in den Gedan- 
ken der Menschen lebt. Man findet namentlich auch in okkulten Ge- 
meinschaften zwei Hauptstromungen, und aus denen geht wiederum 
das hervor, was nicht okkult ist. Diese zwei Hauptstromungen brin- 
gen zwei ganz typisch einander gegeniiberstehende Gestalten hervor: 
Jakob I. von England, mit einer in ihm lebenden Initiierten-Seele 



ganz aufierordentlicher Art, und Suarez. Nun lesen Sie die Biogra- 
phie von Suarez. Ja, Sie verstehen sie nicht, wenn Sie nicht Geistes- 
wissenschaft wirklich erf afit haben. Suarez gehorte zu den Menschen, 
die zunachst schlechte Schiiler waren, nichts lernten. Mit denen ist ja 
nach dem heutigen materialistischen Urteil in der Welt iiberhaupt 
nichts anzufangen, obwohl man sehr leicht nachweisen konnte, dafi 
grofie Genies der Welt nichts gelernt haben als Schulknaben. Aber er 
gehorte zu den schlechten Schulern, war auch auf der Hochschule 
noch nicht, was man so einen gescheiten Menschen nennt, aber dann 
kam es plotzlich, und jede Biographic erzahlt dieses plotzliche Kom- 
men. Es erwacht plotzlich eine genialische Gabe, und er schreibt diese 
ja allerdings in weiteren Kreisen nicht bekannten, aber aufierordent- 
lich bedeutsamen Bticher, die eben der Suarez geschrieben hat. Es 
kam plotzlich, geweckt durch manches, was ich Ihnen ja angedeutet 
habe in dem Vortrage, in dem die Ubungen der Jesuiten geschildert 
worden sind, die auch Suarez auf sich angewandt hat, durch die er 
etwas geweckt hat, was ihm die Moglichkeit gab, besondere Geistes- 
krafte zu entwickeln. Also man kann bei Suarez' Biographie nach- 
weisen, so wie man bei Jakob I. genau nachweisen kann, wie er - man 
kann das nicht so sagen, aber es ist das im guten Sinne angewandt - 
«umschnappt», das heifit aus dem Ungeistigen ins Geistige hinein- 
kommt. Diese Seele, die spater etwas Besonderes leistet, wird in 
einem besonderen Moment des Lebens eben geboren. Das entwickelt 
sich nicht in gerader Linie, sondern durch einen Ruck entwickelt es 
sich, wenn es das Karma gibt, oder es entwickelt sich dadurch, dafi 
eben der Betreffende einen Einflufi bekommt, der sich vergleichen 
lafit mit dem, wodurch man lesen lernt im Elementaren: nicht durch 
eine Schilderung der Buchstabenformen, sondern dadurch, dafi man 
einen Impuls bekommt, dafi man die Buchstaben verstehen lernt. 

Also Sie sehen wiederum, wie Geisteswissenschaft die Anleitung 
sein konnte, diese geschichtlichen Zusammenhange zu verstehen, 
dafi sich das Leben uns so gestaltet, dafi dieses Leben ganz anders 
wiirde. Und das habe ich ja so vielfach angedeutet. Und nimmt 
jemand Geisteswissenschaft lebendig auf, so ist es schon so, dafi er 
sich anders stellen lernt zum Leben, dafi ihm anderes einfallt zu 



tun, als ihm sonst einfallen wiirde. Man kann sich schwer vorstel- 
len, wenn einer Geisteswissenschaft lebendig aufnimmt, da£ er zu 
der kuriosen Idee kommt, er ware, sagen wir, die wiederverkorper- 
te Maria Magdalena. Das fallt ihm gar nicht ein, sondern er wird 
auf andere Seeleninhalte seinen Seelenblick richten. 

Wie gesagt, es ist schwer, heute zuzuschauen, wie langsam gera- 
de die Entwickelung geht nach der Richtung hin, von der ich eben 
gesprochen habe, die ich andeutete. Man nimmt Geisteswissen- 
schaft wirklich viel zu theoretisch, will sie zu sehr nur genieften. 
Und sie mufi ganz lebendig betrachtet werden. Und heute, wo wir 
zusammen sind, bevor wir uns fur eine Zeitlang jetzt trennen 
miissen, wo der Sommer beginnt und wir wohl jetzt nach Dornach 
miissen, mochte ich schon gerade noch kurz auf einige wichtige 
Punkte nach dieser Richtung hinweisen. Ich glaube doch, daft wir 
solche Dinge bedenken miissen. 

Sehen Sie, meine lieben Freunde, wenn die Sache so geworden 
ware, wie vor jetzt vierzehn Jahren, als wir hier die geisteswissen- 
schaftliche Stromung begriindeten, mancher es sich gedacht hat, der 
von alteren Traditionen herkam, dann hatten wir eine Sekte bekom- 
men. Denn auf Sektenbildung war das Ganze angelegt. Auf Sekten- 
bildung war auch alles dasjenige angelegt, was da von England her- 
ubergebracht worden ist. Und vielfach haben sich die Leute gerade 
wohl gefiihlt, wenn sie so recht abgeschlossen in kleinen Zirkeln 
waren. Da konnten sie sagen: Die anderen Menschen da draufien sind 
alle Toren. - Es gab ja so wenig Kontrolle dariiber. Aber das konnte 
so nicht gehen. Geisteswissenschaft mulke mit unserer gesamten 
Kultur rechnen. Und das werden Sie ja gesehen haben: Es wurde 
immer mit dieser Kultur gerechnet, es wurde namentlich der Offent- 
lichkeit gegeniiber dasjenige hervorgehoben, was - gewifi mogen die 
Leute noch so viel dagegen haben, aber dennoch - hineingehen kann 
in jetzige europaische Kopfe. Nun will ich ja nicht kritisieren, das 
ware auch eine ganz alberne Sache, aber es wird doch immer mehr 
und mehr notwendig sein, dafi man gerade dies verstehen lernt, daft 
wirklich diese Bewegung keine Sektenbewegung werden darf, und 
gar nicht den Charakter einer Sektenbewegung tragen darf, wenn sie 



ihre Aufgabe erfiillen soli. Dadurch, daft mit der allgemeinen Kultur 
gerechnet wird, kommt mancherlei zustande. Die Leute drauften 
schreiben, wenn sie iiberhaupt iiber unsere Bewegung schreiben, 
zumeist Unsinn, nicht wahr? Sie sagen, das schadet nichts, im tiefe- 
ren Sinne. Es schadet aufterordentlich! Und deshalb muft man sich 
dagegen wehren, und man mufi alles tun dagegen. Es mufi alles ge- 
schehen, daft nach und nach die Welt nicht nur Unsinn schreibt, son- 
dern Besseres schreibt, selbstverstandlich. Aber im geistigen Sinne 
schadet etwas anderes noch mehr. Es schadet, wenn in einer unrich- 
tigen Weise dasjenige, was fur das Verstandnis des zusammengeho- 
rigen Kreises gemeint ist, so weit in die Offentlichkeit hinausgetra- 
gen wird, daft man jetzt Zyklen bereits bei Antiquaren kaufen kann. 
Gewift, es mag das in einer gewissen Weise nicht hintangehalten 
werden konnen, aber es geschieht - nicht gerade, daft man die Zyklen 
bei Antiquaren kaufen kann, aber was gleichwertig ist - immer wie- 
der und wiederum. Da sind von einem Menschen - von dem mir 
jungst jemand, der langere Zeit mit ihm gearbeitet hat, gesagt hat, er 
schreibe selber nichts, er gehore einer etwas fraglichen Clique an, die 
habe Herrschaft xiber ihn und dann setze er sich hin und schreibe 
darauf los - mannigfaltige Broschiiren iiber unsere Geisteswissen- 
schaft geschrieben worden, sogar bis zu dicken Btichern. Darinnen 
sind nicht nur Zitate aus meinen gedruckten, in der Offentlichkeit 
erschienenen Biichern, sondern aus Zyklen sind ganz weite Stellen 
zitiert. Also nicht nur, daft man die Dinge beim Antiquar kaufen 
kann, sondern jeder, der ein blodsinniges Buch heute schreiben will, 
ist immerhin imstande, sich die Zyklen heute zu verschaffen. Natiir- 
lich verschafft er sich dann zwei, drei Zyklen, schreibt Stellen, die, 
aus dem Zusammenhang herausgerissen, ganz absurd klingen, ab, 
und kann ein Buch daraus machen. 

Das sind die Schwierigkeiten, die daraus resultieren, daft wir auf 
der einen Seite der Offentlichkeit gegeniiberstehen und auf der 
anderen Seite die Gesellschaft sind. Aber wir miissen diese Schwie- 
rigkeit verstehen lernen, dann wird sie schon leichter behoben. Ich 
will, wie gesagt, nicht kritisieren, das hat ja gar keinen Zweck, 
sondern ich will charakterisieren; ich will zeigen, worinnen 



Schwierigkeiten Kegen, man braucht nur auf sie zu achten. Selbst- 
verstandlich werden in der nachsten Zeit noch viel schandlichere 
Sachen gegen unsere Geisteswissenschaft geschehen, als schon ge- 
schehen sind. Das mag alles gewift so sein, das kann man nicht so 
im Handumdrehen anders machen; aber die Bedingungen dieser 
geisteswissenschaftlichen Bewegung zu studieren, das ist doch, ich 
mochte sagen, recht notwendig, und nicht vorbeizugehen so, wie 
wenn man es gerade darauf angelegt hatte, im nachsten Leben ganz 
unmusikalisch zu sein, an demjenigen, was einen frohlich machen 
kann und was einen argern kann in der Art und Weise, wie unsere 
geisteswissenschaftliche Bewegung von der Welt beurteilt wird. 

Sehen Sie, derjenige, der nur egoistisch denkt - wie gesagt, da soli 
gar keine Kritik darinnen liegen, ich will nur beschreiben der 
denkt heute, die Geisteswissenschaft weift iiber gewisse naturgemafte 
Zusammenhange mehr zu sagen als die auftere Wissenschaft, und da 
wenden sich Leute immer wiederum an mich mit der Bitte um arzt- 
lichen Rat, trotzdem ich immer wieder betone, daft ich nur Lehrer, 
Pfleger der Geisteswissenschaft sein und nicht etwa als Arzt dienen 
will. Nun kann man ja gewift einen freundschaftlichen Rat haben 
wollen, und den zu verweigern, ware auch absurd. Wenn jemand 
kommt, um einen freundschaftlichen Rat zu haben, warum soli er 
verweigert werden, wenn er sich auf naturwissenschaftliche Dinge 
bezieht, obwohl ich nach alledem, was geschehen ist, bitte, daft mich 
niemand fragt um irgend etwas Gesundheitliches, der nicht einen 
Arzt hat. Wer nur egoistisch denkt, der denkt nicht daran, daft das 
schon einmal nicht gestattet ist heute, und daft man in Kolhsion 
kommt mit der aufteren Welt und daft das unserer geisteswissen- 
schaftlichen Bewegung schadet. Man muft sich bemiihen, daft die 
Dinge besser werden, man muft sich \iberall dafiir einsetzen, daft es 
nicht bloft eine abgestempelte Medizin gibt, die auf rein materialisti- 
schen Grundlagen beruht. Das kann man tun, aber man kann nicht 
nur in egoistischer Weise denken: Was tut mir gut? -, wenn daraus 
eine Beeintrachtigung desjenigen hervorgeht, was unsere Bewegung 
sein muft. Gewift konnen sich nun geisteswissenschaftliche Ratschla- 
ge herausbilden, es ware absurd, wenn sich die nicht herausbilden 



sollten. Es ware trostlos, wenn man nicht jemandem iiber das eine 
oder das andere, woran er leidet, etwas sagen konnte, aber kann man 
es denn, wenn folgendes vorkommt - ich erzahle Ihnen wiedemm 
eine Tatsache — : Jemand ist krank, noch dazu in einer Stadt, in der 
unmittelbar vorher von mir gesagt worden ist, urn solche Dinge zu 
vermeiden, dafi ich es ausdriicklich ablehne, dafi sich Leute in 
Krankheitsfallen an mich wenden. Offiziell ist das gesagt worden. 
Nun ist jemand krank, kommt in ein Sanatorium und bleibt da eine 
Zeitlang. Ein langjahriges Mitglied von uns, das ganz, ich mochte 
sagen, in den intimsten Sachen immer darinnengestanden hat, 
schreibt an jenes Sanatorium: Der betreffende Kranke kann jetzt aus 
dem Sanatorium schon herauskommen, denn Dr. Steiner hat diesen 
und jenen Rat gegeben. - Er schreibt das an die Arztin, so dafi die 
Arztin dann zu dem betreffenden Mitglied kommt und sagt: «Da 
sagt ihr immer, Theosophie will nur Theosophie sein, will nicht her- 
einpfuschen in alle moglichen Dinge; da habt ihr's wieder!» Ja, meine 
lieben Freunde, dafi diese Dinge vorkommen, das mufi man studie- 
ren. Wenn man nicht achtet darauf, so ist das nicht zum Heile unse- 
rer Bewegung. Das ist ein Fall, aber in den verschiedensten Nuancen, 
in den verschiedensten Schattierungen kommen diese Dinge immer 
wieder und wiederum vor. Und es kommt das Eigentumliche in un- 
serer Bewegung zustande - und das ist schon notwendig, da£ ich es 
auch nun bespreche -, dafi sich das, was das Gute unserer Bewegung 
ist, weniger rasch zeigt, das neue Gute, dagegen zeigen sich wirklich 
Neuheiten in unserer Bewegung, die im Grunde noch nie da waren 
und die beweisen: Unsere Bewegung ist schon etwas Neues; aber es 
sind sonderbare Neuheiten, 

Zum Beispiel: Nehmen wir also an, ich wiirde dies oder jenes in 
meinen gedruckten Biichern haben; wenn keine Zyklen in unrechte 
Hande gegeben wiirden, so wiirden die Leute draufien diese Bii- 
cher widerlegen. Das mogen sie tun; sie wiirden aber ihr Urteil 
vorbringen. Es wiirde keinem Menschen draufien in der Welt ein- 
fallen, der nicht zu unserer Gesellschaft gehort, das abzuschreiben, 
was in meinen Biichern steht, um mit diesen Satzen zu beweisen, 
dafi ich ein schlechter Kerl bin. Das wiirde draufien niemand tun, 



sondern er wiirde seine eigenen Urteile abgeben. Aber in unserer 
Gesellschaft kommt etwas ganz Neues vor. In unserer Gesellschaft 
tritt das zum Beispiel auf, daft jemand die ganze Lehre annimmt 
von A bis Z, wie man sagt, alles gutheifk, aber mit dieser Lehre 
mich widerlegt! So konnen Sie jetzt in einem noch nicht veroffent- 
lichten Elaborat das Folgende lesen. 

Sie erinnern sich, daft ich einmal in einer alteren Auflage des Bu- 
ches, das jetzt «Die Ratsel der Philosophie» heifit - friiher hiefi es 
«Welt- und Lebensanschauungen im 19. Jahrhundert» - , erklart 
habe, wie Le Verrier auf den Neptun gekommen ist blofi auf Grund 
der Uranus-Berechnungen, bevor Neptun noch gesehen worden ist. 
Neptun ist auf der hiesigen Sternwarte entdeckt worden, aber man 
wuftte, dafi er da ist, schon friiher auf Grund der blofien Berechnung. 
Ich habe das gesagt, um zu zeigen, wie aus der Berechnung heraus 
etwas f olgen kann. Also ich habe zeigen wollen, daft man aus Gedan- 
ken Tatsachen vorher wissen kann. Da hat denn neulich jemand ge- 
schrieben, er hatte diese sehr einleuchtende Sache nun auch ange- 
wendet, nur auf einem anderen Gebiet: Er hatte gefunden, daft in 
unserer Bewegung etwas nicht in Ordnung sei, daft Storungen sind, 
so wie Le Verrier sie bei dem Uranus gefunden hat. Wenn man die 
allgemeinen Gravitationsgesetze nimmt, und der Uranus sich nicht 
so bewegt, wie es der Rechnung entspricht, mufi er von etwas gestort 
werden! So waren Storungen in unserer Bewegung. - Er stellt also 
die Hypothese auf, es ist etwas Storendes da, etwas, was alles stort. 
Da kam er darauf - wie Le Verrier auf den Neptun daft das Bose in 
mir ist, was die Sache stort! Und dann, ebenso wie hier der Astronom 
auf der Sternwarte das Fernrohr an den Ort gerichtet hat, so richtete 
er sein geistiges Fernrohr auf mich und fand das Bose! 

Es ist ein besonderer Fall, wo bis auf meine Charakteristik hin die 
Methode, die ich gegeben habe, angewendet wird, wo man mit sich 
selbst widerlegt wird. Innerhalb des Kreises, innerhalb dessen der 
Betreffende steht, wurde neulich ein Brief geschrieben - nicht von 
ihm, sondern aus dem Kreise -, darin steht, ich hatte gar keinen 
Anspruch darauf, daft das nicht so geschahe, denn ich hatte ja selber 
immer gesagt, Geisteswissenschaft ware ein Allgemeingut, und es 



ware ganz falsch, zu denken, dafi die Geisteswissenschaft von dem 
Geistesforscher ausgehe. Nun ja, wenn die Sachen so konfus werden, 
kann man sie auch nicht anders als konfus erklaren, selbstverstand- 
lich. Das ist aber wirklich eine Neuheit, die innerhalb unserer Gesell- 
schaft auftritt. Draufien, wo das Alte noch herrscht, da widerlegt 
man irgend jemanden mit den eigenen Gedanken. Innerhalb unseres 
Kreises aber erstehen uns Leute, die nun nicht ihre eigenen Gedan- 
ken nehmen, sondern dasjenige, was sie in den Zyklen lesen, und 
gebrauchen dieses gegen mich. Sie konnen zum Beispiel gerade in 
dem Brief, von dem ich jetzt gesprochen habe, iiberall Zitate aus der 
«Geheimwissenschaft» und so weiter finden. Da wird iiberall gesagt: 
Das soli man nachlesen, das soil man nachlesen, dann werde man 
schon finden, was ich eigentlich fur ein boser, schlechter Mensch bin. 
Aber nicht etwa so, dafi man behaupten wurde, dafi die Sachen 
schlecht sind! Nein, weil die Sachen gut sind. Mit diesen Sachen 
selbst wird das eben bewiesen! Das ist eine Neuheit, die bei uns auf- 
tritt, die auf der Theorie beruht, dafi die Lehre angenommen werden 
kann, und dafi man diese Lehre gerade benutzen kann, um den zu 
verleumden, der versucht, diese Lehre zu popularisieren. Das ist 
wirklich eine Neuheit! Es kommen die merkwiirdigsten Neuheiten 
vor unter uns. Das ist nur, nicht wahr, ein krasser Fall, den ich Ihnen 
da erzahle; im kleinen kommt es mehr oder weniger sehr, sehr haufig 
vor, immer wieder und wiederum. Mucks en wir uns nur solch einer 
Sache gegeniiber, dann kommen die Drohungen! Neulich konnte 
man in einem Brief lesen, dafi nachstens in alien Schaufenstern und in 
alien Zeitschriften Artikel und Broschuren erscheinen werden, und 
dann wurden Titel angefiihrt, die direkte Drohungen waren. Muck- 
sen wir uns, wie gesagt, nur, dann kommt's so! Das ist eine Neuheit, 
das tritt in unserer Bewegung ganz neu auf, das war noch nicht da. 
Es ist schon notwendig, dafi man darauf achtet. 

Nun entstehen aber, ich mochte sagen, Schwierigkeiten unter der 
Hand. Denn man weifi voraus, was zuweilen kommen mufi. Sagen Sie 
einmal, soil man solch eine Sache, wie ich sie jetzt besprochen habe, 
wirklich gar nicht besprechen, soli man immer dariiber schweigen? 
Das konnte man gewifi. Aber da die Mitglieder selber nicht versu- 



chen, auf diese Dinge zu kommen, so wiirde man ja in unserem Kreise 
niemals darauf kommen. Also mull man es sagen. Und sagt man es - 
ja, was kommt heraus? Nachstens konnen Sie wahrscheinlich wieder- 
um irgendwo einen Brief lesen - ich stelle es zunachst als Hypothese 
auf-, worin gesagt wird: Der redet vor einer grofien Anzahl von Mit- 
gliedern iiber einen Privatbrief, den er erhalten hat! - Und das aus 
dem einfachen Grunde, weil es ganz gewifi Menschen gibt, die 
irgendwo sofort da oder dort erzahlen, was ich heute abend gespro- 
chen habe. Das kommt doch immer wieder vor. Bespricht man es 
nicht, so ist es vom Ubel; bespricht man es, so feuert man dasjenige, 
was fortwahrend getan wird, an. Man weifi es voraus, was getan wird. 

Die Dinge mussen studiert werden. Ich will gar nicht Kritik iiben, 
ich will nur darauf hinweisen, dafi schon einmal in einer Bewegung, 
wo die Geisteswissenschaft lebt, das heifit okkulte Dinge pulsieren, 
dafi da schon einmal Schwierigkeiten entstehen. Aber sie mussen 
beachtet werden. Wenn sie nicht beachtet werden, gehen sie immer 
weiter und weiter. Gewifi, man mufi darauf gefafk sein, dafi die An- 
griffe immer scharfer und scharfer werden. Waren wir eine Sekte 
geblieben, dann ware das nicht so. Aber die Sache hat werden sollen, 
wie sie eben geworden ist, und daher ist das so. Aber manches ist 
begreiflich, was von draufien herein geschieht, obwohl manches, was 
von draufien herein geschieht, sehr deutlich nachweisbar ist in sei- 
nem Ursprung von innen heraus. Heute erst wurde uns mitgeteilt, 
dafi wir in Dornach Eurythmie treiben, die darinnen besteht, daft 
getanzt wird bis zur Bewufitlosigkeit wie bei den Derwischen, und 
noch manche andere Dinge. Und es heifit, daft das Mitglieder berich- 
tet haben! Mitglieder haben berichtet, daft wir tanzen bis zur 
Bewufitlosigkeit! Erzahlt haben es ganz fernstehende Leute einem 
Mitgliede, aber diese fernstehenden Leute haben erzahlt, dafi sie es 
von Mitgliedern, deren Name auch angegeben war, gehort haben. 

Das sind die Schwierigkeiten, die durch die Zusammenkoppelung 
der Geisteswissenschaft mit der Gesellschaft entstehen, und die wir 
studieren mussen. Es ist unmoglich, dafi wir achtlos an diesen Din- 
gen vorbeigehen, wenn wir in entsprechender Weise weiterkommen 
mussen, wenn wir es nicht bis zur Auflosung und bis zur vollstandi- 



gen Annihilierung der Gesellschaft bringen wollen. Wirklich, der 
Geisteswissenschaft als solcher schadet es nichts, aber dem, was Gei- 
steswissenschaft auch sein mufi, schadet es doch, wenn da oder dort 
jemand kommt - verzeihen Sie, dafi ich Aufierlichkeiten erzahle - 
und sagt: Mich interessiert vieles, was ich gelesen habe, aber da war 
ich oftmals an einem Pensionstisch, und da hat eine Dame ge- 
schwatzt iiber Theosophie und alles mogliche erzahlt. Ja, da kann ich 
nicht Mitglied werden, wenn solches Zeug geschwatzt wird, wenn 
das Theosophie sein soil! - Das ist nicht ein Fall, das kommt immer 
wieder und wiederum vor in dieser oder anderer Weise. 

Es kann mifiverstanden werden, wenn ich diese Dinge am 
Schlusse einer ernsten Betrachtung heute besprochen habe. Aber es 
ist schon durchaus notwendig, dafi Sie diese Dinge wissen, dafi Sie 
auf diese Dinge achten, meine lieben Freunde! Denn die Gesell- 
schaft mul? fur die Geisteswissenschaft eine Tragerin sein, eine 
Hilfe sein. Sie kann sich aber sehr leicht so entwickeln, dafi sie 
gegen dasjenige wirkt, was die Geisteswissenschaft der Weltenent- 
wickelung bringen soli. Man kann naturlich in jedem einzelnen 
Falle gut begreifen, dafi manche Schaden gar nicht hintanzuhalten 
sind, aber sie treten, dessen konnen wir sicher sein, in einer anderen 
Weise auf, wenn man sie beachtet, und wenn man versucht, wirk- 
lich, ich mdchte sagen, eine gewisse Linie, eine gewisse Richtung 
bei sich selber einzuhalten. Es ist ja manchmal so aufierordentlich 
schwierig, aber es ist schon notwendig, dafi man manchmal auch in 
einer gewissen Richtung hart wird. Dann wird man solche Neuhei- 
ten, wie ich sie geschildert habe, richtig bewerten. Sie sind wirklich 
Neuheiten! Es kommt sonst nicht vor, dafi man jemanden mit sich 
selbst widerlegt; denn die Tatsache ist so absurd, so toricht an sich, 
dafi man eines Menschen Lehre annimmt, um ihn selbst zu wider- 
legen. Naturlich kann man, wenn einer Unsinn behauptet, den 
Unsinn gegen ihn selber wenden; aber das ist es ja nicht, sondern 
das ist eben das Neue, dafi es so gemacht wird, dafi man die Lehre 
annimmt und einen damit widerlegt. 

Diese Dinge sind wirklich im kleinen sehr, sehr verbreitet. Und 
nicht feme von ihnen steht ein anderes Ubel, das ich zum Schlusse 



auch noch besprechen will: Wirklich, es kommt kaum irgendwo so 
oft wie gerade in unserer Bewegung vor, dafi irgend jemand etwas 
macht, das man ja verurteilen kann, verurteilen mui Nun nimmt 
der eine oder der andere Partei. Wenn es sich darum handelt, dafi 
irgend jemand gegen die leitenden Personlichkeiten unserer Gesell- 
schaft oder gegen langjahrige Mitglieder, oder gegen das, was man 
jetzt schon fast ungliickseligerweise noch den Vorstand nennen 
mufi, etwas vorbringt, was unbegriindet ist, was vielleicht sogar 
ausgedacht ist, woran man sehr leicht sehen kann, dafi manchmal ja 
diese oder jene Motive dahinter sind: Man wird sehr selten finden, 
dafi jemand versucht zu erkennen, inwiefern doch dieser ungliick- 
selige Vorstand recht haben konnte, sondern es wird Partei ergrif- 
fen fur denjenigen, der unrecht hat. Das ist sogar die Regel bei uns: 
Partei wird genommen fur denjenigen, der unrecht hat, und Briefe 
werden geschrieben, dafi diejenigen, die angegriffen sind, doch et- 
was tun sollten, damit Freundschaft gehalten werden kann, damit 
die Sache wiederum ins Gleis kommt, man miisse doch Liebe ent- 
wickeln! Wenn einer so recht eine lieblose Handlung begeht gegen 
einen anderen, so schreibt man nicht dem, der sie begangen hat, 
sondern demjenigen, den sie betroffen hat: Entfalte doch Liebe; es 
ist doch so lieblos, wenn du nicht irgend etwas tust, dafi die Sache 
wieder in Ordnung kommt! — Es fallt einem gar nicht ein, vom 
anderen, der unrecht hat, die Sache zu verlangen! Das sind solche 
Eigentumlichkeiten, die wirklich gerade bei uns auftreten. 

Von anderen Dingen gar nicht zu sprechen; aber es kann ja natiir- 
lich sein, dafi auch von diesen einmal gesprochen werden mufi. Heu- 
te, wo wir zunachst das ernste Thema besprechen wollten, da wir ja in 
einer ernsten Zeit leben, und unsere Bewegung in den Ernst der Zeit 
auch ernst eingreifen mufi, mufite schon auch einmal auf mancherlei 
Dinge in dieser Art hingewiesen werden. Es ist notwendig, dafi dar- 
auf geachtet wird, denn es geschehen schon Dinge, die so sind, dafi 
man sie eigentlich nicht glauben kann, wenn man sie erzahlt. Den- 
noch hat man fortwahrend mit derartigem zu tun. Es sollte niemand 
mifiverstehen, dafi diese Dinge einmal vorgebracht worden sind; aber 
vielleicht konnte doch dariiber ein bifichen nachgedacht werden. 



Der Absicht nach soil ja die Pause dieses Jahr nicht so lang sein, 
wie sie sonst gewesen ist. Es wird ja wiederum im Herbste sein kon- 
nen, dafi wir uns sehen, nur ist es ja jetzt am besten, nichts Bestimm- 
tes zu sagen in dieser Zeit der Unbestimmtheiten und der Hindernis- 
se. Und so bitte ich Sie, dasjenige, wovon ich gerade versuchte, es in 
dieser Winterszeit vor unsere Seele zu malen, dazu zu benutzen, um 
in dieser Sommerszeit die Seele damit leben zu lassen, das Durchge- 
nommene in einer Art von Meditation in der Seele immer wieder und 
wiederum aufleben zu lassen und etwas nachzudenken iiber die 
Grundbedingungen des Einlebens unserer geisteswissenschaftlichen 
Bewegung in die allgemeine Menschenkultur. 

Noch hatte ich zu sagen, dafi die lieben Freunde, die in so hinge- 
bungsvoller Art unseren Kinderhort pflegen, leiten und fur ihn sor- 
gen, ein wenig in Sorge sind, dafi er gewissermaften ein bifichen, ich 
will nicht sagen in Vergessenheit, aber in so etwas ahnliches wie 
Vergessenheit kommen konnte. Es werden ja eine Art Ferien sein, 
aber er wird sich ja wiederum einrichten mussen, und es wird dann 
notwendig sein, dafi man wiederum etwas Geld hat, und es wird 
notwendig sein namentlich, da$ Hebe Freunde sich finden, die helfen 
- naturlich nur solche, die helfen konnen. Aber es wird doch viel- 
leicht Damen geben, die mitkochen und sonstiges leisten konnen. 
Das ist notwendig. Es ist ja wirklich das Ergebnis nach dem Urteil 
derjenigen, die etwas davon wissen konnen, weil sie gepflegt haben, 
ein sehr gutes. Die Kinder haben etwas gewonnen. Es ist aus den 
Kindern etwas gemacht worden. Daher wiirde ich schon bitten, dafi 
die Damen, die sich dieser Aufgabe spaterhin wieder unterziehen 
konnten, dies als eine Art von Liebespflicht ubernehmen, nur mufi 
man dann wirklich, wenn man es ubernimmt, dabei bleiben. Wenn 
man es nicht so ubernehmen kann, dafi man in gewissem Sinne dabei- 
bleiben kann, so mufi man es halt nicht ubernehmen. Es geht zum 
Beispiel nicht, dafi jemand, der versprochen hat, um funf Uhr im 
Kinderhort zu sein, nachmittags eine Absagekarte schreibt; dann hat 
man niemanden. So laftt sich das nicht machen, das muf$ man minde- 
stens einen Tag vorher wissen. So bitte ich denn diejenigen Freunde, 
welche mitarbeiten konnen, sich bei unserer lieben Frau Dannen- 



berg, die mit anderen zusammen so viel fur den Kinderhort gesorgt 
hat, ins Einvernehmen zu setzen, damit, wenn der Winter kommt, er 
wirklich betrieben werden kann. 

Und so wollen wir denn nun auseinandergehen, meine lieben 
Freunde, mit dem Bewufttsein, daft, wenn wir alle uns es angelegen 
sein lassen, wir doch manches tun konnen, daft dasjenige, was wir 
ernst meinen, auch in ernsten Zugen sich der Zeit einverleibt. In einer 
Zeit leben wir, in der Menschen weit groftere Opfer bringen, als je- 
mals in so kurzer Zeit in so grofter Zahl gebracht worden sind. In 
einer schweren, leidvollen Zeit leben wir. Sei dieses Schwere, Leid- 
volle der Zeit, sei das doch auch ein wenig eine Aufforderung: Wenn 
es auch schwer ist, das Geistige der Menschheitsentwickelung einzu- 
verleiben, es mufi doch geschehen, und wieviel oder wie wenig wir 
als einzelner nur tun konnen, tun wir es! Versuchen wir zu verstehen 
die rechte Art, wie wir es tun konnen, dann wird es wirklich dasjeni- 
ge bringen, was nicht von selber kommen kann, was durch Menschen 
geschehen muft, wenn auch aus geistigen Welten die Hilfen kommen 
werden. Und so seien wir denn auch in solchen Gedanken, wenn wir 
vielleicht raumlich eine Zeitlang weniger zusammen sind, beieinan- 
der. Diejenigen, die im Geiste zusammen sind, sind immer beieinan- 
der. Sie trennt nicht Raum, sie trennt nicht Zeit, und am wenigsten 
vielleicht eine mehr oder weniger kurze Zeit. Bleiben wir vereint in 
den Gedanken, die auch wiederum ein wenig zu durchdringen ver- 
suchten dasjenige, was in der letzten Zeit von hier aus versucht wur- 
de, zu Ihren Seelen zu sprechen. 

Wir mussen so schwer wie moglich gerade die mit dem Myste- 
rium von Golgatha zusammenhangenden Wahrheiten nehmen. 
Verstehen wir, daft wir in der Einsamkeit der Seele sein mussen 
und oftmals sein mussen und immer wieder sein mussen, wenn wir 
das eine oder das andere verstehen wollen. Aber verstehen wir 
auch, daft wir zur Menschheit gehoren und daft derjenige, der 
durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, das, was er aus 
geistigen Hohen auf die Erde getragen hat, fur die Menschheit auf 
die Erde getragen hat, fur menschliches Zusammenwirken, fur 
menschliches Miteinanderarbeiten, und daft er gesagt hat: «Wenn 



zwei in meinem Namen vereint sind, so bin ich mitten unter ih- 
nen.» Wir konnen uns vorbereiten fur dasjenige, was der Christus 
der Welt durch uns sein soil, durch dasjenige, was wir in der Ein- 
samkeit durchleben. Aber den Christus haben wir unter uns doch 
nur, wenn wir versuchen, dasjenige, was wir in der Einsamkeit 
erstreben, auch in die Welt hinauszutragen. Wir werden es aber nur 
hinaustragen, wenn wir erst verstanden haben, welches die Bedin- 
gungen des Hinaustragens sind. Blicken wir auf diese Bedingungen 
hin! Machen wir die Augen auf und haben wir vor alien Dingen 
den Mut, uns zu gestehen: Dies eine oder das andere ist so, und es 
mufi so oder so angegriffen werden. 

Wenn ich liber den Christus hier spreche, so spreche ich so, dafi 
ich weifi: Er hilft, weil er eine lebendig wirkende Wesenheit ist. 
Fuhlen wir ihn zwischen uns, er wird helfen! Aber wir rmissen 
seine Sprache lernen, und seine Sprache ist heute die Sprache der 
Geisteswissenschaft. So ist es fur heute, Und wir miissen den Mut 
haben, diese Geisteswissenschaft, soweit wir konnen, vor uns selbst 
und vor anderen zu vertreten. 

Denken wir dariiber in dieser Sommerszeit, und lassen wir das 
unsere Meditation sein, bis wir uns hier wieder zusammenfinden. 



HINWEISE 



Zu dieser Ausgabe 

«Weltwesen imd Ichheit» ist die dritte Vortragsreihe, die Rudolf Steiner im 
Kriegsjahr 1916 fur die Mitglieder des Berliner Zweiges der Anthroposophi- 
schen Gesellschaft hielt. Vor Beginn jedes Vortrags sprach er Gedenkworte 
fur die im Felde Stehenden - wie hier auf Seite 9 wiedergegeben. Im 
Zusammenhang mit diesem Aufenthalt Rudolf Steiners in Berlin steht das 
Erscheinen seines Buches «Vom Menschenratsel. Ausgesprochenes und Un- 
ausgesprochenes im Denken, Schauen, Sinnen einer Reihe deutscher und 
osterreichischer Pers6nlichkeiten» (GA 20), worauf er in den Vortragen 
wiederholt eingeht. 

Textgrundlagen: Dem Druck liegen die stenographischen Mitschriften der 
Berufsstenographin Helene Finckh (1883-1960) bezw. die von ihr vorge- 
nommenen Ubertragungen, zugrunde. 

Fur die Neuauflage 1998 wurde der Text durchgesehen von Anna Maria 
Balaster und Ulla Trapp. Die Hinweise wurden erganzt und erweitert, ein 
Namenregister und ausfuhrliche Inhaltsangaben beigefiigt. 

Der Titel des Bandes: Die Vortrage wurden erstmals als «Manuskriptdruck 
fiir Mitglieder* im Jahr 1921 gedruckt, also noch zu Lebzeiten Rudolf 
Steiners. Es kann deshalb mit Sicherheit angenommen werden, dafi der Titel 
des Bandes von ihm gegeben wurde. 

Titel der einzelnen Vortrage: Auch die Titel der einzelnen Vortrage gehen 
auf die Erstausgabe zuriick. Es lafit sich nicht mehr festsstellen, ob sie von 
Rudolf Steiner selbst gegeben wurden oder, mit seinem Einverstandnis, von 
Marie Steiner. 

Hinweise zum Text 

Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den Hinweisen mit 
der Bibliographie-Nummer erwahnt. Siehe auch die Ubersicht am Schlufi des Bandes. 

Zu Seite 

1 1 Weibnachtsspiele, die wir ja gerade in unserem Kreise mehrfach gepflegt haben: 
Die «Oberuferer Weihnachtsspiele*. Siehe hierzu Rudolf Steiners Aufsatz «Von 
den volksuimlichen Weihnachtsspielen. Eine Christfest-Erinnerung. Weihnach- 
ten 1922», sowie Leopold van der Pals, «Erinnerungen eines Musikers aus den 
Anfangen der Weihnachtsspiele», beide in GA 274. 

16 in den Betrachtungen, die wir hier in den letzten Stunden angestellt haben: Die 
vorangehenden Berliner Vortrage von Februar bis Mai 1916 sind veroffentlicht 
im Band «Gegenwartiges und Vergangenes im Menschengeiste», GA 167. 



17 Alexander von Gleichen-Rujlwurm, 1865-1947, war der Enkel von Schillers 
jiingster Tochter Emilie. Seine Schrift «Kultur-Aberglaube» erschien in Miin- 
chen 1916. 

19 Hermann Bahr, 1863-1934, «Expressionismus», 1916. 

21 Hermann Bahr ... wie ich einmal auch schon in Berlin in einem bffentlichen 
Vortrag gesagt habe: In «Osterreichische Personlichkeiten in den Gebieten der 
Dichtung und Wissenschaft» am 10. Februar 1916 (in GA 65). 

Maurice Barres, 1862-1923, franzosischer Schriftsteller und Politiker, nationali- 
stisch, antidemokratisch und deutschfeindlich eingestellt, gehorte von 1889 bis 
1893 der franzosischen Abgeordnetenkammer an. 

Georges Boulanger, 1837-1891, franzosischer General und seit 1886 Kriegsmini- 
ster, jedoch wegen revanchistischer Haltung 1887 entlassen. Seine Anhanger, die 
Boulangisten, setzten sich aus Leuten aus dem linken wie rechten Lager zusam- 
men und forderten die Errichtung einer plebiszitaren und autoritaren Republik. 
1889 wurde die boulangistische Bewegung verboten und ihre Fxihrer des Hoch- 
verrats angeklagt. 

23 Karl Kraus, 1874-1936, «Die demolierte Literatur», Wien 1896. 

Nikolaus Lenau (Nikolaus Niembsch von Strehlau), 1802-1850, osterreichischer 
Dichter. 

Anastasius Griin (Anton Alexander Graf von Auersperg), 1806-1876, osterrei- 
chische Dichter. 

25 liest allerlei bei Goethe: Hermann Bahr, «Expressionismus», Seite 85. 

Francis Galton, 1822-1911, Geograph, Anthropologe, nach Hermann Bahr, 
a.a.O., Seite 75 f., der «Vater der Eugenik». 

26 Johannes Mutter, 1801-1858, Naturforscher, Anatom, Physiologe, nach Her- 
mann Bahr, a.a.O., Seite 98 ff., «Vater der Histologie», Schiiler Goethes, Lehrer 
von Virchow, Du Bois-Reymond und Haeckel. 

das Buch von Eugene Levy: Es handelt sich ura den Theosophen Eugene Levy, 
«Rudolf Steiners Weltanschauung und ihre Gegner», Berlin o. J. (1913). 

28 Hermann Bahr, «Himmelfahrt», Berlin 1916. 

30 Kant-Laplace -sche Theorie: Theorie iiber die mechanische Entstehung der Welt, 
so benannt nach Kants «Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels, 
oder Versuch von der Verfassung von dem mechanischen Ursprunge des ganzen 
Weltgebaudes nach Newtonschen Grundsatzen» (1755) und Laplaces' «Exposi- 
tion du systeme du monde» (1796). 

31 Herman Grimm, «Goethe-Vorlesungen», 2. Bd. 23. Vorlesung, Seite 171f, Berlin 
1877. 

in dem Buch, das demnachst von mir erscheinen wird: «Vom Menschenratsel», 
GA 20. 

32 Thomas Huxley, 1825-1895, bedeutender Zoologe. Er vertrat als einer der ersten 
Naturforscher Darwins Abstamrmmgslehre. 



34 Richard Wahle, 1857-1935, «Die Tragikomodie der Weisheit. Die Ergebnisse 
und die Geschichte des Philosophierens», Wien und Leipzig 1915, Seite 132. 

mein Buck: «Vom Menschenratsel», GA 20. 

39 daft ich hier iiber die Anthroposophie im engeren Sinne vorgetragen babe: An- 
Iafilich der 8. Generalversammlung der Deutschen Sektion der Theosophischen 
Gesellschaft in Berlin hielt Rudolf Steiner vier Vortrage iiber «Anthroposophie» 
am 23., 25., 26. und 27. Oktober 1909. Die Vortrage sind veroffentlich in «An- 
throposophie, Psychosophie, Pneumatosophie», GA 115. 

41 Vortragszyklus, den ich einmal in Miinchen: gehalten habe: «Die Geheimnisse 
der Schwelle» im August 1913, GA 147. 

42 in fruheren Vortragen: Z. B. «Das Lukas-Evangelium», GA 114; «Eine okkulte 
Physiologie», GA 128. 

44 «Ich bin bei euch ...»: Matth. 28, 20. 

46 jener Philosophie-Professor in Czernowitz: Richard Wahle, siehe Hinweis zu 
Seite 34. 

47 dieses Buch «Vom Menschenratseh, das die Vortrage der letzten Winter zusam- 
menfafit: Siehe hierzu die Ubersicht in GA 20 auf Seite 191 ff. 

48 Friedrich von Schiller, 1759-1805, «Uber die asthetische Erziehung des Men- 
schen, in einer Reihe von Briefen», 1795. 

Heinrich Marianus Deinhardt, 1821-1879, Padagoge und Schriftsteller. Uber 
seinen Lebenslauf und sein Wirken berichtete Carl Julius Schroer in einer «Rede 
zur Deinhardt-Feier», die gedruckt erschienen ist in «Padagogisches Jahrbuch 
1880», herausgegeben von der Wiener Piidagogischen Gesellschaft. 

Er hat ein ... Biichelchen geschrieben: «Beitrage zur Wiirdigung Schillers». Seine 
Schrift iiber Schillers «Briefe iiber die asthetische Erziehung des Menschen» 
wurde im Jahr 1922 neu herausgegeben im Verlag «Der Kommende Tag», Stutt- 
gart. 

Geister wie: Johann Gottlieb Fichte (1762-1814), Friedrich Wilhelm Joseph 
Schelling (1775-1854), Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831), Ignaz Paul 
Vitalis Troxler (1780-1866), Karl Christian Planck (1819-1880), Wilhelm Hein- 
rich Preuft (1843-1903), Immanuel Hermann Fichte (1796-1879). 

Schellings «Clara» oder «Bruno»: «Bruno oder iiber das gdttliche und naturliche 
Prinzip der Dinge», 1802. «Clara. Uber den Zusammenhang der Natur mit der 
Geisterwelt», Fragment aus dem Nachlafi Schellings. 

49 Ralph Waldo Trine, 1856-1958, spiritualistischer amerikanischer Schriftsteller, 
schrieb u. a. «In Harmonie mit dem Unendlichen». 

Ich kannte einen ganz lieben Menschen: Es handelt sich um den evangelischen 
Pfarrer Max Christlieb (1862-1916), der Rudolf Steiner mehrmals in Weimar 
besuchte und auch mit ihm Briefe wechselte. Siehe hierzu das 30. Kapitels von 
«Mein Lebensgang», GA 28, sowie in «Briefe» Band II, GA 39, die Briefe Nr. 
287, 289, 291 und 328. Christlieb ging 1892 fur einige Jahre nach Japan an eine 
theologische Fakultat als Dozent fur Philosophic, in spateren Jahren war er in 
Marburg und Berlin als Bibliothekar tatig. 



49 «Die Aufgabe der Geisteswissenschaft und deren Bau in Dornach»: Das Autore- 
ferat dieses Vortrages erschien bereits 1916 als Broschiire und wurde mehrfach 
neuaufgelegt. In der Gesamtausgabe ist der Vortrag enthalten im Band «Philo- 
sophie und Anthroposophie», GA 35. 

51 Adolphe Pegoud, 1889-1915, franzosischer Flieger und Falls chirmspringer. 
Fiihrte 1913 die ersten Sturzfliige aus. 

52 Es ist jetzt schon mehr als zwanzig Jahre her: Diese Angabe ist wahrscheinlich 
ein Horfehler des Stenographen. Es muftte heifien: «Es ist jetzt schon ungefahr 
zwanzig Jahre her.» 

ich hatte eine Reihe von offentlichen Vortragen gebalten: Da Rudolf Sterner 
diese Begebenheit auch in anderen Vortragen erwahnt - z. B. am 2. Januar 1915 
(GA 275) und am 14. Oktober 1921 (GA 339) - stent fest, dafi es sich urn 
Vortrage iiber Literatur handelt, die er in Berlin gehalten hat. Vermutlich ist die 
Vortragsreihe «Die Hauptstromungen der deutschen Literatur der letzten fiinf- 
zig Jahre (1848-1898)» gemeint. Rudolf Steiner veroffentlichte ein Referat dieser 
Vortrage in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift «Magazin fur Litteratur» 
Ende 1897/Anfang 1898, mit dem Titel «Freie litterarische Gesellschaft in Ber- 
lin»; Nachdruck mit dem urspriinglichen Titel in GA 33. 

da lud mich auch eine Dame ein: Hieriiber ist nichts bekannt. 

Oskar Blumenthal, 1852-1917, Berliner Kritiker, Theaterleiter und Possen- 
schreiber. Sein grolker Erfolg war der mit Gustav Kadelburg zusammen verfafite 
Schwank «Im weiiSen R6ssl». 

man kann es nicht gut Memoiren nennen — von einem jiingst verstorbenen, 
weitberuhmten naturforscherischen Gelehrten: Paul Ehrlich (1854-1915), Sero- 
loge, Arzneimittelforscher, Entdecker des Salvarsans, Begriinder der modernen 
Chemotherapie. Rudolf Steiner bezieht sich hier auf den Aufsatz «Erinnerungen 
an Paul Ehrlich» von Martha Schiff, erschienen in der Monatsschrift «Deutsche 
Revue» vom Juni 1916. 

55 Helmuth von Moltke, 1848-1916, Generaloberst, bei Ausbruch des Ersten Welt- 
krieges Generalstabschef, war am 18. Juni 1916 in Berlin gestorben. 

58 Vortrage iiber Anthroposophie: Siehe Hinweis zu S. 39. 

63 Eduard von Hartmann, 1842-1906, «Grundrif$ der Psychologies S. 1, Bad Sach- 
sa 1908. 

64 die Sie ja nachlesen konnen in den Zyklen: «Das Leben zwischen dem Tode und 
der neuen Geburt im Verhaltnis zu den kosmischen Tatsachen» zehn Vortrage, 
Berlin 5. November 1912 bis 1. April 1913, GA 141; «Inneres Wesen des Men- 
schen und Leben zwischen Tod und neuer Geburt», sechs Vortrage, Wien 9. bis 
14. April 1914, GA 153. 

65 «Die Geheimwissenschaft im Umrifi», GA 13. 

67 Leo Tolstoi, 1828-1910. 

ich habe in den ersten Zeiten unserer anthroposophischen Bewegung iiber Tolstoi 
gesprochen: In den Berliner Vortragen vom 3. November 1904 (in GA 53) und 
vom 28. Januar 1909 (in GA 57) 



67 John Worrell Keely, 1827-1898, Erfinder des sog. Keely-Motors. Vgl. iiber ihn 
H. P. Blavatsky «Geheimlehre», 1. Band, Abt. IX «Die kommende Kraft», aus 
dem Englischen der 3. Auflage Leipzig o. J., S. 604ff. 

"Weitere Erwahnungen von Keely finden sich in folgenden Vortragen Rudolf 
Steiners: Berlin, 30. Marz 1905 (in GA 53); Berlin, 2. Januar 1906 (in GA 93); 
Koln, 12. Februar 1906 (in GA 97); Stuttgart, 8. November 1920 (in GA 197). 

69 Zitate aus Hermann Bahrs «Himmelfahrt»: a.a.O. Seite 221ff. 

75 Richard M. Meyer (1860-1914), «Goethe»; Albert Bielschowsky (1847-1902), 
«Goethe. Sein Leben und seine Werke»; Eduard Engel (1851-1941), «Goethe. 
Der Mann und das Werk». 

76 einige der ersten Vortrage ... Franz Ferdinand: In Berlin: «Menschenschicksale 
und V6lkerschicksale», GA 157. Uber den Erzherzog Franz Ferdinand sprach 
Rudolf Steiner am 31. Oktober 1914 und am 19. Januar 1915. 

77 Zitat aus Hermann Bahrs «Himmelfahrt»: a. a. O. S. 362 

79 Biichelchen, das erschienen ist: Rudolf Steiner «Die Aufgabe der Geisteswissen- 
schaft und deren Bau in Dornach», Berlin o. J. (1916), enthalten in GA 35. 

Helena Petrowna Blavatsky, 1831-1891, griindete zusammen mit Colonel H. S. 
Olcott am 17. November 1875 in New York die Theosophical Society, die ihr 
Zentrum bald darauf nach Indien verlegte. 

Annie Besant, 1847-1933, wurde 1907, nach dem Tode von Olcott, dem ersten 
Prasidenten, Prasidentin der Theosophical Society. 

80 Fraulein Hiibbe-Schleiden: Paula Stryczek (gest. 1945), Adoptivtochter von 
Wilhelm Hiibbe-Schleiden. 

Wilhelm Hiibbe-Schleiden, 1846-1916, war der Begriinder der theosophischen 
Bewegung in Deutschknd. Der Brief Rudolf Steiners vom 16. September 1902 
war abgedruckt in der seit langem vergriffenen Ausgabe «Briefe» II, 1892-1902. 
Die Veroffentlichung des vollstandigen Briefwechsels zwischen Rudolf Steiner 
und Wilhelm Hiibbe-Schleiden innerhalb der Rudolf Steiner Gesamtausgabe ist 
vorgesehen. - Bemerkenswert ist, dafi Rudolf Steiner in diesem Brief an Wilhelm 
Hiibbe-Schleiden bereits zweimal das Wort «Anthroposophie» verwendet. 

Franz Hartmann, 1838-1912, Arzt und Theosoph, Begriinder einer eigenen 
Richtung innerhalb der Theosophic mit Zentrum in Leipzig. 

Kursus iiber <Elementare Theosophie> und <Anthroposophie oder die Verbindung 
von Moral, Religion und Wissenschaft>: Inwieweit diese Kurse in der geplanten 
Form zustandegekommen sind, la£t sich nicht feststellen, da zur damaligen Zeit 
nur ganz weniges mitgeschrieben wurde.. 

81 Vortrag im Giordano-Bruno-Bund <Brunos Monismus und die Anthroposophie>: 
Dieser Vortrag wurde am 8. Oktober 1902 gehalten, jedoch mit dem abgeander- 
ten Titel «Monismus und Theosophie». Siehe GA 51. 

89 Sandro Botticelli, 1444/45-1510, italienischer Maler. 

90 offentlichen Vortrag, den ich druben im Architektenhause im Laufe dieses Win- 
ters gehalten habe: Es handelt sich um den Vortrag vom 15. April 1916, «Leib, 



Seele und Geist in ihrer Entwickelung durch Geburt und Tod und ihre Stellung 
im Weltall» (in GA 65). 

91 daft ich einmal gesagt babe, ... wie der Schadel geformt ist, das hdngt davon ab, 
wie wir in unserer vorhergehenden Inkarnation waxen: Im Berliner Vortrag vom 
15. April 1916 (in GA 65) 

Karl Langer, 1819-1887, Anatom, Professor an der Universitat in Wien. 

93 Hermann Schaaffhausen, 1816-1893, Anthropologe. 

ein sebr fleiftig gearbeitetes, gelehrtes Buch ... die Vorfabren Goethes: Nicht 
nachgewiesen. 

97 «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten», GA 10. 

98 Philosophic des «AU Ob»: Hans Vaihinger (1852-1933) schrieb «Die Philosophic 
des Als ob. System der theoretischen, praktischen und religiosen Fiktionen der 
Menschheit auf Grund eines idealistischen Positivismus», 1911. 

Er hat gesagt: Nicht nachgewiesen. 

102 Margarethe Bohme, 1869-1939, Verfasserin von Trivialromanen. «Apostel Do- 
denscheidt». 

107 nannte ich ... eine symptomatische Geschichtsbetrachtung: Zum Beispiel im 
Vortrag vom 20. Januar 1914 in Berlin, GA 151. - Im Dornacher Vortrag vom 
26. Dezember 1916 sagt Rudolf Steiner: «Die pragmatische Geschichtsschrei- 
bung von heute mufS abgelost werden von einer symptomatischen Geschichtsbe- 
trachtung», GA 173. - Grundsatzliches zur Geschichtsauffassung von Rudolf 
Steiner siehe u. a. die offentlichen Vortrage in Zurich vom 7. November 1917 
und vom 17. Oktober 1918, in GA 73, und die Vortrage iiber «Geschichtliche 
Symptomatologie» vom 18. Oktober bis 3. Novemb. 1918 in Dornach, GA 185. 

113 Alfred Kerr (eigentlich Kempner), 1867-1948, Berliner Theaterkritiker. War mit 
Friderike Kempner (1836-1904) verwandt, die durch ihre unfreiwillig komi- 
schen Gedichte sehr bekannt war. Er wahlte sein Pseudonym, urn sich von die- 
ser Art des Schreibens zu distanzieren. 

113f. Fritz Mauthner, 1849-1923, «Beitrage zu einer Kritik der Sprache» 3 Bde. 1901— 
1902, «W6rterbuch der Philosophies 2 Bde. 1910/11. 

116f muftte ich ... eines Mannes gedenken ... Psycho-Sexualitat: Es handelt sich ver- 
mutlich um Wilhelm Bolsche (1861-1939); das Zitat konnte noch nicht nach- 
gewiesen werden. 

118 ein Biicbelchen ... iiber Psycho-Sexualitat: Ernst Boldt, «Sexualprobleme im 
Lichte der Natur- und Geisteswissenschaft», Leipzig 1911. Uber Boldt siehe 
auch «Beitrage zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe» Nr. 116. 

1 19 Ein trostloses Beispiel: «Krieg lernt man nicht an einem Tage»: Das Zitat konnte 
nicht nachgewiesen werden. 

120 Eudwig Biichner, 1824-1899, Arzt und Schriftsteller. 

David Friedrich Strauft, 1808-1874, protestantischer Theologe. 



120 Carl Vogt, 1817-1895, Namrforscher, Hauptvertreter des Materialismus; wegen 
seiner Originalitat wurde er von seinen Zeitgenossen allgemein «der dicke Vogt» 
genannt. 

122 kleinen Veroffentlichung: Rudolf Steiner, «Drei Gedichte und Vortrag», Berlin 
1916, Neuauflage unter dem Titel «Planetentanz, Zwolf Stimmungen, Vortrag, 
Das Lied von der Initiation, eine Satire», Dornach 1950, (auch in GA 40). 

124 Eine Dame erzdhlte einmal: Diese Dame war Elika del Drago Principessa 
d'Antuni (P-1919), auf deren Einladung Rudolf Steiner 1909 und 1910 im Pa- 
lazzo Del Drago in Rom Vortrage gehalten hat. Welchen Herm sie so charak- 
terisierte, ist nicht bekannt. 

Oskar Simony, 1852-1915, Bedeutender Mathematiker, Professor an der Wiener 
Hochschule fur Bodenkultur. Er arbeitete uber Zahlentheorie und liber die 
Topologie von Knoten. Das erwahnte Biichlein «Uber zwei universelle Verall- 
gemeinerungen der algebraischen Grundoperationen» (aus dem XCL Bande der 
Sitzb. der kaiserl. Akademie der Wissenschaften, 1885), befindet sich in der 
Bibliothek Rudolf Steiner und ist mit der Widmung versehen: «Herrn Rudolf 
Sterner in freundschaftlicher Hochschatzung. Der Verfasser». - Uber Oskar 
Simony siehe auch Friedrich Eckstein, «Alte unnennbare Tage!», Wien 1936, 
und den Aufsatz von Ernst Miiller, «Erinnerungen an Oskar Simony» in «Blat- 
ter fur Anthroposophie», 3. Jahrg. S. 288ff, Basel 1951. 

125 Kronprinz Rudolf, 1858-1889. 

der dann als Johann Orth verschwunden ist: Erzherzog Johann Salvator (1852- 
1891?), verzichtete 1889 auf Rang und Wurden und nahm den Namen Orth an; 
1890 beteiligte er sich an einer Expedition nach Siidamerika und ist seither ver- 
schollen. 

126 Auffuhrung des ersten Mysteriendramas: «Die Pforte der Einweihung» wurde im 
August 1910 in Munchen uraufgefuhrt. 

127 Robert Hamerling, 1830-1889, osterreichischer Dichter. 

128 Herr Lebmann: Naheres nicht bekannt. 

129 Antoine Joseph Wiertz, 1806-1865. Vgl. den Aufsatz von Herman Grimm «Der 
Maler Wiertz», in «Fiinfzehn Essay s», Neue Folge, Giitersloh 1875. 

133 Herman Grimm, 1828-1902, Kunst- und Literaturwissenschaftler; Rudolf 
Eucken, 1846-1926, Philosoph; Reinhold Kohler, 1830-1892, Literarhistoriker; 
Georg Simmel, 1858-1918, Philosoph. 

134 Richard M. Meyer, 1860-1914, Philologe. 

135 «J'acatse, von einem Deutschen»: Lausanne 1915. Der Verfasser ist Dr. jur. 
Richard Grelling. 

136 eine recht gelungene Gegenschrift: «Anti-J'accuse. Eine deutsche Antwort» von 
Kurt Grelling, dem Sohn von Richard Grelling, erschien 1916 in Zurich. 

137 Vorlesung aus dem Koran: Im Vortrag vom 16. Mai 1916, enthalten in «Gegen- 
wartiges und Vergangenes im Menschengeiste», GA 167. 



137 lebte in dem, was Bacon leistete, was Shakespeare leistete, was sogar Jakob 
Bohme leistete: Auch im Dormcher Vortrag vom 15. Januar 1917 (in GA 174) 
spricht Rudolf Steiner dariiber, da£ Bacon, Shakespeare, Jakob Bohme und Ja- 
kobus Baldus aus derselben Quelle inspiriert waren. 

139f Evangelien wider sprech en sich: Einen Uberblick iiber die entsprechende Litera- 
tur gibt das Buch von Albert Schweitzer «Von Reimarus zu Wrede. Eine Ge- 
schichte der Leben-Jesu-Forschung», Tubingen 1906. 

140 in einer siiddeutschen Stadt: In Colmar im Elsafi, das damals zu Deutschland 
gehorte, hielt Rudolf Steiner am 19. und 21. November 1905 zwei offentliche 
Vortrage. 

144 parallelepipedartig: Parallelepided = Parallelflachner, also ein Korper, begrenzt 
aus drei Paaren von parallel liegenden Parallelogrammen, die auch rechtwinklig 
sein konnen. 

153 Shakespeare-Zitat: Aus «Der Kaufmann von Venedig», 5. Akt, 1. Szene. 

155 Persbnlichkeit, welche in Rom war ... ein Reformator: Martin Luther, der 
1510/11 Rom besuchte. 

156 iiber die Beziehung zwiscben Reinkarnation und Selbsterkenntnis in einem 
unserer Zweige gesprochen: In den Vortragen iiber «Wiederverk6rperung und 
Karma», Januar bis Marz 1912 in Berlin und Stuttgart, GA 135. 

158 Ich habe zum Beispiel jemanden gekannt: Es ist nicht bekannt, um wen es sich 
handelt.. 

in meiner Schrift iiber die Atlantis: «Unsere atlantischen Vorfahren», in «Aus 
der Akasha-Chronik», GA 11. 

159 «An den Friichten ...»: Matth. 7,16 

160 Franz Hartmann: Siehe Hinweis zu Seite 80. 
«Wo zwei in meinem Namen ...»: Matth. 18,20. 

163 Arthur Bonus, 1864-?, Theologe und Schriftsteller. Zeitungsartikel nicht nach- 
gewiesen. 

Jakob I. von England, 1566-1625, Sohn Maria Stuarts, regierte 1603-1625. 

Franz Suarez, 1548-1617, gait als der bedeutendste Theologe seiner Zeit. Verfafi- 
te eine «Defensio fidei» gegen die Pohtik von Jakob I. von England. 

164 Ignatius von Loyola, 1491-1556. 

165 Vortrag, in dem die Ubungen der Jesuiten: In Karlsruhe am 5. Oktober 1911, in 
«Von Jesus zu Christus», GA 131. 

166 vor jetzt vierzehn Jahren: Im Oktober 1902 wurde in Berlin die Deutsche 
Sektion der Theosophischen Gesellschaft gegriindet. 

167 Zyklen bereits bei Antiquaren kaufen kann: Zu dieser Zeit wurden die Zyklen 
nur als Privatdrucke fur Mitglieder abgegeben. 



167 Da sind von einem Menschen ... mannigfaltige Broschiiren iiber unsere Geistes- 
wissenschaft geschrieben worden: Vermutlich bezieht sich diese Aufierung auf 
Max Heindel, alias Grasshoff (1865-1919), der urn 1908 Vortrage Rudolf Stei- 
ners gehort hatte, dann nach Amerika ging, dort eine okkulte Gesellschaft be- 
griindete und Biicher verfafke, in denen er ganze Passagen aus Rudolf Steiners 
Zyklen abgeschrieben hatte. Vgl. Rudolf Steiners Vortrage vom 11. Mai 1917 (in 
GA 174b) und vom 28. Marz 1921 (in GA 203). 

170 «Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrbundert», Berlin 1900/ 
1901. Die Ausfuhrungen iiber Le Verrier - Urbain Jean Joseph Le Verrier (181 1- 
1877), franzosischer Astronom - standen am Anfang des ersten Kapitels des 
zweiten Bandes (1901) «Der Kampf um den Geist». Fur die spatere Auflage, die 
1914 mit dem Titel «Die Ratsel der Philosophie» (GA 18) erschien, hat Rudolf 
Steiner dieses Kapitel ganzlich umgearbeitet und diese Ausfuhrungen weggelas- 
sen. Sie lauteten: 

«Es gibt Ereignisse, in denen sich, wie in einem Sinnbild zusammengedrangt, 
alles das ausspricht, was den Charakter des geistigen Lebens einer Zeit aus- 
macht. Ein solches Ereignis ist fur die Mitte des 19. Jahrhunderts die Entdek- 
kung des Planeten Neptun im Jahre 1846. Man wufite nichts von einem solchen 
entfernten Mitgliede der Planetenschar, die um unsere Sonne sich bewegt. Aber 
man kannte die Gesetze, nach denen sich die andern Planeten bewegen. Die 
Himmelsmechanik berechnet aus den Kraften, welche die Weltkdrper aufeinan- 
der ausiiben, diese Gesetze ihrer Bewegungen im Weltraume. Der Uranus, der 
bis dahin als aufierster Planet des Sonnensystems gait, wolle sich diesen Geset- 
zen nicht fugen. Er bewegte sich anders, als diese Gesetze fordern. Man hatte 
nun die Wahl zwischen zwei Annahmen. Entweder sind die Gesetze falsch, oder 
der Uranus hat noch einen bisher unbekannten Nachbarn, der Krafte auf ihn 
ausiibt, die nicht in Rechnung gezogen sind. Dann sind die Gesetze richtig; aber 
man hat bisher nur nicht alle Tatsachen in Betracht gezogen, auf die sich die 
Herrschaft der Gesetze erstreckt. Im Vertrauen auf die Richtigkeit der Gesetze 
entschlofi man sich zu der letzteren Annahme. Le Verrier berechnete, welche 
Bahn im Weltenraume ein Planet einschlagen mufi, der die scheinbare Unbotma- 
fiigkeit des Uranus verursacht. Und Dr. Galle fand diesen Planeten wirklich, als 
er das Fernrohr nach dem Orte richtete, an dem nach Le Verriers Rechnung der 
Stern sein mufke. - War das nicht ein grofser Triumph des Denkens iiber die 
blofie Beobachtung?» 

hat denn neulich jemand geschrieben: Dies bezieht sich vermutlich auf Heinrich 
Goesch; vgl, GA 253. 

171 Neulich konnte man in einem Brief lesen: Nicht nachgewiesen. 



175 Elsa Dannenbergy Lebensdaten nicht bekannt, Mkglied des Berliner Zweiges. 



PERSONENREGISTER 

* = ohne Namensnennung im Text 



Bacon, Francis 137 

Bahr, Hermann 19-30, 46, 68f, 72, 76, 

78, lOlf 
Barres, Maurice 21 
Besant, Annie 79 
Bielschowsky, Albert 75 
Blavatsky, Helena Petrowna 79 
Blumenthal, Oskar 52 
Bohme, Jakob 137 
Bohme, Margarethe 102, 103* 
Boldt, Ernst 184* 
Bonus, Arthur 163 
Botticelli, Sandro 89 
Boulanger, Georges 21 
Biichner, Ludwig 120 

Christlieb, Max 49* 

Dannenberg, Else 175f. 
Deinhardt, Heinrich 48 

Ehrlich, Paul 52 * 
Engel, Eduard 75 
Eucken, Rudolf 133 

Fichte, Johann Gottlieb 48, 79 
Fichte, Immanuel Hermann 48 
Franz Ferdinand, Erzherzog 75 
Freud, Sigmund 117 

Gleichen-Rufiwurm, Alexander von 17 
Goethe, Johann Wolfgang von 25, 49, 
52, 75, 79, 94, 101, 107, 120, 129, 148 
Grelling, Kurt 136 
Grelling, Richard 135 
Grimm, Herman 31, 133f. 
Griin, Anastasius 23 

Hamerling, Robert 127 

Hartmann, Eduard von 63 

Hartmann, Franz 80, 160 

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich 48 

Heindel, Max 167 :: ' 

Hiibbe-Schleiden (Stryczek), Paula 80 



Hubbe-Schleiden, Wilhelm 80 
Huxley, Thomas 3 

Ignatius von Loyola 164 

Jakob I. von England 163-165 
Johann Orth (Erzherzog Johann Salva- 
tor) 125 

Keely, John Worrell 67f. 
Kempner, Friderike 113 
Kerr, Alfred 113 
Kohler, Reinhold 133 
Kraus, Karl 23 

Langer, Karl 91 f. 
Levy, Eugene 26 
Lenau, Nikolaus 23 
Luther, Martin 155* 

Mauthner, Fritz 113f. 
Meyer, Richard M. 75, 134 
Moltke, Helmuth von 55ff. 
Miiller, Johannes (Physiologe) 26 

Oppenheimer, Fr. 136 

Pegoud, Adolphe 51 
Planck, Karl Christian 48 
Preu£, Wilhelm Heinrich 48 

Rudolf, Kronprinz 125 

Schaaffhausen, Hermann 93 
Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph 48 
Schiller, Friedrich von 17, 20, 48 
Shakespeare, William 137, 153 
Simmel, Georg 133 
Simony, Oskar 124f. 
Steiner, Rudolf 
Schriften: 

Theosophie (GA 9) 29 
Wie erlangt man Erkenntnisse der 
hoheren Welten? (GA 10) 97 



Unsere atlantischen Vorfahren 

(inGAll) 158 
Die Geheimwissenschaft im Umrifi 

(GA 13) 64, 171 
Die Pforte der Einweihung (in GA 14) 

126 

Die Ratsel der Philosophic (GA 18) 
170 

Vom Menschenratsel (GA 20) 31, 34, 

47 ff., 55, 99f., 138, 152 
Die Aufgabe der Geisteswissenschaft 

(in GA 35) 49, 79 
Planetentanz (in GA 40) 122 ff. 
Oberuferer Weihnachtsspiele 11 
Vortrdge: 

Theosophie und Tolstoi (in GA 53) 67 
Tolstoi und Carnegie (in GA 57) 67 
Leib, Seele und Geist (in GA 65) 90 



Anthroposophie - Psychosophie - 
Pneumatosophie (GA 115) 39 

Die Geheimnisse der Schwelle 
(GA 147) 39 

Menschenschicksale und Volkerschick- 
sale (GA 157) 75 

Strauft, David Friedrich 120 
Suarez, Franz 163-165 

Tolstoi, Leo 67f. 
Trine, Ralph Waldo 49 
Troxler, Ignaz Paul Vitalis 48 

Vaihinger, Hans 98* 

Vogt, Carl 120 

Wahle, Richard 33*, 34, 46*, 47 

Wiertz, Antoine Joseph 129f. 



UBER DIE VORTRAGSNACHSCHRIFTEN 



Aus Rudolf Steiners Autobiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kap., 1925) 

Es liegen nun aus meinem anthroposophischen Wirken zwei Ergeb- 
nisse vor; erstens meine vor aller Welt veroffentlichten Biicher, zwei- 
tens eine grofie Reihe von Kursen, die zunachst als Privatdruck 
gedacht und verkauflich nur an Mitglieder der Theosophischen (spa- 
ter Anthroposophischen) Gesellschaft sein sollten. Es waren dies 
Nachschriften, die bei den Vortragen mehr oder weniger gut gemacht 
worden sind und die - wegen mangelnder Zeit - nicht von mir 
korrigiert werden konnten. Mir ware es am liebsten gewesen, wenn 
mundlich gesprochenes Wort mundlich gesprochenes Wort geblieben 
ware. Aber die Mitglieder wollten den Privatdruck der Kurse. Und so 
kam er zustande. Hatte ich Zeit gehabt, die Dinge zu korrigieren, so 
hatte vom Anfange an die Einschrankung «Nur fur Mitglieder» nicht 
zu bestehen gebraucht. Jetzt ist sie seit mehr als einem Jahre ja fallen 
gelassen. 

Hier in meinem «Lebensgang» ist notwendig, vor allem zu sagen, 
wie sich die beiden: meine veroffentlichten Biicher und diese Privat- 
drucke in das einfiigen, was ich als Anthroposophie ausarbeitete. 

Wer mein eigenes inneres Ringen und Arbeiten fur das Hinstellen 
der Anthroposophie vor das Bewufitsein der gegenwartigen Zeit 
verfolgen will, der mufi das an Hand der allgemein veroffentlichten 
Schriften tun. In ihnen setzte ich mich auch mit alle dem auseinander, 
was an Erkenntnisstreben in der Zeit vorhanden ist. Da ist gegeben, 
was sich mir in «geistigem Schauen» immer mehr gestaltete, was zum 
Gebaude der Anthroposophie - allerdings in vieler Hinsicht in un- 
vollkommener Art - wurde 

Neben diese Forderung, die «Anthroposophie» aufzubauen und 
dabei nur dem zu dienen, was sich ergab, wenn man Mitteilungen aus 
der Geist-Welt der allgemeinen Bildungswelt von heute zu iibergeben 
hat, trat nun aber die andere, auch dem voll entgegenzukommen, was 
aus der Mitgiiedschaft heraus als Seelenbediirfnis, als Geistessehn- 
sucht sich offenbarte. 

Da war vor allem eine starke Neigung vorhanden, die Evangelien 
und den Schrift-Inhalt der Bibel uberhaupt in dem Lichte dargestellt 
zu hdren, das sich als das anthroposophische ergeben hatte. Man 
wollte in Kursen iiber diese der Menschheit gegebenen Offenbarun- 
gen horen. 



Indem interne Vortragskurse im Sinne dieser Forderung gehalten 
wurden, kam dazu noch ein anderes. Bei diesen Vortragen waren nur 
Mitglieder. Sie waren mit den Anfangs-Mitteilungen aus Anthroposo- 
phie bekannt. Man konnte zu ihnen eben so sprechen, wie zu Vorge- 
schrittenen auf dem Gebiete der Anthroposophie. Die Haltung dieser 
internen Vortrage war eine solche, wie sie eben in Schriften nicht sein 
konnte, die ganz fur die Offentlichkeit bestimmt waren. 

Ich durfte in internen Kreisen in einer Art iiber Dinge sprechen, 
die ich fur die offentliche Darstellung, wenn sie fur sie von Anfang an 
bestimmt gewesen waren, hatte anders gestalten mussen. 

So liegt in der Zweiheit, den offentlichen und den privaten Schrif- 
ten, in der Tat etwas vor, das aus zwei verschiedenen Untergriinden 
stammt. Die ganz offentlichen Schriften sind das Ergebnis dessen, was 
in mir rang und arbeitete; in den Privatdrucken ringt und arbeitet die 
Gesellschaft mit. Ich hore auf die Schwingungen im Seelenleben der 
Mitgliedschaft, und in meinem lebendigen Drinnenleben in dem, was 
ich da hore, entsteht die Haltung der Vortrage. 

Es ist nirgends auch nur in geringstem Mafie etwas gesagt, was 
nicht reinstes Ergebnis der sich aufbauenden Anthroposophie ware. 
Von irgend einer Konzession an Vorurteile oder Vorempfindungen 
der Mitgliedschaft kann nicht die Rede sein. Wer diese Privatdrucke 
liest, kann sie im vollsten Sinne eben als das nehmen, was Anthropo- 
sophie zu sagen hat. Deshalb konnte ja auch ohne Bedenken, als die 
Anklagen nach dieser Richtung zu drangend wurden, von der Ein- 
richtung abgegangen werden, diese Drucke nur im Kreise der Mit- 
gliedschaft zu verbreiten. Es wird eben nur hingenommen werden 
mussen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich 
Fehlerhaftes findet. 

Ein Urteil iiber den Inhalt eines solchen Privatdrucke s wird ja 
allerdings nur demjenigen zugestanden werden konnen, der kennt, 
was als Urteils-Voraussetzung angenommen wird. Und das ist fur die 
allermeisten dieser Drucke mindestens die anthroposophische Er- 
kenntnis des Menschen, des Kosmos, insofern sein Wesen in der 
Anthroposophie dargestellt wird, und dessen, was als «anthroposo- 
phische Geschichte» in den Mitteilungen aus der Geist-Welt sich 
findet.